Mit dem Himmel beschenkt - in der Feier des Kirchenjahres

Impuls von Dr. Annegret Beck, Leiterin des Marcel-Callo-Hauses in Heiligenstadt, beim Pastoraltag des Bistums Erfurt 2010

 

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Was haben der Himmel Gottes und das Kirchenjahr miteinander zu tun? Zunächst einmal scheint diese Frage so simpel zu sein, dass man sie sich kaum zu stellen wagt: Ohne den Himmel kein Kirchenjahr.

Aber wenn ich in den vergangenen Monaten mit unserem Bistumsthema "Mit dem Himmel beschenkt" in verschiedenen Gruppen und Veranstaltungen unterwegs war, dann konnte ich etwas Interessantes festzustellen: Meist fiel es nicht schwer, Vieles zu benennen, mit dem wir als Menschen beschenkt sind: Gesundheit, eine glückliche Familie, wunderbare Kinder, eine feste Arbeitsstelle, die Natur. Der Himmel wurde zum Synonym für erfahrenes Gutes, für unverdient Schönes. (Die Vorstellungen von Kindern vom Himmel, die sie im Rahmen eines Wettbewerbs zum Thema "Das ist für mich der Himmel" zusammengetragen haben, finden sich in dieser kleinen Ausstellung hier in der Brunnenkirche.)

Wenn ich dann aber nach dem Himmel Gottes fragte, wurde es manchmal still. Doch unser Thema lädt uns eben ein, nicht beim Vielerlei des Guten stehen zu bleiben. Wir sind nicht (nur) mit allem möglichen Liebenswertem beschenkt: wir sind mit dem Himmel Gottes beschenkt! Das ist der Himmel, den Jesus Christus uns verheißen hat, von dem er in der Schriftstelle aus dem Matthäusevangelium spricht, die meinem Thema zugesellt wurde und die ich ihnen gern vorlesen möchte. Es ist der Schluss und Höhepunkt des Matthäusevangeliums, die Szene, die bei Matthäus für die Himmelfahrt Christi steht. Da heißt es:

Mt 28,16-20: Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen:  Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.


Eine großartige Zusage und eine anspruchsvolle Aufgabe: Der, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist, beauftragt seine Jünger bis heute, die Menschen für alle Zeiten in das Heilsgeschehen Gottes hinein zu stellen. Damit verbunden ist die geschenkte Gewissheit seiner bleibenden und deshalb auch hier und heute aktuellen Gegenwart bis ans Ende der Zeiten.

Wir selbst können möglicherweise die Menschen sehr genau beim Namen nennen, die uns nicht nur zur Taufe gebracht, sondern auch gelehrt haben, was Jesus geboten hat, wie der Text es sagt. Aber Lehren und Lernen, das wissen nicht nur die Pädagogen unter uns, ist gewissermaßen ein Unterschied. Damit wir etwas lebendig bewahren können, bedarf es der Wiederholung, die sich in unserem Lebensalltag bewährt.


Wenn heute über die Weitergabe des Glaubens nachgedacht wird, dann kommt schnell das Kirchenjahr ins Gespräch. Gilt das auch für den Glauben an den Himmel und die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten? Oder gilt für uns, was der Liedermacher Manfred Siebald etwas drastisch beschreibt:

Vom Himmel singen unsre Lieder,
doch nie vom irdischen Verzicht.
Wir beten laut, Herr, komm doch wieder,
und denken leis: nur jetzt noch nicht.


Die Folge dieser Haltung könnte sich dann über kurz oder lang in dem Bonmot des Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner in Anlehnung an den französischen Historiker Philippe Ariès ausdrücken: Früher lebten die Leute fünfzig Jahre und dann ewig, heute werden sie nur noch neunzig.

Wie also können wir unser Kirchenjahr so feiern, dass es in uns sowohl die Gewissheit der bleibenden Gegenwart Christi bis zum Ende der Zeiten bestärkt als auch, dass uns die Sehnsucht nach dem Himmel nicht einfach im Hier und Jetzt und im Vielerlei des Schönen abhanden kommt?

Wer etwas mit Grundschulkindern zu tun hat, sei es in der Familie, beruflich oder ehrenamtlich, kennt möglicherweise aus dem Religionshefter der dritten oder vierten Klasse eine Graphik. Da sind wie an einer Perlenkette in einem Oval die Feste des Kirchenjahres aneinander gereiht - zu jedem ein Bild, ein Name, eine Farbe, die eingetragen wird.

Fragt man die Kinder, welche Feste sich denn mit dem Himmel beschäftigen, dann kommen sie möglicherweise schnell auf unsere derzeitige Jahreszeit: der Herbst mit Erntedank, Allerheiligen, Allerseelen, dem evangelischen Ewigkeitssonntag, dem Volkstrauertag, Christkönig, das alles verweist darauf, dass unser irdisches Leben endlich ist, ein Ziel hat, mit dankbarer Rückschau zu tun hat, mit einer Gemeinschaft, die uns vorangegangen ist und die wir glaubend in Gottes Ewigkeit wissen oder für die wir sie erbitten.

Da berühren sich Himmel und Erde ganz konkret. Und der nicht immer so sonnige Herbst mit seiner frühen Dunkelheit, an die wir uns erst neu gewöhnen müssen, tut das Seine dazu: über den Himmel denken wir möglicherweise deshalb nicht so gern nach, weil davor der Tod steht, unser eigener oder der lieber Mitmenschen. Und weil die Wiederkunft Christi als König am Ende der Zeiten unsere konkreten Lebensvollzüge auch in Frage stellt. Dem Advent, der am Beginn des Kirchenjahres manches dieser Themen noch ausweitet, begegnen wir lieber mit Vorfreude auf Weihnachten als im Gedenken der zweiten Ankunft Christi, die sich in den adventlichen Texten des Alten Testaments widerspiegelt. Und da gibt es zum Glück ja auch noch die restlichen zehn Monate.

Noch einmal die Kinder befragend, werden sie womöglich erst ein wenig nachdenken müssen, um den Himmel mit den anderen Festen und Gedenktagen des Kirchenjahres in Verbindung zu bringen. Ein wenig kann ihnen und uns dabei das Gebet helfen, das in der Mitte der Perlenkette einzutragen ist. Es bildet auch die Mitte jeder unserer Eucharistiefeiern im Kirchenjahr als Antwort auf die Wandlung. Da beten wir gemeinsam: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

Dieses Gebet ist als Antwort des Gottesvolkes in dieser Form erst nach der Liturgiereform wieder in unsere Gottesdienste gelangt. Mit der Einführung des lichtreichen Rosenkranzes mit seinen Geheimnissen des menschlichen Lebens Jesu durch Johannes Paul II. würden wir vielleicht sogar ergänzen: Dein Leben, Jesus, bestaunen wir, deinen Tod verkünden wir, deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

Die Abbildung in den Religionsheftern möchte uns einladen, diese ganze Wirklichkeit in jedem unserer Feste durchzubuchstabieren: Welche Zeit wir im Verlauf des Kirchenjahres auch immer begehen, sie bezieht sich auf dieses Geheimnis unseres Glaubens, auf das, was Jesus seine Jünger gelehrt und weiterzugeben beauftragt hat. Ohne den Himmel der Auferstehung Christi und ohne die Ausschau auf seine Wiederkunft greift unser Glaube zu kurz. Daran dürfen wir uns das ganze Kirchenjahr lang erinnern lassen.

Vielleicht, weil der Mensch das Ganze nicht auf einmal fassen kann, deshalb betrachten wir in den einzelnen Festen des Kirchenjahres jeweils einen Aspekt dieses ganzen Glaubens. Aber Krippe und Kreuz existieren nicht nacheinander, sondern in einem. Und auch unser Glaube an die Auferstehung, an die bleibende Gegenwart Christi bis zum Ende der Zeiten und seine Wiederkunft gewinnt in jedem Festinhalt eine je neue Farbe. Unser Brauchtum unterstützt uns dabei, verstellt aber manchmal auch die Größe des Festgeheimnisses.

So gewinnt Weihnachten nicht nur aus den Geschenken, die auf das größte Geschenk Gottes an die Welt, seinen Sohn Jesus Christus, verweisen, seine Tiefe, sondern aus der beständigen Verbindung, die Gott in Jesus Christus in einer ganz neuen Qualität zwischen Himmel und Erde schafft. Die Weihnachtsbotschaft findet sich sowohl in den anrührenden Geschichten bei Lukas als auch im vielleicht auf den ersten Blick sperrigen Johannesprolog.

So ist unser Bistumsthema "Mit dem Himmel beschenkt" in Verbindung mit dem Kirchenjahr eine einzige große Einladung an uns, in unseren Festen und Gedenktagen und ihrem Mitvollzug der Verheißung Jesu Christi zu trauen: Er bleibt bei uns, alle Tage, bis zum Ende der Welt und darüber hinaus und er hat uns im Himmel einen Platz bereitet. Ob das in der Art unseres Feierns auch für unsere nichtchristlichen Nachbarn zum Ausdruck kommt?

Damit dies in jeder Lebenssituation greift, wiederholt sich der Jahreskreis. So findet er uns mit seinen bleibenden Wahrheiten je neu vor und lädt uns ein, dem Herrn der Geschichte zu trauen. Wenn wir also mit dieser Wirklichkeit unseres Glaubens, der den Himmel untrennbar einschließt, nicht nur unser eigenes Leben tränken wollen, sondern auch das derer, die uns anvertraut sind, dann sollten wir das vor uns liegende Jahr nutzen, um in jedem Fest aufzuschließen, was der Himmelsglaube für unser Leben bedeutet. Wer weiß, wie reich uns das beschenken kann. Uns und alle in unserem Land.


© Bistum Erfurt / Annegret Beck