Vom Seelsorgeamt in die Pfarrseelsorge: Domkapitular Gerhard Stöber
Nach 27 Jahren im Seelsorgeamt erfüllt sich für Domkapitular Stöber ein Herzenswunsch
Erfurt/Mühlhausen (BiP). Nach 20 Jahren an der Spitze des Seelsorgeamtes im Bistum Erfurt wechselt Domkapitular Gerhard Stöber am 1. August als Pfarrer in die Kirchengemeinde St. Josef in Mühlhausen. Seine 20 Jahre als Seelsorgeamtsleiter bezeichnet er als "ausgefüllte und lange Zeit, die mir viel Freude gemacht hat". Jetzt sei aber ein Wechsel fällig.
Erfurts Bischof Joachim Wanke hat dem nicht ohne Bedauern zugestimmt. Gern hätte er den Domkapitular noch länger an alter Stelle behalten, aber für jeden Priester sei es nun einmal ein Herzenswunsch, Pfarrer zu werden. "Und 31 Jahre nach seiner Priesterweihe will ich da natürlich keine Steine in den Weg legen." Wanke zeigt Respekt vor dem Entschluss, nach so langer Zeit im Seelsorgeamt in die Pfarrseelsorge zu wechseln. "Das würde sich nicht jeder trauen", sagt er anerkennend.
Bischof Wanke war es auch, der Stöber 1981 nach vier Kaplansjahren in Sonneberg als Jugendseelsorger ins Seelsorgeamt nach Erfurt berief. Sieben Jahre später machte er ihn zu dessen Leiter. Dem Bischof gefiel der Arbeitsstil seines neuen Seelsorgeamtsleiters: "Gerhard Stöber leitet, indem er zum gemeinsamen Gespräch anstiftet und bei Entscheidungen möglichst viele mitnimmt."
Fortan war Stöber zuständig für alle grundlegenden pastoralen Fragen, die die Gemeinden und die Katholiken in Thüringen betrafen. Er musste sich um die Ausrichtung und Ziele der Seelsorge ebenso kümmern wie um die Koordination der verschiedenen Arbeitsfelder und die Weiterbildung der Priester und Gemeindereferentinnen. Die kirchlichen Häuser und ihr Programm standen in seiner Verantwortung, desgleichen die Vorbereitung der großen Bistumswallfahrten. Außerdem war Stöber nicht nur Chef, sondern als Erwachsenenseelsorger gewissermaßen sein eigener Mitarbeiter. Die Personaldecke der Kirche in der Diaspora, wo Christen in der Minderheit leben, ist eben dünner als anderswo.
Intensive Erfahrungen mit der Diaspora machte Gerhard Stöber aber erst, als er das Abitur in Magdeburg ablegte und zum Studium nach Erfurt kam. Als Eichsfelder war er in einer katholisch geprägten Gegend mit volkskirchlichen Strukturen aufgewachsen. Jetzt ist er mit beiden Lebensräumen vertraut. "Für mich ist es bis heute ein spannender Prozess zu entdecken, wie sich die Eichsfelder und die Diaspora-Katholiken gegenseitig bereichern können", sagt er.
Ob nun Eichsfeld oder Diaspora, als der neue Seelsorgeamtsleiter seinen Dienst antrat, lebten die Thüringer Christen in der DDR oder, besser gesagt, noch in der DDR, was damals aber niemand ahnte. "Zu meinen ersten Aufgaben gehörte es, einen Pastoraltag für Oktober 1989 vorzubereiten. Dabei ging es um die Frage, wie sich das Leben in Familie, Freizeit, Beruf und Gesellschaft unter den Bedingungen der DDR christlich gestalten lässt", erinnert sich Stöber.
Solche Pastoraltage waren und sind für den Thüringer Katholizismus von herausragender Bedeutung, kommen doch der Bischof mit seinen Mitarbeitern sowie Vertreter aus den Gemeinden, Verbänden und der Caritas zusammen, um zu sehen, welche Entwicklungen es in Kirche, Staat und Gesellschaft gibt und was das für die Seelsorge bedeutet. "Jede Zeit stellt ihre Fragen an das Evangelium. Das muss auch so sein, damit die Frohe Botschaft die Menschen immer wieder neu erreichen kann", unterstreicht Stöber.
Die Ereignisse im Herbst 1989 holten natürlich auch den Pastoraltag ein. "Ich weiß noch, wie wir damals im Coelicum und Dom beisammen waren - immer mit einem Ohr am Radio, um die neuesten Entwicklungen der sterbenden DDR mitzubekommen", erinnert sich Bischof Wanke. Sein Seelsorgechef richtete eine zusätzliche Arbeitsgruppe ein, die einen Brief an die Gemeinden formulierte. Einbringen sollten sich die katholischen Christen in die gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse, hieß es darin, aktive Mitgestaltung, nicht nur reagieren, lautete die Empfehlung.
Nicht nur, aber besonders auch für die Kirchen hat sich mit der Deutschen Einheit ein schier unermesslicher Freiheitsraum aufgetan, der genutzt sein will. "Es gab Kontinuitäten in der Seelsorge, natürlich, aber es kam auch viel Neues hinzu", sagt Domkapitular Stöber. Er denkt dabei an Möglichkeiten wie Schul- und Notfallseelsorge, das kirchliche Engagement in den öffentlichen Medien, überhaupt die Möglichkeit, das Christentum offen und ungehindert leben und dafür werben zu können.
Das Evangelium auf Mitteldeutsch buchstabieren, sollte Bischof Joachim Wanke später formulieren, was er für die Herausforderung und Aufgabe der Christen in Thüringen hält. Wie ein roter Faden durchzieht dieses Motiv alle Pastoraltage und Aktivitäten des Bistums Erfurt. "Wer in der DDR mit ihrem staatlich verordneten Atheismus als Christ aufgewachsen ist, tut sich mitunter schwer, über den Glauben in nichtchristlichen Kreisen zu sprechen", weiß Gerhard Stöber.
Andererseits sei es sehr chancenreich, wenn dafür der Mut aufgebracht wird. "Interesse am Glauben entsteht am ehesten dort, wo Nichtchristen Christen begegnen: am Arbeitsplatz, in der Freizeit, in Partnerschaft und Ehe. Dann kann die Frage heranwachsen: Warum glaubst du?"
Für Gerhard Stöber bietet der christliche Glaube eine überzeugende Möglichkeit, sich in der Welt zu verorten, ein glückendes Leben zu führen und sogar Zukunft über den Tod hinaus zu haben. "Darüber möchte ich mit den Menschen ins Gespräch kommen", sagt er und freut sich über jeden, der die Offenheit besitzt, über das Christentum als eine Lebensalternative wenigstens nachzudenken.
Von Statistiken lässt sich der künftige Mühlhäuser Pfarrer nicht bange machen. "Wir sind eine kleine Herde und werden es wohl bleiben", meint er. "Aber auch Minderheiten haben ihren Charme und verstehen zu überzeugen." Ab August hat Pfarrer Gerhard Stöber dazu in Mühlhausen Gelegenheit.
Stellentausch: Seelsorgeamtsleiter wird Pfarrer, Pfarrer wird Seelsorgeamtsleiter