Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Hier in der Kirche St. Severi zu Erfurt findet sich an der Kanzel eine Darstellung Jesu aus dem Jahr 1576, die wir als "Jesus auf der Rast" bezeichnen. Mit der Dornenkrone auf dem Haupt, mit dem Spottmantel umhüllt, sitzt Jesus und hat seinen Kopf auf den Arm gestützt, als ob er nachdenken möchte. Von einem rastenden Jesus am Kreuzweg ist in der Heiligen Schrift aber nicht die Rede. Die Frömmigkeit des mittelalterlichen Menschen hat diese Darstellung geschaffen, um damit vermutlich auszudrücken, wie sich Jesus wohl auf dem Kreuzweg gefühlt hat: Alleingelassen von den Freunden, nachdenklich und fragend angesichts der Verspottung durch die Einwohner und Gäste Jerusalems.
Ich möchte die mögliche Frage Jesu in die Worte fassen: Warum mache ich das alles eigentlich? Was hat es für einen Sinn? Wen interessiert es denn, ob ich hier leide und untergehe? Unsere Antwort darauf ist, wie wir es im Religionsunterricht gelernt haben: Jesus tut es aus Liebe zu uns und im Gehorsam gegenüber seinem himmlischen Vater, denn alle Menschen sollen ja gerettet werden und frei sein von ihren Sünden. Wen aber interessiert das? - frage ich weiter? Interessiert es alle Christen und vor allem: Interessiert es auch die Nichtchristen?
In Erfurt leben 25 Prozent Christen beider Konfessionen unter 75 Prozent der Bevölkerung, die keiner Kirche angehört. Das bedeutet: 150 000 Männer und Frauen dieser Stadt stehen damit vor der christlichen Tradition mit der Frage: Ist das wichtig? Muss ich mich damit beschäftigen oder sogar belasten? Kann ich mir das nicht sparen? Manche von ihnen fragen aber auch mit Interesse und nicht zuerst mit Ablehnung. Das bedeutet für uns katholische und evangelische Christen in Thüringen: Wie können wir ihnen deutlich machen, dass es gut ist, sich dem heilsamen Wirken Gottes zu öffnen, das durch Jesus Christus uns geschenkt wurde? Wie können wir unser Bekenntnis verständlich machen: "Für uns, Jesus Christus, bist Du wichtig und der Weg zum Heil und Leben" ?
Das Evangelium erzählt von einer Begegnung Jesu mit einem ungeliebten Zöllner: Jesus schaut auf zum Zöllner Zachäus und holt ihn von seinem Baum der Neugier herunter. Zachäus sitzt auch auf dem Baum des Hochmuts und der Geldgier, aber die Nachricht vom Kommen Jesu in seine Stadt Jericho hat ihn unruhig gemacht. "Ich will ja nur mal schauen!" wird er sich gesagt haben, aber es war wohl noch mehr dahinter. Die Reaktion auf die Einladung Jesu hin ist einfach umwerfend: 50 Prozent seines Vermögens bekommen die Armen und vierfache Entschädigung alle, die sich als Opfer seiner Gier melden. Der Blick Jesu auf Zachäus hat genügt, um sein Leben auf den Kopf zu stellen. Begegnung mit Jesus und seiner Liebenswürdigkeit ist der Schlüssel für den Neuanfang Mensch, als Bruder und Schwester Jesu.
In Erfurt suchen wir nach Begegnungsmöglichkeiten der Christen mit den Nichtchristen. Der Weihnachtsmarkt ist für uns eine Gelegenheit, um als Christen zum Gebet, zur Besinnung am Adventskranz und zum Segen einzuladen - und die Menschen kommen - Christen und Nichtchristen - um zu hören: Gottes Sohn ist in die Welt mit der Nachricht gekommen: Gott hat uns im Blick. Am Heiligabend werden etwa 600 Jugendliche wieder im Dom willkommen geheißen, die keine Christmette aufsuchen, weil sie die Christmette nicht verstehen. Beim Nächtlichen Weihnachtslob singen wir mit ihnen drei bekannte Weihnachtslieder, hören das Weihnachtsevangelium und eine Auslegung, die auf Thüringisch sagt, was Weihnachten bedeutet.
Und über das Jahr verteilt sind z.B. ungetaufte Jugendliche der 8. Klasse, oder ungetaufte Kranke und Liebende in die Kirche eingeladen, um ihr Leben im Licht des Glaubens gedeutet zu bekommen - und das tut auch den Christen gut, die vielleicht nur selten eine Kirche betreten. An Allerseelen sind unsere Verstorbenen besonders im Blick. Seit 2007 können im Kolumbarium der Allerheiligenkirche - einer Urnenbegräbnisstätte - Christen und Nichtchristen bestattet werden. 20 Prozent der Plätze wurden von Nichtchristen erworben, weil sie sagen: "Hier bin ich nicht alleingelassen! Hier wird gebetet! Hier ist ein schöner Raum der Stille!" Sie haben sich für den Kirchenraum entschieden, weil ihnen "der Gedanke an Gott nicht fern war, wenn sie sich auch nicht bewusst für Gott entschieden haben" - so heißt es im Bestattungsritus, der extra für die Beisetzung der Nichtchristen entwickelt wurde. Christus hat auch sie angeschaut - genauso wie uns alle - und damit die Frage gestellt: Interessiert dich mein Leiden und Sterben? Brauchst Du eine Hoffnung auf ewiges Leben und einen Weg dorthin?
In Begegnungen mit Nichtchristen erlebe ich die Armut des Unglaubens, der den Menschen auf die Lebenspanne zwischen Geburt und Tod einschränkt. Und in der Begegnung mit Taufbewerbern und Neugetauften erlebe ich die Freude am Glauben, dass durch Christus das Leben einen weiten Horizont bekommen hat. Im alltäglichen christlichen Leben gerät dieser Schatz bisweilen aus dem Blickfeld. Wir vergessen den liebenden Blick Jesu zu uns auf den Baum des Hochmuts, der Gier und der Selbstverliebtheit. Trauen wir uns, ihn anzuschauen - in der Krippe, auf der Rast und am Kreuz. Er hat auch für uns den Blick der Liebe, der uns neu schaffen kann und will.

