„Neun Jahrhunderte jüdischen Lebens in Thüringen“

Jüdische Landesgemeinde und Kirchen werben für Themenjahr

Sofer (Schreiber) bei der Zeremonie des Schreibens des ersten Buchstabens einer neuen Tora-Rolle am 23.10.2019 in der Neuen Synagoge in Erfurt. Der erste Buchstabe ist ein B(eth) vom ersten hebräischen Wort der Bibel: bereschit - Im Anfang (schuf Gott Himmel und Erde. [Genesis 1,1]); Bild: Peter Weidemann, in: Pfarrbriefservice.de

Mit einer Sitzung in der Erfurter Staatskanzlei wurde am 6. Juli durch den Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow das Thüringer Themenjahr 2021 „Neun Jahrhunderte Jüdischen Lebens in Thüringen“ ausgerufen. Außerdem hat sich das zugehörige Kuratorium konstituiert. Initiatoren des Themenjahres sind die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und das katholische Bistum Erfurt mit Unterstützung der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen (JLGT).
 
„Die heutige Konstituierung des Kuratoriums sehe ich als Zeichen, dass das Themenjahr sehr ernst genommen wird. Neben der Staatskanzlei sind traditionelle Träger jüdischen Lebens beteiligt und die beiden christlichen Kirchen haben einen sehr großen Anteil an den Vorbereitungen übernommen“, sagt Prof. Reinhard Schramm, Vorsitzender der JLGT. „Durch den Nationalsozialismus war nur noch ein geringes Wissen über das Judentum übriggeblieben. Ich freue mich besonders, dass nun nicht nur die traurigen Zeiten des Judentums beleuchtet werden, sondern mit unseren Beiträgen für Kultur, Wissenschaft und Religion auch die positiven Seiten gezeigt werden“, so Schramm.
 
Dabei gehe es vorrangig nicht um die Geschichte, ergänzt der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr. Die Gegenwart zähle. „Hier und heute begegnen wir unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Hier und heute können wir einander kennen und schätzen lernen. Darum rückt das Themenjahr das jüdisch-religiöse Leben der Gegenwart in den Mittelpunkt. Dazu gehört auch, aufmerksam zu werden für den wieder stärker werdenden Antisemitismus und seine notwendige Bekämpfung.“

Gemeinsame Pressemitteilung: Jüdische Landesgemeinde Thüringen/Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)/Bistum Erfurt
 
„Wir wollen die enge Verbundenheit von Juden und Christen bekräftigen“, sagt Landesbischof Friedrich Kramer zum christlichen Engagement für das Themenjahr. „Außerdem ist es uns wichtig, auf die reichen Schätze der jüdischen Geschichte und Kultur in Thüringen hinzuweisen, die ja immer wieder gefährdet und zerstört wurden. Wir wollen uns gemeinsam gegen heute wieder aufflammende Vorbehalte wenden, die sicher am besten aufbrechen, wenn sich Menschen kennenlernen und wenn wir die Bedeutung der jüdischen Kultur für unsere Gesellschaft aufzeigen“, so der Bischof.
 
Zu den Mitgliedern des Kuratoriums gehören Prof. Reinhard Schramm, Landesbischof Friedrich Kramer (EKM), Bischof Ulrich Neymeyr (Bistum Erfurt), Prof. Walter Rosenthal (Präsident der FSU Jena), Prof. Jasha Nemtsov (Hochschule für Musik Weimar), Dr. Diana Matut (Universität Halle-Wittenberg), Dr. Maria Stürzebecher (UNESCO-Beauftragte der Stadt Erfurt), Matthias Tarwitz (Vorsitzender der DIG), Schauspieler Dominique Horwitz und Prof. Benjamin-Immanuel Hoff (Minister für Kultur-, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Staatskanzlei sowie Beauftragter der Landesregierung für jüdisches Leben in Thüringen und die Bekämpfung des Antisemitismus).
 
Die Mitglieder des Kuratoriums sollen ein wichtiges Zeichen der Verbundenheit mit der Botschaft des Themenjahres setzen und es nach ihren Möglichkeiten bewerben. Wesentliche Ereignisse werden traditionelle Veranstaltungen wie die „Jüdisch-Israelischen Kulturtage“, der „Yiddish Summer“ und das „Achava“-Festival sein. Auch der seit langem geplante Aufnahmeantrag für die Erfurter Alte Synagoge in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste soll einfließen. Etwa 40 Einrichtungen werden zusammen mit den etablierten Festivals mehr als 180 Einzelveranstaltungen und Projekte anbieten. Ein Programmheft als Druckausgabe und als elektronische Version mit einer interaktiven Karte entsteht gerade.
 
Zentraler Beitrag der Kirchen ist das Projekt „Tora ist Leben“. Beide Thüringer Kirchen schenken der jüdischen Gemeinde eine neue Tora-Rolle. Die Tora umfasst die ersten fünf Bücher der hebräischen Bibel und gilt den Juden als ihr wichtigster Teil. Seit Oktober 2019 arbeitet ein jüdischer Schreiber an dieser neuen Tora-Rolle für die Gottesdienste in der Synagoge. Während des Themenjahres wird dieses Schreiben an verschiedenen Thüringer Orten zu erleben sein. Bildungsveranstaltungen gehören ebenfalls zum Projekt „Tora ist Leben“.
 
Laut Thüringer Staatskanzlei (TSK) besteht die Hauptbotschaft des Themenjahres darin, welche enorme Bereicherung die Jüdische Kultur für unsere Gesellschaft bedeutet hat und gerade wieder bedeutet. „Es soll das reichhaltige Erbe jüdischen Lebens sichtbar machen. Und es soll sensibilisieren für den gemeinsamen gesellschaftlichen Mehrwert jüdischen Lebens heute in Thüringen und für die Zukunft“, so Wolfgang Schwartz, Mitarbeiter der Staatskanzlei.
 
Das Themenjahr steht in Verbindung mit dem deutschlandweiten Jubiläum 2021, das von der Kölner Initiative „321 – 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ angestoßen worden ist. Die Vorbereitung der Feierlichkeiten wird Thema der Bund-Länder-Konferenz der Antisemitismusbeauftragten sein. „Aufgrund der eigenen Initiative wird Thüringen hier bereits Beachtliches vorzuweisen haben“, betont Schwartz.