Gott macht das Kleine groß

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke zur Pferdewallfahrt in Etzelbach am 09. Juli 2023

 

Bild: Matthias Schmidt

Ein unbedeutender Ort in Israel – Nazareth. Eine unbedeutende junge Frau – zwar aus einem Priestergeschlecht – sagt die Tradition, aber sonst in Nazareth nicht sehr bekannt – ohne Rang und Namen.

Eine außergewöhnliche Schwangerschaft, die für die junge Frau kaum zu fassen ist und vermutlich auch nicht für ihre Familie und Umgebung. So beginnt der neue Bund, den Gott für und Menschen beschlossen hat.

Etzelsbach – eine Wüstung neben Steinbach mit einer kleinen Kirche. Ein bedeutender Wallfahrtsort für das Eichsfeld mit der Tradition der Pferdewallfahrt seit über 350 Jahren aufgrund wunderbarer Ereignisse mit einem Pferd, das eine Pieta auf dem Acker gefunden hat.

Etzelsbach als ein Wallfahrtsort, den Papst Benedikt 2011 besuchte und damit auch bundesweit bekannt machte. Ein kleiner und eigentlich nicht sehr bedeutender Ort, den Gott durch seine Gnade und Fügung zu einer gewissen Bedeutung gebracht hat.

Das Große muss nicht unbedingt für alle bedeutsam sein. Es gibt die persönlichen Highlights, die das eigene Leben prägen und nicht in Geschichtsbüchern vermerkt werden. Gott ist bekannt dafür, dass er das Große klein und das Kleine groß machen kann – wie wir es im Gesang Mariens nach ihrer Begegnung mit der Verwandten Elisabeth im Magnifikat hören. Er hat eine eigene Sicht auf die Menschen und die Bedeutsamkeit der Ereignisse. Er schreibt auf manchen krummen Zeilen gerade und stürzt die Mächtigen vom Thron – so hoffen wir es auch in diesen Kriegszeiten in Europa.

Der Evangelist Lukas hat ein besonderes Interesse daran, die Einzelheiten der Heilsgeschichte zu dokumentieren. Es ist ihm wichtig, die Kindheitsgeschichte Jesu mit der Verkündigung und der Geburt Jesu und dazu die Parallelgeschichte von Ankündigung und Geburt des Johannes des Täufers zu berichten. Er ahnt, dass die Menschen, die von der Verkündigung Jesu hören, auch von seiner Herkunft und vielleicht auch von seiner Geburt etwas wissen möchten. Wo kommt er her? Wer sind seine Eltern? Wer ist heute noch von seiner Familie vor Ort und kann etwas Persönliches berichten? Von der Begegnung der schwangeren Maria mit ihrer Verwandten Elisabeth hören wir vom Evangelisten Lukas allein. Die anderen drei Evangelisten sind daran nicht interessiert. Der Evangelist Lukas beschreibt aber diese persönliche Familiengeschichte nicht als historisches Ereignis, sondern als einen wichtigen Aspekt der verborgenen Heilsgeschichte, d.h. dem heilbringenden Wirken Gottes unter konkreten Menschen in einer konkreten Gegend und Zeit. Er berichtet, dass Elisabeth die Kindsbewegung des Johannes spürt, die im 6. Monat schwanger ist. Elisabeth deutet diese Kindsbewegung dahingehend, dass mit Maria der Messias kommt, dem Johannes jetzt schon huldigt und über dessen Kommen er sich jetzt schon im Mutterleib freut.

Maria deutet diese Situation und Begegnung mit einem Loblied – dem Magnifikat. Sie schreibt damit Kulturgeschichte, denn große Musiker haben diese Worte in Musik gefasst. Maria hat das Staunen über die Worte des Erzengels Gabriel überwunden und erkannt, welche Bedeutung sie nun selbst hat und wie groß Gott ist, der sie berufen hat, die Mutter des Messias zu werden, was eigentlich ja alle Frauen in Israel damals für sich erhofften. Der Evangelist Lukas bringt ihr Lied mit Zitaten aus Psalmen und Prophetentexten in Verbindung.

Wer heute diese Worte des Magnifikat in der Heiligen Schrift nachliest, entdeckt die zahlreichen Verweise auf andere biblische Texte. Man hat den Eindruck, dass Maria den Psalter und die Prophetentexte um sich herum liegen hat wie ein kluger Professor, der eine Vorlesung vorbereitet und dazu Zitate aus anderen Quellen benötigt. Der Evangelist Lukas legt damit Interpretationen der Psalmen und Prophetentexte in den Mund Marias und bringt diese Zitate in einen neuen Zusammenhang, der aber ebenfalls wie schon früher die Bedeutung Gottes als Herrn der Geschichte bezeugt, dem Lob und Dank darzubringen ist, weil er die Kleinen groß und die Großen klein macht.

Der Prophet Zefania durfte Worte der Ermutigung und des Trostes dem Volk Israel mitteilen, nachdem der religiöse Verfall im 7. Jahrhundert v. Christus unter der assyrischen Herrschaft im Südreich Juda aufgetreten war und die Propheten bisher harte Worte diesbezüglich sagen mussten. Unter der assyrischen Herrschaft hatten die Israeliten auch den Gott Baal und die Himmelsgestirne verehrt, sie hatten auch die assyrische Kleidermode angenommen und das Gewinnstreben war Tagesthema geworden.

Eigentlich sind es nur noch die Armen im Volk, die nach dem Willen Gottes leben. Heute sagen wir deshalb, dass die Worte des Propheten Zefania die Grundlage für die heutige Sicht der Option für die Armen bilden, die von Papst Franziskus an vielen Stellen sichtbar gemacht wurde. So muss es nicht verwunderlich sein, dass auch Maria als die unbedeutende Frau aus einem unbedeutenden Ort die Worte des Erzengels Gabriel gut verstehen konnte und in Freude und Demut angenommen hat.

Diese Haltung wünscht sich auch der Apostel Paulus, wenn er auf seine Gemeinden schaut und in den Briefen ihnen Wegweisung geben will. „Strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig.“ Weil wir unsere eigentliche Größe nicht durch eigenes Tun bewirkt haben, ist die Demut angezeigt und wird auch geraten, um die Worte Gottes, die uns durch Jesus Christus vermittelt wurden, gut zu verstehen.
 
Die heutige Pferdewallfahrt regt auch dazu an, über die Bedeutung des Pferdes nachzudenken. Wir wissen, dass Pferde von Natur aus wild sind und gezähmt werden müssen, um für den Menschen nützlich zu sein. Man kann natürlich darüber streiten, ob es der Natur des Pferdes angemessen ist, vor einen Pflug gespannt oder beim Sport für eine kunstvolle Gangart ausgebildet zu werden. Wenn wir aber den Eindruck haben können, dass sich die Tiere in dieser Weise auch wohl fühlen, kann es nicht falsch sein, sie zu zähmen.
Für mich sind sie aber auch Beispiel für das, was wir mit uns tun müssen: sich zähmen und die Kräfte in uns so zu bündeln, dass sie in einer guten Weise wirksam werden.

Wir haben heute den 1. Feriensonntag in Thüringen und die Schülerinnen und Schüler haben den Eltern und Großeltern mit Stolz oder gesenktem Kopf ihre Zeugnisse vorgelegt. Sie haben damit schriftlich ein Zeugnis darüber in der Hand, ob sie ihre Kräfte zähmen und bündeln konnten. Ein Leben lang wird dieser Prozess andauern müssen, denn das innere Streben nach Größe und Macht braucht eine Zähmung ein Leben lang. Die Möglichkeiten, Macht auszuüben, ist nicht nur den großen Politikern gegeben, sondern es ist auch ein Thema in der zwischenmenschlichen Beziehung und besonders in den Familien. Ich freue mich, wenn junge Menschen zielstrebig an ihrer Zukunft bauen. Ich wünsche mir aber auch dabei, dass sie nach rechts und links schauen und alle mitnehmen, denen diese Zielstrebigkeit fehlt. Die Pferde im Gespann können gleichfalls nur hilfreich sein, wenn sie miteinander kooperieren. Es braucht also nicht nur die Fähigkeit, die eigenen Kräfte zu bündeln und zielstrebig einzusetzen, sondern sie auch in den Kontext der Gesellschaft und sicher auch der Kirche zu bringen.

Maria sucht das Haus ihrer Verwandten Elisabeth heim. Sie tut es, wie es damals in den Familien üblich war: man hilft sich gegenseitig und die Hilfe der Schwangeren stand dabei hoch im Kurs. Durch diese Begegnung erhält Maria Gewissheit über die Bedeutung ihres Kindes und erkennt zugleich, wie bedeutsam das Kind von Elisabeth für ihren Sohn ist. Maria hat geglaubt, was ihr vom Erzengel gesagt wurde, aber sie wollte auch Gewissheit.

So sind wir Menschen bis heute, denn eigentlich kommen wir mit unserem Glauben allein schon durch die Welt. Wir freuen uns aber auch, wenn wir durch Wunderzeichen Gewissheit bekommen, die vielleicht nicht mit der naturwissenschaftlichen Gewissheit konkurrieren kann, die aber doch in ihrer persönlichen Werthaftigkeit der naturwissenschaftlichen Gewissheit ähnlich ist. Die Wunder, die von diesem Wallfahrtsort Etzelsbach bis heute berichtet werden, können dem Glauben aufhelfen. Wir müssen sie weitergeben, um zu bezeugen, wie Gott bis heute wirksam ist.

Stärken wir uns heute gegenseitig im Bekenntnis der besonderen Art unseres Gottes, der die Großen klein und die Kleinen groß macht. Sagen wir es uns selbst, wenn wir uns kleingemacht fühlen und sagen wir es auch den anderen, die sich nicht ausreichend wertgeschätzt sehen. Sagen wir es aber auch allen, die sich groß fühlen oder groß sind, denn Gott ist treu in seinem Handeln an den Großen und den Kleinen bis heute. Amen.

Lesungen:  Zef 3, 14-18;  Röm 12, 9-16b;   Lk 1, 39-56

Mehr zur Pferdewallfahrt   und zur Wallfahrtskapelle in Etzelsbach