"Gefährlich-schöne Freiheit - Gottes rätselhaftes Geschenk"

Hirtenbrief von Bischof Joachim Wanke zur österlichen Bußzeit 2003

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!


"Ich bin so frei!" - das ist eine geläufige Redewendung, wenn jemand an der Geburtstagstafel beim angebotenen Kuchen kräftig zulangt. Als an meinem Tisch bei ähnlicher Gelegenheit ein kleiner Knirps beim sechsten Kuchenstück angelangt war, antwortete er mir auf meine vorsichtige Anfrage, ob es ihm nicht zu viel würde: "Die Stückchen sind ja sooo klein!"


So sind wir Menschen: Wir nehmen uns die Freiheit - und wissen manchmal nicht, wann es genug ist. Oder sollten wir sagen: Gott gibt uns die Freiheit - aber wir gebrauchen sie oft nicht in rechter Weise.


Rätselhafte Freiheit! Warum hat Gott uns damit ausgestattet?



1. Die Freiheit ist unsere Würde, auch wenn sie manchmal eine Last sein kann


Es ist bekannt: In der heutigen Zeit darf und kann der Mensch sich viel freier bewegen als früher. Das ist zunächst einmal ein großes Geschenk. In einer Fernsehsendung konnte man jüngst miterleben, wie eine Familie einige Wochen so zu leben versuchte wie eine Bauernfamilie im Schwarzwald vor 100 Jahren. Diese Familie ist gern wieder in das heutige Leben zurückgekehrt. Es gab früher viele Zwänge, denen wir nicht wieder ausgesetzt sein möchten.


Dennoch ist es eine Illusion zu meinen, wir seien in jeder Hinsicht völlig frei. Auch das moderne Leben hält viele Zwänge für uns bereit, etwa, wenn einer keine Arbeit findet. Die -zig Automarken, unter denen ich heute wählen kann, helfen mir bei einem klammen Geldbeutel auch nicht weiter! Und wem nützen großartige Urlaubsmöglichkeiten, wenn er den Euro in der Tasche umdrehen muss oder wenn ihn Krankheit oder Sorge um Angehörige fest anbindet.


Zum heutigen Leben gehört auch diese Erfahrung: Ich kann nicht nur entscheiden - ich muss mich entscheiden. In unserer komplizierten, unübersichtlichen Welt ist das oftmals eine Last. Viele weichen daher eigenen Entscheidungen aus. Sie lassen sich treiben. Sie hängen sich an das, was alle machen.


Dennoch: Wir möchten die heutigen Freiheitsmöglichkeiten nicht missen. Mit Recht haben Generationen vor uns um sie gekämpft - oft unter schweren Opfern. Wir selbst sind froh, in unserer Generation den Ü;bergang vom Ideologiestaat in eine freie Gesellschaft erlebt zu haben. Freiheit ist ein großartiges Geschenk. Nur in Freiheit kann der Mensch gedeihen. Freiheit gehört zu unserer Würde. Das gilt selbst dort, wo keine politische Freiheit herrscht oder wo einer durch Missbrauch der vorhandenen Freiheit sich selbst und anderen schadet.



2. Der christliche Glaube befreit zu einer verantworteten Freiheit


Das heutige Leben in der liberalen Luft unserer Gesellschaft ist kaum noch von christlichen Vorgaben bestimmt. Es gibt sicherlich noch wertvolle Restbestände einer allgemeinen Christlichkeit, die ich nicht gering schätze. Aber Einstellungen und Verhaltensweisen, die sich vom christlichen Glauben her ergeben, sind nicht von vornherein das Selbstverständliche.


Es geht mir hier nicht um eine Klage über schlechter gewordene Zeiten. Auch früher gab es Versagen und Missbrauch von Freiheit. Freilich stützten früher mehr als heute gesellschaftliche Gepflogenheiten den Einzelnen und auch die Familien. "Man macht das eben so!" Oder: "Man tut das nicht!" Etwa: Man heiratet und lebt nicht einfach ohne Trauschein zusammen. Es gab nicht hinterfragte Selbstverständlichkeiten.


Heute sind solche Selbstverständlichkeiten Mangelware geworden. Darin besteht für uns Christen die Herausforderung der Stunde. Wir müssen immer neu, weithin auf uns allein gestellt, persönliche Entscheidungen treffen. Darin ist auch unser Leben als Christ in gewissem Sinne modern geworden. Soll ich heute beten - oder soll ich nicht? Soll ich zur Kirche gehen - oder lasse ich es? Ziehen wir einfach zusammen - oder geben wir uns zuvor am Altar das Ja-Wort? Sagen wir als Eltern Ja zum ungeborenen Kind, auch wenn es uns jetzt nicht in die Lebensplanung passt - oder verweigern wir uns dem werdenden Leben?


Ich habe die Freiheit, so oder so zu handeln. Keiner kontrolliert mich. Keiner nimmt an meinem Verhalten Anstoß. Die Gesellschaft sagt: Das musst du mit dir selbst ausmachen. Bestraft wirst du nur, wenn du einem anderen in die Quere kommst - oder wenn du vergisst, deine Steuern zu zahlen.


Das ist unsere Situation. Ich meine: Sie ist für echtes Christentum nicht die schlechteste. Der geweitete Freiheitsraum hilft unserem Glauben aus den Kinderschuhen. Glaube wird eigene Entscheidung und Tun, und deshalb echter und glaubwürdiger. Freiheit drückt unserem Glauben das Qualitätssiegel auf.


Darum hat Gott uns die Freiheit geschenkt, damit unser Glaubensgehorsam umso wertvoller wird. Hast Du Geschenke gern, die gedankenlos oder nur aus Gewohnheit heraus oder gar erzwungen gemacht werden? Solche Geschenke haben keinen wirklichen Wert. In der Liebe gibt es keinen Zwang. Aber es gibt in ihr frei gewollte Bindung. Wer sich von Gott geliebt weiß, hat keine Angst vor Freiheit.


Das ist beispielsweise der positive Sinn einer Eheschließung vor Gottes Angesicht. In aller Freiheit sage ich ein verbindliches Ja zu meinem Partner. Der Andere kann sich auf mein Ja verlassen. So kann Ehe gelingen. Ihr jungen Christen: Habt Mut zu einer solchen klaren und eindeutigen Bindung aneinander in Freiheit! Habt auch Mut, wenn euch der Herr ruft, zu einem ehelosen Leben in seinem Dienst - als Priester, im Ordensstand oder in anderen Lebensformen, die ganz für Gott und die Menschen frei sein wollen!


Wozu dann aber Gebote? Gebote und Vorschriften, auch für den Christen, sind so etwas wie Leitplanken, die auf den Strassen an gefährlichen Stellen davor schützen, in den Graben zu fahren. Solche Hinweise und Verbotstafeln sind sehr wichtig und aller Beachtung wert. Wer sie nicht beachtet, spürt bald die Konsequenzen.


Gott will nicht strafen. Aber er lässt Folgen zu. Positiv gesprochen: Was wirklich zählt, ist eine Freiheit, die sich um der Gottes- und Nächstenliebe willen selbst bindet. (Ü;brigens gilt das auch für Autofahrer. Wer sich selbst und seine Mitmenschen liebt, wird sich am Lenkrad verantwortungsvoll verhalten!)



3. Die österliche Bußzeit dient der Einübung in die "Freiheit der Kinder Gottes"


"Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe!", sagt der Apostel Paulus (vgl. 2 Tim 1,12). Er kennt Gott, weil er sich auf ihn eingelassen hat. So ist er frei geworden, Herr über sich selbst und frei für Gott und die Mitmenschen.


Willst du, dass die Fastenzeit dir solche Erfahrungen der Freiheit schenkt? Manche staunen, dass sie doch das Rauchen lassen können. Und manche merken, dass es auch ohne Alkohol geht. Und manche freuen sich über die Erfahrung, dass verminderter Fernsehkonsum dazu verhilft, sich mehr mit anderen zu unterhalten oder Zeit für andere schöne Dinge zu haben. Fastenzeit ist Lernzeit. In mir steckt mehr als ich wusste. Ich bin freier als ich meinte. Ich tauge zu mehr als ich dachte.


Auch in meinem Verhältnis zu Gott! Ob der Heilige Geist mit uns Christen auch einmal eine PISA-Studie machen sollte? Nicht darüber, ob wir ordentlich lesen oder klug kombinieren können - sondern ob wir begriffen haben, was heutzutage von einem Christen wirklich gefordert ist. Ich nenne vier Stichworte:


- Selbstkritik. Du kannst nicht alles mit den Zeitverhältnissen entschuldigen. Du bist es, der sündigt, und nicht die Verhältnisse. Der Verfasser der Geheimen Offenbarung schreibt der Gemeinde in Laodizea: "Kaufe Salbe für die Augen, damit du sehen kannst!" Vor allem dich selbst! "Mach also Ernst und kehr um!" (Offb 3, 18f). Nicht durch die Gesellschaft muss ein Ruck gehen, sondern durch dich und mich. Das Bußsakrament ist dazu hervorragend geeignet. Bitte in dieser Fastenzeit um das Geschenk eines neuen Anfangs!


- Entschiedenheit. Wo Christ drauf steht, sollte auch Christ drin sein. Sonst gilt uns das Urteil: "Ich kenne deine Werke, Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist.... will ich dich aus meinem Munde ausspeien" (Offb 3,15f). Die Nachfolge Christi braucht entschiedene Menschen. Wer nur macht, was alle machen, kann nicht Jünger Christi sein und bleiben. Lass dich nicht anfechten, wenn andere nicht oder nicht mehr zur Kirche und zu den Sakramenten gehen. Handle so, wie es dir dein Gewissen sagt. Jeder muss einmal über sich selbst vor Gott Rechenschaft geben.


- Verlangen nach Gott. Wer nicht sucht, der kann nicht finden. Gott liegt nicht auf den Ramschtischen der Warenhäuser herum. Er ist kein Billigprodukt. Er ist vielmehr anspruchsvoll. Er ist der ganz Andere. Er kann durchaus verunsichern. Er führt auf ungewohntes Terrain. Aber er führt uns ins Weite. Er lässt uns Grenzen überschreiten. Er heilt uns bis in die Wurzel unserer Existenz.


Sehnsucht nach Gott - gibt es das in meinem Leben? Bei uns als Eheleuten? Bei mir als einem Menschen, der allein lebt, der allein Kinder großzieht, bei mir als Priester oder Diakon? "Gott du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir!" so betet der Psalmist. Ich will in der Fastenzeit diesen Psalm 63 zu meinem Hauptgebet machen. Das Grundwasser unserer Gottessehnsucht muss in uns steigen. Dann kann vieles wieder wachsen und zum Blühen kommen.


- Bereitschaft zur Verantwortung. Wie es in unserer Gesellschaft zugeht, hängt von jedem Einzelnen ab. Ob unsere Kirche in Thüringen, im Eichsfeld lebendig bleibt, entscheidet jeder von uns mit. Der Heilige Vater hat seine Verantwortung, der Bischof und der Pfarrer, aber auch jeder Christ, dort wo er in der Welt steht und in der Gemeinde mitträgt.


Jeder ist für andere mitverantwortlich, ob er es wahrhaben will oder nicht. Die anderen wollen sehen, wovon wir reden, und was es bedeutet, an Gott zu glauben und beten zu können. Habe deshalb Mut zu einem christlichen Profil, gerade dann, wenn das in deinem Umfeld nicht selbstverständlich ist! Darin zeigt sich deine innere und äußere Freiheit.



Liebe Schwestern und Brüder!


Freiheit ist ein gefährlich-schönes Geschenk. Gott hat uns damit ausgestattet. Ich meine: Er wollte damit unser Bestes. Nur freie Menschen können Gott gefallen. Und zudem: Es gibt nichts Schöneres als eine Gemeinschaft freier Menschen. So denke ich mir die Kirche. Euer Gottesdienst heute, zu dem keiner gezwungen gekommen ist, ist ein Ausdruck dieser Freiheit der Kinder Gottes.


Nicht die äußerliche Tradition, nicht die gedankenlose Gewohnheit darf die Mitte unseres Christ-Seins ausmachen. Sonst wären wir nicht auf der Höhe der Zeit. Damit sage ich nichts gegen gute Traditionen, gegen hilfreiche Gewohnheiten. Dass wir uns gegenseitig grüßen, ist sicher meistens Gewohnheit, und zwar eine gute und für das Zusammenleben hilfreiche Gewohnheit. Aber im Grüssen muss auch unsere Seele mitschwingen, sonst bleibt der Gruß eine hohle Phrase.


So ähnlich ist es mit unserem Glauben und seinen Lebensäußerungen. Sie bedürfen immer wieder einmal der "Runderneuerung". Dazu ist jetzt Gelegenheit - 40 Tage lang.


Zu solcher Erneuerung und Vertiefung eures Glaubens stärke und segne euch der dreifaltige Gott: Der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.



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