Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr in der Osternacht am 8. April 2023

Feier der Osternacht im Erfurter DomBild (2016): Peter Weidemann; In: Pfarrbriefservice.de

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

die erste Lesung in dieser Osternachtfeier mit dem Schöpfungsbericht aus dem alttestamentlichen Buch Genesis mag manchem etwas aus der Zeit gefallen erscheinen. Wer glaubt denn heute noch, dass die gesamte Schöpfung innerhalb einer Woche, also im Zeitraum von siebenmal 24 Stunden, entstanden ist? Dieser Schöpfungsbericht wurde wahrscheinlich im sechsten Jahrhundert vor Christus verfasst, als die Israeliten im babylonischen Exil leben mussten und nicht im Jerusalemer Tempel ihre Liturgie feiern konnten. Es bestand die Gefahr, dass sie ihre religiöse Identität verloren. Das verhinderte der Sabbat.

Im Gehorsam gegenüber dem dritten Gebot legten die Israeliten einmal in der Woche einen Ruhetag ein, an dem sie sich auch zum Gottesdienst versammelten. Der Schöpfungsbericht wurde für die Juden im babylonischen Exil zu einer wichtigen theologischen Begründung für das Sabbatgebot: Der fromme Jude taucht ein in die Ruhe und Zufriedenheit des Schöpfergottes. Wie in einem Kehrvers heißt es ja nach jedem Schöpfungstag: „Gott sah, dass es gut war.“ und im Rückblick auf das Sechs-Tage-Werk heißt es: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut.“ (Gen 1,31). Für Juden wie Christen ist die Schöpfung ein gelungenes Werk, in dem wir dankbar – und auch staunend – leben.

Die Vorstellung, dass Gott die Welt in sechs Wochentagen erschaffen hat, dient also der religiösen Begründung des Sabbats: Nach einer Woche Arbeit, auf die der Schöpfer mit allergrößter Zufriedenheit zurückschauen kann, ruhte er am siebten Tag. Bis auf den heutigen Tag tauchen die Juden am Sabbat in diese Ruhe des Schöpfergottes ein und bewahren damit ihre Identität als Glieder des erwählten Gottesvolkes.

Eigentlich liegt dann der uralte Schöpfungsbericht im Buch Genesis gar nicht so falsch, denn auch heute geht die Naturwissenschaft davon aus, dass das Leben auf der Erde aus dem Wasser gekommen ist. Außerdem prägt das Schema der Sieben-Tage-Woche bis heute fast die ganze Welt, weil es offensichtlich der Natur des Menschen angemessen ist. Weder konnte die Französische Revolution eine Zehn-Tage-Woche durchsetzen noch die sowjetische Oktoberrevolution eine Fünf-Tage-Woche.

Auch wir Christen leben in einer Sieben-Tage-Woche. Allerdings ist für uns nicht der letzte Tag der Woche der ganz besondere, sondern der erste Tag. Der Grund dafür ist, dass Jesus am ersten Tag der Woche, also am Tag nach dem Sabbat, von den Toten auferstanden ist.  Man kann davon ausgehen, dass wir als Christen heute den Sonntag deswegen als besonderen Tag begehen, weil es der Wochentag ist, an dem Jesus zum ersten Mal nach seiner Kreuzigung seinen Jüngerinnen und Jüngern als Auferstandener erschienen ist.

Von Anfang an haben die Christen jede Woche an diesem Tag miteinander Eucharistie gefeiert und den auferstandenen Herrn in ihrer Mitte begrüßt. Bis zur konstantinischen Wende im vierten Jahrhundert war der Sonntag ein Werktag, sodass die Christen erst am Abend zur Eucharistiefeier zusammenkommen konnten. Die Christen, die aus dem Judentum gekommen waren, feierten weiterhin den Sabbat. Die anderen entwickelten die Vorstellung, dass die Sabbatgebote das jüdische Volk auf die Begegnung mit dem Messias vorbereiten sollten, der in der Person Jesu Christi die eigentliche Ruhe, nämlich die Sündenvergebung gebracht hat. Das Wesentliche an der Feier des Sonntags, den sie „Herrn-Tag“ nannten, war die Begegnung mit dem Auferstandenen in der Feier der Eucharistie.

Als Kaiser Konstantin im Jahre 321 den Sonntag zum staatlichen Feiertag erklärte und Sonntagsarbeit verbot, war der Grund dafür, dass auch Sklaven und Knechten die Teilnahme am Gottesdienst ermöglicht werden sollte. Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest und die Begegnung mit dem Auferstandenen im Sakrament der Eucharistie ist für Christen das Wichtigste an diesem Tag. Gerade an Ostern ist es wichtig, daran zu erinnern.

Dass dieser Tag seit Kaiser Konstantin ein allgemeiner Ruhe- und Feiertag ist, ist selbstverständlich sehr zu begrüßen und zu verteidigen, nicht nur weil dadurch viel Zeit zum gemeinsamen Gottesdienst ist, sondern weil es offensichtlich auch zur Natur des Menschen gehört, nach sechs Tagen Arbeit einen Ruhetag einzulegen. Der Tag dient nicht nur dazu, sich von der Arbeit und für die Arbeit zu erholen. Er dient auch nicht nur dem Gottesdienst, sondern er eröffnet den Freiraum auf das, was wir im Deutschen mit dem schönen Begriff „Muße“ bezeichnen.