Gott liebt die Kranken vom Anfang bis zum Ende

Beitrag von Weihbischof Hauke zur Sterbehilfe-Debatte in der Thüringischen Landeszeitung


Lädt Kranke am 30.9. zum Segnungsgottesdienst in den Erfurter Dom: Weihbischof Reinhard Hauke
Beitrag von von Weihbischof Hauke zur Debatte in der Thüringischen Landeszeitung um die Sterbehilfe...

Ich schaue auf das Kreuzzeichen in meinem Arbeitszimmer und weiß: Hier hat jemand Leid ausgehalten und im Leiden einen Sinn gesehen. Den Sinn zu erklären fällt nicht leicht. Verstehen kann ihn wohl nur jemand, der etwas von Schuld weiß und von der Möglichkeit, dass ein anderer für mich eintritt und die Schuld auf sich nimmt.


Das ist leider ein Denken, das viele Mitmenschen kaum noch verstehen. Es gibt die Möglichkeit, freiwillig Leid auf sich zu nehmen, um damit anderen Menschen Gutes zu tun. Das fängt schon bei den Eltern an, die ihre ganze Kraft und Zeit für die Kinder einsetzen und nicht nach Lohn fragen oder nach Entlastung Ausschau halten. Das geht weiter bis zu dem Soldaten, der sagt: "Ich möchte für den Frieden im Libanon oder in Afrika mich einsetzen und riskiere dabei mein Leben." Weil es leider manchmal kaum einen anderen Ausweg gibt, als sich zwischen die "Kampfhähne" zu werfen, wählt ein Mensch diesen Weg. All das sagt mir: Leid aushalten ist nicht unmenschlich!


Unmenschlich ist, wenn ich Leid nicht lindere, auch wenn ich es könnte. Das ist für mich "unterlassene Hilfeleistung". Die Linderung beginnt beim Sitzen neben dem Sterbenden. Sie ist auch schon dort zu spüren, wo Kinder sich mit den alten Eltern über die Zukunft im Alter unterhalten und nicht einfach - ohne Worte und Diskussion - entscheiden, dass es nur noch die Möglichkeit der Unterbringung im Altersheim für sie gibt. Für mich haben die Diskussionen um die Möglichkeit, organisiert oder nicht organisiert ungeborenes Leben zu töten oder altes Leben zum schmerzfreien Sterben zu bringen, mit der zunehmenden Sprachlosigkeit in der Gesellschaft über diese Fragen des Wertes menschlichen Lebens zu tun.


Sie haben für mich weiterhin mit der Tatsache zu tun, das für viele Menschen in Europa menschliches Leben gänzlich der Verfügung des Einzelnen überlassen ist. Verwunderlich ist für mich nur, dass in der Stellungnahme von Herrn Prof. Dr. Kodalle, der als Christ und Philosoph vorgestellt wird, vom Geschenk des Lebens durch Gott und damit von der Verantwortung vor Gott nichts zu lesen ist.


Für uns Christen ist aber nicht zuletzt darin der Grund unserer Haltung zu finden, menschliches Leben vom ersten Augenblick an bis zum letzen Atemzug zu schützen und die Regierungen zu bitten, dieses Denken in ihren Verfassungen zu respektieren. Dass es zu diesem Thema in ganz Europa Diskussionen gibt, verwundert mich nicht, da der Anteil der bekennenden Christen zu schwinden scheint - was auch die Statistiken beweisen.


Ich sehe in allen Diskussionen betreffs des Beginns und Ende menschlichen Lebens die Gefahr, das der Mensch seine Würde verliert und lediglich wie ein krankes Tier oder eine Pflanze angesehen und behandelt wird. Die Bibel erzählt mir mehr vom Menschen und seiner Würde. Sie erzählt mir von Ijob, der trotz allem Leiden an Gottes Liebe nicht gezweifelt hat. Sie erzählt mir von Jesus Christus, der sich besonders um die Kranken gekümmert hat - und manche auch heilte, um ein Zeichen zu setzen, dass Gott das Leiden nicht will. Ihm ging es aber noch mehr um die Zusage: Auch der Kranke und Sterbende ist von Gott geliebt.


Vor diesem Hintergrund ist die christliche Hospizarbeit zu sehen, bei der Sterbende und unheilbar Kranke begleitet und medizinisch schmerzbefreiend behandelt werden. Und ebenso ein Segnungsgottesdienst am 30. September im Erfurter Dom, zu dem ich Kranke aus unserer Stadt einlade. Hier werden Mitbürgerinnen und Mitbürger erzählen, wie man mit Leiden umgehen kann. Das scheint mir hilfreicher zu sein, als darüber zu streiten, ob der Freitod - auf welche Weise auch immer herbeigeführt - legitim ist.


Erfurt, 26. Juli 2006

Weihbischof Dr. Reinhard Hauke



Abgedruckt in der Thüringischen Landeszeitung vom 27.7.2006



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