In Geschichtsbüchern können wir nachlesen, was politische Herrscher an Macht ausgeübt haben, um sich zu behaupten oder ihre Herrschaft zu erweitern. Auch heute finden sich solche Herrscher, die keine anderen Meinungen zulassen als die Meinungen, die ihnen nach dem Mund reden. Bei allem Verständnis dafür, dass jemand für seine Ideen Unterstützer braucht, muss jedoch jeder, der Verantwortung übernimmt, auch damit rechnen, dass er Gegner oder wenigstens Kritiker hat. Diese Gegenwehr fordert den Politiker heraus, seine Argumente noch deutlicher und klarer zu formulieren.
Für uns Christen gibt es schon von Beginn an die Erfahrung des Gegenwindes und Widerstandes. Davon zeugen die Apostelgeschichte und letztlich auch schon die Evangelien, wenn sie vom Widerstand gegen die Verkündigung der Botschaft Jesu Christi berichten – von Seiten der politischen Gegner und auch aus dem eigenen Volk. Immer ist es nicht leicht, der Mahnung zur Umkehr zu folgen. Wer es dennoch tut, muss eine starke Motivation haben, die ihm Kraft gibt, gegen die Gegenargumente und die eigene Unsicherheit anzugehen.
In diesen Tagen denken wir an den jugendlichen Märtyrer Marcel Callo. Am 6. Dezember 1921, also vor 100 Jahren, wurde er in Rennes geboren. Er wuchs in einer großen Familie mit neun Kindern auf und die Gemeinschaft wurde ihm damit sehr wichtig, um das Leben und den Glauben zu gestalten. Die Pfadfinderbewegung begeisterte ihn und so wurde er ein engagiertes Mitglied. Ebenso begeisterte ihn die Arbeit der Katholischen Arbeiterjugend und er begann seine missionarische Arbeit im März 1943 in Deutschland als Zwangsarbeiter. Weil er „viel zu katholisch“ war – so die Anklage gegen ihn, wurde er am 19. April 1944 in einem Arbeitslager in Zella-Mehlis verhaftet und es begann sein Kreuzweg, der ihn über Gotha nach Mauthausen führte, wo er am 19. März 1945 starb. Seine Mithäftlinge beschrieben ihn als einen Mann, der auf das Glück zuging. Das Glück war für ihn die ewige Gemeinschaft mit Jesus Christus im Himmelreich.
Weil wir viel mehr wert sind als Spatzen, können wir uns glücklich schätzen und wie Marcel Callo zuversichtlich in die Zukunft schauen. Die gegenwärtige Bedrängnis durch die Pandemie bringt uns zwar auch schon in Nöte, jedoch sind diese wohl kaum mit dem zu vergleichen, was Marcel Callo zu ertragen hatte. Es waren ja körperliche und seelische Leiden. Es war die Not des Hungers und der Unterernährung, aber auch die Not, nicht davon sprechen zu dürfen, was einem am Herzen liegt, d.h. den eigenen Glauben zu bezeugen. Ich stelle mir diesen jungen Mann vor als einen frohen Eiferer, der dafür brennt, seine Freude am Evangelium weiterzugeben und ständig erfährt, dass er nicht gehört oder ihm das Zeugnis verwehrt wird bis zur Androhung körperlicher Gewalt.
Im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Korinth beschreibt der Apostel Paulus die Erfahrungen des Missionars. Ich denke, dass Marcel Callo sie bestätigen würde und auch wie Paulus zum Schluss kommt: Uns wird Leid zugefügt, und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir sind nichts und haben doch alles. Es ist eine besondere Sicht, die hier an den Tag gelegt wird. Es ist die Sicht des Menschen, der ganz in dieser Welt steht und doch nicht von dieser Welt ist. Deshalb erfährt er Widerstand von denen, die sich ganz auf diese Welt beziehen wollen und keine andere Wirklichkeit zulassen, da diese ja ihr Lebenskonzept in Frage stellt. Wer diesen Widerstand erlebt, hat die Möglichkeit zu schweigen oder sich dagegen zu stemmen. Bei diesem Kräfteringen kommt es dann darauf an, wer gewinnt und ob der Gewinner wirklich ein Sieger ist. Wir spüren in den Aktionen von Marcel Callo, dass ihn der Nationalsozialismus nicht wirklich bezwingen kann, wenn ihn dessen zerstörerische Macht auch zum Tode gebracht hat.
Wenn wir heute am 100. Geburtstag von Marcel Callo hier an dem Ort, wo er als Zwangsarbeiter tätig war, des Seligen gedenken, dann tun wir das in Dankbarkeit für sein Lebenszeugnis. Zugleich bringen wir unsere Erschütterung darüber zum Ausdruck, dass es hier im Thüringer Wald möglich war, Menschen zu knechten und zu foltern, die nicht mehr wollten, als Gottes Recht und seine Gerechtigkeit zu verkünden. Diese Verkündigung hinterfragt den Egoismus und die Vorstellung, dass es nur eine Wahrheit gibt. Als Christen sind wir zwar auch der Auffassung, dass diese Wahrheit des Evangeliums allein zum ewigen Leben führt, aber wir sehen im Umkreis des Evangeliums und Christentums eine Vielzahl von Gedanken, die dem Evangelium nahe stehen. Es ist gut, wenn wir die Gedanken des 2. Vatikanischen Konzils aufnehmen, das andere Konfessionen und Religionen Wahrheiten zuspricht, die in einem Zusammenhang mit dem Evangelium stehen und uns die Kostbarkeit des Glaubens an Gott, den Vater, Sohn und Heiligen Geist neu ins Bewusstsein bringen. Wir gedenken dieses christlichen Märtyrers auch in Dankbarkeit dafür, dass an allen Orten der Welt und zu allen Zeiten Christus seine Zeugen hat – auch hier im Thüringer Wald, in unserem Bistum und hier in Zella-Mehlis und Gotha. Wenn Marcell Callo auch als Franzose hier lebte, so waren es doch deutsche Gefangene, mit denen er sein Leben und seinen Glauben teilen konnte. Gern gehe ich in unserem Bistum an die Orte, an denen Glaubenszeugen lebten und arbeiteten und wo sie ihr Glaubenszeugnis hinterlassen haben. Wichtig ist mir die Mühlburg wegen der Erinnerung an die Königstochter Radegundis. Wichtig ist mir Arnstadt, wo wir die Wiege des heiligen Gunther von Thüringen vermuten, der in Göllingen bei Bad Frankenhausen das große Kloster bauen ließ. Wichtig ist mir die Wartburg, auf der die große Heilige Elisabeth lebte und natürlich Erfurt wegen des Glaubenszeugnisses des heiligen Bonifatius und seiner Mitarbeiter Eoban und Adelar, die in der Krypta des Domes bestattet sind. Christen vom 6. Jahrhundert bis in die Neuzeit hinein bezeugen uns, dass es sich lohnt, das Leben aus dem Glauben zu gestalten und dabei auch die Konsequenzen zu tragen, die damit verbunden sind.
Bis heute höre ich die Zeugnisse von jungen Christen, die sich als Erwachsene taufen lassen oder der katholischen Kirche beitreten, indem sie gefirmt werden. Immer berichten sie von der großen Freude, diese Entscheidung gefällt zu haben, aber auch vom Unverständnis in ihrer Umgebung für diese Entscheidung. Daraus ergibt sich für mich die Erkenntnis: Es wird immer so sein, wie es Marcel Callo erlebt hat, wenn auch nicht immer mit den schrecklichen Konsequenzen, die er zu erdulden hatte. So ist mein Gebet und auch Predigen immer der Versuch, zu einem Glaubenszeugnis zu ermutigen, um dem harten Wind, der uns entgegenweht, standhalten zu können. So möchte ich auch heute die Christen der Pfarrei Meinigen ermutigen, den Glauben tiefer zu erkennen und wertzuschätzen. Im Advent sind wir dafür in besonderer Weise gestimmt, denn er erzählt uns vom Kommen des Messias, der uns reich und froh machen möchte. Wenn wir auch in diesem Jahr auf viele Äußerlichkeiten verzichten müssen, die uns sonst in eine stimmungsvolle Atmosphäre gebracht haben, so besteht doch die Möglichkeit, den Kern der Botschaft des Advents besser zu sehen. Es geht um den Herrn, der an der Tür steht und vorsichtig anklopft, damit wir ihm öffnen und er bei uns einziehen kann. Wie für Marcel Callo möchte Jesus Christus auch unser Glück sein. Lassen wir uns von ihm beschenken und damit Kraft finden, für andere Boten des Glücks zu werden. Amen.
Lesungen: 2 Kor 6, 6-10; Mt 10, 28-33