Das neue Jahr mit einem Marienfest zu beginnen ist eine Tradition, die schon im 7. Jahrhundert in Rom zu finden ist und vermutlich auf byzantinischen Einfluss zurückgeht. Vermutlich wollte man damit dem ausgelassenen Neujahrstreiben gegensteuern.
1969 wurde mit der Kalenderreform der 1. Januar als Oktavtag von Weihnachten zu einem Marienfest. Eine Zeit lang wurde auch an diesem Oktavtag der Namensgebung Jesu gedacht, was Martin Luther stark betonte, der zu Predigten über die Beschneidung und Namensgebung Jesu am 1. Januar aufforderte.
Die katholische Tradition betont am heutigen Neujahrstag die Mutterschaft Mariens und alle Hinweise auf den Neujahrstag sind im Messbuch in Klammern eingefügt und könnte deshalb sogar unterbleiben. Die Mutterschaft Mariens ist also das zentrale Thema am Beginn des neuen Jahres und damit sowohl ein Fest mit einem theologischen Inhalt, der aber auch auf die Bedeutung der Frau generell bezogen werden kann, denn Mutterschaft ist vom Frausein wesentlich abhängig und die Mutterschaft Mariens hat Auswirkung auf die Anerkennung der Würde der Frau.
Derzeit gibt es viele Stimmen, die darauf drängen, diese Würde der Frau in der katholischen Kirche neu zu beleuchten. Ich freue mich, dass deshalb im Dokument des Generalsekretariates zur Vorbereitung der Synode 2023 in Rom, bei dem es um die synodale Struktur der Kirche geht, das Thema der Frau in der Kirche angesprochen wird.
„Mach den Raum deines Zeltes weit“ – so lautet aufgrund eines Zitates aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 54,2) das Dokument des Generalssekretariates der Synode. Dieses Dokument vom 24. Oktober 2022 fasst zusammen, was die Bischofskonferenzen der Welt an Themen nach Rom geschickt haben, über die bei der Synode in Rom 2023 gesprochen werden soll. Im Abschnitt 60 wird über mehrere Passagen das Thema „Teilhabe von Frauen neu gestalten“ besprochen.
Ich möchte aus dem Abschnitt 64 daraus zitieren:
„In fast allen Berichten (der Bischofskonferenzen) wird die Frage vollständiger und gleichberechtigter Teilhabe für Frauen aufgeworfen. ‚Dass die Bedeutung von Frauen im Leben der Kirche mehr und mehr anerkannt wird, eröffnet die Möglichkeit zu einer stärkeren, wenn auch begrenzten Teilhabe in den kirchlichen Strukturen und Entscheidungsbereichen‘ (Brasilianische Bischofskonferenz). Sie finden jedoch nicht zu einer einzigen, abschließenden Antwort auf die Frage, wie Frauen berufen, einbezogen und besser in Kirche und Gesellschaft zur Geltung gebracht werden können. In vielen Berichten wird, nachdem man in diesem Kontext aufmerksam zugehört hat, gefordert, die Kirche solle die Unterscheidung bei einigen spezifischen Fragen fortsetzen: die aktive Rolle von Frauen in den Leitungsstrukturen der kirchlichen Gremien, die Möglichkeit für Frauen mit entsprechender Ausbildung, in Pfarreien zu predigen, und das Diakonat für Frauen. Sehr viel unterschiedlichere Positionen sind zur Priesterweihe für Frauen zu hören, die man sich in einigen Berichten wünscht, während andere diese Frage als abgeschlossen betrachten.“
Besonders hingewiesen wird auf die Tatsache, dass seit Bestehen der weiblichen Orden Frauen als Äbtissinnen oder Oberinnen hohe Bedeutung und Anerkennung im Leitungsamt haben. Allein diese Erfahrung der Kirche muss Anlass sein, über die Frage der Frauen in den Leitungsämtern der Kirche nachzudenken.
Wir haben uns weiterhin schon daran gewöhnt, dass die Briefe des Apostels Paulus, in denen früher nur die Anrede „Brüder“ zu hören war, nun mit „Schwestern und Brüder“ beginnen. Wir gehen davon aus, dass der Apostel Paulus seine ganze Gemeinde mit Männern und Frauen im Blick hatte, als er seine Briefe schrieb, denn er richtet sich mehrheitlich an die Gemeinden, und diese bestanden natürlich aus Frauen und Männern. Bei der neuen Einheitsübersetzung hat man sich aber darauf geeinigt, dass nur einmalig am Beginn der Lesung Schwestern und Brüder angesprochen werden und während des Textes diese Veränderung nicht geschieht. Hier wäre es bisweilen auch nicht sinnvoll, zu erweitern, weil z.B. in unserer heutigen Lesung aus dem Galaterbrief, in der von einer Parallele zwischen Jesus Christus als Sohn und den Söhnen in der Gemeinde die Rede ist.
Und dennoch wird durch die heutige Feier des Hochfestes der Gottesmutter Maria ein starker Akzent auf die Frau gesetzt, die am Anfang des Heiles im Neuen Testament steht: Maria. Wir beginnen das neue bürgerliche Jahr mit einem Marienfest und bringen damit zum Ausdruck, dass wir uns den Anfang eines neuen Lebens ohne eine Frau nicht vorstellen können. Bei allem Wissen um das Besondere an der Jungfrau Maria bleibt doch die Tatsache ihres Frauseins und ihrer Mutterschaft, die ihr in den christlichen Kirchen zu großer Anerkennung – wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung - verholfen hat.
Beim Kennenlernen der Traditionen christlicher Kirchen gewinnen wir schon den Eindruck, dass in der byzantinischen Tradition die Bedeutung Mariens noch größer angesehen wird als in der römisch-katholischen Tradition und in der evangelischen Tradition eine gewissen Scheu zu bestehen scheint, Maria stärker in der Verehrung in den Blick zu nehmen, um nicht die Bedeutung Christi zu schmälern. Allein schon an der Auswahl der Bezeichnung Mariens erkennen wir den Unterschied: die byzantinische Tradition spricht eher von der „Gottesmutter Maria“, die römisch-katholische Tradition von der „heiligen Maria“ und die evangelische Tradition von „Maria“. Vielleicht gibt es auch Unterschiede innerhalb der Konfessionen, aber es lässt sich in diesen drei Bezeichnungen eine unterschiedliche Bewertung der Bedeutung Mariens erkennen.
Die Lesung aus dem Buch Numeri bleibt dabei, dass Gott nur zu Mose gesprochen hat und die Worte zum Segnen an Aaron und seine Söhne gerichtet sind. Es soll aber ein Segen für das ganze Volk Israel sein, d.h. auch die Frauen sind in den Segen eingeschlossen, wenn sie auch nicht als die Segnenden beauftragt werden.
Im Evangelium erleben wir Maria als die Frau, die das von den Hirten gehörte in ihrem Herzen bewahrt und abwiegt. „Sie erwog es in ihrem Herzen“ – das klingt wie ein Abwiegen von Bedeutung, um danach den Wert zu erkennen, der augenscheinlich nicht sofort erkennbar ist. Was bedeutet es schon, wenn Hirten, die zwar als Schutz für die Tiere von Bedeutung sind, aber sonst in der Gesellschaft am Rand stehen, Aussagen über die Worte von Engeln machen. Anders wurde schon bewertet, was die Weisen aus dem Morgenland sagten, denn sie hatten im Volk Bedeutung aufgrund ihrer Wissenschaft. So sind nun mal die Menschen. Maria aber erwog alles, was sie hörte – ohne Kommentar. Die Namensgebung Jesu erfolgt acht Tage nach der Geburt des Kindes und die Eltern geben dem Kind den Namen JESUS, wie es der Erzengel Gabriel angeordnet hatte.
Der Evangelist Lukas würdigt mit diesem Bericht die Bereitschaft Mariens, den Willen Gottes zu erfüllen – was sowohl die Mutterschaft als auch die Namensgebung betrifft. Dadurch wird die Bedeutung des Mannes nicht geschmälert, aber da wir Menschen nicht in der Lage sind, alle wichtigen Dinge gemeinsam zu denken und zu würdigen, braucht es Akzentsetzungen. Ich möchte aber betonen, dass es schon bedeutsam ist, wie die Kirche das neue Jahr beginnt und unter welchen Schutz sie damit das Ungewisse stellt, das uns in diesem neuen Jahr begegnen wird. Fragen der Gesundheit und der Politik bewegen uns in der Gesellschaft. Fragen der Struktur von Kirche bewegen uns in der katholischen Kirche und fordern uns heraus – und wie wir sehen: weltweit.
Das eingangs genannte Dokument des Generalsekretariates formuliert in der letzten Passage des Textes:
„In den Berichten bringt das Volk Gottes den Wunsch zum Ausdruck, weniger eine Kirche des Erhaltens und Bewahrens zu sein und mehr eine Kirche, die zur Sendung aufbricht.“
Beim Aufbrechen in die ungewisse Zukunft ist es gut, im Blick der Mutter zu bleiben. Mütter können das hervorragend! Zwar sind die Kinder kilometerweit weg entfernt, aber im Herzen der Mutter bleiben sie präsent. So erhoffen wir uns für unsere Kirche einen guten und gesegneten Weg in die Zukunft, auf dem uns der liebende Blick Mariens begleitet. Amen.
Lesungen: Num 6, 22-27; Gal 4, 4-7; Lk 2, 16-21