Bischof Joachim Wanke
... - ohne Zukunft? Eine Herausforderung auch für die Ökumene
Statement von Bischof Joachim Wanke bei der Podiumsdiskussion auf dem 97. Deutschen Katholikentag in Osnabrück
Ich möchte in die nachfolgende Diskussion drei Ü;berlegungen einbringen.
1. Die Pfarrgemeinden, wie wir sie aus dem 19. und 20. Jahrhundert kennen, sind eine zeitbedingte Sozialgestalt von Seelsorge. Derzeit erleben wir einen Rückbau und z.T. auch Gestaltwandel der überkommenen Pfarrstruktur, wobei es natürlich Ungleichzeitigkeiten gibt, je nach Regionen verschieden.
Territorial strukturierte Pfarrgemeinden waren und sind der Versuch, die Verkündigung, die Sakramente und die Seelsorge der Kirche einschließlich ihrer Caritas nahe an die alltäglichen Lebensbezüge der Menschen heranzubringen. In einer Gesellschaftsform, in der man wirtschaftlich und sozial von einer hohen Stabilität und Deckungsgleichheit der Bereiche Wohnen, Arbeiten und Freizeit ausgehen konnte, war dies eine optimale Form von Glaubens- und Lebensverortung. "Nähe" schaffen ist sicher eine Grundvoraussetzung von Seelsorge, aber "Nähe" ist immer auch eine personale, nicht allein eine territoriale Kategorie.
Für den Menschen heute sind die Lebensräume nicht mehr allein territorial festzumachen. Das bringt eine neue Ausbalancierung von territorialer (pfarrlicher) und lebensraumorientierter Pastoral mit sich. Die Seelsorge in "Lebensräumen" wird (besonders in Ballungsräumen) wichtiger als jene an "Wohnorten". Die Gemeindepastoral, die besonders in noch volkskirchlich geprägten Regionen wirkungsvoll sein will, braucht wegen der neuen Mobiliät und Beschleunigung der Lebensverhältnisse eine Weitung des Blicks "über den eigenen Kirchturm hinaus". Die Nähe, die das Wort der Verkündigung, die Sakramentenspendung, die nachgehende aber auch aktivierende Seelsorge zu den Menschen braucht, kann und wird heute neue Sozialgestalten von Gemeinde(n) ausprägen.
Schon bisher gab es in der Kirche Personalgemeinden, Ordensgemeinden etc. In der profanen Gesellschaft entwickeln sich Formen bürgerschaftlichen Engagements, die sich auch im kirchlichen Umfeld widerspiegeln: geistliche Gemeinschaften mit eigenem spirituellem Profil; Gemeinden im Umfeld von Abteien, Ordenshäusern, Konventen, Akademien u. ä.; Gruppen mit sozialem Profil wie etwa San Egidio, Hospizgruppen u.ä. Die gegenwärtige Situation wäre meiner Ansicht nach auch eine chancenreiche Stunde für unsere katholischen Verbände, ebenso für die Caritas. Gruppen und Häuser, die bewusst den Armen und Leidenden dienen wollen, werden in Zukunft durchaus Anziehungskraft entwickeln und Menschen sammeln.
2. Die wichtigste Struktur für das katholische Kirchenverständnis ist das Bistum, also die Ortskirche, der ein Bischof vorsteht. In ihr stellt sich die Kirche als Ganze dar. Oder anders gesagt: Bistumskirchen sind theologisch bedeutsamer als Pfarreien. Wie dann konkret in einem Bistum die Verkündigung, die Feier der Sakramente und die nachgehende Seelsorge organisiert werden kann (vor allem bei extremen Priestermangel), sieht (weltweit gesehen) verschieden aus. Der Normalfall sind bis heute sicherlich territorial gegliederte Pfarreien. Doch sind auch andere Modelle denkbar, etwa stärker auf Laienverantwortung gestützte Seelsorge-Einheiten innerhalb größerer Pastoralregionen wie etwa in der Diözese Poitiers. Auch in Ortskirchen der sogenannten Dritten Welt geht man Wege in der Strukturierung von Seelsorge, die der jeweiligen Situation angepasst sind.
Betonen möchte ich freilich: Jede Pfarrei bzw. Gemeinde, die katholisch sein will, braucht die Verbindung zur Gesamtkirche, näher hin zur bischöflich verfassten Bistumskirche. In ihr muss bekannt, geglaubt und gefeiert werden, was die Kirche insgesamt bekennt, glaubt und feiert. Das gilt auch für die jetzt bei uns mehr und mehr entstehenden neuen Gebilden von ortsübergreifenden Gemeindeformen oder auch Filialgemeinden bzw. von lebensraumorientierten Gemeinden und Gemeinschaften.
Eine Problem ist sicher, dass die bisher gewohnte Einheit von Gemeindeleitung und Eucharistievorsitz nicht überall (angesichts des Priestermangels, aber manchmal auch angesichts des Gläubigenmangels) durchgehalten werden kann. Doch gebe ich zu bedenken, dass nicht jede Leitung in der Kirche durch einen Priester erfolgen muss (ich denke etwa an solche Gemeinschaften wie Schönstatt oder das Foccolare). Zudem kommt die heute gegebene Mobilität der Menschen der Möglichkeit entgegen, durchaus auch ein Netz von Orten mit offenen, einladenden und Menschen sammelnden Eucharistiefeiern bei uns vorzuhalten. Und schließlich sind auch Wort-Gottes-Feiern von theologischer und ekklesialer Dignität.
Grundsätzlich freilich bleibt es dabei: Es kann - theologisch geurteilt - keine konfessionslose Gemeinde geben. Wohl aber sind alte konfessionelle Abschottungen oder gar Feindseligkeiten zu überwinden, wie das gottlob weithin schon geschehen ist.
3. Die Pfarreien bzw. Gemeinden der Zukunft brauchen stärker als bisher die Weitung über ihren eigenen Wirkungsraum hinaus, zunächst im Blick auf andere christliche Gemeinden im Umfeld. Ich denke da z. B. an ökumenische Gemeindepartnerschaften oder sonstige verlässliche Absprachen zu gemeinsamen Tun zwischen Gemeinden im Laufe des Kirchenjahres. In Thüringen treffen sich etwa katholische und evangelische Ordenskonvente regelmäßig zu Gebet und Austausch.
Doch denke ich auch an die Weitung in die säkulare Gesellschaft hinein, in der sich immer wieder Interessierte, ja auch Bündnispartner für Anliegen der Kirche finden werden. Dabei habe ich besonders Caritas und Diakonie im Blick, aber auch Bildungsarbeit und sonstige gesellschaftliche Initiativen und mancherlei Zusammenarbeit mit nichtkirchlichen Einrichtungen und Behörden wie beispielsweise bei großen Jubiläen (in Thüringen etwa das Elisabethjahr 2007). Das dient dann letztlich auch der missionarischen Präsenz des Evangeliums Christi. In einer Region mit überwiegend kirchenferner Bevölkerung, wie etwa bei uns im Osten Deutschlands ist ein solches Zusammenwirken von großem Gewicht. Das Signal lautet dann in die Gesellschaft hinein: Katholiken und Evangelische mögen zwar verschieden sein, aber wenn es darauf ankommt, stehen sie zusammen! So haben wir damals den DDR-Sozialismus überstanden - ich hoffe, in dieser Gesinnung werden wir auch in der Marktwirtschaft bestehen.
Ich fasse zusammen: Kirchliche Gemeinden haben Zukunft,
- wenn sie wandlungsfähig sind und neue Formen von Nähe zu Menschen praktizieren,
- wenn sie eingebunden bleiben in das Ganze der (jeweiligen) Kirche - für uns Katholiken in Glaube, Bekenntnis und liturgischer Feier in die Bistums- und Weltkirche, und
- wenn sie sich weiten durch Austausch, Vernetzung und Kooperation über ihre Grenzen hinweg, ohne dabei an kirchlicher Erkennbarkeit zu verlieren.
Gehalten am 24. Mai 2008
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