"Ist der Irak-Krieg ein Religionskrieg?"

Beitrag von Bischof Joachim Wanke in der "Thüringer Allgemeinen"

Unter der Ü;berschrift "Nur ein Zerrbild" schrieb der Erfurter Bischof Joachim Wanke in der "Thüringer Allgemeinen" vom 2.4.2003 zur Frage: Ist der Irak-Krieg ein Religionskrieg?


Um es gleich eindeutig zu beantworten: Nein. Er ist es nicht und er darf es nicht sein. Wer ihn zum Krieg zwischen Christentum und Islam macht, ist entweder naiv oder er will provozieren.


Der Irakkrieg hat seine Ursache in einer unterschiedlichen Einschätzung der Sicherheitslage in der Welt. Die USA und andere Staaten meinen, dass die Verbindung von Raketentechnik mit Chemie-Waffen in der Hand von unberechenbaren, skrupellosen Diktatoren nicht geduldet werden kann. Daher die militärische Intervention. Andere Staaten wie etwa Frankreich und Deutschland meinen, man müsse diese potentielle Bedrohung durch politischen Druck und Zwangskontrollen des UN-Sicherheitsrates lösen. Aber was tun, wenn der Sicherheitsrat seine eigenen Resolutionen nicht durchsetzen kann?


Die Zukunft der weltweiten Staatengemeinschaft liegt in einer globalen freiheitlichen Friedensordnung. Diese Ordnung darf freilich kein zahnloser Tiger sein. So wie in den vergangenen Jahrhunderten das Gewaltmonopol mühsam von dem Einzelnen bzw. von Gruppen auf die staatliche Autorität übertragen wurde, so bedarf in Zukunft die Weltgemeinschaft eines gemeinsam vereinbarten Gewaltmonopols. Das sollte bei der UNO und ihrem Sicherheitsrat liegen. Auch wenn der Weg bis dahin noch weit ist, gibt es dazu keine Alternative. Die Völkergemeinschaft muss lernen, gemeinsam ihre Zukunft zu sichern. Das darf allerdings keine Zukunft sein, in der es eine Drei-Klassen-Gesellschaft von Staaten gibt: Fortschrittsgewinner, um ihre Zukunft Kämpfende und Verlierer, die von vornherein keine Chancen haben. Der Friede muss auf einer gerechten Weltordnung aufruhen, sonst wäre er ein fauler Friede.


Die politische Auseinandersetzung um eine gerechte und friedliche Weltordnung wird durch die Verschiedenheit der Kulturen und Religionen kompliziert. Es ist eine Urversuchung der Menschen, sich Gott (oder was sie dafür halten) für eigene Zwecke nutzbar zu machen. Die japanischen Kamikaze-Flieger im 2. Weltkrieg gingen für ihren Gott-Kaiser in den Tod. Die Kreuzritter im Mittelalter meinten dem Gott Jesu zu dienen, wenn sie gegen die Muslime (und manchmal auch gegen die christlichen Griechen!) kämpften. Jeder für nationale oder sonstige eigene Interessen benutzte Gott ist ein Zerrbild Gottes. Alle Staatsführer stehen vor der Herausforderung, Gott größer zu denken als z. B. ihre jeweilige nationale Sicherheitslage dies gerade erfordert. Das gilt auch für den derzeitigen amerikanischen Präsidenten. Gott ist immer auch ein Gott des potentiellen Gegners, der freilich Gottes Anspruch und Gebot ebenso verpflichtet ist wie der mögliche Kontrahent.


Beim Treffen der Religionsführer am 24. Januar 2002 in Assisi hat Papst Johannes Paul II. in seiner Ansprache betont, dass "die religiösen Traditionen die notwendigen Ressourcen besitzen, um die Spaltungen zu überwinden und gegenseitige Freundschaft und Respekt unter den Völkern zu fördern." Er stellte fest, "dass tragische Konflikte oft von der falschen Verquickung von Religion und nationalistischen, politischen, wirtschaftlichen und sonstigen Interessen herrühren." Und sehr grundsätzlich formulierte er sodann den Grundsatz: "Wer immer die Religion dazu benutzt, um Gewalt zu schüren, widerspricht ihrem tiefsten und wahren Wesen."


Es widerspricht nicht der christlichen Tradition in Zeiten großer Bedrängnis und großer Gefährdung um Gottes Schutz und Hilfe zu flehen. Aber diese Bitte muss einhergehen mit dem Willen und dem Wunsch zu einem gerechten Frieden, auch mit dem Feind. Die Selbstverteidigung und die militärische Abwehr einer Aggression ist das eine. Der Wille zu einem gerechten Frieden und dem Ausgleich von Interessen ist das andere.


Ich bin überzeugt, dass die Religionsökumene das Megathema des 21. Jahrhunderts werden wird. Die christlichen Konfessionen haben im letzten Jahrhundert mühsam gelernt, sich gegenseitig in Respekt und Offenheit zu begegnen. Ähnliches werden die großen Weltreligionen miteinander zu leisten haben. Das erfordert neben der erforderlichen Sachkenntnis große Geduld, Klugheit und auch Einfühlungsvermögen. Wissen wir wirklich, wie ein gläubiger Muslim denkt und fühlt? Ist uns bewusst, aus welchen religiösen Quellen ein Hindu lebt? Können wir einschätzen, welche Bedeutung Traditionen in einer buddhistisch geprägten Gesellschaft haben? Wir gehen oft zu unbedarft und zu einseitig "europäisch" an die Beurteilung von Verhaltensweisen und Gefühlslagen von Menschen und Völkern anderer Kontinente heran. Je näher wir uns auf der Welt gegenseitig "auf den Leib rücken", desto wichtiger wird das respektvolle Wahrnehmen des anderen in seiner kulturellen und religiösen Eigenprägung.


Das Gespräch der Religionen untereinander steht freilich noch sehr am Anfang. Aus der islamischen Welt wird manchmal der Vorwurf gegenüber dem Westen geäußert, dass die sogenannten christlichen Länder überhaupt nicht mehr christlich seien. Für mich gehört darum zu einem gelingenden Dialog der Religionen die Bereitschaft, selbst einen festen Standpunkt in der eigenen religiösen Tradition zu haben.


Wer den Kulturdialog fordert, ohne selbst kulturell ein Profil zu haben, wird kaum Gesprächspartner finden. Er wird einfach nicht ernst genommen. So ähnlich ist das auch beim Religionsdialog. Wir sollten den Muslimen in Deutschland z. B. so begegnen, dass wir einem überzeugten Islam und seiner Lebenssicht ein authentisches Christentum gegenüberstellen. Ich bin der Meinung: Aus solcher "Konfrontation" kann kein Krieg erwachsen. Denn beide Seiten nehmen dann gemeinsam den Gott in den Blick, der ein Gott aller Völker und Rassen sein will. Ich gebe zu: Da müssen wir Christen und wohl auch die Muslime noch kräftig dazulernen. Aber in den großen Religionen der Welt ist dieses das Heil aller Menschen einschließende Gottesbild vorhanden. Der Zug ins Universale ist im Gottesgedanken selbst begründet. Darauf beruht meine Hoffnung, dass gerade die Religionen dazu beitragen werden, der gegenseitigen Verständigung der Völker und Kulturen einen Weg zu bereiten.


Ü;brigens: Vom 7.-9. September 2003 findet ein Treffen von Religionsführern aus aller Welt in Aachen statt, organisiert von der Gemeinschaft Sant?Egidio. Das ist nach meinem Urteil ein besserer Beitrag zum Weltfrieden als Kanonen vor Bagdad.



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