Es ist mir eine große Ehre hier in Erfurt zu sein und an der Fastenaktion teilzunehmen. Ich bin Heba Al Basha und arbeite beim Flüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS) in Libanon.
Der JRS ist seit 2008 im Nahen Osten tätig. Seine Mission ist es, Flüchtlinge und Binnenvertriebene zu begleiten, zu unterstützen und zu verteidigen.
Am 15. März 2011 begann der Krieg in Syrien, der inzwischen als der zweittödlichste Krieg des 21. Jahrhunderts gilt. Libanon verfolgte während der ersten Jahre eine Politik der offenen Grenzen. Syrische Flüchtlinge wurden auf libanesischem Boden aufgenommen, sofort registriert und erhielten Dokumente und Zugang zu Basisdienstleistungen.
Im Oktober 2016 lebten im Land laut Schätzungen der Regierung außer der eigenen Bevölkerung von über 4 Millionen Menschen 1,5 Millionen Syrer, 27.700 palästinensische Flüchtlinge aus Syrien, die während der Krise nach Libanon kamen, sowie 180.000 bereits zuvor dort lebenden Palästinenser auf einer Fläche von 10.425 km2 (zum Vergleich: Das Bundesland Thüringen ist 1,6 Mal größer). Damit ist Libanon das Land mit der größten Anzahl an Flüchtlingen pro Kopf weltweit.
Am 6. Mai 2015 setzte das UNHCR die Registrierung syrischer Flüchtlinge auf Wunsch der libanesischen Regierung aus.
Am 31. Dezember 2019 gab es in Libanon 914.500 registrierte Syrer. Nicht in der Zahl inbegriffen sind die nicht registrierten syrischen Flüchtlinge, wahrscheinlich mehr als 500.000, von denen 40% in der Bekaa-Ebene leben.
Wenn man das Jahr 2019 mit einem Wort beschreiben wollte, dann wäre dieses Wort sicher „Herausforderungen“. Alles begann mit dem Sturm Norma, der zu Überflutungen in vielen der informellen Flüchtlingssiedlungen führte. Am 25. Mai ordnete dann der Hohe Verteidigungsrat an, alle festen und halbfesten Konstruktionen in informellen Flüchtlingslagern landesweit abzubauen. Außerdem wurden Razzien durchgeführt gegen Syrer, die keine gültigen Aufenthaltspapiere vorweisen konnten. Im Juni 2019 kündigte das Arbeitsministerium die Durchsetzung der libanesischen Arbeitsgesetzgebung an. Zwei Monate lang zeigte sich die Regierung sehr strikt mit dieser Politik, und Unternehmen, die Nicht-Libanesen beschäftigten, mussten Strafen von bis zu 5 Millionen Libanesische Pfund (etwas über 3000 Euro, eine immense Summe für kleine und mittelständische Unternehmen) bezahlen.
2019 verschlechterte sich auch die wirtschaftliche Situation im Land drastisch. Nach dem 17. Oktober kam es zu einem Preisanstieg der meisten Produkte einschließlich der Basisgüter um 40 bis 70%, zur Abwertung des Libanesischen Pfund sowie zu Restriktionsmaßnahmen von Seiten der Banken.
Die Programme des JRS sind hauptsächlich an Kinder gerichtet, und einer unserer Schwerpunkte ist Bildung. Im Januar 2014 führte das Bildungsministerium an den staatlichen Schulen eine Nachmittagsschicht für Flüchtlingskinder ein, um dem steigenden Bedarf zu begegnen.
Doch trotz dieser Initiative gingen im Schuljahr 2018/2019 58% der Kinder nicht zur Schule. Deswegen unterhält der JRS 8 Schulen in Libanon: 6 davon in der Bekaa-Ebene (3 Schulen in Bar Elias und 3 weitere in Baalbek) sowie 2 an der Küste. Der JRS verfolgt einen ganzheitlichen Bildungsansatz: Unsere Bildungsangebote sind hochwertig, denn Flüchtlingskinder haben ein Recht auf Bildung. Unsere Programme werden regelmäßig evaluiert, und unsere Lehrer und Schulleiter werden ständig weitergebildet. Dennoch können unsere Schüler nur dann von einer hochwertigen Bildung profitieren, wenn ihr körperlicher Zustand angemessen ist. Deshalb erhalten sie bei uns Mahlzeiten und Schulstart-Sets mit den nötigen Schulmaterialien und Kleidung, werden gegebenenfalls mit Schulbussen zur Schule und wieder nach Hause gebracht, und wir bieten unseren Schülern gute hygienische Bedingungen und psychosoziale Unterstützung.
In Bekaa lernen alle unsere Schüler (Alter 5-14 Jahre) nach dem offiziellen libanesischen Lehrplan und erhalten auch offizielle Zeugnisse vom Bildungsministerium, während unsere beiden Schulen in Mount Lebanon sowohl in den Bereichen frühkindliche Bildung sowie Vermeidung des Schulabbruchs durch Lernhilfen und Freizeitaktivitäten mit dem Bildungsministerium zusammenarbeiten. Unsere fünfjährigen Schüler erhalten am Ende des Schuljahres ein offizielles Zeugnis des Bildungsministeriums, das ihnen den Besuch einer staatlichen Schule ermöglicht. Insgesamt sind in unseren 8 Schulen 3.638 Schüler eingeschrieben.
An all unseren Schulen stehen Sozialarbeiter zur Verfügung, die die Schüler – und wenn nötig auch die Eltern – durch Beratung betreuen.
Zum Frans van der Lugt-Projekt in Bourj Hammoud, einem Viertel in Beirut, wo sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts armenische Flüchtlinge niedergelassen hatten, gehört ein speziell an Jugendliche gerichtetes Programm, den Jugendclub. Außerdem beschäftigten wir Teams, die die Flüchtlinge zu Hause besuchen und sie dort betreuen, etwa indem sie Lebensmittel und Hygienesets verteilen.
Um die Widerstandsfähigkeit der Flüchtlinge zu stärken und auch die Kenntnisse der Erwachsenen zu verbessern, unterhalten wir drei Sozialzentren, wo wir berufsbildende Kurse und Schulungen in Lebenskompetenzen anbieten. Sozialarbeiter stehen für die Einzel- und Gruppenberatung zur Verfügung.
Unser fünftes Projekt, das in ganz Libanon durchgeführt wird, ist ein Programm für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung. Ziel ist es, das Wohlbefinden von unter Traumata und anderen psychischen Gesundheitsproblemen leidenden Flüchtlingen durch den Zugang zu psychologischer und psychiatrischer Behandlung zu verbessern und JRS-Mitarbeiter zu schulen und mit den notwendigen Kompetenzen und Kenntnissen auf diesem Gebiet auszustatten.
JRS-Programme zielen darauf ab, gefährdete Menschen zu schützen. Unsere Schulen bieten den Schülern durch strenge Kinderschutzmaßnahmen Sicherheit. Die Erfahrung zeigt, dass der Schulbesuch zu weniger Kinderarbeit führt, weniger Kinderehen und weniger verbalem und körperlichem Missbrauch.
Wir entwickeln Sensibilisierungskurse zu diesen Themen sowie zu Menschenrechten und Schutz. Nicht zuletzt handelt der JRS sehr umsichtig, um sicherzustellen, dass unsere Advocacy-Arbeit keine negativen Folgen für diejenigen hat, mit denen wir arbeiten und sich nicht negativ auf unsere Fähigkeit auswirkt, sie zu unterstützen.
Ein Schlüsselinstrument der Advocacy-Arbeit des JRS ist die gemeinsame Arbeit mit Initiativen und Konsortien, die sektorübergreifende strategische Arbeit leisten, um Bedrohungen für Sicherheit, Menschenwürde und Rechte zu bekämpfen.
Schlussendlich werden wir beim JRS von Papst Franziskus‘ vier Verben zur Migration geleitet: aufnehmen, schützen, fördern und integrieren. Ich kenne niemanden, der davon träumt, ein Flüchtling zu sein und sein Zuhause, seine Erinnerungen und manchmal seine Familie zurückzulassen. Wir aber träumen weiter, beten, hoffen und arbeiten für eine bessere Zukunft, in der Flüchtlinge sicher und freiwillig in ihre Heimatländer zurückkehren können. Unterdessen wird der JRS sie weiterhin unterstützen, und unsere Türen sind weit geöffnet, solange Flüchtlinge in Not sind.
Zum Abschluss möchte ich den 250 Mitarbeitern des JRS-Teams in Libanon danken, die ihre Zeit und ihre Kraft einsetzen, um am Aufbau einer besseren Zukunft für eine junge Generation an Syrern mitzuhelfen. Ebenso möchte ich den Flüchtlingen danken, von denen wir jeden Tag aufs Neue lernen können, was Widerstandsfähigkeit und Hoffnung bedeuten.

Heba Al Basha im Gespräch mit Bischof Ulrich Neymeyr und Pirmin Spiegel

