Für uns hingegeben

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr an Gründonnerstag, 29.März 2018

Bild: Friedbert Simon; in: Pfarrbriefservice.de

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn, 

wenn Sie das neue Gotteslob durchblättern, wird Ihnen möglicherweise auffallen, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Text der Messfeier, wie er im Gotteslob abgedruckt ist und dem Text,  den der Priester vorbetet. Der Unterschied betrifft den zentralen, eigens großgedruckten Text des Hochgebets, nämlich den Einsetzungsbericht.

Im Gotteslob steht bei Nummer 588,5: „Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Bei der Wandlung werden wir nachher aber sagen bzw. singen: „Mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird.“

Als das neue Gotteslob nach 10jähriger Vorbereitungszeit endlich fertig war, wollte man nicht noch weitere Jahre warten, bis die Revision der Einheitsübersetzung der Bibel und die Revision des Messbuchs vollendet ist. Da aber die Frage der Übersetzung der Kelchworte zu dieser Zeit auch öffentlich heftig diskutiert wurde und Papst Benedikt XVI. entschieden hatte, dass in der neuen deutschen Version des Messbuchs „für viele“ stehen solle, hat man dies bei der Veröffentlichung des neuen Gotteslobes schon vorweg genommen, mit dem Hinweis, dass das aktuell gültige Messbuch maßgeblich sei.

Mittlerweile hat sich die Aufregung über die Übersetzung der Kelchworte gelegt. Gerade der Gründonnerstag ist eine gute Gelegenheit darüber nachzudenken und dabei das Abendmahlsgeschehen tiefer zu verstehen.

Schon der Apostel Paulus wird nicht müde zu verkünden, dass das Erlösungswerk Christi alle Menschen einbezieht. Gott hat seinen Sohn für alle hingegeben (Röm 8,32), formuliert Paulus im Römerbrief. Einer ist für alle gestorben (2 Kor 5,14), sagt er im zweiten Korintherbrief über den Tod Jesu. Jesus hat sich als Lösegeld hingegeben für alle (1 Tim 2,6), heißt es im ersten Timotheusbrief.

Dennoch steht in der Überlieferung des Neuen Testaments im Matthäusevangelium: „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (Mt 26,28) und im Markusevangelium: „ Das ist mein Blut des Bundes, dass für viele vergossen wird.“ (Mk 14,24). Auch die revidierte Einheitsübersetzung schreibt „für viele“.

Man darf hier nicht den Zusammenhang übersehen, in dem die Einsetzungsworte überliefert wurden. Auch wenn das Erlösungswerk Christi, das wir in der Heiligen Woche wieder neu feiern, alle Menschen miteinbezieht, erreicht seine konkrete sakramentale Zuwendung nur diejenigen, die am Abendmahl – wir sprechen von der Eucharistiefeier – teilnehmen. Wenn es irgendwann einmal in ferner Zukunft im neuen Messbuch heißen wird: „Mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird“, so wird uns das in doppelter Hinsicht aufhorchen lassen. Die Lektüre des Matthäus- oder des Markusevangeliums kann uns heute schon dahin führen. 

Wir werden bei der Feier der Heiligen Eucharistie mit größerer Freude und Dankbarkeit, ja sogar mit Überraschung, erleben, dass im Sakrament der Eucharistie die erlösende Liebe Christi eine jede und einen jeden von uns ganz konkret umschließt. Dies kann gerade heute am Gründonnerstag in einer noch tieferen Dimension erlebt werden. Die Liturgie der Kirche spricht bei den Wandlungsworten über das Brot: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“

Gerade heute, an Gründonnerstag, wo wir die historische Wurzel der Eucharistiefeier im letzten Abendmahl besonders in den Blick nehmen, können wir uns verdeutlichen, dass Jesus seine erlösende Liebe, die bereit ist, den Tod auf sich zu nehmen, zunächst den am Abendmahlstisch versammelten Aposteln zuteilwerden lässt.

Die biblische Überlieferung ist nicht eindeutig, ob zu diesem Zeitpunkt Judas Iskariot noch am Tisch saß. Zunächst sind die Männer gemeint, die mit Jesus am Tisch saßen, konkrete Persönlichkeiten, von deren Begeisterung und Nachfolgebereitschaft, aber auch von deren Ecken und Kanten die Evangelien ein lebendiges Bild zeichnen. Diesen Männern wendet Jesus die Frucht seines Erlösungswerks zu.

Nach der Liturgie der Kirche öffnet sich erst bei den Kelchworten der Kreis. Die Türen des Abendmahlssaals öffnen sich, der Tisch vergrößert sich, unser Altar ist ein Teil des Abendmahlstisches, um den wir uns versammeln. Die erlösende Liebe Jesu Christi bezieht auch jeden und jede von uns mit ein. Jesus ist nicht für die ganze Menschheit gestorben, sondern für jeden einzelnen – für dich und mich. Die erlösende Liebe Christi ist auch eine menschliche Liebe der Sympathie und der Zuwendung. Wenn wir uns dies bewusst machen, können wir nicht aufhören, darüber zu staunen. 

Wenn das Kelchwort so übersetzt wird, dass Christus sein Blut „für viele“ vergossen hat, dann hält uns dies auch bewusst, dass das Erlösungswerk zwar alle Menschen einbezieht, aber nicht alle erreicht. 


In Thüringen wissen wir, dass wir als Christen in unserer Gesellschaft nicht viele sind. Wir erleben auch, wie schwierig es ist, Menschen, die noch nie in ihrem Leben mit Religion zu tun hatten, für die Dimension Gottes zu öffnen. Dies sind natürlich auch Spätfolgen der Diskriminierung von Religion in der SED-Diktatur. Papst Benedikt XVI. hat einmal gesagt: „Wir sind viele und stehen für alle!“

Dies gilt auch für unsere Mitchristen, die sich zwar ihrer christlichen Berufung und Sendung bewusst sind, aber die Feier der Eucharistie nicht als Stärkung auf ihrem christlichen Lebensweg erfahren und deswegen nicht zum Gottesdient kommen. Wir sollten ihnen immer wieder einmal bezeugen, dass wir in jeder Feier der Eucharistie im Geiste an den Abendmahlstisch des Herrn eingeladen sind, wo er uns eine Liebeserklärung macht. Diese ereignet sich unabhängig vom zelebrierenden Priester und unabhängig von der äußeren Gestaltung der Feier. So gehören die beiden Worte „viele“ und „alle“ zusammen und beziehen sich in Verantwortung und Verheißung aufeinander.