Gottes Liebe begegnen - seine Zuwendung zu jedem dankbar annehmen

Predigt zum 4. Fastensonntag von Pfarrer Udo Montag, Sonneberg

Predigt zum 4. Fastensonntag von Pfarrer Udo Montag, Sonneberg...

In der Parabel Jesu vom Vater mit den zwei Söhnen ist ein Beziehungsgeflecht dargestellt, wie wir es aus unterschiedlichen Situationen auch kennen. Bei diesem biblischen Bild geht es auch darum, dass wir in den drei Personen unsere eigenen Anteile entdecken und die Richtung bemerken, in die Jesus uns zu gehen einlädt.





1. Der ältere Sohn - die Frage nach der Gerechtigkeit


Vor 12 Jahren hat Ulrich Wickert ein kleines Buch herausgegeben mit dem Titel: Der Ehrliche ist der Dumme. Er beschäftigt sich darin mit dem Verlust der Werte in unserer Gesellschaft, die Wirtschaft und Politik eingeschlossen. Da bleibt natürlich am Ende die Frage, ob der Rechtschaffene, der Treue, der Ehrliche wirklich nur der ist, der zu kurz kommt, eigentlich nichts von seinem konsequenten Leben hat, letztlich also der Dumme ist, der sich vielleicht über seine Dummheit dann noch ärgert.


Das kennen wir gut: Die deutlichsten und härtesten Urteile werden oft von Menschen gesprochen, die zu den Rechtschaffenen zählen. Nicht weil sie besonders boshaft wären. Sie werden vielleicht einfach von der Ü;berlegung bestimmt: Wenn mein Bemühen um ein aufrechtes geordnetes Leben einen Sinn haben soll, wenn Nachteil oder Verzicht nicht umsonst sein sollen, dann muss ich doch irgendwie auch etwas davon haben, vielleicht ein paar Privilegien, wenigstens die entsprechende Anerkennung. Oder umgekehrt: Dann sollen doch die anderen, die sich um kein Gebot und keine Regel kümmern, irgendwie auch zur Rechenschaft gezogen werden.


Das ist ein Problem, das Jesus mit dieser Parabel zur Sprache bringt. Da ist dieser Daheimgebliebene, der Dinge tut, die richtig sind, gehorsam, pflichtbewusst, gesetzestreu, fleißig. Und dann mit der Freude über die Heimkehr des Jüngeren konfrontiert, kommt ein anderes Wesen zum Vorschein - ein stolzes, herzloses, egoistisches. Unter den "Redlichen" und "Gerechten" findet sich viel Groll und Griesgrämigkeit. Unter den "Heiligen" gibt es manches Vorurteil und manche Verurteilung. Unter den Leuten, die mit Eifer Fehler und Sünden zu meiden versuchen, kann auch große Kälte herrschen. Das kommt manchmal auch aus Enttäuschung und Verbitterung, weil der Eindruck entstanden ist, dass Recht und Gerechtigkeit auf der Strecke geblieben sind.


Da ist z.B. einer, der zur DDR-Zeit versucht hat, konsequent und aufrecht zu leben, dafür auf Studium und Wunschberuf verzichten musste. Nach der Grenzöffnung bewirbt er sich in einem süddeutschen Betrieb und hofft auf einen guten beruflichen Werdegang. Aber er muss hören: Wir können Sie leider nicht anstellen, denn Ihre Biografie zeigt, dass Sie nicht flexibel genug sind. Soll da einer nicht hart und verbittert reagieren, gerade wenn andere Vorteile haben, die sie seiner Meinung nach nicht verdienen?


In der Parabel Jesu müht sich der Vater um den älteren Sohn. Seine große Zusage heißt: Alles, was mein ist, ist dein. Auch der Ältere hat es nötig gefunden zu werden und seinen Lernweg einer Liebe zu gehen, die er noch nicht ganz verstehen kann. Sein weiterer Weg ist wohl auch bewusst offen gehalten.



2. Der jüngere Sohn - das neue Leben aus unverdienter Barmherzigkeit


Dass jemand aus dem Elternhaus wegzieht, ist ein normaler Vorgang. Auch die Frage nach dem Erbteil war schon in der Antike geregelt und für solche Fälle vorgesehen. Das Weggehen von dem Vertrauten, die Distanz zu dem Bisherigen eröffnet neue Sichten und lässt manchmal auch das bisher Erlebte in einem anderen Licht erscheinen. Freiheit ist ein wichtiges Wort unseres Menschseins. Das zu tun, was ich möchte, im Weggehen, im eigenen Weg meine Freiheit entwickeln, das gehört zum Leben vieler. Loslösung ist für viele Lebensentscheidungen wichtig, damit es gelingen kann, sich auf die eigenen Füße zu stellen. Der Vater in der Parabel scheint den Sohn mit Selbstverständlichkeit gehen zu lassen; die Starthilfe gibt er ihm mit, aber nicht einmal gute Ratschläge und Ermahnungen. Hier wird die Freiheit eines anderen Menschen anerkannt, auch wenn es keine Sicherheit gibt, dass dieser mit seiner Freiheit richtig umgehen kann.


Und was ist dann, wenn der in Freiheit gewählte Weg scheitert - durch äußere Umstände, durch eigene Dummheit, großen Leichtsinn, durch ungekannte Motivationen, die jetzt an die Oberfläche kommen?


Es ist eine grundlegende Versuchung unseres Lebens, die den jüngeren Sohn antreibt: anerkannt und geliebt zu sein unter den Bedingungen, die ich als einzelner Mensch selber schaffe - mit Geld, mit Einfallsreichtum, mit Machtmitteln, mit Ausstrahlung, mit Beziehungen. Wenn ich das nicht mehr leisten kann oder das Vertrauen in die Tragfähigkeit solcher Zuwendung brüchig wird, geht mir der Atem aus, bin ich auf einmal ganz unten - der verlorene Sohn, der den Boden unter den Füßen verliert, weil er sein Leben eben nicht aus eigener Kraft meistern kann. Dann, am Tiefpunkt, ist bei aller Unsicherheit wenigstens noch die Erinnerung nicht ganz erloschen an die Kraft, die getragen hat. Manchmal ist eben erst ganz unten, auf dem Tiefpunkt, eine Wende möglich.


Die Freude des Vaters bei der Heimkehr macht deutlich, welche Anteilnahme und innere Wegbegleitung immer lebendig geblieben sind. Da ist einer auch in seiner missbrauchten Freiheit nie abgeschrieben gewesen.



3. Der Vater - die umfassende und nachgehende Liebe


Der Vater wird nicht als der klassische Patriarch beschrieben, der wartet, bis die anderen kommen. Er ist der, der mitgeht, der innerlich dabei ist. Er zeigt eine Zuwendung und Liebe, die wirklich freigeben kann, auch da, wo die eigene Ohnmacht zurückbleibt. Seine Liebe ist nicht allgemein, sondern ganz persönlich ausgerichtet. Sie meint immer den konkreten Menschen in seiner jetzigen Situation - den jüngeren, der die Freiheit gebraucht und missbraucht und scheitert. Sie meint genauso den älteren, der immer in seiner Nähe ist und sein Liebe eigentlich nicht schätzt, weil er sich ihrer nicht bewusst ist und meint darauf größeren Anspruch zu haben. Diese Liebe rechnet nicht, trägt nicht nach, legt nicht auf das fest, was hinter einem Menschen liegt. Es ist eine Liebe, die auch über Distanzen hinweg mit Wachheit wahrnimmt, sich nicht aufdrängt, aber wenn die Situation da ist, ganz entgegenkommt. Es ist die Liebe, die auf der anderen Seite sagt: Was mein ist, ist auch dein. Es ist die Liebe, die sich zur Freude am anderen öffnet, die zum Lebensfest einlädt, die den anderen heil macht, ihm das schenkt, was ihm nicht mehr einfach zusteht. Sie hat die Würde des einzelnen Menschen im Sinn.


Es ist diese Liebe, an der Menschen Anteil nehmen und geben können, wenn sie auf andere zugehen. Die Heilige Elisabeth hat ein Stück dieser göttlichen Liebe nach außen gebracht, indem sie die Menschen angenommen hat, ohne etwas dafür zu erwarten. Nur weil sie in ihnen Gott lieben konnte.


Wir kennen aus den Bildern an Gerichtgebäuden die Darstellung der Justitia mit den verbundenen Augen. Dahinter steht die Ansicht, dass Recht und Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person zu verwirklichen sind. Gott sieht den einzelnen Menschen an - jeden ganz persönlich. So wird dem Menschen Gerechtigkeit zuteil. Gerechtigkeit in dieser Art ist nicht nur richtiges Aufrechnen, sondern auch ein "Richtigmachen". In diesem barmherzigen Entgegenkommen, das nicht zudecken und beschönigen muss ("Er war tot!"), kann der andere neu aufleben.



4. Eine Einladung - die Art der Liebe Gottes üben


Eine solche Liebe ist schwer zu begreifen und anzunehmen, vor allem, wenn sie unverdient ist. Diese Art der Liebe wird wohl immer auf den Ärger und das Unverständnis der "Gerechten" stoßen. Diese Liebe lädt ein, in Offenheit und Treue zugewandt zu leben, sich nicht vorschnell auf fertige Urteile festzulegen. Sie macht Mut, die Freiheit und auch Verantwortung des anderen zu sehen und ganz da zu sein, wenn Scheitern und Versagen ins Spiel kommen. Sie ermuntert, die jeweils eigene Würde und den Wert des anderen wahr-haben zu wollen.


Und sie geht immer davon aus, dass das Grundwort der Ermutigung - du bist immer bei mir, was mein ist, ist auch dein - das eigene Leben schon lange trägt.



Predigtreihe zur Fastenzeit: Mit den Augen Gottes sehen lernen