Jesus gibt nicht auf

Predigt Von Weihbischof Reinhard Hauke zur Wallfahrt um Geistliche Berufungen am 12. Mai, Kerbscher Berg

Bild: Friedbert Simon; in: Pfarrbriefservice.de

Jedes Jahr werden die Erstkommunionfeiern in den Pfarreien mit großer Sorgfalt vorbereitet. Auch am heutigen Sonntag sind Erstkommunionfeiern, z.B. in Erfurt in der Innenstadtgemeinde.  Vor zwei Wochen konnte ich eine solche Feier mit drei Kindern in Schmalkalden begehen. Lino, Tom und Verena hatten sich gut vorbereitet und waren gut mit dabei. Bei den Verwandten war es unterschiedlich. Mehrheitlich aber konnten sie wohl verstehen, um was es dabei ging und haben mitgebetet.  

Wenn es um die Vorbereitung der Erstkommunion und auch Firmung geht, da höre ich die Pfarrer und Gemeindereferenten oft sagen: „Werden die Kinder und Jugendlichen am kommenden Sonntag auch wieder im Gottesdienst sein?“ Ich verstehe diese Frage gut. Sie beinhaltet die Frage, ob sich denn alle Mühe in der Vorbereitung gelohnt hat. Was ist denn dabei herausgekommen? So fragen wir Menschen, die gern etwas erreichen und schaffen wollen, die gern einen Erfolg sehen wollen.

Aber ich sage: Das ist eine falsche Frage, denn sie geht davon aus, dass wir allein dafür verantwortlich sind, was aus einer geistlichen Vorbereitung auf den Sakramentenempfang einmal wird. Wir vergessen dann zu schnell die Berichte der Heiligen Schrift, in denen von der Mühe erzählt wird, die Jesus aufwenden musste, um seine Botschaft zu den Jüngern zu bringen und die auch die Apostel aufbringen mussten, um die Botschaft des Evangeliums den Menschen verständlich zu machen. Zu schnell übersehen wir die Aussageabsicht Jesu in seinen Gleichnissen, wie z.B. dem Gleichnis von der Saat im Acker.  Lange Zeit habe ich immer gedacht, dass hier von einem Viertel der Saat die Rede ist, die aufgeht, es ist nur „von einem Teil“ die Rede.  Die Mühe hat sich hundertfach gelohnt, obwohl „nur ein Teil“ aufgegangen ist. So erleben wir in der Osterzeit auch immer wieder den Auferstandenen, wie er zum wiederholten Mal zu den Aposteln geht, um ihnen die Botschaft von der Auferstehung verständlich zu machen, wie er sich müht, dass diese erlösende Botschaft ihnen zu Herzen geht.

Das Evangelium des heiligen Johannes berichtet von den Aposteln, die wieder ihrem Alltagsgeschäft nachgehen wollen, weil sie wohl unschlüssig sind, was zu tun ist. Ihre Arbeit ist jedoch vergeblich. Eigentlich hätten sie hier schon merken müssen, dass es die falsche und unpassende Tätigkeit war, der sie sich erneut zugewandt hatten. Dann begegnet ihnen Jesus, als sie frustriert ans Ufer zurückfahren.  Vom Ufer aus scheint ihnen Jesus den Auftrag zu geben, nochmals hinauszufahren und an der rechten Seite die Netze auszuwerfen. Sie fangen 153 Fische und sind erstaunt. Nur der Jünger, den Jesus liebte – vermutlich ist es Johannes, der das Evangelium aufgeschrieben hat -, erahnte, dass Jesus ihnen den Befehl zum erneuten Fischfang gegeben hatte, der zu einem so reichhaltigen Ergebnis führte.

Jetzt erst erkennt Petrus, dass er ohne Bekleidung ist, dass er schutzlos ist und störanfällig. Jetzt erst erkennt Petrus mit den anderen Jüngern, dass sie ohne das Hören auf Jesus Christus nur weiterhin vergeblich zum Fischfang ausfahren werden.  Jesus sieht jedoch, dass sie umkehren wollen und können. Er lädt sie deshalb zum Mahl mit Brot und Fisch ein und fordert sie auf, beizusteuern, was sie gefangen haben. Er ist nicht allein der Geber der guten Gaben, sondern erwartet eine Selbstbeteiligung. Nur so kann das gute Mahl gelingen.
Es folgt diesem Evangelium die dreimalige Befragung des Petrus durch Jesus nach seiner Liebe zu ihm und die dreimalige Beauftragung zum Dienst an der Herde.  Damit findet das Evangelium einen Abschluss, mit dem man leben kann. Sonst wäre es der Abschluss nach dem Bekenntnis des Thomas gewesen, das er nach der wiederholten Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern gesprochen hatte: Mein Herr und mein Gott!  

Jetzt endet das Evangelium nach diesem Nachtrag, der vermutlich aus dem Schülerkreis des Evangelisten Johannes stammt, mit Aussagen, die das Bemühen des Auferstandenen um ein besseres Verstehen der Apostel berichten und vom zaghaften, aber doch festen Bekenntnis des Petrus: „Herr du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich lieb habe!“
 
Gern möchte ich aus diesem Evangelium den Gedanken mitnehmen: „Jesus gibt nicht auf!“  Immer wieder – hier zum dritten Mal – kommt Jesus aus seiner neuen Welt des Himmels und der Auferstehung  in die Welt der Apostel. Eigentlich hätte es auch schon eine neue Welt der Zuversicht und österlichen Freude sein können, aber es wird wieder die Welt der Fischer am See von Tiberias, dem See Genezareth. Andere Evangelien berichten von weiteren Begegnungen und auch am Schluss des Johannesevangeliums wird auf weitere Erfahrungen mit dem Auferstandenen verwiesen, die hier im Evangelium nicht aufgeschrieben sind. Jesus gibt nicht auf im Bemühen, die Herzen der Menschen  durch die Botschaft, dass er lebt, froh zu machen.
 
Im Schreiben von Papst Franziskus an die Jugendlichen im Nachgang der Bischofssynode 2018 heißt es:
„Vom Herrn geliebte Jugendliche, wie viel seid ihr doch wert, wenn ihr durch das kostbare Blut Christi erlöst wurdet! Liebe junge Freunde, ihr habt keinen Preis! Ihr seid keine Ware, die zur Versteigerung da ist! Bitte lasst euch nicht verkaufen, lasst euch nicht verführen, lasst euch nicht von den ideologischen Kolonisierungen versklaven, die uns Ideen in die Köpfe setzen, und am Ende werden wir zu Sklaven, abhängig, im Leben gescheitert. Ihr habt keinen Preis: ihr müsst euch das immer wiederholen: ich stehe nicht zum Verkauf, ich habe keinen Preis. Ich bin frei, ich bin frei! Verliebt euch in diese Freiheit, die jene ist, die Jesus anbietet.“

Wenn wir heute um Berufungen beten, die zum Aufbau der Kirche und besonders der Kirche von Erfurt dienen sollen, dann spüren wir dem Weg nach, auf dem diese Berufungen erfolgen. Wir hören persönliche Zeugnisse von Priestern, Ordensleuten und Männern und Frauen, die sich in den Dienst der Kirche mit ihren Charismen einbringen. Alle werden davon sprechen, dass es ein langer und vielleicht auch steiler Weg gewesen ist, den sie gegangen sind. Darum ist das Unterwegssein an einem solchen Gebetstag wie heute passend.

Nicht immer ist Berufung so plötzlich und „wie vom Blitz getroffen“ wie beim Apostel Paulus vor Damaskus, wobei ich mir sicher bin, dass auch er schon lange nach dem guten und wahren Weg gesucht hat und ihn zunächst in den Geboten des Alten Testaments gesehen hatte, die er mit aller Konsequenz durchsetzen wollte. Es ist ein Hineinhorchen in uns und auf die innere Stimme nötig, die bisweilen auch eine äußere und menschliche Stimme sein kann, die ein guter Freund oder eine gute Freundin benutzen, um die Stimme Gottes hörbar zu machen. „Du kannst das!“ – sagt sie uns leise und dann immer lauter, bis wir erkennen, dass es uns gut tut, ihr zu folgen und die notwendigen Schritte zu gehen, die dann noch weitere Klarheit bringen.

Wenn es so ist, dass Gott einen Plan für mich hat, dann wird er auch immer wieder bei mir anklopfen und fragen, ob ich den Plan schon gefunden habe und ob ich ihn auch gehen werde. Ich bin sicher, dass wir erst dann Ruhe in unserem Leben finden, wenn wir nach unserem Gewissen handeln und dann die Wege gehen, die für uns vorbereitet wurden. Das kann auch ein schmerzlicher Prozess werden, wenn wir uns vielleicht etwas haben einreden lassen.

Die Worte von Papst Franziskus finde ich sehr passend: Wir dürfen uns nicht zu Sklaven der fremden Vorstellungen machen lassen, die man heute über Jugendliche hat und mit denen man heute Jugendliche sieht. Es verwundert durchaus, wenn ein junger Mensch selbstbewusst entscheidet und das auch gegen den allgemeinen Trend, z.B. die Erwartungen an Gehalt und Image. Man könnte sagen: Auch Jesus hat in einem Stall angefangen und sich anfangs als Flüchtling in Ägypten durchgeschlagen. Und auch sein Kreuzestod war nicht die erste Wahl, die sich jemand wünschen würde, der wie Jesus jung ist und in der Fülle seiner Kraft. Er geht jedoch seinen Weg konsequent im Wissen darum, dass er dem Heil und der Erlösung aller Menschen dient.

Wir selbst haben vermutlich nicht den Auftrag, die Welt zu erlösen. Das hat Gott-sei-Dank schon Jesus Christus getan. Aber Jesus Christus braucht Menschen, die das Werk der Erlösung von Sünde und Tod lebendig halten. Heute wollen wir um die Kraft Gottes bitten, die nötig ist, den Plan Gottes mit dem eigenen Leben zu erkennen und zu gehen.

Ich verspreche allen, die es wagen, große Freude und Zufriedenheit, wenn die Entscheidung im Blick auf Jesus Christus gefällt wird, der von uns immer nur gut denkt und uns Weite und Licht im Leben schaffen will. Amen.


Biblischer Text, auf den sich die Predigt bezieht (Joh 21, 1-14)

Die Erscheinung Jesu am See von Tiberias

Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot - sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen - und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt! Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.