Kein "Einheitsbrei"

Predigt von Weihbischof Hauke im Ökumenischen Gottesdienst am Tag der Einheit in Siemerode

Bild: Dr. Paulus Decker In: Pfarrbriefservice.de

Lesung: Jak 4, 1-10

Vermutlich hat Jakobus, der „Bruder des Herrn“ – wie er genannt wird, um das Jahr 62 n. Chr. diesen Brief geschrieben, aus dem wir einen Abschnitt gehört haben. Die Bibelwissenschaftler sagen, dass es eigentlich kein richtiger Brief ist, sondern ein Lehrschreiben, mit einer Mahnung zur tatkräftigen Verwirklichung des Evangeliums. Der Glaube wird als Gabe Gottes genannt, der vom Hören auf das Gotteswort lebt und den Menschen zum wahren Gottesdienst fähig macht, nämlich zur tätigen Nächstenliebe gegenüber dem Armen. In gehörten Abschnitt geht es um die Warnung vor Zwietracht und vor der Freundschaft mit der Welt – so die Überschrift in der neuen Einheitsübersetzung.

Kann man an einem solchen Feiertag wie heute, wo es doch um die Welt und die Dankbarkeit für eine wiedergewonnene Einheit unseres deutschen Volkes geht, eine solche Lesung nehmen? Wäre es nicht angemessener, einen Psalm zu wählen, in dem Gott als Geber aller guten Gaben gepriesen wird? Sicherlich hätte man das auch tun können. Ich habe mich aber hierfür entschieden, weil ich der Meinung bin, dass auch an einem solchen Tag der Einheit danach gefragt werden kann und muss, was die Einheit festigen kann und wie sie sich weiter entwickeln soll.

Schauen wir auf den Bibeltext, dann hören wir zunächst eine Analyse für die Ursache des Krieges: die Leidenschaften in euren Herzen. Da werden keine weiteren Ausführungen dazu gemacht. Das kann eine schlechte Neigung sein, die das Familienleben verdirbt oder auch die politischen Verhältnisse. Jegliche Leidenschaft, die nicht mit Liebe zu Gott verbunden ist, wird als gefährlich benannt. Ja sogar Liebe zur Welt, die ja Liebe ist, wird als gefährlich benannt, weil sie ja doch sehr auf den Menschen bezogen ist, der dann so sehr im Mittelpunkt steht, dass Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt aus dem Blick gerät. Jakobus kann also nichts anderes raten als die Gottesliebe und die Sehnsucht nach bleibender Gemeinschaft mit Gott, die sich dann in den Werken der Nächstenliebe zeigt. Die Demut vor Gott wird uns groß machen! – so die Zusage und Zuversicht des Jakobus.

Kann ein Politiker so reden? Vielleicht würde man ihm sagen: „Du hast vergessen, dass es ja auch Nichtchristen gibt, die in keiner Gottesbeziehung leben wollen.“ Darf der Politiker dennoch von seiner Gottesbeziehung schweigen, wenn er sie hat? Vielleicht ist es nicht immer passend, bei jedem zweiten Satz Gott und die Bibel im Mund zu führen. Das könnte aufdringlich erscheinen und das eigentliche Anliegen verdunkeln. Persönliche Lebensführung und Entscheidungen sind dann eher geeignet, Aufmerksamkeit für das eigene Bekenntnis und die Gottesliebe zu bewirken. Die Zusammenkunft der Katholiken bei der sogenannten „pastorale“ in Magdeburg hat gezeigt, dass es in unserer Zeit und Gegend durchaus sinnvoll und möglich ist, das Evangelium so zu buchstabieren, dass es für den Nichtchristen verständlich ist. Die Nachfrage nach der sogenannten „Feier der Lebenswende“ in Erfurt, Halle und an vielen anderen Orten Ostdeutschlands zeigt, dass wir mit unseren christlichen Werten durchaus etwas in die Gesellschaft einbringen können. Die Nachfrage nach einem Grabplatz in einer katholischen Kirche Erfurts durch 120 Nichtchristen zeigt mir, dass ein solcher Raum auch für den Nichtglaubenden ein Ort der Geborgenheit und Sicherheit ist.

Diakon Bernhard Feuerstätter, der über viele Jahre auch die „Feier der Lebenswende“ mit mehr als 600 Jugendlichen pro Jahr in Halle durchgeführt hat und in der Trauerarbeit ebenso tätig ist, sagte bei der „pastorale“: „Die Menschen nehmen unser Angebot an, weil sie spüren: Bei denen ist es kein Geschäft. Die glauben daran und stehen dahinter.“ Im Krankenhaus, wo Feuersträtter hauptsächlich tätig ist, steht ein Schild mit der Aufschrift: "Seelsorge-Ambulanz". Wenn Angehörige nichtchristlicher Verstorbener zu ihm kommen und ihn um die Ansprache bei der Beisetzung bitten, stellt er drei Bedingungen: „Ich trage geistliche Kleidung, weil es ein Dienst meiner Kirche ist. Die Trauergemeinde muss damit leben, dass ich von meiner Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod erzähle. Und schließlich: Ich lade dazu ein, das ‚Vater unser’ zu beten – denn beinhaltet alle Sehnsüchte der Menschen.“

Die Berichte anlässlich des Jubiläums „20 Jahre Hospizarbeit im Eichsfeld und Unstrut-Hainich-Kreis“, die ich am letzten Freitag gehört habe, zeigen die Möglichkeit auf, wie durch ehrenamtlich tätige Bürgerinnen und Bürger, die mehrheitlich aus christlichem Motiv handeln, Trost und Zuversicht vermittelt werden kann, wenn Menschen die letzten Schritte in ihrem leben gehen und Angehörige die Sterbenden gehen lassen müssen.

Ich freue mich, wenn an den Pastoraltagen, zu denen wir an zwei Terminen im Bistum in diesem Jahr eingeladen hatten, auch der Gedanke geäußert wurde, dass man durchaus in einer Gaststätte leise ein Tischgebet sprechen kann, wie ich es auch am letzten Samstag in der Gaststätte „Thüringer Hof“ in Sömmerda getan habe. Es besteht dann natürlich die Möglichkeit, dass jemand eine dumme Bemerkung dazu macht, aber ich sehe immer zuerst die Möglichkeit, Aufmerksamkeit dafür zu wecken, wie wir miteinander und mit den Gaben der Schöpfung umgehen, ja wie wir auch mit unserer Welt umgehen, die wir als Gabe betrachten, die uns durch Gott anvertraut worden ist.

Wir haben in diesen Tagen als Wahlberechtigte zu entscheiden, wem wir unsere beiden Stimmen geben – die Stimme für den Kandidaten, der zur Direktwahl ansteht, und die Stimme für eine Partei. Ich habe lange überlegt, was ich bei der Briefwahl mache. Mir sind die Personen, die als Kandidaten für die Direktwahl genannt werden, vielfach bekannt. Ich habe auch einen gewissen Überblick über die Meinung der Parteien zu Themen der Katholiken. Man kann überlegen, ob man der gegenwärtigen Tendenz der Stimmabgaben folgt und diese stärkt, oder eine starke Opposition wählen möchte. Wie so oft ist es eine sehr persönliche Entscheidung, die auch mit Kompromissen zu fällen ist, denn jemanden zu finden, der 100%ig mit der eigenen Meinung übereinstimmt, wird man nicht finden – es sei denn, man stellt sich selbst als Kandidat zu Verfügung.

Wir wissen, dass es heute nicht leicht ist, sich für eine solche Arbeit zu entscheiden, denn auch persönliche Angriffe sind immer möglich. Ich möchte erst einmal allen danken, die sich zur Wahl stellen, aber ich erlaube mir auch, aufgrund meiner persönlichen Werteliste Fragen zu stellen, die sich auf Gottes- und Nächstenliebe beziehen. Würde ich andere Maßstäbe anlegen, würde ich mir selbst untreu werden und auch andere wären enttäuscht.

Was Jakobus seinen Adressaten empfiehlt, gilt auch für mich heute: „Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er Gnade“. Die Herkunft dieses Satzes wird in der Bibel als unbekannt angegeben. Dennoch drückt er aus, was hilfreich werden kann, wenn Verantwortliche in der Gesellschaft und damit auch in der Kirche über das gute Vorangehen nachdenken, das dem Menschen dient. Deutlich spricht Jakobus vom Teufel, dem wir mit der Kraft Gottes Widerstand leisten müssen. Wer ihn nicht mit seiner macht Ernst nimmt, verfällt seinem Zugriff mit Sicherheit. Ich tue mich schwer, konkrete Personen oder Orte zu nennen, wo ich ihn spüre, aber auch die Verantwortlichen in der Gesellschaft kennen die Situationen, wo sie den bösen Geist spüren, der alle guten Überlegungen zunichte macht. Sicherlich muss sich jeder immer fragen, ob ein Plan, der zunichte wird, nicht vielleicht auch falsch war, aber es gibt auch den Diabolos, der nichts anderes im Sinn hat, als alles durcheinander zu bringen – wie schon sein Name Diabolos sagt.

Verträge zwischen Völkern und Nationen werden ohne ersichtlichen Grund aufgekündigt und Unsicherheiten über industrielle Standorte und Arbeitsplätze geschaffen. Nationalstolz stellt sich gegen den europäischen Gedanken. Jeder weiß, dass für beide Interessen ausreichend Raum sein muss, aber es keinen Grund gibt, deshalb das eine gegen das andere auszuspielen.

Und auch im ökumenischen Bemühen ist es sinnvoll, immer wieder an das zu erinnern, was schon einmal entschieden war und nicht immer wieder von vorn die Diskussion begonnen werden muss. Gern erinnere ich mich an die mahnenden Worte von Kardinal Lehmann in der Bischofskonferenz, der diese Vorgehensweise in der Ökumene einforderte. Leider erleben wir auch hier neue Polarisierungen, die schon der Vergangenheit angehören müssten. Der jüngste Vorschlag von Bischof Georg Bätzing aus Limburg über die gegenseitige Zulassung zur heiligen Kommunion und zum Abendmahl ist ein forscher Text, der auch mir gerade in den Fragen der Entwicklung des Abendmahles viel Nachdenkliches gebracht hat. Er ist noch nicht das letzte Wort. Er bedarf weitere Diskussionen auf beiden Seiten, aber zeigt deutlich auf, wohin der Weg gehen muss, den Jesus einfordert, wenn er im Hohenpriesterlichen Gebet sagt: Ich wünsche, dass alle eins sind (vgl. Joh 17,11). Hier ist kein „Einheitsbrei“ gemeint. Hier geht es nicht um Nivellierung von Unterschieden, sondern hier geht es das konstruktive Vorangehen, das von der gegenseitigen Hochachtung und Nächstenliebe getragen ist.

„Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er Gnade.“ Trauen wir uns, in demütigem Selbstbewusstsein als Christen der Einheit der Kirche und Gesellschaft zu dienen. Amen.