Mehr als nur Klangkörper

Vortrag von Bischof Wanke über die Bedeutung der Glocken in unserer Zeit


Diese Glocke weckt nur,
andere aber rufen "Wachet auf..."
Vortrag von Bischof Wanke über die Bedeutung der Glocken in unserer Zeit

Kurzvortrag am 18. Juni 2008 in der evangelischen Reglerkirche in Erfurt zur

Aktion "Farbe bekennen - Die Malschule im CJD Erfurt malt zur Rettung der Glocken"


Gern bin ich als Bischof von Erfurt der Einladung des Christlichen Jugenddorfwerkes (CJD) und ihres Leiters, Herrn Pfarrer Günter Steffenhagen gefolgt, mich an der Aktion der Malschule des CJD zu beteiligen, die den erneuerungsbedürftigen Glocken der Reglerkirche gilt. Mein Gruß gilt zunächst Ihnen allen, die an dieser Aktion Interesse zeigen, den jungen Künstlern, die diese Ausstellung initiiert haben, und vor allem auch der Reglergemeinde und Ihrem Pfarrer Johannes Haak.


Mancher mag sich fragen: Warum bin gerade ich als katholischer Bischof zu einem Einsatz für die Rettung evangelischer Glocken eingeladen? Ich erkläre es mir so:


Schon längst sind der Erhalt und die Pflege der Glocken unserer Kirchen ein ökumenisches Anliegen geworden. Als seinerzeit in einer spektakulären Aktion die Gloriosa-Glocke des Erfurter Domes vom Turm zu einer Reparatur abgenommen werden musste und später dann nach glücklicher Sanierung wieder in den Domturm zurückgehoben wurde - da nahmen daran die ganze Stadt und viele Menschen darüber hinaus lebhaften Anteil. Und darunter waren nicht nur Christen aus den katholischen und evangelischen Gemeinden der Stadt, sondern wohl auch viele, die nicht getauft waren. Die Bilder des MDR-Fernsehens dokumentierten diese innere und äußere Anteilnahme, die wir alle noch in Erinnerung haben. Mich bewegt noch das eine zufällige Bild, das einfing, wie ein gestandener Mann beim Wiedereinschwenken der reparierten Glocke in den Turm verstohlen sich einige Tränen aus dem Auge wischen musste. "Unsere" Glocke - das war die Botschaft dieses Bildes - ist wieder "daheim". Und alle Erfurter sagten: Und das ist gut so!


Dieses Empfinden ist uns katholischen und evangelischen Christen gemeinsam: Glocken sind mehr als nur interessante Klangkörper aus Bronze. Glocken sind Hinweise auf eine größere Wirklichkeit, die im geschäftigen Alltag unseres Lebens oft vergessen und verdrängt wird.


So ist es gut, in einer kurzen Besinnung uns neu auf die Botschaft der Glocken einzulassen , auch auf die Glocken hier in unserer Stadt Erfurt und speziell hier in der Reglerkirche, in der belebten Bahnhofstrasse, die täglich so viele Menschen durcheilen.


Glocken sind an sich eine unproduktive Sache. Sie bringen keinen unmittelbaren Nutzen. Zeit und Stunde tragen wir am Armband mit uns herum und Neuigkeiten werden uns durch Radio und Fernsehen vermittelt. Dazu braucht es keine Glocken mehr.


Dennoch möchten wir auf die Stimmen unserer Glocken nicht verzichten. Warum wohl? Die Glocken unserer Kirchen erinnern uns daran, dass jede Zeit, auch die unsere, von Gottes heiliger Gegenwart erfüllt ist. Sie rufen uns eine Botschaft zu, die uns mitten ins Herz treffen will: "Du bist mit dir und deinen Sorgen, mit deinen Problemen und Nöten, aber auch mit deiner Schuld nicht allein. Denk daran, dass Gott aus deinem Leben etwas machen will, was alle deine Erwartungen übersteigt. Er will dir neues, unvergängliches Leben schenken. Vergiss nicht den Ruf Gottes, der wichtiger ist als alles, was dein Herz ansonsten bewegen mag!"


Ich möchte einmal ein anderes Bild heranziehen, um diese - die alltägliche Wirklichkeit sprengende - gleichsam diesen Alltag aufreißende Wirkung der Glocken und ihres Läutens zu verdeutlichen. In manchen barocken Schlössern, wie beispielsweise in Potsdam, im Schloss Sanssouci gibt es sogenannte Spiegelkabinette. Das ist eine barocke Spielerei, aus Fürstenlaune erstanden, aber von einer erstaunlichen, eindringlichen Wirkung auf den Besucher. Alle Wände, auch die Türen und Fenster sind mit Spiegeln ausgestattet. Kein Blick kann nach außen gehen. Der Betrachter sieht überall, wohin er auch blickt - nur sich selbst.


Das ist für mich ein sprechendes Bild für die geistige, kulturelle Situation unserer Zeit. Wir leben und bewegen uns wie in einem Spiegelkabinett. Ü;berall sehen wir nur uns selbst, unsere selbst gemachten Probleme und Nöte, unsere Sehnsüchte und Projektionen, unsere Wünsche und Zukunftsängste. Manche Philosophen sprechen von einem gigantischen Verblendungszusammenhang, der uns gefangen hält. Wir sind nicht in der Lage, aus dem Horizont des selbstfabrizierten Denkens und Fühlens auszubrechen, um möglicherweise das ganz Andere, das wirklich Neue wahrzunehmen, das jenseits unseres derzeitigen kulturellen Alltagshorizontes liegt.


Ist nicht die Botschaft des Evangeliums so etwas wie ein Aufreißen von Fenstern und Türen im Spiegelkabinett dieser Welt? Ist nicht das Geläut der Glocken so etwas wie ein Hinweis auf den größeren Horizont der Wirklichkeit, den unser Denken durch falsche Gewöhnung und Oberflächlichkeit des Denkens nicht wahrnimmt?


Es ist etwas Eigentümliches um den Ruf der Glocken mitten in unserem hochtechnisierten Zeitalter. Glocken, speziell die Glocken auf den Türmen unserer Kirchen bringen uns zu Bewusstsein, dass die letzten Fragen nach dem Sinn oder Unsinn unseres Lebens von uns mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Entschiedenheit beantwortet werden müssen wie von unseren Vorfahren. Glocken erinnern uns daran, dass auch heute ein Leben erst sinnvoll wird, wenn es ein bleibendes, unvergängliches Ziel hat, eben: wenn es Antwort ist auf Gottes Einladung zu bleibender Gemeinschaft mit ihm.


Zugegeben, unser Alltag macht es uns manchmal schwer, den verborgenen Glanz unserer Berufung durch Gott zu erkennen. Aber auch andere Werte, die unser Leben schön und menschlich machen, wie etwa Liebe, Treue, Freundschaft oder solidarischer Einsatz für andere stehen in der Gefahr, in der Alltäglichkeit abzustumpfen und zu verblassen. Gewohnheit, Nachlässigkeit und Bequemlichkeit können sich wie eine Staubschicht über den ursprünglichen Goldgrund eines Bildes legen und ihn verdunkeln. Dennoch ist dieser Goldgrund da - und ein energisches Abwischen bringt den alten Glanz plötzlich wieder zum Vorschein. Ob wir nicht dankbar sein dürfen für den Dienst der Glocken, die uns an das erinnern, was länger schon in unserem Leben dank Gottes Erbarmen Wirklichkeit ist?


Nochmals: Gerade an der angeblichen Nutzlosigkeit des Glockengeläuts lässt sich die Bedeutung der Glocken gut festmachen. Heinrich Lützeler, einer der bedeutenden Kunsthistoriker des letzten Jahrhunderts, hat uns Menschen des 21. Jahrhunderts ins Stammbuch geschrieben: Eine Kultur, die aufhört "nutzlos Schönes" zu tun, hat sich bereits selbst aufgegeben. Papst Benedikt hat als Kardinal diesen Gedanken in einer Festpredigt aufgegriffen. Ich zitiere einmal aus dieser Predigt: "Der Rückzug ins ausschließlich Brauchbare und ausschließlich Nützliche in Kunst und Kult hat fast ausschließlich Unbrauchbares und Nutzloses hervorgebracht. Die ohne Zweifel notwendige Einfachheit ist niemals durch Vereinfachung und schon gar nicht durch Verarmung herzustellen."


Sicherlich bedingen das Läuten der Glocken, das Spiel der Orgel oder die künstlerische Ausgestaltung unserer Kirchen nicht schon aus sich heraus Sinn und religiöses Leben. Wir wollen mit diesen Dingen nicht die dunklen Flecken unseres eigenen kirchlichen Alltags überdecken. Wir müssen selbstkritisch bekennen, dass wir die Einladung der Glocken zum Gottesdienst wohl hören, aber oft auch überhören. Nein, die Tatsache, dass wir Glocken durchaus schätzen, sollen nicht die religiöse Sprachlosigkeit unserer Zeit und besonders der gegenwärtigen, müde gewordenen Christenheit übertönen.


Wohl aber könnten Glocken mithelfen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Lebenssinn, Lebensinhalte und Religiosität Form und Gestalt annehmen kann. Die Glocken können dabei helfen, die eigene Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit und die Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit der Welt mit ihrem Sehnen nach dem ganz Großen und ihrem tatsächlichen Verhalten zu überwinden. Sie sind der tägliche, besonders der sonntägliche Ruf, der an uns müde und matt gewordene Christenmenschen ergeht: "Steh auf! Bleib nicht in deiner eigenen Traurigkeit und Trägheit gefangen. Nimm das Ziel ins Auge, das nicht nur darin besteht, die Mühsal des Alltags zu bestehen, sondern das Fest, zu dem du eingeladen bist!"


Vielleicht könnte die Glocke heute für uns zu einer Art Gewissen werden, das uns schlägt; zu einem Gewissen, das uns an die Grenzen unserer Macht über die Zeit erinnert; zu einem Gewissen, das sich einmischt in unseren Alltag zu Zeiten, in denen wir uns gerade angeblich Wichtigeres vorgenommen haben. Vielleicht ist die Glocke gerade deshalb "das Zeichen" der Kirche, das manchmal ja auch zu offenem innerem und äußerem Widerspruch herausfordert, besonders, wenn die Glocken am Sonntag morgens gar zu zeitig läuten!


Alexander Solschenizyn hat uns eine sehr schöne Deutung der Glocke in seiner Erzählung: "Am Oka-Fluss entlang" gegeben. Er schreibt: "Schon immer waren die Menschen selbstsüchtig und oft wenig gut. Aber das Abendläuten erklang. Es schwebte über den Dächern, über den Feldern, über dem Wald. Es mahnte, die unbedeutenden, irdischen Dinge abzulegen, Zeit und Gedanken der Ewigkeit zu widmen. Dieses Läuten bewahrte die Menschen davor, zu vierbeinigen Kreaturen zu werden."


Einer der tiefgründigsten Gedanken zum Glockenläuten ist uns vom englischen Lyriker John Donne aus dem Jahre 1624 überliefert, den Ernest Hemingway seinem Roman "Wem die Stunde schlägt" vorangestellt hat: "Kein Mensch ist eine Insel im Innern seines Ichs; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen; wenn ein Brocken Erde von der See hinweggeschwemmt wird, wird Europa um so viel kleiner ...: jedes Menschen Tod vermindert mich, weil ich zur Menschheit gehöre. Darum frage nie, wenn es läutet, wem die Stunde schlägt: Sie schlägt immer für dich."


Wenn ich John Donne und Ernest Hemingway richtig verstehe, genügt es eben nicht, wenn wir Christen uns immer detaillierter über den Unfrieden, den Unglauben in der Welt informieren und uns entrüsten über den Verfall von Werten. Solange wir uns nicht betroffen fühlen, solange wir uns nicht als "einen Teil des Ganzen" einbringen, solange wir nicht Werte glaubhaft leben, solange werden wir nichts Wesentliches ändern. Solange mahnen und rufen auch Glocken vergebens. Frieden schaffen nicht irgendwelche Institutionen für mich. Kirche ist nicht irgendwer, Kirche sind wir, jeder Einzelne von uns. Die Botschaft Jesu ereignet sich niemals ohne uns - weil wir zur Menschheit, zur Christenheit gehören. Und deshalb läuten die Glocken immer für dich und für mich.


So werden aus den tönenden Schellen nur wohlklingende Glocken, wenn wir auf ihre Botschaft hören, wenn wir uns auf sie einlassen, wenn wir durch ihr Friedensgeläute zu unserem ganz persönlichen Frieden finden und von diesem Frieden niemanden ausschließen, gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe und welcher Religion er auch sein mag. Denn Glocken für sich alleine sind tönende Schellen, seien sie künstlerisch noch so schön vom Glockengießer gestaltet und mit einem wunderbaren Klang ausgestattet. Ohne die Botschaft, die ihnen das frühe Christentum mit auf den Weg gegeben hat, hätten sie die Zeiten nicht überdauert. Der Wandel von der "tönenden Schelle" zur wohlklingenden Glocke vollzieht sich in einer lebendigen Gemeinde, in der Gemeinde der Glaubenden, in der Kirche. Aber diese Botschaft der Glocken gilt eben allen Menschen, unabhängig von ihrem weltanschaulichen oder religiösem Denken. Diese Botschaft will jeden Einzelnen von uns erreichen.


Seit Jahrhunderten erschallen die Glocken von den Kirchtürmen unserer Stadt, angefangen von der Bischofskirche St. Marien auf dem Domberg und der Severi-Kirche, der Reglerkirche und der Andreaskirche bis hin zu jeder einzelnen Pfarrkirche auch in den Dörfern um Erfurt herum. Sie wollen einladen zu Besinnung und Gottesdienst. Sie läuten auch, um wichtige Stationen im Leben der Gemeindeglieder anzuzeigen: Taufe und Geburt, Konfirmation und Firmung, Hochzeit und Begräbnis. Und sie läuten, um uns bei frohen und schlimmen Ereignissen zu begleiten. Ich denke nur an das eindringliche Geläut der Gloriosa am Ende des Gedenkgottesdienstes auf dem Domplatz aus Anlass des Gutenberg-Geschehens, bei der an die Hunderttausend Menschen ganz still wurden und jeder für sich nachdachte über die dünne Eisdecke, die uns von den Toten und Ermordeten trennt.


Unsere Stadt wäre ärmer, wenn es das Läuten der Glocken nicht gäbe. Aber wir alle wären eben auch ärmer, ja erschreckend arm, wenn wir die Botschaft der Glocken nicht mehr ins Herz dringen lassen: "Du bist eingeladen zum Festmahl des ewigen Lebens. Du bist nicht mit dir allein. Darum vertreib die Angst aus deinem Herzen und vertrau der Botschaft, die vom Kreuz unseres Herrn ausgeht."


Ich möchte an den Schluss meiner kurzen Besinnung einige mich bewegende Zeilen aus einem Brief der Geschwister Scholl stellen. Sie waren eine Zeit lang im KZ Ulm inhaftiert. In dieser Haftzeit, ihr Schicksal vor Augen, schrieben sie dem Vater:


"Lieber Vater! In der Zelle wird man hellhörig. Die Ohren nehmen dort mehr wahr als die Augen. Den Turm des Ulmer Münsters konnten wir nicht sehen, aber umso eindrucksvoller seine Glocken hören. Was sie uns zutrugen, kann nur ihr Klang wiedergeben, es ist nicht in Worte zu übersetzen. Die Münsterglocken waren das Jenseits der Zelle, verbindend, nicht trennend, tröstend, nicht verletzend. Sie bewegten die Luft, und die Wellen hoben uns über die Gitter weg, hinaus in die Welt."

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