Einsames Sterben - einsame Bestattung?

Vortrag von Bischof Joachim Wanke über den Wandel der Bestattungskultur


Der Vortrag wurde im Rahmen einer Reihe zu den "Sieben Werken der Barmherzigkeit" am 8.11.2007 in Eisenach gehalten


Die Werke der leiblichen Barmherzigkeit, denen diese Vortragsreihe gewidmet ist, wirken in den Zeiten des "Sozialstaates" ein wenig anachronistisch. Gibt es nicht hinreichend Institutionen, die sich der Hungernden und Dürstenden, der Nackten, Gefangenen, Kranken und Heimatlosen annehmen?


Trotz allem, was da an staatlicher Vorsorge geleistet wird: Die Werke der Barmherzigkeit haben weiterhin eine unerhörte Modernität. Das gilt auch von dem letzten Werk, dem wir uns heute zuwenden wollen: Tote begraben.


In den letzten Jahren haben Trauerfeiern für Verstorbene auf dem Erfurter Hauptfriedhof kontinuierlich abgenommen. Derzeit sind es täglich nur drei bis vier Trauerfeiern in einer Stadt mit 200.000 Einwohnern. Das mag verwunderlich erscheinen. Es erklärt sich freilich aus der Tatsache, dass ein größerer Teil der Verstorbenen anonym bestattet wird, ohne eigene Trauerfeier.


Die Gründe hierfür sind vielgestaltig. Es gibt eben eine weit verbreitete Hilflosigkeit, wie man mit Sterben und Tod umgehen soll. Viele fühlen sich hierin überfordert. So wird meist alles auf die Bestattungsinstitute bzw. die Angebote der Friedhöfe abgeschoben und die Alternative einer kostengünstigen anonymen Bestattung ohne Trauerfeier gewählt.


Der Erfurter Friedhof bietet als Kompromiss schon seit längerem die Möglichkeit an, eine Urnengrabstelle mit Namensgebung zu wählen. Davon wird rege Gebrauch gemacht. Dabei werden 12 Verstorbene bestattet, ohne konkrete Angabe der Grabstelle, jedoch in einer überschaubaren Grabfläche und mit Angabe des Namens auf einer Stele. Kürzlich wurde ein Verabschiedungsraum auf dem Hauptfriedhof geschaffen. Es gibt Angebote, den Sarg oder die Urne selbst zu gestalten. Nicht alle Formen erscheinen zukunftsfähig, aber es gibt ein suchendes Tasten und Fragen nach neuen Formen der Beisetzung. Auch nichtchristliche Menschen erkennen: Das Sterben und der Tod gehören zum Leben dazu.



Bestattungskultur im Wandel


Mir berichten Pfarrer aus ihrem Erfahrungsumfeld, dass ein Hartz-IV-Empfänger keine Chance hat, aus eigener Finanzkraft heraus seine Erdbestattung abzusichern. Eine solche Beerdigung ist teurer, als der Betrag, den er den Vorschriften entsprechend für sich zurückhalten darf. Kein Wunder, dass heutzutage die meisten Bestattungen in Thüringen Feuerbestattungen sind.


Der Wandel in der Bestattungskultur hängt mit den derzeitigen Veränderungen in den gesellschaftlichen und familiären Strukturen zusammen. Der Einzelne ist oft mit dem verstorbenen Angehörigen überfordert. Meist wohnt er nicht an dem Ort, wo der Verstorbene lebte und beerdigt werden soll. Oft sind auch keine weiteren Angehörigen da, die sich der Beerdigung und vor allem der späteren Grabpflege annehmen könnten. Der Tod ist einsam geworden, entsprechend einsam ist die Bestattung. Die Tendenz zur professionellen, rein technischen Entsorgung der Toten nimmt zu. Ich sage das ganz ohne Vorwurf. Aber so stellt sich derzeit die Situation dar.


Dazu kommt der Ausfall der christlichen Auferstehungshoffnung in der Breite der Bevölkerung. Dieser Ausfall hat Auswirkung auf die Trauerkultur und die Gestalt der Totenbestattung. Dafür möge auch nur ein Beispiel stehen: In der FAZ vom 31.8.2007 las ich, dass der Hamburger SV einen eigenen Friedhof für Fans des Vereins angelegt hat. Die spätere Beerdigung in Sichtweite der Haupttribüne des Vereinsstadions sei gewährleistet!


Der Wandel ist also unübersehbar. Man könnte ihn auf die Formel bringen: Früher galt ein Begräbnis als ein Dienst an dem Toten. Heute ist ein Begräbnis häufig ein Dienst an den Angehörigen und ihren "Ansprüchen" - sei es, dass diese sich die Beerdigung als Service bestellen (und zwar als "Rund-um-Service" einschließlich von Behördengängen, der nachfolgenden Grabpflege u. a. mehr) oder sei es, dass Angehörige und Freunde des Verstorbenen dessen Beerdigung mehr oder weniger aktiv vermittels eines Bestatter-Unternehmens "inszenieren". Und da können manche skurrile Formen gewünscht werden - bis hin zum Sektglas am offenen Grab, "weil doch die Oma immer auch gern ein Gläschen getrunken hat!"


Natürlich gab es auch früher "Repräsentationsbegräbnisse". Man sehe sich nur manche historische Friedhöfe an, die in der Tat vor allem dem Nachruhm der Familien dienen und weniger den Toten im Blick haben. Doch kann man als Trend in der Richtung des Wandels in der Trauerkultur sagen: Der Tote ist bei einer Beerdigung das Unwichtigste. Wichtig sind die Hinterbliebenen und ihre Vorstellungen und Wünsche. Früher reichte ein einheitliches Ritual für die Beerdigungsfeier, heute muss eine Beerdigung mehr und mehr ganz individuell gestaltet werden. Auf manche Wünsche kann sicher auch ein Geistlicher eingehen - aber hier zeigen sich auch grundsätzlich Grenzen, die die Kirchen nicht überschreiten dürfen. So haben sich auf dem Markt der Trauerkultur bzw. Trauerunkultur viele neue Anbieter etabliert, "Trauerdesigner" mit ihren seriösen und manchmal auch fragwürdigen Angeboten. Aus den Kirchen als "Monopolisten" auf dem Gebiet der Bestattungskultur sind Anbieter neben vielen anderen Anbietern geworden. (Ü;brigens wird das "Kuratorium Deutsche Bestattungskultur e.V." demnächst einen TV-Kanal mit dem Namen ETOS eröffnen, der im Sinne eines Beraterkanals rund um das Ereignis Beerdigung Beratungs- und Gestaltungsangebote machen will, bis hin zu Formen von Nachrufen, Gedenkfilmen u. ä. in digitaler Gestalt).


In all dem zeigt sich ein Trend zu einer immer stärkeren Privatisierung der Bestattungskultur. Die öffentliche Dimension von Sterben und Tod bleibt im Normalfall ausgeblendet, wenn es nicht gerade um das Sterben von Lady Diana oder den Tod eines Papstes geht.


Gegen diese Privatisierung des Sterbens kann meines Erachtens die christliche Gemeinde etwas tun. Dazu gleich einige Erfahrungen. Doch zuvor wollen wir festhalten, dass auch unter Christen die Formen der Trauerkultur und des Umgangs mit den Toten vielgestaltig waren und sind.



Veränderungen in der christlichen Trauerkultur


Es ist zuzugeben, dass die christliche Bestattungskultur mit ihren kulturellen Ausprägungen und Ausdrucksformen immer auch zeitgebunden ist. Dementsprechend waren und sind die christlichen Beerdigungssitten in Geschichte und Gegenwart vielgestaltig. Nicht die Veränderungen an sich sind das Problem, sondern die Frage, in welche Richtung diese Veränderung zielen.


Man vergleiche nur einmal einen Herrnhuter Friedhof mit einer barocken Grabanlage. Auch christliche Grabkultur unterliegt einem Wandel. Was heute auffällt ist die Zunahme privatreligiöser, z. T. esoterischer bzw. nichtchristlicher Ü;berzeugungen, die sich dann auch bei der Grab- und Friedhofsgestaltung auswirken. Ich denke da an Bestattung unter Baumwurzeln, Seebestattungen, anonyme Bestattungen u. ä. Unsere Mitbürger aus anderen Religionen wollen ihre Toten gemäß ihren Ü;berzeugungen beerdigen. Für Muslime etwa kommen Feuerbestattungen nicht in Frage. Die Bestattungskultur wird sich also, wie so vieles bei uns, pluralisieren.


Seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) hat sich hinsichtlich des Begräbnisrituals und der Beisetzungsformen auch innerhalb der katholischen Kirche einiges verändert. Zwar ist der Glaube an Tod und Auferstehung des Menschen der gleiche geblieben, aber als "Kindern der Zeit" wird es auch Christen immer schwerer, die herkömmlichen Totenrituale zu praktizieren bzw. an ihnen festzuhalten. Wieder ist Ursache dafür eine Mischung äußerer und innerer Gründe. Der gesellschaftliche Trend zur Individualisierung setzt sich auch in den kirchlichen Gemeinden fort, besonders im städtischen Umfeld. Das tägliche Totengebet vor der Bestattung geht zunehmend verloren und auch das sogenannte Vier-Wochen- und Jahrgedächtnis für die Verstorbenen. Auch ist festzustellen, dass durch das Abnehmen des regelmäßigen Kirchenbesuchs vielfach Unsicherheiten bei den Angehörigen aufkommen, wenn es um die Frage der Totenmesse (Requiem) und der weiteren Rituale mit ihren Gebeten und Liedern geht. Die gesellschaftlich bedingte Mobilität macht es vielen Gemeindemitgliedern schwer, über einen längeren Zeitraum hin eine Grabpflege zu übernehmen.


So gibt es durchaus auch unter Christen die Versuchung, sich auf anonyme Bestattungen einzulassen. Man will eben "keine Umstände" machen. Das widerspräche freilich einem entscheidenden Punkt der christlichen Begräbniskultur: Diese ist daran interessiert, neben der Auferstehungshoffnung und natürlich einem würdigen Umgang mit dem Leichnam vor allem auch die personale Identität des Verstorbenen zu bewahren, ihm also seinen "Namen" zu erhalten - vor Gott und im Gedächtnis der Menschen. Die Namenskennzeichnung eines Grabes ist also mehr als nur ein bürokratischer, gleichsam verwaltungstechnischer Vorgang. Sie ist vielmehr Ausdruck der Personenwürde eines Menschen, der auch im Tod nicht seine Identität, seinen "Namen" verliert.


Leider kommt es immer öfter vor, dass die Pfarrgemeinde vom Tod eines Gemeindemitgliedes erst erfährt, wenn die Bestattung schon stattgefunden hat. Das ist oft ein großer Schmerz, denn es ist der Gemeinde wichtig, einen Getauften von der Kindheit an bis zum Sterben und zum Begräbnis zu begleiten. Als Gemeindemitglied gehört er ja zur Gemeinde dazu und ein Weggehen ohne Abschied erscheint wie ein Abbruch der Beziehung. Auch veränderte die Erlaubnis zur Einäscherung der katholischen Verstorbenen den Ritus der Feier. Denn nun ergibt sich bisweilen ein längerer zeitlicher Abstand zwischen Requiem und Beisetzung. Er ergab sich auch die Frage, ob nun der Pfarrer bei zwei Terminen an einem Totenritual teilnehmen muss.


Derzeit ist für unsere Kirche ein neues Begräbnisrituale im Druck. Es wird auf manche heutige Fragestellungen eingehen und vermehrt Möglichkeiten unterschiedlicher Gestaltungen in der Begräbnispraxis vorsehen. Es wird neben der Totenwache auch ein Ritus für die Bestattung mit drei bis einer Station und ebenso für die Urnenbeisetzung angeboten. Künftig wird auch die Bestattung von nichtchristlichen Verwandten christlicher Hinterbliebener eine feste Form haben.


Für uns Christen sind angesichts des Wandels in der Trauerkultur die folgenden Kernpunkte von bleibender Bedeutung: Christlich wird eine Bestattung

     

  1. durch die in der Bestattung zum Ausdruck kommende österliche Auferstehungshoffnung,
  2. durch die Wahrung der personalen Identität des Toten (Erhalt seines "Namens" bei Gott und den Menschen und eines Ortes für sein Andenken) und
  3. durch den würdigen Umgang mit dem Leichnam im Umfeld und bei der Beerdigung.
  4.  

Aus Sicht des Glaubens sollte meines Erachtens dennoch die Erdbestattung auch in Zukunft Vorrang vor Einäscherung und Aschenbestattung behalten, wenngleich Einäscherungen heute meist keine weltanschauliche Konnotation haben und deswegen auch von der Katholischen Kirche freigegeben sind.


Seit November 2001 ist in manchen Bundesländern eine neue Art der Beerdigung möglich: Das Vergraben der Urne eines Verstorbenen in einem besonderen Waldstück, in einem so genannten Friedwald. Was ist dazu zu sagen?


Man muss wissen: "FriedWald" ist ein Firmenname. Es gibt bei der Propagierung dieser Begräbnisform kommerzielle Interessen. Als Seelsorger würde ich fragen, was mit dieser Begräbnisform zum Ausdruck kommen soll. Es können religiös-esoterische oder pantheistische Ü;berzeugungen dabei eine Rolle spielen ("zurück zur Natur" im Zeichen des "Ausstreuens"). Dann wären solche Bestattungen aus christlicher Sicht abzulehnen. Für Christen sollte in der Beerdigungsform immer die Hoffnung auf die Auferstehung zum Ausdruck kommen.



Die Trauer um die Toten - ein anthropologisches Urdatum


Die Trauer um liebe Verstorbene ist ein anthropologisches Urdatum. Wir sahen: Die Formen der Trauer wandeln sich. Doch das Sterben von Menschen, die uns nahe standen, hinterlässt eine schmerzliche Leere, die auch heute bewältigt werden will. Was sicher anders ist als früher: Die Vernetzung der einzelnen Trauernden in eine größere Gemeinschaft wird schwächer. Viele Menschen haben kaum Angehörige, auf die sie sich in solchen Situationen stützen können. Die Trauernden sind oft mit sich allein. Dazu kommt: Es fehlen Hilfen für die Trauer-Nacharbeit, wie sie in den Kirchen noch üblich sind, aber eben leider auch verblassen (z. B. das Sieben-Tages-Amt, das Vier-Wochen-Amt, das gemeinschaftliche Gebet für die Verstorbenen, das "Hinläuten" u. ä.). Die Priester und Pastoren, besonders in den großen Gemeinden, sind auf diesem Feld angesichts ihrer vielfältigen Aufgaben oft überfordert. Da bin ich froh, dass mancherorts auch Ehrenamtliche einspringen und so ermöglichen, an solchen guten Trauerbräuchen festzuhalten.


Für manche Zeitgenossen sind die Kirchen so etwas wie ein "Dienstleister" für Bestattungen geworden. Jede Bestattungsfeier im christlichen Sinn ist ja ein Gottesdienst, der den Glauben der mitfeiernden Gemeinde voraussetzt. Wenn das nicht mehr der Fall ist, wird es für die Kirche schwierig. Rituale allein schaffen ja keinen Sinn. Es ist der Glaube, der sich in Riten und Bräuchen seinen Ausdruck schafft. Darum ist die Sorge um die Hebung des christlichen "Grundwasserspiegels" in unserer Gesellschaft auch ein Beitrag zur Bestattungskultur.


Es ist ja nicht so, dass die Zivilgesellschaft an der Frage nach den Toten uninteressiert wäre. Ich erinnere nur an die heftige Diskussion, die unlängst die Frage nach dem Holocaust-Mahnmal in Berlin, und zwar nach seinem Ob und(!) seinem Wie, ausgelöst hat. Die Frage nach dem Verbleib der Toten im Gedächtnis der Gesellschaft ist ein geheimer Stachel, der sich weder durch tagespolitisches Taktieren noch durch Ästhetisierung des Todes wegretuschieren lässt. Soeben beginnt ein ähnlich kontroverses Gespräch über ein mögliches Dokumentationszentrum der Vertreibungen im 20. Jahrhundert und ihrer zahllosen Opfer. Die Toten lassen uns nicht los.


Man mag fragen, ob diese Themen etwas mit unserem Thema zu tun haben. Sicher haben wir das individuelle Totengedenken von dem der Gesellschaft insgesamt zu unterscheiden. Dennoch ist beides nicht voneinander zu trennen. Es ist richtig: Die Gesellschaft transformiert das Totengedächtnis der Einzelnen und deren Trauerverhalten noch einmal auf ihre Weise. Aber kollektive Formen des Gedächtnisses sind ebenso prägend wie individuelle, ja: Sie sind wie ein Netz, in dem die Unbeholfenheit des Einzelnen, seiner Trauer und seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen, hilfreich aufgefangen wird. Es gibt kein restloses Aufgehen des einzelnen Menschen in einer monadenhaften Individualität. Wir sind immer zugleich in und mit unserer Individualität soziale Wesen, deren menschliches Profil sich geradezu darin zeigt, dass wir auf Gemeinschaft, auf Sozialität hin angelegt sind. Tiere bestatten einander nicht. Sie setzen sich gegenseitig keine Grabdenkmäler! Sterben und Tod sind anthropologische Grunddaten, die nicht zu überspringen sind - es sei denn, wir geben unsere Menschlichkeit auf. Ohne Riten und Rituale vermögen wir nicht zu leben, besonders an den Wendepunkten des Lebens, gerade auch beim Sterben und im Angesicht des Todes. Selbst in der atheistisch-sozialistisch geprägten Gesellschaft der DDR gab es entsprechende Riten der persönlichen und gesellschaftlichen Verabschiedung von den Toten. Ich erinnere daran, wie sich nach der politischen Wende hierzulande im Osten auf den Friedhöfen und öffentlichen Plätzen unserer Städte und Kommunen wieder - weithin renoviert - die Denkmäler für die Gefallenen der letzten Kriege präsentieren.


Solche Ü;berlegungen helfen mir, angesichts des vielfältigen Wandels in der gegenwärtigen Bestattungs- und Trauerkultur nicht in einen anthropologischen Pessimismus zu verfallen, der überall nur Verfall und Schwinden von Humanität konstatiert. Manche Skurrilitäten im Bereich des Bestattungswesens sind für mich eher Ausdruck von Hilflosigkeit und daraus resultierender Geschmacksverirrung als bewusste Inhumanität. Es gilt die kulturproduktiven Momente des anthropologischen Urdatums Sterben und Tod neu in den Blick zu nehmen, ja diese zu stimulieren. Das kann durch Einzelne geschehen, durch Gruppen, durch andere zivilgesellschaftliche Akteure, wie etwa Bildungseinrichtungen, Verbände oder mediale Vermittler und vor allem auch durch die Kirchen.


Als Kirche sollten wir respektieren, dass viele Menschen heute weniger von Ritualen allein getragen werden als von der ganz persönlichen Begleitung durch Seelsorger und Mitchristen. Hier sind unsere Gemeinden und christlichen Gruppen herausgefordert.


Manchmal wird die Sorge geäußert, dass die Veränderungen in der Bestattungskultur eine zunehmende Materialisierung des Menschenbildes spiegeln. Ich kann aus der Sicht meines Erfahrungsumfeldes diese Ansicht nicht teilen. Auch wenn Menschen dem christlichen Glauben und seiner Art, mit Tod und Begräbnis umzugehen, lange entfremdet sind, besteht die Bereitschaft, sich auf eine das rein Materielle überschreitende Deutung von Leben und Sterben einzulassen. Man möchte durchaus beim Umgang mit den Toten und bei der Gestaltung der Trauer um die Verstorbenen Hilfe annehmen.



Ich möchte im Folgenden berichten, was in Erfurt von der katholischen Domberggemeinde in der letzten Zeit getan wurde, um für das Werk der Barmherzigkeit "Tote begraben" eine neue gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu wecken.



Monatliches Totengedenken - ein Angebot für die Stadt Erfurt


Seit März 2002 treffen sich an jedem 1. Freitag im Monat um 15.00 Uhr im Erfurter Dom Christen und Nichtchristen, um ihrer Verstorbenen zu gedenken. Manche kommen immer wieder und manche nehmen nur einmal an diesem Gottesdienst teil. Sie tragen die Namen der Verstorbenen in ein kostbar gestaltetes Buch ein, das in einem Bucheinband aus dem 16. Jahrhundert aufbewahrt wird und zwischen den Gottesdiensten in der Nähe des sogenannten "Heiligen Grabes" in einer Vitrine aufbewahrt wird. In jedem Gottesdienst gibt es etwa zehn neue Eintragungen von Verstorbenen. Es sind die Namen von Eltern, Geschwistern, Kindern und Freunden. Manche schreiben das Geburts- und Todesdatum und manche auch noch einen persönlichen Satz dazu.


Anlass zu dieser neuen Gottesdienstform war die Tatsache, dass es unter Nichtchristen immer mehr anonyme Bestattungen gibt. Die Verstorbenen haben kein Grab. Das hat zur Folge, dass Menschen nach einer gewissen Zeit merken, dass ihnen ein "Ort" für ihre Trauer um ihren Toten fehlt. Wir sahen ja: Angehörige erfüllen manchmal sehr schnell den Wunsch der Verstorbenen, "keine Umstände" nach ihrem Tod machen zu wollen. Manchmal ist es auch eine finanzielle Ü;berlegung, die zum Entschluss führte, keine eigene Grabstelle zu haben. Erst später merkt man, was das für die Hinterbliebenen bedeutet. Es ist dem Menschen nicht möglich, ohne einen konkreten "Ort" der Trauer oder auch ohne einen Ritus des Abschieds sich von einem geliebten Menschen wirklich lösen zu können. Ein Indiz dafür ist der neuerdings anzutreffende Brauch, für Angehörige oder Freunde, die durch ein Verkehrsunglück umkamen, ein kleines Trauerkreuz am Straßenrand zu errichten. Die menschliche Trauer braucht nicht nur Zeit, sondern auch einen Ort des Gedenkens. Christen können aufgrund ihrer reichen Liturgietradition helfen, eine für alle leicht nachvollziehbare Feierform zu finden, die den Abschied von Verstorbenen und das Verarbeiten der Verlusterfahrungen möglich macht. Das Eintragen eines Namens, das Anzünden von Kerzen, der Gang zu einem Ort des Gedenkens, der gemeinsame Gesang von Liedern, das Zuhören beim Verlesen biblischer Texte, das Meditieren bei Orgelmusik und das Wechsel- und Fürbittgebet sind angemessene und auch heute durchaus angenommene Hilfen zur Bewältigung von Trauer über den Verlust eines Menschen.


In Erfurt spricht sich herum, dass im Dom eine solche Möglichkeit für die Trauer und das Gedenken an die Toten besteht. Es kann auch sein, dass christliche Angehörige zu den bisher bekannten kirchlichen Formen der Trauer keinen Zugang haben und sich dort überfordert fühlen. Auch für sie ist das monatliche Totengedenken ein Angebot, durch Gebet und Gedenken in leicht nachvollziehbarer Form mit den Verstorbenen verbunden zu bleiben.



Angebot der Grabpflege durch die Pfarrgemeinde


Ich hatte angedeutet, die sich heute viele Menschen zu einer längeren Grabpflege nicht mehr imstande sehen. Hier kann die Pfarrgemeinde einspringen, die aufgrund ihrer Struktur und Natur eine lange Lebensdauer hat. So gehört neuerdings die Sorge um die Gräber zu den wichtig werdenden Aufgaben einer Pfarrgemeinde. In der Erfurter Domgemeinde gab es dazu einen Anstoß, als ein Gemeindemitglied sich anonym bestatten ließ. Den Angehörigen war dies durchaus nicht recht, aber sie verhinderten das aus den angegebenen Gründen auch nicht. Da wurden von Gemeindemitgliedern Ü;berlegungen angestellt, ob nicht die Pfarrgemeinde die Verantwortung für Grabpflege und Grabstätte übernehmen kann. Nach Rücksprache mit den Verantwortlichen auf dem Hauptfriedhof und nach Einholen von Kostenangeboten bei Bestattern, Gärtnern und Grabsteinmetzen wurde eine Bedarfsermittlung unter den katholischen Christen der Stadt vorgenommen. Derzeit sind 48 Urnenbestattungen und 24 Erdbestattungen erfolgt und es liegen 93 Anmeldungen für Urnenbestattungen und 32 Anmeldungen für Erdbestattungen vor. Die Urnenbestattungen erfolgen in der Form der Familienbegräbnisse zu jeweils 4 Urnen und die Erdbestattungen in einer einfachen Form mit kleiner Fläche, die mit Blumen und Grabstein geschmückt ist. Alleinstehende oder auch Eltern, die ahnen, dass ihre Kinder aufgrund des Berufes einmal nicht vor Ort sein werden, wählen diese Grabstätten und sind dankbar, dass sich die Pfarrgemeinde darum kümmert. Zusätzlich ergibt sich dadurch eine neue Gebetsgemeinschaft. Denn im Fall einer Bestattung werden alle, die sich für diese Bestattungsform entschieden haben, angeschrieben und zur Bestattung eingeladen. Somit ist der Geistliche bei der Beisetzung niemals allein, auch wenn der Verstorbene keine Angehörigen gehabt hat.


Erfreulich ist die jetzt wieder eröffnete Möglichkeit, den Sarg beim Requiem in der Kirche haben zu können. Diese Möglichkeit, die im ländlichen Raum oft problemlos praktiziert werden kann, wird derzeit in Erfurt neu entdeckt und gern erbeten. Der Zusammenhang zwischen dem Tod des Christen und der Eucharistiefeier als Feier des Gedenkens an Tod und Auferstehung Jesu kommt damit neu in den Blick, auch für kirchendistanzierte Besucher solcher Gottesdienste.



Das Kolumbarium in der Erfurter Allerheiligenkirche


In der Erfurter Innenstadt, zwischen Rathaus und Domplatz steht die Allerheiligenkirche, ein spätmittelalterlicher Kirchbau, an dem täglich viele Menschen vorbeigehen. Diese Kirche ist schon lange nicht mehr Pfarrkirche. Sie wird eigentlich nicht gebraucht, es sei denn als Zweitkirche der Domgemeinde zu besonderen Gottesdiensten und Andachten. Im Zusammenhang mit der Entscheidung, diese Kirche gründlich zu sanieren, hat das Domkapitel überlegt, ob die Sanierung mit einer Erweiterung der Zweckbestimmung der Kirche zu verknüpfen wäre. Die hohen Sanierungskosten von über einer Million EUR legten nahe, nach einer weiteren Nutzung der Kirche zu suchen, nicht zuletzt auch für die Bildung einer Baurücklage.


Angeregt durch Präsentationen im Internet, die von der Nutzung von Kirchen als Kolumbarien, also als Begräbnisstätten für Ascheurnen berichten, wurde das Konzept für eine partielle Nutzung der Allerheiligenkirche als Kolumbarium erarbeitet und durch die zuständigen Ämter der Kirche, der Stadt und des Landes genehmigt.


Das älteste Kolumbarium in Thüringen wurde 1892 in Gotha errichtet. Das geschah im Zusammenhang mit der Errichtung eines Krematoriums. In einem Kolumbarium werden Urnen in besonderer Weise aufbewahrt, teilweise in Säulenhallen oder in Nischen. Es handelt sich um eine Form der Beisetzung, die gleichsam den Friedhof wieder in die Nähe der Kirchen rückt und so dem Anliegen des christlichen Glaubens entspricht, den Gedanken an Tod und Auferstehung für alle Bürgerinnen und Bürger einer Stadt durch die Grabstätten wach zu halten und eine angemessene Kultur des Todes zu gestalten.


Die Allerheiligenkirche schien dem Domkapitel aufgrund ihrer Lage und ihres Grundrisses geeignet zu sein, in dieser Weise als Begräbnisstätte zu dienen. Da sie schon immer Begräbnisstätte war (es gibt noch mittelalterliche Grabsteine hinter dem Kirchgebäude und in der Kirche selbst) und da das neue Thüringer Bestattungsgesetz von 2004 Urnenbestattungen in Kirchen zulässt, stellte eine Genehmigung kein großes Problem dar. Nach einem Künstlerwettbewerb, an dem sich zwei Künstler und drei Architekturbüros beteiligt hatten, wurde der prämierte Entwurf von Evelyn Körber gebaut. Der Entwurf sah vor, 15 Stelen zu errichten, die aus Stahl, geätztem Glas und hellem Muschelkalk bestehen. Die Urnenfächer sind in 6 Etagen eingerichtet, wobei in jeder Etage 7 Urnen separat als Einzelgrabstätte oder mehrere Fächer für Familiengrabstätten gewählt werden können. Die Liegezeit wurde - wie auch auf dem Hauptfriedhof - auf 20 Jahre festgesetzt. Eine Verlängerung der Liegezeit ist möglich und sinnvoll, wenn Familiengrabstätten bestellt werden. Um den Altar herum wurden Möglichkeiten zum Aufstellen von Kerzen und Blumen geschaffen. Nach Ablauf der Liegezeit erfolgt die Aufbewahrung der sterblichen Ü;berreste auf dem Friedhof hinter der Kirche. Die anfallenden Kosten für diese Beisetzungsform ähnelt denen für die Urnengrabstätten auf dem Hauptfriedhof, die seit dem Jahr 2000 für Christen aus der Stadt angeboten werden. Derzeit sind das 1.000,- EUR.


Die Allerheiligenkirche hat ein Hauptschiff und ein Nebenschiff, das sich nach Westen hin verbreitert und in einer eigenen Apsis endet. Dort ist das Kolumbarium untergebracht, das freilich eine Sichtverbindung zum Hauptschiff der Kirche hat. In diesem Hauptschiff können die Trauerfeierlichkeiten für die Verstorbenen stattfinden. Es besteht auch für Nichtchristen die Möglichkeit, sich im Kolumbarium bestatten zu lassen. Die Trauerfeier für Nichtchristen und deren Gestaltung wird in Absprache mit den Angehörigen von der Domgemeinde übernommen. Es existiert dafür ein eigener Ritus. Als hilfreich wurde bei der Entscheidung für die Grabstätte hier in der Kirche die Tatsache empfunden, dass wegen der Lage der Kirche in der Innenstadt der Besuch der Grabstätten gerade für ältere Menschen leichter möglich ist.


Seit Oktober 2007 findet das monatlichen Totengedenken, von dem oben berichtet wurde und bei dem die Namen der Verstorbenen in ein Totenbuch eingetragen werden können, in der Allerheiligenkirche statt. In der übrigen Zeit wird das Buch aber im Dom am angestammten Ort aufbewahrt.


Die Urnenbestattung ist in Thüringen aus den erwähnten Gründen zu einer vorrangigen Bestattungsform geworden. Auch in den Kirchengemeinden ist die Tradition entstanden, nach dem Requiem, das mit dem Sarg in der Kirche gefeiert wird, vielfach erst nach einigen Tagen die Urnenbeisetzung vorzunehmen. Wenn auch das Erdbegräbnis der christlichen Tradition eher entspricht, so ist doch auch die Kremierung und Beisetzung von Urnen eine denkwürdige Handlung, die an die Vergänglichkeit menschlichen Lebens erinnert und zugleich im Raum der Kirche den Blick für die Ewigkeit eröffnet. Gerade in einer Stadt, in der ca. 75 % der Bevölkerung religionslos ist, hat ein solches Zeichen des Glaubens an die Auferstehung besonderes Gewicht. Die profilierte Gestaltung des Kolumbariums und der dort praktizierten Riten legen unaufdringlich den österlichen Gedanken der Auferstehung der Toten nahe und laden dazu ein, die Osterhoffnung im eigenen Leben neu oder überhaupt zu entdecken.


Die Domgemeinde St. Marien, zu deren Verantwortungsbereich die Allerheiligenkirche gehört, erfährt derzeit große Aufmerksamkeit für dieses Projekt. Vier Wochen nach der Eröffnung sind schon 550 der 750 Plätze per Vertrag belegt und finanziert. Eine eigene Atmosphäre besteht, wenn die Plätze im Kolumbarium in einer eigens angesetzten Versammlung der daran Interessierten vergeben werden. Nach Eingangsdatum der Anmeldung werden die Bewerber aufgerufen, um sich für einen Platz zu entscheiden. Es besteht ein Interesse, die Namen der künftigen "Nachbarn" zu wissen und sich eventuell mit ihnen bekannt zu machen. Diese Nachfrage war der Anlass für die Ü;berlegung, im Zusammenhang mit einer Beisetzung diejenigen, die auch einmal in dieser Stele gemeinsam bestattet werden wollen, zur Beisetzungsfeier einzuladen, um dann auch an der "eigenen" Stele zu beten. Damit wäre eine Gemeinschaft von Christen und Nichtchristen versammelt, die den Gedanken oder auch den Glauben an Tod und Auferstehung Jesu inmitten der Stadt auf diese neue Weise wach hält, bedenkt und auch verkündet.



Abschluss


Der wichtigste Beitrag der Christen zu einer Bewahrung und Erneuerung eines christlichen Umgangs mit Tod und Trauer ist die authentische Feier der Eucharistie, des Abendmahls. Es ist meine feste Ü;berzeugung: Solange hier in unseren Kirchen Christen liturgisch den Tod des Herren und seine Auferstehung feiern und aus der Kraft dieser Feier ihr Leben gestalten, wird es keine rein technische Entsorgung der Toten in diesem Land geben.


Ich unterstreiche nochmals: Nicht der kulturelle Wandel in der Trauer- und Beerdigungskultur ist das Problem, sondern die Sinnentleerung von Riten und Bräuchen im Umfeld von Begräbnis und Trauer um die Toten. Nicht Riten schaffen Sinn, sondern Sinn schafft sich Gestalt und Kontinuität in Ritus und Brauchtum. Wir hier in den neuen Bundesländern als Geschädigte des staatlich verordneten Atheismus mit seinen Zwangsritualen wissen, dass diese Aussage wahr ist.


Ich denke dabei an die Mahnung des Apostels Paulus, die er im 1. Thessalonicherbrief, dem ältesten christlichen Briefdokument, das wir kennen (um 50 n. Chr. geschrieben), ausspricht: "Trauert nicht wie die anderen, die keine Hoffnung haben!" (1 Thess 4,13). Die Christen dürfen durchaus trauern - aber eben anders. Österlich. Und das sollte auch an unseren Gottesdiensten und Begräbnisfeiern erkennbar bleiben.

link