Gott spricht zu mir

Predigt von Weihbischof Hauke am 13.07.2019 in der Wallfahrtskirche Maria Limbach, Eltmann

Bild: Museum Kloster und Kaiserpfalz MemlebenIn: Pfarrbriefservice.de

In einem Stadtteil meiner Heimatstadt Weimar lebte im 13. Jahrhundert eine selige Mystikerin, deren Verehrung durch die Wirren der Reformation verloren gegangen ist: die selige Lukardis von Oberweimar.  1286 trat sie in das Zisterzienserinnenkloster Oberweimar ein und lebte dort mit etwa 40 Nonnen im Geist des hl. Benedikt, dessen Festtag wir gestern begangen haben. Sie wurde vermutlich in Erfurt, meiner jetzigen Wirkungsstätte, im Jahr 1274 geboren. Sie war also 12 Jahre alt, als sie in das Kloster kam. Da sie immer etwas kränklich war, wurde sie auch in der Krankenstation eingesetzt. Nach einem Leben des Gebetes und der mystischen Gotteserfahrung starb sie am 22. März 1309 mit etwa 35 Jahren.  Sie war stigmatisiert, d.h. sie trug die Leidenszeichen Christi an ihrem Leib. Diese Besonderheit ihrer Christusverbindung blieb lange Zeit unentdeckt, aber war dann doch einer der Gründe, warum sie nach ihrem Tod durch viele Menschen  über 200 Jahre hoch verehrt wurde. Eine Vita berichtet von Heilungen, die auf ihre Fürsprache geschehen sind.

Das Leben dieser seligen Ordensfrau hat mich schon seit Jugendtagen interessiert, weil es im Thüringer Land nicht selbstverständlich ist, ortansässige Selige und Heilige zu haben.  Wir verehren bei uns die heilige Radegundis als vermutlich älteste Christin Thüringens und die heilige Elisabeth von Thüringen, die auch unsere Bistumspatronin ist. Die selige Lukardis hatte ein Marienbild im Besitz, das aus dem Besitz der heiligen Elisabeth stammen soll. Es vernetzen sich Heiligengestalten und bilden bisweilen eine Aura, die das geistliche Leben von Generationen prägen kann. Da derzeit in Thüringen diese Aura nicht so stark ist, forsche ich gern danach, was hier aber einmal möglich war und das christliche Leben geprägt hat. Die Aufnahme der seligen Lukardis von Oberweimar in den Diözesankalender wurde 1994 bei der Gründung des Bistums Erfurt vor 25 Jahren von Rom nicht genehmigt, da es keine große Verehrung dieser Seligen gibt. Ich sage heute: Vielleicht können wir daran etwas zusammen mit evangelischen Christen ändern, denn in der ehemaligen Klosterkirche, die heute zu einer evangelischen Gemeinde gehört, wird der 22. März als Gedenktag des Todes der Seligen zusammen mit den Katholiken Weimars begangen.

Es handelt sich bei Lukardis um ein Kind von 12 Jahren, das sich zum Gebet und zur Betrachtung des Kreuzes Jesu hingezogen fühlt und in ein Kloster eintritt. Ähnliche Ereignisse werden aus Fatima berichtet, wo die Gottesmutter drei Kinder angesprochen hat und sie vom 13. Mai bis zum 13. Oktober 1917 zum Gebet aufgefordert und mit besonderen Erfahrungen des Himmels beschenkt hat, mit den sogenannten Geheimnissen von Fatima.  Im ersten Geheimnis wurde der frühe Tod von zwei der drei Kinder angekündigt, der dann auch bei Jacinta und Francisco eingetreten ist. Das zweite Geheimnis kündigt das Ende des Ersten und einen bald beginnenden Zweiten Weltkrieg an.  Das dritte Geheimnis wurde im Jahr 2000 bekannt gemacht und damit das Attentat auf Papst Johannes Paul II vom 13. Mai 1981 erklärt, denn das Geheimnis sprach vom Attentat auf einen „Bischof in Weiß“.  Gott offenbart sich Kindern und macht uns damit aufmerksam auf sein Wirken in den Herzen der Menschen – besonders den Armen und Kleinen.

Gesetze machen die Erwachsenen. Sie regeln das schriftlich, was zu regeln ist. Das ist gut und hilfreich, jedoch muss auch darauf geachtet werden, ob diese Regeln der Situation, die sich auch ändern kann, noch entspricht. Im Buch Deuteronomium sind die Gebote und Rechtsvorschriften festgehalten, die das Miteinander zwischen Gott und dem Menschen regeln sollen.  Sie basieren auf der Offenbarung Gottes vor den Menschen, vor Abraham, Isaak, Jakob, Mose und den Propheten bis zu Jesus Christus hin. Anfangs waren es die 10 Gebote, die dann mit zahlreichen Ausführungsbestimmungen erweitert wurden, so dass Jesus Christus feststellen musste: Das Gesetz tötet den Menschen, denn er kann nicht anders, als das Gesetz übertreten, weil er nicht alle Vorschriften beachten kann. Wir spüren in der Predigt Jesu und in seiner Übertretung der Gesetzesvorschriften, wenn er am Sabbat Menschen heilt und letztlich sogar den heiligen Ritus des Pascha mit neuem Inhalt versieht, als er im Abendmahl die Eucharistie stiftet, dass das Gesetz auch Grenzen hat, so wichtig es sein mag. „Das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten“  - sagt die Stimme des HERRN.

Dieses Wort ist für mich auch eine große Hilfe in der Sorge um die vielen Menschen, die in Thüringen leben und den christlichen Glauben noch nicht kennengelernt haben.  Ich sorge mich um diese Menschen, weil ihnen ja die Chance eines glücklichen Lebens genommen ist, in dem die Ewigkeit und Erlösung eine Rolle spielen. Vielleicht sagen diese Menschen  im Augenblick: „Das brauche ich nicht!“ Ich gönne ihnen diese Zufriedenheit, aber ich weiß auch, wie zerbrechlich eine solche zufriedene Situation sein kann. In Thüringen sind es 70% der Bevölkerung, die seit mehreren Generationen ohne Kirchenbezug und Glauben leben.  Gern verweise ich dann im Sinn dieses alttestamentlichen Zeugnisses auf das Wort des Apostels Paulus, der im Römerbrief sagt:  „Wenn Heiden das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist“ (Röm 2, 14f). Das ist auch für sie ein Weg zum Heil. Das tröstet mich.

Das Evangelium vom barmherzigen Samariter, das uns schon oft vorgestellt wurde und in zahlreichen Gemälden eine Darstellung gefunden hat, wird eingeleitet durch die Frage nach dem Nächsten, dem gegenüber ich mich genauso verhalten soll, wie gegenüber Gott.  Die Liebe zu Gott und dem Nächsten kann nicht gegeneinander ausgespielt werden. Der Priester und der Levit haben mit Sicherheit ihre Gründe für das Nichtbeachten des Zerschlagenen. Vielleicht wollen sie sich nicht unrein machen oder sie haben eine Verpflichtung im Tempel, wobei im Bibeltext nicht gesagt wird, ob sie zum Tempel gehen oder vom Tempel kommen, denn wovon hier berichtet wird, das geschieht einfach auf der Straße zwischen Jerusalem und Jericho. Ich vermute, dass es gesetzliche Vorschriften für den Priester und den Levit gab. Sie handelten nach dem Gesetz, aber der Samariter nach dem Herzen. Hier wurde ihm mitgeteilt, dass er helfen muss, weil Lebensgefahr besteht. Als Samariter stand er nicht so sehr unter dem Druck des Gesetzes. Man erwartete in Juda nicht, dass ein Samariter das Gesetz erfüllt. So war er auch frei im Handel und handelte zielstrebig und nachhaltig, denn er ordnete sogar die Nachsorge, wenn er  dem Wirt Denare verspricht, falls ein längerer Aufenthalt nötig erscheint.
Jesus sagt dem Gesetzeslehrer, der mit seiner Frage Auslöser für diese wunderbare Erzählung war, welchen Weg er gehen soll: „Geh und handle genauso wie der Samariter!“, d.h.: Handle nach Deinem Gewissen, denn hier spricht Gott mit dir.

Auch beim Samariter handelt es sich um einen Menschen, dem man ein richtiges und gottgefälliges Handeln nicht zutraut – ähnlich wie den Seherkindern von Fatima und der seligen Lukardis von Oberweimar. Selbst die jugendlichen Seligen und Heiligen, die Papst Franziskus in seinem Schreiben an die Weltjugend aufzählt, gelten vielfach in den Augen der Großen und Reichen nichts, aber sie haben Welt- und Kirchengeschichte geschrieben. Der Papst nennt den heiligen Sebastian, den heiligen Franz v. Assisi,  die heilige Jeanne d’Arc, den seligen Andrew Phu Yen aus dem 17. Jahrhundert in Vietnam, die indigene heilige Kateri Tekakwitha, den heiligen Domenico Savio, der mit 14 Jahren in Italien starb und seine Leiden aufgeopfert hat, die heilige Theresia vom Kinde Jesu, den seligen Häuptlingssohn Ceferino Nanuncura aus Argentinien, den seligen Isidor Bakanja, der im Jahr 1909 im Kongo an den Folgen der Misshandlung wegen seines christlichen Bekenntnisses starb, den seligen Pier Giorgio Frassati, der 1925 als Helfer der Armen starb, den seligen Franzosen Marcel Callo, nach dem das Jugendhaus bei uns in Heiligenstadt benannt ist und der im Kampf gegen den Nationalsozialismus starb, und die selige Chiara Badano,  die 1990 nach schwerem Krankenlager starb und ebenfalls alles Leid angenommen hat, um Segen für die Kirche zu erwirken. Es scheint eine besondere Absicht Gottes dahinter zu stecken, wenn er durch junge Menschen den Glaube voran bringen will, weil man eventuell ihnen eher glaubt, als denjenigen, die schon mit dem Glauben alt geworden sind und denen man Veränderungsmöglichkeiten kaum zutraut.

Für mich entstehen aus dieser Erfahrung mit den Texten der Heiligen Schrift und den konkreten Menschen, die ihr Leben für den Glauben hingegeben haben, die Fragen: Was müssen wir tun? Ich schlage vor:
1. Den jungen Menschen zutrauen, dass durch sie der Geist Gottes sprechen kann und neue Wege aufzeigt, die dem Glaubensleben der Kirche  weiterhelfen.
2. Die Gesetze als notwendig anerkennen, aber diese nicht zum alleinigen Inhalt des Glaubens und es Lebens in der Kirche machen, sondern nach dem tieferen Sinn der Gebote fragen und ggf.  etwas verändern, was nötig ist.
3. Letztlich Gott zutrauen, dass er auch heute konkrete Menschen in seinen Dienst nimmt und mit ihnen Kirche formen und prägen will. Dabei wählt er auch bisweilen den Weg über seine himmlische Mutter Maria wie bei den Kindern von Fatima, oder über die Engel und Heiligen, die ihm als Boten zu Verfügung stehen. In jedem Fall ist Gott lebendig und wirksam und jeder und jede von uns muss damit rechnen, dass er oder sie von Gott als Sprachrohr in den Dienst genommen wird.  Amen.