Bischof Joachim Wanke
vor dem Erfurter Dom
Brief des Bischofs an die kranken und älteren Gemeindemitglieder
Liebe Schwestern und Brüder!
Haben Sie schon gehört, dass vor kurzem die Erfurter Severi-Kirche neu eingeweiht worden ist? Die Sanierung ist erfolgreich abgeschlossen. Im Zu-ge der Bauarbeiten wurde in der Kirche eine Kapelle geöffnet, die bisher nicht zugänglich war. Dieser Raum wird derzeit neu gestaltet. Er soll als An-betungskapelle dienen. So kann jeder, der das möchte, hier vor dem Aller-heiligsten mit dem Herrn ins Gespräch kommen.
Anbetung: Das soll meine Anregung für diese Adventszeit sein.
Auf Krippendarstellungen sehen wir häufig die Hirten oder die Heiligen Drei Könige, die vor dem Jesuskind knien und es anbeten. Die heilige Elisabeth, deren Gedenkjahr gerade zuende gegangen ist, hat sich oft die Zeit ge-nommen, anbetend vor dem Herrn zu verweilen. Schon als Kind hat sie ihr Spiel unterbrochen, um in die Kapelle zu gehen und ihn dort zu grüßen. Auch von den anderen Heiligen wissen wir, dass sie gern und oft die Nähe des eucharistisch gegenwärtigen Herrn gesucht haben.
Warum haben sie das getan?
Sicher auch, um ihm die Nöte der Menschen vorzutragen, denen sie in ih-rem konkreten Dienst begegnet sind. In der Gegenwart des Herrn konnten sie all ihre Sorgen wirklich ihm überlassen. Er hat ja selbst gesagt: "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen." (Mt 11,28)
Mehr noch, denke ich, haben die Heiligen Jesus in der Eucharistie verehrt, weil sie ihm nahe sein wollten. Wie der Liebende die Nähe des Geliebten sucht, so haben die Heiligen den Herrn dort gesucht, wo sie ihm in diesem Zeichen seiner fortdauernden Liebe begegnen konnten. Sie wussten, dass er in den Armen ist - sie wussten aber auch, dass sie ihn in der Eucharistie finden.
In dieser Begegnung haben die Heiligen sich vom Herrn verwandeln lassen. Sie haben auf seine Stimme gehört. Sie sind seinem Beispiel gefolgt. Sie sind so zu Werkzeugen seiner Liebe geworden, mit deren Hilfe er andere Menschen berührt und verwandelt hat. So sind auch wir dazu beru-fen, uns umformen zu lassen, um Christus in seiner Liebe immer ähnlicher zu werden. So werden wir seine Helfer bei der Verwandlung der Welt.
Ich freue mich, dass unter den Jugendlichen - angeregt durch den Weltju-gendtag in Köln 2005 - die eucharistische Anbetung neu entdeckt wird. Ich freue mich, wenn viele Menschen auch diese Möglichkeit der Begegnung mit dem Herrn suchen. Deshalb ist es mir ein Anliegen, dass unsere Kirchen, soweit das nur möglich ist, häufig und lange geöffnet sind. Dazu braucht es Gläubige, die regelmäßig eine Zeit in der Kirche verbringen. Vielleicht haben Sie die Möglichkeit, in Ihrer Gemeinde einen solchen Dienst zu übernehmen. Oder kennen Sie jemanden, der sich dafür ansprechen ließe, mit Ihnen zu-sammen die Kirche zum Gebet vor dem Tabernakel aufzusuchen und damit auch für andere offen zu halten?
Ich weiß, dass manche von Ihnen das Haus nicht mehr verlassen können. Aber auch zu Hause können wir mit Gott verbunden sein. Die eucharistische Gegenwart, die wir in jeder Heiligen Messe oder in der häuslichen Kranken-kommunion geschenkt bekommen, will und kann zu einer andauernden Ge-genwart in unserem Herzen werden. Der Herr ist gerade dann bei uns, wenn wir leiden müssen. Die Ähnlichkeit im Leid kann und darf zu einer Ähnlich-keit mit seiner Liebe werden. Daran erinnert ja die Eucharistie, die ein "Ge-dächtnis seines Leidens" ist, das er um unsretwillen auf sich genommen hat.
Das ist das Wichtigste: mit Jesus zu leben, mit ihm im Gespräch zu bleiben. Für mich ist dies zu einem Gebet geworden, das ich gern jeden Tag bete und das ich Ihnen als Herzensgebet empfehlen möchte:
"Herr Jesus Christus, du hast mich berufen, dass ich mit dir zum Vater gehe. Mit dir will ich allzeit auf dem Wege bleiben. Sei das Wort, auf das ich höre und dem ich folge. Sei das Licht, das mich erleuchtet. Sei die Kraft, die mich erfüllt. Sei der Beistand, der mich nicht verlässt. Mach mich vollkommen eins mit dir, und lass mich zur ewigen Vollendung gelangen" (GL 6,4).
Berufen wir uns im Gebet jeden Tag neu auf die Zusicherung Jesu, dass er bei sei-ner Kirche bleiben will, bis die Gestalt dieser Welt vergeht - und ganz kon-kret bei mir persönlich - bis mein Leben vom Glauben ins Schauen über-geht. Darum gilt in jeder Lebenssituation: "Kommt, lasst uns IHN anbeten - die Quelle des Lebens und des Erbarmens!"
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, Ihren Familien und allen, die Ihnen am Herzen liegen, eine gesegnete Adventszeit
Erfurt, im Advent 2007
Ihr Bischof Joachim Wanke
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