Bischof Joachim Wanke
Brief von Bischof Joachim Wanke an die kranken und älteren Gemeindemitglieder
Liebe ältere Gemeindemitglieder! Liebe Kranke!
Im Evangelium hören wir von einer Frau, deren Verhalten mich immer wieder neu anrührt. "Sie drängte sich in der Menge von hinten an Jesus heran und berührte sein Gewand" (Mk 5,27). Das ist eine merkwürdige, eigentlich überflüssige Notiz des Erzählers. Dennoch ist diese Notiz von einprägsamer Kraft.
Die Frau bleibt im Evangelium anonym. Sie ist eine "Frau aus der Menge". Ihr Schicksal ist recht gewöhnlich: lang anhaltende Krankheit, Ärger und Frust mit den Ärzten, keine Hoffnung auf grundlegende Besserung der Situation. "Sie hatte von Jesus gehört". Das ist nicht viel. Nichts Heroisches wird von ihr berichtet.
Interessant freilich ist ihre Erwartung: "Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt." Da mag Magie mitschwingen, die auch dem heutigen Menschen nicht fremd ist. Das ist an sich keine "Hochform" christlichen Glaubens. Die Frau kommt "von hinten" an Jesus heran. Sie legt kein Messiasbekenntnis ab. Sie folgt auch nicht nach der Heilung Jesus auf seinem Weg. Der Geschichte ist recht wenig "Beispielhaftes" abzugewinnen. Vermutlich hätten die Jünger die Frau nach eingehender Prüfung ihrer Gesinnung nicht zu Jesus durchgelassen. Das "Gedränge" war ihre Rettung.
Mich hat von jeher diese kleine Notiz in dieser Heilungsgeschichte berührt. Ich vermute, dass auch Sie sich in der Situation dieser Frau wiederfinden werden. Das Wort: "Jesu Gewand berühren" kann zu einem geistlichen "Ohrwurm" für den Alltag werden. Und das in mehrfacher Hinsicht.
Der Glaube der Frau ist wirklich nur ein "kleines Senfkorn Hoffnung", wie es in dem vielgesungenen Jugendlied heißt. Unser Glaube ist manchmal angenagt von Zweifel und Unsicherheiten. Bin ich überhaupt noch ein Christ? Das ist eine Frage, die sich mancher insgeheim selbst stellen wird angesichts seines so "weltlichen" Lebensalltages. "Ich habe keine Kraft für lange Gebete - aber sein Gewand berühren, das könnte ich wohl doch! Wie komme ich nur an ihn heran?" Wer so fragt, ist schon in Jesu Nähe.
Berührungen sind meist flüchtig. Das lange Verweilen bei einer Sache ist im Zeitalter der schnellen Medien nicht jedermanns Sache. "Anklicken" und "Weitersurfen" sind Schlüsselworte auch des zwischenmenschlichen Verhaltens. Ob es für Christen heute auch so etwas geben darf wie eine "Anklick-Frömmigkeit"? Nicht immer die Länge eines Vorgangs ist entscheidend, wichtiger ist oft die Intensität der Berührung.
Wir können vom heutigen Leben durchaus manches lernen. Die häufigen "Mobil-Telefonierer", die sich neuerdings in allen möglichen und unmöglichen Situationen ungeniert bemerkbar machen, sind für mich stets eine Erinnerung, mich mit einem "Klick" (früher sagte man Stoßgebet) bei Gott bemerkbar zu machen. Und mehr als ein "Hallo, hier bin ich!" sagen vermutlich die meisten meiner telefonierenden Zeitgenossen ihren Gesprächspartnern auch nicht. Ob nicht doch Berührungen mit Gott im Alltag möglich sind? Merkwürdig: Den Gruß "Geh hin in Frieden!", der uns beim Schluss der Heiligen Messe zugerufen wird, hört auch die Frau nach ihrer flüchtigen Begegnung vom Herrn.
Und schließlich: Wer Jesus im "Gedränge" seines Alltags berühren will, wird aufmerksamer auf die vielfältigen Gegenwartsweisen des Herrn. Wir katholische Christen wissen um die besondere Gegenwart des Herrn in der Eucharistie. Aber die Aussagen, dass Jesus auch in den Armen und Schwachen gegenwärtig ist, und dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, haben ebenso ihre Wahrheit. Und Jesus ist auch gegenwärtig, wenn wir sein Wort "nachsprechen", etwa das Vaterunser. Das Lesen in der Heiligen Schrift und das Beten mit und durch Jesus wird zur Anrede Gottes, zur Berührung seines Herzens. Und die kann uns heilen.
Ihnen und Ihren Lieben wünsche ich gesegnete Adventstage und ein frohes Weihnachten!
Ihr Bischof Joachim Wanke
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