Glauben wagen

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke am Ostersonntag 2021 im Dom St. Marien

Ich freue mich über das Glaubenszeugnis von Christen an Ostern in den Medien. Mutige Worte höre und lese ich, die von Veränderungen, Verwandlungen und Neubeginn aufgrund des Glaubens an Christus berichten. Wenn ich diese Berichte höre, dann frage ich mich auch, warum ich nicht selbst so berichten kann? Bei mir ist der Glaube an den Auferstandenen nicht etwas, das ich euphorisch bekenne, sondern eine innere Freude, die mir Halt im Auf und Ab des Lebens gibt und vielleicht auch andere anstecken kann, wenn ich ihnen dieses Geheimnis enthülle.

Die Ostererzählungen bringen oftmals ganz verborgen auch die inneren Bewegungen im Glaubensprozess zum Ausdruck. Das Evangelium heute am Ostertag berichtet vom Gang oder Lauf der Apostel Johannes und Petrus zum Grab. Johannes wird nicht explizit genannt, sondern nur „der Jünger, den Jesus liebte“, aber alle wissen, dass damit Johannes gemeint ist. „Sie gingen zusammen“ heißt es, aber auch: „der andere Jünger war schneller“. Dann hören wir, dass zwar Johannes zuerst ankommt, aber nur in das Grab schaut und die Leinenbinden liegen sieht. Dann hören wir von Petrus, der in das Grab hinein geht und ebenso die Leinenbinden und das Schweißtuch Jesu sieht. Dann folgt Johannes in das Grab. Schließlich wird festgestellt, dass Johannes durch das Sehen des leeren Grabes zum Glauben kommt, beide jedoch aus der Schrift noch nicht zum Glauben an die Auferstehung gekommen waren. Wir haben also zwei Augenzeugen, bei denen der eine zum Glauben kommt und der andere noch nicht. Der Schriftbeweis könnte Klärung bringen – so die Überzeugung des Evangelisten.

In der Fastenzeit haben wir viele Texte der Propheten gehört, in denen das Kommen des Messias angekündigt wurde. Mehrheitlich wurde einerseits mit großer Hoffnung davon berichtet, dass der Messias kommt, aber es wurde auch deutlich, dass es sowohl die Propheten bis hin zu Johannes dem Täufer und letztlich auch Jesus Christus selbst nicht leicht haben, die Konkretisierung des Heilswillens Gottes in den Worten der Propheten anzunehmen und zu glauben. So kann sich Gott noch so viel Mühe mit uns Menschen geben. Wenn wir ihm mit Skepsis begegnen, hat alle Mühe Gottes keine Chance.

Über die Leinenbinden und das Schweißtuch Jesu, d.h. auch über das Grabtuch Jesu in Turin, wurde schon viel geforscht. Erstaunliche Erkenntnisse sind dabei zum Vorschein gekommen, z.B. dass das Antlitz Jesu auf dem Grabtuch von Turin deckungsgleich mit dem Muschelseidentuch von Manopello mit dem Gesicht Jesu ist, bei dem er die Augen groß und wach offen hat. Ich freue mich, wenn diese heiligen Tücher eine so große Aufmerksamkeit besitzen und hoffentlich dadurch auch die Menschen sich mehr mit dem Leben Jesu beschäftigen. Jesus Christus wollte nicht eine spektakuläre Person in der Geschichte der Menschheit sein, sondern zum Heilsweg der Menschen beitragen, der aber mit Gewissheit endlich ist. Da wir von Jesus kaum Reliquien haben außer dem Kreuz und ggf. auch Kleidungsstücken Jesu nur einige Blutstropfen, die als echt bezeichnet werden, so ist verständlich, dass das Wenige, das ggf. mit Jesus in Verbindung steht, so sehr beachtet wird. All das kann aber nicht über die Tatsache hinwegführen, dass der Glaube an Jesus Christus immer ein mutiger Sprung ins Ungewisse ist. Vielleicht können die prophetischen Worte des alten Bundes ein wenig helfen und vergewissern, aber es bleibt der notwendige mutige Sprung, den gestern Abend auch wieder zwei Männer im Dom geschafft haben, als sie sich taufen und firmen ließen.

„Der Glaube gibt meinem Leben einen festen Halt“ – war das Bekenntnis der beiden Täuflinge. Der eine möchte aufgrund seines Glaubens hilfreich sein als Leiter eines Kindergartens und der andere möchte dadurch als Ausländer einen festen Halt in der Kirche und Gesellschaft finden. Beide brauchen auch weiterhin die Unterstützung der Gemeinde in ihrem Bekenntnis, aber sie haben schon die feste Zusage durch Taufe und Firmung bekommen, dass sie niemals allein sind in ihren Entscheidungen. Das Zeugnis der Schrift und mehr noch das Zeugnis der Paten und anderer Christen stabilisieren den mutigen Anfang.

Derzeit wird an vielen Ecken über die katholische Kirche diskutiert und ihre Struktur kritisiert. Auch in unserem Bistum Erfurt fragen wir aufgrund der Gespräche in den Gemeinden, was denn helfen könnte, um wieder Freude am Gemeindeleben und an der Kirche zu erzeugen. Sicherlich zeigt sich hier auch die Wirkung der Pandemie, da das Gemeindeleben von Begegnungen frei bleiben muss, die wir bisher als so wertvoll erkannt haben. Wir spüren das Drängen in der Gesellschaft nach Lockerungen, aber ich fürchte mich auch vor Verhalten, das an Leichtsinn grenzt. Der Schutz der Schwachen in der Gesellschaft scheint nicht mehr oberste Priorität zu haben, wie noch vor einigen Monaten.
 
In einem Gespräch der Bistumsleitung wurde kürzlich deutlich, dass das Glaubenswissen und die Vertiefung der Inhalte eine größere Priorität bekommen sollten. Lange Zeit haben wir gemeint, dass vielleicht die Großelterngeneration noch helfen kann, wenn die Elterngeneration als Glaubenszeuge ausfällt. Das wird jetzt schon bezweifelt. Fehlen uns nicht schon zwei Generationen? Ich sage das heute vor Christen, denen der Glaube wichtig geworden ist und die deshalb auch an Ostern die Gottesdienste besuchen – trotz der Anmeldepflicht und des schönen Wetters.

Es hilft uns aber allen, die Probleme der Kirche zu kennen, um nach Wegen zu suchen, wie wir dem Glauben aufhelfen können. Glaubenswissen wächst durch das Lesen der Heiligen Schrift und aller Texte, die zum tieferen Verständnis der Schrift beitragen können. Der Glaube wächst auch im Streitgespräch über die unterschiedliche Weise, die Schrift zu verstehen. Der Glaube wächst auch dort, wo geschwiegen wird und die Worte der Schrift sich in uns einprägen. Der Glaube entsteht nicht durch die Anhäufung von Wissen über Gott, sondern durch den Mut, sich diesem Wort Gottes und der Person Gottes anzuvertrauen.

Viele kennen das Bild vom Sprung ins kalte Wasser, was man ja auch gleichzeitig als Sprung in das Taufwasser deuten könnte. Es gibt keine letzte Gewissheit. Diese konnten auch die Jünger nicht erhalten, obwohl sie dem Auferstandenen mehrfach begegnet sind. Auch sie mussten im Vertrauen den Glauben wagen.
 
Wer nicht wagt, der auch nicht gewinnt – so lautet ein Sprichwort. Wer keinen Einsatz setzt, kann keinen Gewinn erwirtschaften. Wer sich einem Menschen nicht anvertraut, der wird ein Leben lange allein bleiben müssen.

Habt keine Angst! – ruft der Auferstandene den Jüngern zu, als er durch die verschlossenen Türen eintritt. So soll auch das diesjährige Osterfest trotz aller Sonderregelungen den Glauben stärken, dass Leben auf ewig durch die Gemeinschaft mit Jesus Christus möglich wird. Amen.

Lesungen:


Apg 10, 34a.37-43
34 Da begann Petrus zu reden und sagte:
37 Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat:
38 wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm.
39 Und wir sind Zeugen für alles, was er im Land der Juden und in Jerusalem getan hat. Ihn haben sie an den Pfahl gehängt und getötet.
40 Gott aber hat ihn am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen,
41 zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber den von Gott vorherbestimmten Zeugen: uns, die wir mit ihm nach seiner Auferstehung von den Toten gegessen und getrunken haben.
42 Und er hat uns geboten, dem Volk zu verkünden und zu bezeugen: Dieser ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten.
43 Von ihm bezeugen alle Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt.


Kol 3, 1-4
1 Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so strebt nach dem, was oben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt!
2 Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische!
3 Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.
4 Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.


Joh 20, 1-9
1 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.
2 Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.
3 Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab;
4 sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab.
5 Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein.
6 Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen
7 und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.
8 Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.
9 Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.