Grundstein für weitere Annäherung zwischen den Kirchen

Deutsche Kirchen würdigen 20 Jahre Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre

Bild: Peter Weidemann; in: Pfarrbriefservice.de

Mit einem zentralen Gottesdienst in der Stuttgarter Stiftskirche ist am 31. Oktober 2019 der 20. Jahrestag der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre am 31. Oktober 1999 in Augsburg gefeiert worden. Die Gemeinsame Erklärung stellt eines der bedeutendsten Dokumente der Annäherung der Kirchen weltweit dar. Im Gottesdienst wurde besonders die Entwicklung von einer bilateralen Einigung zwischen lutherischer und römisch-katholischer Kirche zu einem multilateralen Grundstein in der Ökumene gewürdigt. Die Gemeinsame Erklärung wird inzwischen von fünf Weltgemeinschaften der lutherischen, katholischen, methodistischen, reformierten und anglikanischen Konfession getragen. Auf einer Tagung im März 2019 in der Notre Dame University (USA) bekräftigten die Konfessionen, die gemeinsame Arbeit auf Basis der Erklärung weiter voranzutreiben.

Im Gottesdienst in Stuttgart wirkten Repräsentantinnen und Repräsentanten aller fünf Konfessionen aus Deutschland mit. Auch sie unterstrichen den Willen zur stärkeren Zusammenarbeit: Man wolle dem „gemeinsamen Zeugnis eine vermehrt sichtbare Gestalt geben, im Gottesdienst und Dienst am Nächsten, zusammen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit“, hieß es in der Liturgie. Ebenfalls wurde vorgeschlagen, um den 31. Oktober herum verstärkt Gottesdienste zum Taufgedächtnis und zur Feier der Rechtfertigung anzubieten. Damit griffen sie die Ergebnisse des internationalen Treffens in den USA auf.

Die Predigten hielten der Vorsitzende der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg), sowie der Vorsitzende des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes, der gastgebende Württemberger Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July.

In seiner Predigt fragte Bischof Feige, ob die Botschaft, dass Gott dem Menschen das Entscheidende schenke, nicht auch für die Menschen des 21. Jahrhunderts eine entlastende und befreiende Kraft sein könne. „Damit verbunden wäre ja: Löst euch von der zwanghaften Vorstellung, erfolgreich sein zu müssen. Macht euer Selbstwertgefühl nicht davon abhängig, wie andere euch sehen“, so Bischof Feige. Er fügte hinzu: „Anstatt krampfhaft um sich selbst zu kreisen, sollte es vielmehr immer neu darum gehen, den Lebensschwerpunkt auf Gott hin zu verlagern.“ Ausdrücklich betonte Bischof Feige, durch die Gemeinsame Erklärung sei deutlich geworden, dass die Christen verschiedener Konfessionen mehr verbinde als trenne. „Dazu gehört auch das neu erwachte Bewusstsein von der Gemeinschaft in der Rechtfertigungslehre. Heute können wir sagen, dass daraus sogar ein ökumenisches Erfolgsprojekt geworden ist.“  Diese Verbundenheit bedeute auch, dass „wir gemeinsam vor der Aufgabe stehen, diese christliche Kernbotschaft wachzuhalten, sie für unsere Zeit neu durchzubuchstabieren und mit Leben zu füllen. Wo wir dies tun, wird die sichtbare Einheit unter uns weiter gefestigt werden“. Dazu sei auch künftig ein engagiertes und beherztes Eintreten für den ökumenischen Weg gefragt, so Bischof Feige.

Landesbischof July blickte in seiner Predigt auf das Gleichnis vom Senfkorn. Er erinnerte an die Pionierinnen und Pioniere der Ökumene, die sich „trotz Verboten, trotz Kopfschütteln oder Verdächtigungen auf den Weg gemacht haben. Die den gemeinsamen Acker suchten und sich die Samenkörner zeigten“. Inzwischen sei das Miteinander der Kirchen viel selbstverständlicher, auch dank der Gemeinsamen Erklärung. „Sie lässt uns gemeinsam auf dem Feld das Senfkorn auswerfen, den Sauerteig beimischen, in einer sich wandelnden Gesellschaft vom Evangelium erzählen“, so July. Das Ziel der Ökumene sei aber immer noch, dass „einstmals jener Baum wächst, in dessen Schatten Gottes geliebte Kinder in Vielfalt, aber versöhnter Verschiedenheit, zusammenkommen, um am Tisch in gemeinsamer Mahlfreude auf das rechtfertigende und gewiss machende Wort des Herrn zu hören“, so July. „Ich selbst werde fortfahren, für eine vertiefte ökumenische Zusammenarbeit zu werben und zu beten. […] Ich wünsche mir, dass wir entschieden, fröhlich und vom Geist gestärkt den Pionierinnen und Pionieren der Ökumene in ihrem Bemühen und ihrer Arbeit nachfolgen. Das Jubiläum der Gemeinsamen Erklärung schickt uns neu auf den Weg.“

Von der Evangelisch-methodistischen Kirche wirkte Bischof Harald Rückert an dem Gottesdienst mit. Pfarrer PD Dr. Hans-Georg Ulrichs vertrat den Reformierten Bund und Canon Christopher Jage-Bowler den Council of Anglican and Episcopal Churches in Germany. Sie trugen Ausschnitte aus den Assoziierungserklärungen der drei Weltgemeinschaften zur Gemeinsamen Erklärung vor, die jeweils den besonderen Zugang zur Rechtfertigungslehre und der Erklärung verdeutlichten. Bei einem anschließenden Empfang im Alten Schloss würdigte Erzpriester Radu Constantin Miron, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), in einem Grußwort die Bedeutung der Gemeinsamen Erklärung.

Hintergrund

Mit der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre hatten der Lutherische Weltbund und die römisch-katholische Kirche 1999 erstmals offiziell einen differenzierten Konsens über die Frage der Rechtfertigung erklärt, eine Kernfrage der Reformation. Damit konnten beide Seiten feststellen, dass die jahrhundertelang wiederholten gegenseitigen Verurteilungen in dieser Frage nicht länger Gegenstand der Lehre der beteiligten Kirchen sind. Im Jahr 2006 schloss sich der Weltrat Methodistischer Kirchen der Gemeinsamen Erklärung an, im Juli 2017 die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. Die Anglikanische Gemeinschaft verkündete ihre inhaltliche Zustimmung am Reformationstag des gleichen Jahres.

Predigt von Bischof Gerhard Feige (kath.)             Predigt von Landesbischof Frank Otfried July (ev.)