Die Predigten der letzten Sonntage wollten uns einladen, mit der Heiligen Schrift zu beten: uns im Hören des Evangeliums an den Weg Jesu zu stellen und die verschiedenen Texte der Heiligen Schrift zu uns sprechen zu lassen. Es wurde deutlich: Gebet heißt nicht nur, gelernte Gebetsformeln zu aufzusagen oder bei bestimmten Gelegenheiten im Leben, wenn es gerade gut passt, mit Gott im Gebet zu sprechen. Gebet ist mehr. Letztlich bedeutet es: mein ganzes Leben Gott hinhalten.
Dazu gehören auch die Bereiche meines Lebens, die dunkel erscheinen; in denen Gott ferne scheint; Bereiche, in denen ich von Zweifeln, Sorgen und Ängsten übermannt werde; schließlich auch jene Ecken meines Lebens, in denen ich Gott vielleicht gar nicht dabei haben möchte. Und trotzdem oder gerade deshalb gilt: im Gebet halte ich Gott mein ganzes Leben hin.
Hilfreich ist dabei die eine Frage: Hat Gott einen Plan für mein Leben? Aus dieser Frage ergibt sich eine wunderbare Weise, ins Gebet zu kommen.
Der erste Schritt ist, ganz einfach auf mein Leben und auf meine aktuelle Lebenssituation zu blicken. Dabei hilft es, sich Ereignisse, Personen, Begegnungen, Freude und Glück wie auch Leid, Schmerz und Schuld ins Gedächtnis zu rufen.
Und dann frage ich mich: Was ist der tiefere Sinn all dieser Begebenheiten; all der scheinbaren Zufälle; all dessen, was ich selbst nicht in der Hand gehabt habe? Kann ich darin Gottes Spuren, ja sogar seinen Plan erkennen? Es geht nicht darum, vorschnell Antworten auf diese Frage zu erhalten. Vielmehr ist es wichtig, diese Frage in unserem Leben beharrlich und eben betend wachzuhalten. Denn dies ist ein tiefer Ausdruck unserer eigenen Sehnsucht nach Gott, der uns seine Treue und beständige Wegbegleitung verheißen hat. Nach und nach lernen wir dadurch, unsere Lebenswirklichkeit mit anderen Augen zu sehen: nämlich mit den Augen des Glaubens. Wir werden sensibler und aufmerksamer für Gottes lebendige Gegenwart auf unserem Lebensweg. Da können schon ganz kleine Begebenheiten zu Zeichen seiner Zuwendung werden: das Lieblingslied am Morgen im Radio; der freundliche Blick eines anderen Menschen im Supermarkt; ein gutes Gespräch; die grüne Welle der Ampeln, wenn man es eilig hat; oder auch einfach nur der aufreißende Himmel am Ende eines trüben Tages, zu dem sich womöglich noch ein Regenbogen gesellt...
Natürlich kann man auch gut damit leben, dies alles als alltägliche Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Aber die Schönheit unseres Lebens und der Welt, in die wir gestellt sind, leuchtet doch erst dann auf, wenn wir in ihr einen tieferen Sinn zu erkennen vermögen. Wenn sich die Puzzleteile unserer oft so brüchigen und fragilen Existenz zusammenfügen. Und genau dieser Sinn ist es, der sich uns als Plan Gottes für unser Leben offenbaren kann.
Die Bibel zeigt uns, wie die Wirklichkeit mit den Augen des Glaubens aussieht. Die Schrifttexte des heutigen Sonntags können uns für unser eigenes Beten Denkanstöße geben:
1. Das eigene Leben als einen gemeinsamen Weg mit Gott deuten
In der ersten Lesung aus dem zweiten Chronikbuch ging es um die Verbannung ins babylonische Exil, die dort erlittenen Repressalien und schließlich die Rückkehr in die Heimat nach dem Erlass des persischen Königs Kyrus. Ganz leidenschaftlich verweist dieser Text auf den tieferen Plan Gottes, der hinter diesen äußeren Begebenheiten steht: Das Volk hat sich von Gott abgewendet, Gott hat es bewusst ins Exil geführt, damit es sich wieder auf ihn besinnt, und schließlich hat Gott seine Verheißung wahr gemacht, sein Volk wieder zu sich zurückzuholen.
2. Aus der Erinnerung an Gottes Handeln Trost für die Gegenwart beziehen
Der Antwortpsalm des heutigen Sonntags, der Psalm 137, ist ein abgrundtief trauriger Klagegesang, der die schmerzliche Erfahrung eben dieser Exilszeit zum Ausdruck bringt. Auch hier wird die erfahrene Wirklichkeit Gott hingehalten: in der Form der Klage und der Trauer. Es gibt keine Antworten, keine vorschnelle Vertröstung, keine beruhigende Deutung der Situation. Aber es gibt die Erinnerung daran, dass es einen heiligen Ort gibt, der das Ziel aller Gottessehnsucht ist: die heilige Stadt Jerusalem. Die Klage und die Erinnerung an jene Zeiten, in denen man die Gegenwart Gottes erfahren hat, können eine betende Form der Wirklichkeitsdeutung mit den Augen des Glaubens sein.
3. Gottes Plan zu erkennen schenkt Freiheit und Gelassenheit
Im Epheserbrief, aus dem wir in der zweiten Lesung gehört haben, können wir uns vom grundlegenden Optimismus des Paulus anstecken lassen: "Aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft - Gott hat es geschenkt." Ein solcher Blick auf unsere Lebenswirklichkeit hat eine wahrhaft entkrampfende Wirkung: Er nimmt uns den Druck, alles aus eigener Kraft schaffen zu müssen und die Angst uns dabei womöglich selbst zu verlieren. Dies heißt freilich nicht, sich bequem zurückzulehnen. Ganz im Gegenteil: "Wir sind dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bestimmt hat." Für Paulus ist es selbstverständlich, dass Gott einen Plan für jeden Menschen hat und dass es möglich ist, diesen zu verwirklichen.
4. In Jesus Christus offenbart sich Gottes Plan für alle Wirklichkeit
Im Evangelium haben wir gehört: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." Mit diesen beeindruckenden Worten stellt uns der Evangelist Johannes gewissermaßen den Masterplan Gottes vor Augen. Und vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen ja genau diese Erfahrung schon einmal gemacht: wenn gar nichts weiterhalf, wenn so überhaupt kein Sinn im Leben zu erkennen war, dann hat der Blick auf Jesus, auf sein Leben, auf sein Reden und Tun, oder ganz besonders auf sein Leiden und sein Auferstehen geholfen, das eigene Leben mit neuen Augen zu sehen.
Diese Art der Wirklichkeitsdeutung ist Gebet mit den Augen des Glaubens. Denn es geschieht im Bewusstsein, dass Gott in seinem Sohn all unsere eigenen Dunkelheiten und Abgründe, wie auch all unsere Freude und Zuversicht geteilt hat. Wenn wir dann erkennen, dass Gott einen Plan für unser Leben hat, dann wird diese Weise des Gebetes für uns wahrhaft zu einem großen Geschenk. Das Gebetsblatt lädt ein, es immer wieder einmal zur Hand zu nehmen und so das eigene Leben im Sinne der Bibel zu betrachten und mit Gott ins Gespräch zu kommen.
Quelle: Predigthilfe des Erfurter Seelsorgeamtes für die Fastenzeit 2012. Christian Bock ist Pfarrer der Pfarrei St. Franziskus von Assisi in Sömmerda.