Ich glaube an Gott, den Schöpfer

Schöpfungslehre als Herausforderung für Glaube und Vernunft. Vortrag von Bischof Joachim Wanke


Bischof Wanke: Schöpfungslehre als Herausforderung für Glaube und Vernunft

Im Folgenden ist ein Vortrag von Bischof Joachim Wanke dokumentiert, den er bei einer Tagung der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt am 17. Oktober 2008 in Jena gehalten hat.

Die Tagung stand unter dem Thema Evolutionstheorie und Kreationismus - ein Gegensatz.

Am Ende dieser Seite findet sich zum Herunterladen eine pdf-Version des Vortrages, die auch die wissenschaftlichen Fußnoten enthält.





"Der Glaube sagt wohl aus, was die Sinne nicht sagen,

nicht aber das Gegenteil dessen, was diese wahrnehmen.

Er steht darüber, nicht dagegen."

Blaise Pascal, Pens?es frgm. 459 (ed. H.U.v. Balthasar)




1. Vorbemerkungen


Die Wichtigkeit des Anfangs


Ein Mönch in den Schreibstuben des Mittelalters betonte bekanntlich den ersten Buchstaben eines Textes in herausragender Weise. Die Initiale, Ausdruck von Anfang und Vorrang, fungierte gleichsam als Fanal. Die Wichtigkeit des Anfangs gilt aber nicht nur für einen Text oder ein Buchkapitel, sondern in grundsätzlicher Weise bis heute für das menschliche Leben. Wer nicht auf den Anfang schaut, dem ist auch der Blick auf das Ende verstellt. Beides gehört irgendwie zusammen. Im Alltäglichen richten wir uns lieber im Jetzt, in der Gegenwart ein. Dennoch bleibt, nicht nur in der Wissenschaft, die Suche nach den Anfängen, nach dem Warum, aber auch nach dem Wozu und dem Wie lange ein unausrottbares Motiv menschlichen Fragens und Forschens.


Gleiches scheint mir für die Religion zu gelten. In kaum einer Religion fehlt ein Schöpfungsmythos, ja vielleicht kann man Religion sogar als narrative Antwort auf die Frage "Warum ist da nicht Nichts?" verstehen.


So nehmen auch im Judentum und daran anschließend im Christentum die Erzählungen des Anfangs einen gewichtigen Raum in der biblischen Ü;berlieferung ein. Sie gehören immer noch zum religiösen Grundwissen unserer säkularen Gesellschaft. Wozu dies gut ist und warum jedes Kind etwas von Adam und Eva und den ersten Genesiskapiteln wissen sollte, wäre unseres gemeinsamen Nachdenkens wert.


Auch die Bedeutungsgeschichte für die sprachliche Entwicklung der Wörter "Schöpfung" und "Schaffen" sowie ihre Abgrenzung zu den Begriffen "Erfindung" und "Finden" sind prägende Elemente der Kulturgeschichte. George Steiner hat mit seinem Buch "Grammatik der Schöpfung" in einzigartiger Weise diese Dimension unserer Rede von Schöpfung aufgezeigt.


Wir kommen also um die Frage nach den Anfängen des Menschen als Vernunftwesen und, das darf ich für mich sagen, als eines an Gott glaubenden Menschen, nicht herum.



Ein neuer Atheismus


Gegenwärtig lassen sich Vorboten eines "Neuen Atheismus" aufzeigen. Namen wie Richard Dawkins, Bernulf Kanitscheider und Michel Onfray sollen hier nur beispielhaft genannt sein. Ich vermute, dass diese Art von Polemik, die bisher noch keinen wissenschaftlichen Tiefgang erreicht hat, bis zum Jahr 2009, dem Jahr des 200. Geburtstages von Charles Darwin, noch zunehmen wird.


Sowohl in den Uraltklischees einer Vulgäraufklärung als auch in ernsthafteren philosophischen Auseinandersetzungen über die Existenz Gottes ist freilich ein durchgängiger Trend erkennbar: die sogenannten Gottesbeweise und die Theodizee-Frage rücken wieder neu in den Mittelpunkt des Interesses. Frühere theologische Argumentationen, die allzu einfach die geistigen Dimensionen des Menschen als Grundlage für Gottesbeweise genommen hatten, werden nun naturalistisch gewendet, gleichsam als evolutionäre Belege für die Nichtexistenz Gottes.


Das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von naturwissenschaftlichem und theologischem Fragen steht neu auf der Tagesordnung. Und zudem: Wenn die "Erzählung von der Schöpfung" zum grundlegenden Bestand der menschlichen Kulturgeschichte gehört, sollte das Bemühen um das Verstehen dieser elementaren Symbolsprache der Menschheit nicht allein den Theologen überlassen bleiben.



Ein Regensburger Anstoß


Schon Johannes Paul II. beschrieb in seiner Enzyklika "Fides et ratio" (1998) ein wachsendes Misstrauen gegenüber der Vernunft. Er rief dazu auf "... dass Glaube und Philosophie die tiefe Einheit wieder erlangen sollen, die sie dazu befähigt, unter gegenseitiger Achtung der Autonomie des anderen ihrem eigenen Wesen treu zu sein."


Benedikt XVI. hat in seiner Rede in der Regensburger Universität am 12. September 2006 diese Ü;berlegungen weitergeführt. Er betonte, dass die Religion vernunftgeleitet sein und bleiben muss, um nicht dem Fundamentalismus Tür und Tor zu öffnen. Auf die Wirkungsgeschichte der Regensburger Rede innerhalb des Dialogs der Religionen, aber auch innerhalb des evangelisch-katholischen Dialogs kann ich hier nicht eingehen. Die Aussagen des Papstes über die Synthese von Glauben und Vernunft greifen aber weiter. Die vom Papst geforderte Synthese von Vernunft, Glaube und Leben ist deshalb so wichtig, weil sie hilft, sich allen Totalitarismen zu verweigern. Das betrifft den blanken Naturalismus mancher Naturwissenschaftler und Philosophen ebenso wie die buchstäbliche Schriftauslegung mancher religiöser Fundamentalisten. Geht man von der naturalistischen Deutungshoheit aus, folgt aus dem legitimen methodischen Atheismus der Naturwissenschaft ein anthropologischer. Ist die buchstäbliche Schriftauslegung der Ausgangspunkt, dann folgt nach derselben Logik, dass die gängige Naturwissenschaft falsch sein muss.


Ein Glaube an die Allzuständigkeit der Naturwissenschaft für die Welterklärung hat wenig für sich. Wäre diese Allzuständigkeit wahr, dann müssten sich auch alle Geisteswissenschaften, alle Ethik, alle Rechtsphilosophie und auch die Interpretation von Kunstwerken auf Physik und Biologie reduzieren lassen. Wissenschaft kann also nicht allein auf Naturwissenschaft reduziert werden, und Wahrheit nicht allein auf naturwissenschaftlich gesicherte Fakten. Dass hätte zur Folge, dass "die eigentlich menschlichen Fragen, die nach unserem Woher und Wohin, die Fragen der Religion und des Ethos dann nicht im Raum der gemeinsamen ... Vernunft Platz finden (können) und ins Subjektive verlegt werden (müssen)."


Wie dieses Verhältnis von Glauben und Vernunft im Blick auf das Werden des Seins und unseres Lebens ein wenig überwunden werden kann, darüber möchte ich gern mit Ihnen nachdenken.



2. Ich glaube an Gott, den Schöpfer


Um die Schöpfungstheologie ist es seit den Auseinandersetzungen um das Problemfeld Naturwissenschaft und Glaube in den 60er Jahren etwas stiller geworden. Ich erinnere mich, wie wir als junge Christen im Osten Deutschlands uns damals intensiv mit den Thesen des dialektischen Materialismus auseinandersetzen mussten. Dieser suchte bekanntlich seinen Atheismus sehr kämpferisch naturwissenschaftlich, nicht zuletzt auch mit Hinweis auf Ernst Haeckel, zu begründen. Das sind alles Kämpfe von gestern, die freilich, wie eingangs erwähnt, derzeit in veränderter Gestalt wieder neu aufflammen.


Die treibenden Kräfte des sogenannten Kreationismus, der - in unterschiedlicher Intensität - den biblischen Schöpfungsaussagen naturwissenschaftliche Geltung zu schaffen sucht, kommen aus einem anderen gesellschaftlichen Hintergrund. Die Anfänge liegen in einem sehr buchstäblichen Schriftverständnis der amerikanischen Pilgerväter. Erst in neuerer Zeit (Februar 1925 Anti-Evolutionsgesetz im US-Staat Tennessee!) wurde aus dem Kreationismus eine öffentliche Bewegung. Der Streit um das rechte Verhältnis von Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube hält bis in unsere Tage an, wobei häufig die unterschiedlichen Geltungsbereiche der naturwissenschaftlichen und biblischen Aussagen durcheinander geworfen werden.


Der Kreationismus spielt, wenn ich es richtig sehe, in Deutschland bisher kaum eine Rolle. Ausnahmen gibt es. Als Kuriosum berichtet die Wochenzeitschrift "Die Zeit" vom 5. Juni 2008 von den Planungen zu einem biblischen Themenpark in der Nähe von Heidelberg durch den Schweizer Verein ProGenesis. Gelegentlich trifft man auf die Forderung nach einer "gleichberechtigten Darstellung" (was immer das meint) von Evolutionstheorie und Schöpfungslehre. Hier ist meist die Einordnung von Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in die schulische Bildung das besondere Feld der Auseinandersetzung.


Seit den 90er Jahren macht nun die Rede vom Intelligent Design auf sich aufmerksam. Deren Vertreter setzen besonders bei der Problematik des Prinzips Zufall in der evolutionären Entwicklung des Lebens an. Das Grundargument lautet: Kein design ohne mind! Doch ist aus der Tatsache, dass wir nicht wissen, wie die Evolution im Einzelnen verlaufen ist, nicht der Schluss zu ziehen, dass eine evolutive Entwicklung ohne das ständige Eingreifen einer schöpferischen Intelligenz, also allein aufgrund zufallsbasierter Mutationen nicht denkbar wäre. Die Ordnungsvorstellungen der modernen Physik beispielsweise kommen ohne das Denken des Zufalls nicht aus. Es ist - um es scherzhaft zu sagen - doch möglich, dass Gott würfelt! Man kann den Zufall durchaus als Vehikel der Schöpfertätigkeit Gottes ansehen, ohne zu dekretieren, dass der Zufall keinen Referenzrahmen von Teleologie, also von Zweckbestimmtheit haben dürfte. Hier ist theologisches Denken freier als ein Denken, das den Zufall absolut, also ohne einen gegebenen Kontext denken muss. Kann man wirklich sicher sein, dass Zufälle niemals einer Regularität folgen? Gibt es dafür objektive Kriterien? Zufälligkeit von Mutationen in der Evolution sind an sich kein Argument gegen die Schöpfertätigkeit Gottes.


Andreas Weber hat jüngst eine Besprechung neuerer Literatur über Darwin und die biologische Evolution mit den Sätzen beschlossen: "Biologen beginnen, neben dem Zufall, den Darwin in die Biologie holte, neben dem objektiven Gesetz, das die Physiker vererbt haben, die dritte notwendige Komponente von Lebendigkeit zu verstehen: Freiheit ... Darwins bleibende Größe beruht darauf, dass er diesen Wandel (sc. innerhalb des Lebens) sah, dass er für die Organisation des lebenden Seins keinen Ingenieur annahm, sondern eine Potenz der Materie selbst, ... Seine Tragik besteht darin, dass er diese kreative Potenz des Kosmos in einem Prinzip des 19. Jahrhunderts einsperrte: im Dogma des Fortschritts, der Optimierung, der Auslese durch Konkurrenz seine große Idee verdarb. Mit Darwin hatten die Biologen ihren Newton. Nun warten sie auf einen Einstein."


Genauso kurz wie die Deutungsversuche evolutiver Phänomene des Lebens durch Vertreter des Intelligent Design greifen freilich auch Aussagen mancher Autoren, die aus der Tatsache, dass die Mehrheit der Naturforscher ungläubig sei, den Atheismus naturwissenschaftlich begründen wollen. Hier zeigt sich wieder eine mangelnde wissenschaftstheoretische Reflexion und eine mangelnde sprachliche Präzision, die das Gespräch zwischen Naturwissenschaft und Theologie erschwert. Es könnte für Naturwissenschaftler eine interessante Frage sein, ob sie gegebenenfalls nicht nur von fundamentalreligiösen Denkschulen instrumentalisiert werden, sondern auch von solchen, die aus der Naturwissenschaft einen wissenschaftlich begründbaren Atheismus machen wollen.


Katholische Theologie und Philosophie sind - und dies ist schon eine Erkenntnis des mittelalterlichen Philosophen Thomas von Aquin - gegenüber den evolutionären Mechanismen von Mutation und Selektion offen. Ohne Kenntnis der heutigen naturwissenschaftlichen Fakten formuliert Thomas von Aquin: "Die Wirkung der göttlichen Vorsehung besteht nicht allein darin, dass etwas auf irgendeine Art und Weise erfolgt, sondern darin, dass etwas entweder zufällig oder notwendig erfolgt. Darum folgt das unfehlbar und notwendig, was die göttliche Vorsehung so fügt, dass es unfehlbar und notwendig sich ereignet; und das erfolgt zufällig, was der Plan der göttlichen Vorsehung so enthält, dass es zufällig sich ereignet".


Eine von Rom eingesetzte internationale theologische Kommission stellt fest: "... jeglicher evolutionäre Mechanismus, der kontingent ist, kann allein deshalb kontingent sein, weil er von Gott so hervorgebracht wurde." Dies steht als theologischer Hintergrund hinter der Aussage etwa von Teilhard de Chardin, dem französischen Jesuiten und Paläontologen: "Gott macht, dass die Dinge sich machen", oder hinter der Rede von der "Selbstüberbietung des Seins" bei Karl Rahner.


Genau betrachtet handelt es sich bei Schöpfungsglaube und Evolutionsgedanken nicht nur um zwei verschiedene Fragen, sondern um zwei verschiedene Denkformen. Der Schöpfungsglauben betrifft die Differenz zwischen Nichts und Etwas, der Evolutionsgedanke hingegen zwischen Etwas und etwas Anderem. "Schöpfung charakterisiert das Sein als Ganzes .... Entwicklung hingegen beschreibt den inneren Bau des Seins."


Zur Klarheit bei diesen Fragen helfen folgende Ü;berlegungen. Man sollte drei grundlegende und legitime Perspektiven auf die Wirklichkeit unserer Welt unterscheiden. Diese bringen drei Dimensionen dieser Wirklichkeit in den Blick, die freilich zueinander in Beziehung gesetzt werden müssen.

  • Die empirisch-einzelwissenschaftliche Perspektive, speziell in der Naturwissenschaft, sucht das faktisch Gegebene zu erklären. Sie verfährt dabei gemäss der ersten Frage des "Vernunftinteresses" nach Kant: "Was können wir wissen?" Fragen nach Sinn und Zweck bleiben hier z. B. in bewusster methodischer Selbstbeschränkung ausgeblendet.

  • Die philosophisch-anthropologische und lebenspraktische Perspektive sucht die Bedeutung der erforschten Phänomene für gelingendes menschliches Leben zu verstehen. Es geht um das Wesen der Dinge und deren Integration in unsere Lebenswelt, gemäss der zweiten Frage Kants: "Was sollen wir tun?" Die Frage etwa: "Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?" bringt diese Perspektive humorvoll auf den Punkt. Heisenberg hat einmal gefragt, ob es stimmt, dass die objektive Seite der Dinge wirklicher ist als die subjektive.

  • Die religiöse und theologische Perspektive schließlich sucht die verschiedenen Wirklichkeitsphänomene als Symbole des Transzendenten und damit in ihrer Bedeutung für das Heil des Menschen zu betrachten. Ich verweise etwa auf die Art, wie die Psalmen auf die Schöpfungswirklichkeit schauen (Psalm 8 u.a.). Der Glaube und das theologische Fragen verfährt grosso modo nach der dritten Frage Kants: "Was dürfen wir hoffen?". Es geht um die Beziehung aller Dinge zu ihrem transzendenten Woher und Woraufhin. Es geht gleichsam um eine "sakramentale Kontemplation" der Wirklichkeit, um Suche nach letztgültigem Heil und einer Sinnerfahrung, in der auch die Begrenztheiten und Negativitäten des Daseins aufgehoben werden können. Natürlich kann man solche Fragen als sinnlos abtun und sich mit der Absurdität des Seins abfinden. Die Frage: "Warum gibt es eigentlich in allem immer zu wenig?" lässt freilich auch nichtreligiöse Zeitgenossen erahnen, worum es bei dieser religiösen Sichtweise geht.

Es gilt bei unseren Ü;berlegungen immer diese Multiperspektivität im Blick zu behalten. Diese unterschiedlichen Perspektiven dürfen freilich nicht beziehungslos nebeneinander stehen bleiben. Sie müssen zueinander in Beziehung gesetzt werden. Erst in ihrer Komplementarität bilden sie einen unverzichtbaren Dienst an der Humanität einer Kultur.


Keinesfalls darf der Theologe versuchen, den Schöpfungsglauben sozusagen in die Evolutionslehre einzubauen. Naturwissenschaftler können mit Recht die Idee einer göttlichen Schöpfung für sich als methodisch unbrauchbar bezeichnen und zugleich dafür offen sein, ob nicht die geweitete Problemstellung des philosophischen Fragens und auch des Glaubens an sich berechtigt und möglich sind. Von einem konkreten und engen Wissenschaftsbegriff her, mag man die Aussagen des Glaubens als außerwissenschaftlich ansehen. Aber man darf kein grundsätzliches Frageverbot erlassen. Wer vor dem Mysterium der Schöpfung die Augen verschließt, der liefert sich dem Narkotikum des Sekundären aus. Die umfassenden Fragen werden für den Menschen, der, wie Papst Benedikt XVI. sagt, "im Angesicht des Letzten existiert", immer unerlässlich sein und bleiben. Deswegen unsere obige Warnung vor einem zu engen Vernunftverständnis.


Der Frankfurter Theologe Medard Kehl mahnt an, dass eine christliche Schöpfungstheologie gut beraten ist, die naturwissenschaftlichen Fakten der Lebensentstehung und Lebensentwicklung immer neu zur Kenntnis zu nehmen. Und zwar nicht allein, um formallogische Widersprüche zwischen beiden Bereichen zu beseitigen, sondern auch um nach der Bedeutung dieser Fakten für den Menschen, seine Kultur und sein Heil zu fragen. Er gebraucht das Bild einer Kolorierung einer Schwarz-Weiß-Zeichnung. Diese kann in ihren Konturen und Linien nicht verändert werden, wohl aber durch eine gelungene Farbgebung in ihrer Aussage eindrucksvoller werden.


Rudolf Kippenhahn, bis 1991 Direktor des Max Planck Instituts für Astrophysik in Garching schreibt in einem Aufsatz der "Zeit" (vom 26. Juni 2008): "Vielleicht wird der Mensch einmal auch die Erstehung des Lebens aus unbelebter Materie im Rahmen der Naturgesetze verstehen. Wäre dann kein Gott mehr nötig, weil alles erklärt ist? Aber woher kommen die Naturgesetze? Sind sie am Ende gottgegeben? Sind sie wie in einem Gesetzbuch gesammelt, dessen einzelne Paragrafen wir im Laufe der Zeit begreifen lernen? Oder schaffen wir uns die Naturgesetze selbst, um uns in einer chaotisch erscheinenden Welt einigermaßen zurechtzufinden? Vor diesen Fragen stehen wir genauso ratlos wie der alte Germane vor dem Gewitter."


Und abschließend zu diesem Punkt noch eine andere Stimme aus der Gegenwart, George Steiner: "Molekularbiologie kann vielleicht in naher Zukunft den Faden entwirren, dessen Anfang der des Lebens ist. Nichts ... kann die Tatsache entwaffnen, geschweige denn erhellen, dass die Welt ist, während sie auch hätte nicht sein können, die Tatsache, dass wir darin sind, während wir das auch nicht hätten sein können. Der Kern unserer menschlichen Identität ist nichts Größeres oder Geringeres als die zufällige Wahrnehmung der radikal unerklärlichen Gegenwart ... des Geschaffenen."



3. "Nach seinem Bild schuf er ihn"


Die Menschwerdung ist in besonderer Weise für den Theologen bedeutsam, weil hier zentrale philosophische und theologische Fragen ihr Fundament haben, aber auch weil gesellschaftliche Fragestellungen von heute, etwa die Frage nach Menschenwürde und Menschenrechten, hier vorentschieden werden.


Ü;ber lange Jahre bot sich für den Theologen eine relativ einfache Lösung an. Während der Leib des Menschen durchaus ein Produkt der Entwicklung sein kann, könnte der Geist nur auf einen direkten Schöpfungsakt zurückgehen. Diese Lösung befriedigt aber weder den Theologen noch den Naturwissenschaftler. Die Trennung zwischen Leib und Geist bzw. Seele wird weder den anthropologischen Aussagen des Glaubens noch denen der Naturwissenschaft gerecht.


So stellt sich für den Theologen wiederum die Frage: Ist die Vorstellung eines evolutionären Werdens des Menschen mit dem Gedanken seiner Erschaffung durch das Wort vereinbar? Es ist einzuräumen, dass die Wirkung einer "buchstäblichen Exegese" der Genesis-Texte eine tiefere Einsicht in die theologische Wahrheit dieser Bibelaussagen erschwert hat. Naturwissenschaftler und Theologen mussten beide mühsam lernen, dass für die Bibel Glaube und Weltbild nicht identisch sind. Der Glaube bedient sich bekanntlich schon in den zwei Schöpfungsberichten der Genesis unterschiedlicher Weltsichten.


Joseph Ratzinger hat einmal das Besondere der Erschaffung des Menschen aus der Sicht des Theologen so dargestellt:

"Die Behauptung, der Mensch sei in einer spezifischeren, direkteren Weise von Gott geschaffen als die Naturdinge, bedeutet, etwas weniger bildhaft ausgedrückt, einfach dies, dass der Mensch in einer spezifischen Weise von Gott gewollt ist: nicht bloß als ein Wesen, das "da ist", sondern als ein Wesen, das ihn kennt; nicht nur als Gebilde, das er gedacht hat, sondern als Existenz, die ihn wieder denken kann. ... Von da aus wird man geradezu eine Diagnose über die Form der Menschwerdung aufstellen dürfen: Der Lehm war in dem Augenblick zum Menschen geworden, in dem ein Wesen erstmals, wenn auch noch so verschattet, den Gedanken Gott zu bilden vermochte. Das erste Du, das - wie stammelnd auch immer - von Menschenm und zu Gott gesagt wurde, bezeichnet den Augenblick, in dem der Geist aufgestanden war in der Welt. Hier war der Rubikon der Menschwerdung überschritten. Denn nicht die Benutzung von Waffen oder von Feuer, nicht neue Methoden der Grausamkeit oder des Nutzbetriebs machen den Menschen aus, sondern seine Fähigkeit, unmittelbar zu Gott zu sein. Dies hält die Lehre von der besonderen Erschaffung des Menschen fest; darin liegt die Mitte des Schöpfungsglaubens überhaupt. Darin liegt auch der Grund, weshalb der Augenblick der Menschwerdung von der Paläontologie unmöglich fixiert werden kann: Menschwerdung ist das Aufstehen des Geistes, den man mit dem Spaten nicht ausgraben kann."


Schöpfung ist, wie wir gesehen haben, eine Aussage über die Abhängigkeit des Seins. Die Aussage: Der Mensch ist Geschöpf will sagen: Der Mensch ist von Gott gewollt. Jeder Mensch, nicht nur Adam als Realsymbol des ersten Menschen, ist von Gott "geschaffen". Es gibt eine Gottesunmittelbarkeit jedes Menschen. Das ist eine Aussage, die ein gewaltiges Potential für die Fragen nach der Begründung von Menschenwürde und Menschenrechten enthält. Der christliche Schöpfungsglaube wirbt bei allen, auch bei Nichtchristen dafür, im Menschen mehr als das Produkt von Erbanlagen und Umwelt zu sehen. Der Mensch ist ein Wesen mit einer unhintergehbaren Würde, aber eben deshalb auch einer nicht wegzudelegierenden Verantwortung.



4. Der Glaube der Kirche als "kulturelles Gedächtnis"


Habe ich dem Glauben zuviel Platz eingeräumt? Ich meine nicht. Eigentlich habe ich nur versucht, einer Forderung von Jürgen Habermas über das Verhältnis von säkularen Bürgern und religiösen Bürgern zu entsprechen. Religiöse Bürger müssen eine erkenntnistheoretische Einstellung zum Eigensinn säkularen Wissens und zum gesellschaftlich institutionalisierten Wissensmonopol wissenschaftlicher Experten finden - wenn ich das nicht versuchen würde, wäre ich heute nicht hier. Und zugleich müssen religiöse Bürger das Verhältnis von dogmatischen Glaubensinhalten und säkularem Weltwissen in einer Weise bestimmen, dass autonomer Erkenntnisfortschritt und heilsrelevante Aussagen nicht in Widerspruch geraten - und wenn ich das nicht versuchen würde, würde ich meinem Verkündigungsauftrag nicht gerecht werden. Dem Anliegen von Jürgen Habermas entspricht auch die Aussage Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede: "Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider."


Worin könnten diese von Habermas geforderten Ü;bersetzungsleistungen bestehen? Was könnte sozusagen der kognitive Gehalt der Schöpfungsbotschaft sein? Woran erinnert die Lehre von einer Gottebenbildlichkeit des Menschen (der Mensch als imago Dei) die säkulare Vernunft?


Lassen Sie mich abschließend einige solche, in der religiösen Sprache festgehaltene Aussagen formulieren:

- Der ganze Mensch ist als Bild Gottes geschaffen. Weder seine psychische, physische oder soziale Ausrichtung setzen Vorrechte und Bewertungsmaßstäbe.

- Er ist als Mann und Frau geschaffen. Menschen stehen in Beziehung zu einander, sie sind relationale Wesen.

- Den Menschen ist die Erde übergeben. Sie stehen in Verantwortung für sich, ihre Taten, aber auch für das ihnen Anvertraute.

- Die Erzählung des Sündenfalls erinnert uns an Fehlbarkeit und Schuldfähigkeit des Menschen, aber auch an die Möglichkeit eines Neuanfangs.


Es gibt einige Gründe, die mich persönlich von der Wahrheit des christlichen Schöpfungsglaubens überzeugen. Da wäre die erstaunliche Tatsache zu nennen, dass die Natur und die wichtigen physikalischen Grundkonstanten mathematisch beschreibbar sind, also eine Intelligibilität haben; auch zeigen mir die naturwissenschaftlichen Einsichten, zu denen Darwin mit beigetragen hat, wie "emergent", wie an Lebensenergie überschießend das Leben ist, also nicht allein auf physikalische Gegebenheiten und Gesetzmäßigkeiten reduzierbar. Vor allem aber gibt mir der Schöpfungsglaube die Begründung für ein ethisch verantwortliches Handeln auf dem Hintergrund eines umfassenden Sinnhorizontes, selbst dort, wo Sinn explizit geleugnet wird. Wie könnte man sonst Pädagoge sein - oder überhaupt einen Menschen lieben!


Nach dem Bild Gottes geschaffen zu sein gibt dem Menschen seine besondere Würde. Hier liegt der Schwerpunkt des christlichen Menschenbildes. Hier ist der Anker für die Verweigerung jeglicher Instrumentalisierung des Menschen. Das 2. Vatikanische Konzil spricht davon, dass der Mensch das einzige Geschöpf ist, das Gott um seiner selbst willen gewollt hat (vgl. die Pastoralkonstitution "Gaudium und spes" Nr. 24). Das erklärt die Zurückhaltung der Kirche bei allzu pragmatischen Antworten im Bereich der Bioethik, ganz gleich ob es den Anfang oder das Ende des Lebens betrifft.


Ich verstehe dies nicht als Setzung von Moral gegen eine entmoralisierte Welt - dies wäre zu einfach und würde zudem die Bemühungen von Forschung und Wissenschaft und auch nichtchristlicher Ethiker disqualifizieren. Aufgabe von Kirche ist es vielmehr, in diesem Diskurs "kulturelles Gedächtnis" zu sein. So verwirklicht sich auch in den Bereichen Wissenschaft und Forschung unsere Vorstellung von einer "Kirche für andere".



pdf-Version des Vortrages mit Fußnoten zum Herunterladen