Bischof Wanke: "Das kritische Denken sollte sich agnostisch, aber doch lernbereit zur Religion verhalten." - - - "Religionsfreiheit ist nicht Kulturschutz für aussterbende Arten"...
Auf Einladung des Erfurter Bischofs Joachim Wanke versammelten sich am 25. April rund 80 Professoren der Thüringer Universitäten und Fachhochschulen zum Hochschultag des Bistums Erfurt in der Erfurter Bildungsstätte St. Martin. Im Mittelpunkt des Abends stand ein Vortrag von Professor em. DDr. Wolfgang Frühwald zum Thema "Warum ist da nicht Nichts? Ü;ber die Schöpfungsfrage in moderner Zeit". Der Hochschultag, der erstmalig im Jahr 2003 stattgefunden hat, will den Dialog zwischen Kirche und Wissenschaften befördern.
Im Folgenden ist das Einleitungsreferat von Bischof Joachim Wanke dokumentiert:
"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Nur wenige Aussagen der Heiligen Schrift haben die wissenschaftliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung so bestimmt wie diese Formulierung am Anfang vom Buch Genesis. Selbst die Auferstehung, zentraler Inhalt unseres christlichen Glaubens, tritt im Vergleich dazu - zumindest für das christliche Alltagsempfinden - zurück.
Dennoch war es auch für uns Theologen überraschend, dass die Diskussion um Schöpfungs- und/oder Evolutionsverständnis im vergangenen Jahr nicht nur Auseinandersetzungen in der medialen Öffentlichkeit sondern auch ernstzunehmende wissenschaftliche Diskussionen auslöste. Der Streit, von dem wir Theologen glaubten, ihn in den siebziger Jahren überwunden zu haben, flammte in einer Schärfe auf, die überraschend war und nicht nur mit dem eigentlichen Thema der Diskussion zusammenhängen konnte.
Beachtenswert ist übrigens, dass sich nahezu gleichzeitig ein Diskurs um das Verhältnis von Willensfreiheit und Determinismus entwickelte, der für den Theologen, speziell den Ethiker, von größtem Interesse ist.
Plötzlich befinden wir uns nach vielen Jahren wieder in einer geistigen Auseinandersetzung zwischen Theologie und Naturwissenschaft. Eigentlich ist das nicht überraschend. Diese Diskussion, die auch sehr viel mit der Frage zu tun hat, was kann und was darf der Mensch - ich erinnere hier nur an die Diskussionen um die Gentechnik und Biotechnologie - findet in einem geistigen Umfeld statt, das durch wenige Schlagworte, die sicher unterschiedlich gewertet werden müssten, zu kennzeichnen ist:
- Da ist die universitäre Auseinandersetzung zwischen Geistes- und Naturwissenschaft, die auch etwas mit der Verteilung von Fördermitteln zu tun hat.
- Da ist die Frage nach der Bedeutung, der Rolle und der Wertung von Kultur, die wir bis in die politische Diskussion in unseren Städten und Gemeinden verfolgen können.
- Da ist - nicht zuletzt jenseits unserer mitteleuropäischen Erfahrung - die Rückkehr des Religiösen in den gesellschaftlichen Diskurs.
Es scheint so, als wäre der sehr emotionale Diskurs über Schöpfung und Evolution eine Alibidiskussion über viel Grundsätzlicheres. Dennoch, "Schöpfung ist von grund-sätzlicher Bedeutung in der Theologie, in der Philosophie, in unserem Verständnis von Bildender Kunst, Musik und Literatur" (George Steiner). Wenn diese Aussage stimmt, dann geht es um mehr als eine Spezialdiskussion zwischen Biologie und anderen Fachfächern der Naturwissenschaft einerseits sowie Dogmatik und Exegese andererseits.
Es geht um die fundamentale Frage, ob die Komplexität unserer Welt allein naturwissenschaftlich erfasst werden kann oder ob Kunst, Musik, Philosophie und auch Religion inhaltlich etwas in das Ringen um das Verständnis des Menschen und der Welt einbringen können. Nach Wittgenstein sind die Tatsachen der Welt nicht "das Ende der Sache".
Es stellt sich für mich die Frage, ob die manchmal sehr vereinfachende Argumentation eines naturalistischen Standpunktes in der aktuellen Diskussion um Evolution oder Determinismus nicht ebenso die Grenzen der säkularen Vernunft deutlich macht, wie in dieser Diskussion auch die Begrenzungen und Fehlformen eines fundamentalistischen Religionsverständnis deutlich werden.
Theologen sind aufgefordert, das Verhältnis von dogmatischen Glaubensinhalten und wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritten in ein angemessenes Verhältnis zu bringen. Umgekehrt sollten Philosophen und Naturwissenschaftler den Mut haben, auch das Religiöse nach seinem kognitiven Gehalt zu bewerten.
Ich möchte gern dazu einladen, dass wir uns auf dieses Aufeinanderhören und das Gespräch über solche Grundfragen als Christen und als Nichtchristen, als Theologen und Naturwissenschaftler, als religiös geprägte und säkular lebende Bürger einer pluralistischen Gesellschaft einlassen. Ich weiß, dass die unterschiedlichen Interpretationen der Stellung des Menschen im Ganzen der Welt zwischen religiösen und säkularen Erklärungen auf der kognitiven Ebene nicht zur Deckung gebracht werden können. Eine einseitige Verhärtung scheint mir aber für die Gesellschaft nachteiliger als eine offene Deutung und ein fortdauernder Dialog.
Deswegen ist Religionsfreiheit nicht Kulturschutz für aussterbende Arten. Das kritische Denken sollte sich agnostisch, aber doch lernbereit zur Religion verhalten. So sagt es neuerdings Jürgen Habermas, der wie kaum ein anderer in neuerer Zeit für einen produktiven Dialog von Gläubigen und Nichtgläubigen wirbt, etwa über den Schöpfungsbegriff (so in seiner bekannten Frankfurter Friedenspreisrede). Heute Abend sind wir bereit, uns auf diesen Dialog einzulassen. Und ich wünschte, dass dies auch in der Arbeit unserer Hochschulseelsorge vor Ort, in der Präsenz katholischer Theologie an der Universität und in vielen anderen Formen ebenfalls geschieht.
Ich danke Professor Frühwald, der uns in diesen Dialog Einstiege geben will und Ihnen, dass Sie sich auf diesen Dialog einlassen.
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