"Eucharistie und Sendung in die Welt gehören zusammen"

Predigt von Bischof Joachim Wanke bei der Bistumswallfahrt zum Erfurter Domberg

Evangelium: Lukas 24,13-16.28-35



Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

liebe Wallfahrtsgemeinde!


"Und noch in der gleichen Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück" - so endet das Evangelium von den beiden Emmausjüngern. Sie hatten mit dem Auferstandenen das Mahl gefeiert - und das hat sie verwandelt. Aus enttäuschten und resignierten Jesusjüngern, die gerade dabei waren, sich ins Private zurückzuziehen, wurden neue Menschen, wurden Osterzeugen!



I.

Eucharistie und Neuschöpfung


Der Evangelist Lukas lässt erkennen, dass es kein gewöhnliches Mahl war, was da im Haus von Emmaus gefeiert wurde, sondern die Eucharistie. Wir müssen also unser Wallfahrtsmotto genauer fassen: Die Eucharistie verwandelt - verwandelt zum Leben.


Was ist damit gemeint?


Schauen wir auf den Ursprungsort der Eucharistie. Das ist der Abendmahlssaal in der Nacht vor dem Karfreitag. Der Herr macht in dieser Nacht vor seinem Sterben aus einer menschlichen Gewalttat eine Tat der Hingabe, eine Tat der Liebe - für uns und die vielen. Diese Umwandlung des geballten Hasses, der Jesus vernichten will, zu einer Tat hingebender, schenkender Liebe geschieht auf Golgatha. In der Feier im Abendmahlssaal nimmt der Herr diese Umwandlung im Zeichen des gebrochenen Brotes und des allen dargereichten Kelches vorweg. Hier geschieht, was unsere Rettung ist: Gewalt wird in Liebe verwandelt, und so Tod in Leben. Das ist gleichsam die "Kernspaltung" im Innersten des Seins, wie das Papst Benedikt in seiner Predigt beim Abschlussgottesdienst am Weltjugendtag ausgedrückt hat, eine "Kernspaltung", von der alle weiteren Verwandlungen wie in einer Kettenreaktion ausgehen und so allmählich die Welt verändern. Hier, am Kreuz unseres Herrn, geschieht die Ü;berwindung des Bösen von innen her, aus der Kraft einer Liebe, die alles menschliche Maß übersteigt. Das ist das Einmalige, das Erlösende an der Tat Jesu. Hier wird ein Raum eröffnet, in den auch wir eintreten können, um zu neuen österlichen Menschen zu werden.


Das feiern wir in jeder Eucharistie. Mehr noch: Wir lassen uns bei der Mitfeier der hl. Messe hineinziehen in diesen Umwandlungsprozess, der mit Jesus in dieser Welt seinen Anfang nahm. Die Verwandlung des Brotes und Weines in den Leib und das Blut Christi soll nicht aufhören. Sie will Fortsetzung finden in unserer Umwandlung, die sich zeigen soll in der kleinen Münze eines Lebensstiles in der Gesinnung, in der Art Jesu. Nichts weniger als Neuschöpfung passiert, wenn wir uns dem Anspruch der Eucharistie aussetzen. Ja wir können sagen: Wir werden mehr und mehr das, was wir empfangen: Leib Christi.


Darum, liebe Schwestern und Brüder, ist uns katholischen Christen die Eucharistie so kostbar - nicht weil sie Gemeinschaftserlebnisse schafft, nicht weil sie fromme Gefühle weckt oder sonst wie nützlich ist. Sie ist kostbar, weil wir in der Mitfeier der Eucharistie uns der Umwandlung anschließen können, die mit Jesu Todeshingabe als Tat der Liebe für uns begonnen hat.


Halten wir uns das immer wieder vor Augen: Veränderung der Welt, Ü;berwindung des Todes, Erneuerung des Lebens geschieht nicht von außen, nicht durch menschliche Programme und Initiativen. Alles, was wir tun oder ersinnen können, bleibt oberflächlich. Es kann nicht retten. (Und ich sage euch nichts Ü;berraschendes: Auch nach der heutigen Wahl wird diese unsere Welt eine Welt der Sünde und des Todes bleiben).


Wirkliche Verwandlung dieser Todeswelt in nachhaltiges Leben geschieht im Anschluss an Jesus Christus und seine Liebe. Weil er uns geliebt hat, hat der Tod jetzt nicht mehr das letzte Wort über uns. Und weil er uns in seiner Liebe an sich zieht, verwandelt sich unser todgeweihtes Leben in ein Leben in Fülle, jetzt noch verborgen und unter Geburtsschmerzen - dann aber einmal in Herrlichkeit und bleibender Freude.


Jetzt verstehen wir, was unser Wallfahrtswort meint: Ein Mahl verwandelt - verwandelt zum Leben.


Ich gebe zu: Diese Begegnung mit dem Herrn im eucharistischen Mahl bleibt ein verborgenes Geschehen. Seine Gegenwart ist verhüllte Gegenwart. Das macht unsere Mitfeier der hl. Messe oder das Gebet vor dem Tabernakel oft so mühselig. Wir denken dann im Stillen: Ach, bei mir passiert ja nichts!


Aber stimmt das wirklich? Was wäre aus dir geworden, wenn du nicht so treu und beständig dich um eine innere, geistliche Mitfeier der Eucharistie in deinem Leben bemüht hättest? Bist du vielleicht doch auf dem Weg der inneren Umwandlung schon ein Stück vorangekommen?


Christus will keinen Zwang und Druck ausüben. Er will uns in aller Freiheit gewinnen für den Weg, den er uns vorangegangen ist. Darum ist jede Mitfeier der hl. Messe eine Einladung, ihn in der Verborgenheit des sakramentalen Zeichens neu zu entdecken. Wir brauchen bei der hl. Messe Augen, die tiefer sehen, wir brauchen ein Herz, das sich nach ihm ausstreckt. Wir brauchen eine Frömmigkeit, die den vertrauten liturgischen Ritus immer wieder aufbricht hin zu einer personalen Begegnung mit ihm. Es braucht, um die Eucharistie zur Lebensverwandlung werden zu lassen, die Haltung ehrfürchtiger Anbetung. Wir müssen und dürfen uns ihm ganz und gar überlassen - dann geschieht das Wunder der Neuschöpfung auch an uns. Der hl. Thomas fasst diese Haltung der Eucharistie gegenüber in die Worte:

    "Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.

    Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier.

    Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich mich dir hin,

    weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin."


Weil Dein Wunder der Liebe auf Golgatha mich Armen reich macht! Diese Verse sind ein würdiges Gebet für jeden Christen vor der hl. Kommunion.



II.

Eucharistie und Sendung


Lasst mich bei einem Gedanken noch ein wenig verweilen, der an der Geschichte der Emmausjünger gut ablesbar ist. Wie zeigte sich bei ihnen die Verwandlung? Die Begegnung mit Jesus verscheucht ihre Resignation. Sie brechen auf und gehen nach Jerusalem zu den anderen Jüngern zurück. Mit ihnen zusammen werden sie nun Boten der Auferstehung Jesu. Eucharistie und Sendung gehören zusammen.


Liebe Schwestern und Brüder!


Ich bin noch ganz erfüllt von den Ereignissen beim Weltjugendtag in Köln - und auch von den Tagen zuvor mit unseren Gästen aus aller Welt hier im Bistum. Wenn man ein Stichwort nennen sollte, das wie ein Schlüssel uns das Geheimnis dieser wunderschönen Tage aufschließt, so ist dies das Stichwort: Begegnung. Begegnung mit vielen jungen Christen aus aller Welt, Begegnung mit den Familien und Gemeinden hier vor Ort, Begegnung mit unserem Papst Benedikt, ja - und eben auch die Begegnung mit Jesus Christus, der im eucharistischen Brot in unserer Mitte ist.


Sehr herzlich möchte ich allen danken, die in den Gemeinden diese Tage mit der Weltjugend hier im Bistum ermöglicht haben, den Gastfamilien, den Pfarreien und ihren Gruppen, den Pfarrern und Kaplänen, den Gemeindereferentinnen und Diakonen und der großen jugendlichen und erwachsenen Helferschar. Heiligenstadt war am 13. August, beim Bistumstag, eine großartige Gastgeberin! Danke dafür! Nicht zuletzt haben wir aus der Öffentlichkeit, von evangelischen Gemeinden, von Städten und Kommunen, von nichtkirchlichen Institutionen, von Betrieben, von der Polizei, von der Bundesbahn bis hin zur Bundeswehr großzügige Unterstützung erhalten. Dafür ein herzliches Danke!


Begegnung schafft Leben - Leben, das sich im Dienst des Herrn senden lässt. Bischof Werth aus Nowosibirsk wird uns heute berichten, was das für seine verstreut in Sibirien lebenden Katholiken bedeutet: mit einem Priester die Eucharistie feiern zu können. Hier geschieht, bei ihm und auch bei uns, was damals die Emmausjünger erfuhren: dieses Mahl, in Frömmigkeit und geistlicher Offenheit gefeiert, verwandelt uns. Es macht uns geistlich lebendig und drängt uns, diese Quelle österlichen Lebens auch anderen zugänglich zu machen.


Bei seiner Begegnung jetzt in Köln mit den Bischöfen Deutschlands erwähnte der Papst ausdrücklich die neuen Bundesländer. Ich zitiere einmal aus seiner Ansprache an uns Bischöfe die folgenden Sätze:

    "Besorgniserregend bleibt die religiöse Situation im Osten, wo ja, wie wir wissen, die Mehrheit der Bevölkerung nicht getauft ist und keinerlei Kontakt zur Kirche hat, oft überhaupt nichts von Christus und von der Kirche weiß. Solche Dinge sind Herausforderungen ... Und so denke ich, müssen wir ganz ernstlich - in ganz Europa, nicht weniger in Frankreich oder auch in Spanien oder anderswo - darüber nachdenken, wie wir heute wirklich Evangelisierung, nicht nur Neuevangelisierung, sondern oft eben auch Erstevangelisierung leisten können..... Wir müssen, denke ich, alle miteinander versuchen, neue Weisen zu finden, wie wir in diese heutige Welt hinein wieder das Evangelium tragen, dort wieder Christus verkünden und den Glauben aufrichten können."

Soweit Papst Benedikt - und ich meine, er hat genau auf den entscheidenden Punkt hingewiesen, um den es uns hier in Thüringen gehen muss. Beim abschließenden Händedruck, als ich dem hl. Vater für drei Sekunden in die Augen schauen konnte, habe ich ihm gesagt: "Heiliger Vater, die Katholiken Thüringens grüßen Sie und wir versprechen Ihnen - wir wollen das Evangelium nicht verstecken, sondern es auf den Leuchter stellen!" Da hat er gelächelt und gemeint: "Gut so! Darüber freue ich mich! Grüßen Sie mir alle Gläubigen im Bistum!" Was ich hiermit gern tue!


Ihr wisst, wie mich dieses Anliegen einer einladenden Kirche bewegt - und ich bin dankbar, dass ihr es in euren Gemeinden, Verbänden und Gemeinschaften in den letzten Jahren mehr und mehr aufgegriffen habt. Das muss uns tief innerlich prägen: Wir feiern die Eucharistie nicht für uns selbst. Wir müssen aus ihr verwandelt in die Welt, zu unseren Mitmenschen gehen. Ite missa est - ja, zur Aussendung ist uns diese Feier geschenkt, nicht zum Verbleiben im alten Trott. Nicht Stubenhocker-Christen sollen wir sein, sondern Sendboten des Auferstandenen, Jünger, die nicht in ihrem Emmaus bleiben und sich dort gemütlich einrichten, sondern die sich nach Jerusalem aufmachen, in die Stadt mit all ihren Gegensätzen und Problemen, ihrer Hektik und ihrer Unruhe, ihren Gegensätzen, ihrem Spott und ihrem Unglauben - Ja, dort will uns der Herr sehen. Dort sollen wir sagen: Der Tod hat nicht das letzte Wort, denn er, Christus, ist wahrhaft auferstanden!


Ich habe in den letzten Wochen ein Leporello vorbereiten lassen, das ich euch heute gern von der Wallfahrt mitgeben möchte. Ihr könnt es nach dem Gottesdienst am Bistumsstand oben am Dom erhalten. Das Leporello will mit seinen sieben Seiten ein Stichwortgeber sein für Gespräche in den Gemeinden, Familien und Gruppen.


Die Hauptbotschaft dieses Bild- und Textimpulses soll sein: Wir hier im Bistum Erfurt beschäftigen uns nicht nur mit fehlendem Geld und fehlenden Hauptamtlichen. Wir reden nicht nur von Strukturveränderungen, sondern vielmehr davon, was in den veränderten Strukturen dennoch alles geschehen kann. Wir können, zusammen mit unseren evangelischen und freikirchlichen Glaubensgeschwistern für dieses Bundesland Christuszeugen werden und immer mehr sein.


Auf einer der letzten Doppelseiten dieses Leporellos findet ihr einige Anregungen, wie das geschehen kann, etwa diese:


  • Für andere, Kinder, Jugendliche, Suchende und Zweifler Helfer werden zum Gebet. ...

  • Besuche machen, um einsame Menschen nicht allein zu lassen ...

  • Brückenbauer werden, um manchen wieder zu helfen, in die Gemeinde hineinzufinden ...

  • Gefährte im Glauben mit anderen sein, unter Freunden, in der Ehe, in der Familie ...

  • Sich "im Namen Jesu" in der Welt, in der Gesellschaft zu Wort zu melden ...


  • Liebe Schwestern und Brüder, jetzt habe ich überhaupt nicht von der heutigen Wahl gesprochen. Aber ich glaube, ihr nehmt mir das nicht übel. Erstens wisst ihr ohnehin Bescheid, und zweitens ist es ebenso wichtig, dass auch nach der Wahl - wie immer sie ausgeht - in diesem Land österliche Menschen am Werk sind. Denn woher Hoffnung schöpfen - wenn nicht im Blick auf den Herrn und seine Liebe? Feiern wir darum, was er uns anvertraut hat - und lassen wir uns österlich verwandelt neu in den Alltag senden. Amen.



    Pressemitteilung: "Wallfahrt am Wahltag"