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Habakuk 1,2-3; 2,2-3:
Wie lange, Herr, soll ich noch rufen und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht. Warum lässt du mich die Macht des Bösen erleben und siehst der Unterdrückung zu? Wohin ich blicke, sehe ich Gewalt und Misshandlung, erhebt sich Zwietracht und Streit.
Der Herr gab mir Antwort und sagte: Schreib nieder, was du siehst, schreib es deutlich auf die Tafeln, damit man es mühelos lesen kann. Denn erst zu der bestimmten Zeit trifft ein, was du siehst; aber es drängt zum Ende und ist keine Täuschung; wenn es sich verzögert, so warte darauf; denn es kommt, es kommt und bleibt nicht aus.
Es gibt Geschenke, da fällt es einem schwer, sie anzunehmen. Das kann seine Ursache darin haben, dass einem der, welcher das Geschenk übergibt, nicht sympathisch ist. Dann habe ich zum Beispiel Angst, dass dieser mich mit dem Geschenk beeinflussen will, irgendwie bestechen und manipulieren. Es ist aber auch möglich, dass mir das Geschenk selbst einfach nicht gefällt. Vielleicht ist es zu groß für mich, so dass ich es nicht annehmen kann, oder auch einfach nicht schön genug. Schließlich kann die Schwierigkeit, ein Geschenk anzunehmen, darin liegen, dass ich selbst aus irgend einem Grunde nicht richtig bereit bin dafür. Dieser Grund liegt dann in mir selbst. Es ist mir einfach nicht möglich, zu dem Geschenk ja zu sagen, es aufzunehmen und für mich gelten zu lassen.
Wenn es mir schwer fällt, das Geschenk des Himmels anzunehmen, dann kann das an dieser zuletzt beschriebenen Situation liegen. Und die Erfahrung von Leid, von Schmerzen und Hilflosigkeit im Leben können mich so blockieren, dass ich das Geschenk des Himmels nicht akzeptieren, ja überhaupt nicht wahrnehmen kann. Deshalb steht das Fragezeichen hinter der Ü;berschrift zu diesen Gedanken. Ist es tatsächlich so, dass wir auch im Leid die Erfahrung machen können, dass wir mit den Himmel beschenkt sind? Ist es nicht im Gegenteil so: Jeder, der sich um den Glauben, den Glauben an das Geschenk des Himmels, bemüht, hat sich irgendwann einmal die Frage gestellt, ob der Glaube tatsächlich im Leben auch hilft.
Sicherlich, als Christen sind wir gewohnt, davon auszugehen: der Glaube ist gerade dafür da, in der Last des Alltags ein wenig Kraft zu schenken. In den harten Auseinandersetzungen des beruflichen, ja auch des familiären Lebens, in der Begegnung mit Krankheit und Sterben, aber auch in den ganz kleinen Mühseligkeiten des Lebens - etwa wenn die Arbeit im Haushalt kein Ende nimmt. Sozusagen ein Ort, von dem ich mir immer wieder positive Gefühle herholen kann, ein wenig Sinn, ein wenig Trost. Doch spricht das Leben häufig eine andere Sprache.
Ein Text aus dem Buch Habakuk, redet von dieser Erfahrung: Wie lange, Herr, soll ich noch rufen und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht. Diese Worte sind in einem Zusammenhang geschrieben, in dem der Autor die schreckliche Herrschaft eines fremden Volkes in seiner Heimat erleben musste, all die damit verbundene politische Unterdrückung, die Ausnutzung der körperlichen und seelischen Kraft seines Volkes. Aber diese Erfahrung lässt sich durchaus auch auf unseren ganz persönlichen Lebenszusammenhang übertragen: Es geht ja nicht nur um die augenblicklichen Schwierigkeiten. Sondern dass die Schmerzen etwa, oder die Arbeitslast, oder die Unfreundlichkeit von Mitmenschen, die Streitsucht von Nachbarn und die verächtliche Behandlung durch Kollegen kein Ende nehmen will.
Und hier den Glauben tatsächlich als Hilfe zu erleben, das ist gar nicht so einfach. Ja, es kann so weit kommen, dass der Glaube selbst zur Last wird: Er spielt so einer heile Welt vor. Irgendwie fühle ich mich verpflichtet, mich trotz meiner Belastungen wohl zu fühlen, ganz so wie das Evangelium zu sagen scheint, wenn es da heißt: Wir sind halt unnütze Knechte und Mägde, wir tun nur unsere Schuldigkeit. Welchen Anspruch haben wir denn noch mehr an das Leben. Wir sollen uns nicht so aufspielen. Sondern mit dem zufrieden sein, was das Leben bietet.
Auch die Rede von dem Glauben, der Berge versetzen kann, wenn er nur so groß ist wie ein Senfkorn, scheint eher Druck zu machen als dass er hilft: Wie eine moralische Forderung - nun glaubt doch endlich! Und glaubt so konsequent und fest, dass euer Leben dadurch leichter wird.
Es ist aber nicht richtig, die Bibel in einem solchen naiven Sinn zu lesen. Sondern man muss sich immer den Hintergrund der Texte bewusst machen, in dem sie geschrieben sind und wie sie gemeint sind. So ist für das rechte Verständnis des Evangeliums wichtig zu wissen: Die Rede von den unnützen Knechten gilt gerade nicht den einfachen Menschen, uns einfachen Menschen im Lebenskampf, sondern es geht um hochmütige Gemeindevorsteher, um Fachtheologen, welche glaubten, durch ihre soziale Position auch vor Gott besondere Rechte zu haben. Genau ihnen wird gesagt: Spielt euch doch nicht auf! Ihr seid auch nur einfach Menschen. Und was tut ihr denn Besonderes? Theologie zu studieren, theologische Bücher zu schreiben usw., das ist nicht mehr als den Stall auszumisten oder auf dem Feld zu arbeiten, als das Heu zu mähen und die Ernte einzubringen.
In einer ähnlichen Weise ist die Rede vom Glauben als Senfkorn gemeint. Das Senfkorn ist ja sehr klein. Der Maulbeerbaum ist ein Baum, der sehr tiefe Wurzeln hat und recht stämmig ist. Das Wort Jesu ist keine moralische Forderung, sondern soll Mut machen: Ein Glaube, der auch noch so klein ist, so unscheinbar wie ein Senfkorn, der genügt schon. Wir brauchen uns im Glauben ganz sicher nicht anzustrengen. Das Leben ist schon stressig genug. Gott kann auch aus unserem kleinen Glauben etwas so Mächtiges und Starkes machen, dass er - wie es an einer anderen Stelle der Evangelien heißt - Berge versetzen kann.
Aber was helfen solche Zusagen Gottes, wenn sie im Leben oft so wenig erfahrbar sind? Wenn wir ehrlich sind, dann ist uns die Glaubenserfahrung häufig nur als Sehnsucht zugänglich. Wir sehnen uns danach, aus dem Glauben Kraft zu bekommen. Und doch ist diese Sehnsucht etwas sehr Kostbares. Sie genügt, um dem Leben einen kleinen Halt zu geben - einen Halt, der nicht alle Probleme löst, der aber den weiteren Weg möglich macht. Gott will uns Mut machen. Wir brauchen diesen Mut, denn das Leben ist weiß Gott nicht immer leicht und hoffnungsvoll.
Im Buch Habakuk versucht der Prophet deswegen um Geduld zu werben. Geduldig sein meint, den wirklichen Erfolg der eigenen Suche nach Glaube und Hoffnung in den Belastungen des Lebens nicht unmittelbar sehen zu können. D.h. nicht, dass man gar nichts sieht. In dem Text heißt es so: Denn erst zu der bestimmten Zeit trifft ein, was du siehst; aber es ist keine Täuschung! Wenn es sich verzögert so warte darauf; denn es kommt, es kommt und bleibt nicht aus.
Sicherlich, jede Kraft hat auch ihre Grenzen. Und auch die Hoffnung, dass Hilfe in den Konflikten des Lebens kommt, kann erdrückt werden. Doch die Lesung ist eine Bitte an uns: nüchtern und vernünftig zu sein, wenn Grenzen der Kraft erreicht sind. Hilfen in Anspruch zu nehmen, die ganz menschlich sind, damit es weitergehen kann im Leben: Urlaub, Beratung durch den Arzt, durch den Seelsorger, durch Therapeuten. Zusammen mit all diesen Hilfen kommt es letztlich darauf an, den Mut zu bewahren.
Dann kann man Ausschau halten nach der Bewältigung des Lebens und darauf vertrauen, nicht vergessen zu sein. Um dieses Vertrauen zu beten, das ist immer wieder neu ein wichtiger Ausdruck unserer Sehnsucht nach Glauben. Und zusammen mit den Hilfen, die es rein menschlich schon gibt und die ich gerade genannt habe, zusammen mit ihnen wird das Leben ein wenig leichter. Ja, der Glaube hilft auf diese Weise. Und wenn ich das erfahren darf, dann kann ich auch das Geschenk des Himmels wahrnehmen, ein wenig in meinem Leben einlassen und annehmen.
© Bistum Erfurt / Josef Römelt