„Eine solche pessimistische Weltsicht passt nicht zum Eichsfeld!“

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr bei der Männerwallfahrt am 14. Mai 2026 im Klüschen Hagis (Eichsfeld)

 

Männerwallfahrt im Klüschen Hagis

Eine Frau erzählte mir, dass sie auf dem Weg zum Gottesdienst in ihrem Eichsfelddorf von jemandem gefragte wurde: „Was, Du gehst noch in die Kirche?“ Sie war so perplex, dass ihr keine Antwort eingefallen ist. Ich habe mir überlegt, was ich hätte antworten können:
Ich hätte sagen können: Ich habe gestern Abend die Tagesschau gesehen und da habe ich genug Grund, in die Kirche zu gehen. Da habe ich von so viel Not und Elend gehört, von soviel Krieg und Unversöhnlichkeit, dass ich viel Anlass habe, zu Gott zu beten, zu flehen und auch zu klagen. Denn Gott ist für mich die Quelle meiner Hoffnung - so wie es im Leitwort der diesjährigen Männerwallfahrt heißt: „In der Hoffnung leben, auch wenn die Welt wankt“. Dem dreifaltigen Gott traue ich zu, die Dinge zum Guten zu führen, nicht nur in meinem persönlichen Leben, sondern auch in unserer Welt. 

Im Heiligen Jahr 2025 stand der Satz des Apostels Paulus im Mittelpunkt: „Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.“ (Röm 5,5) Darauf vertraue ich und in dieser Hoffnung bringe ich alle Sorgen und Nöte, von denen ich in den Nachrichten höre, vor Gott. „Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“ so singen wir in einem Lied. Und die Kirche gibt mir Trost in schweren Stunden. Im Gottesdienst begegnet mir Christus, der Leiden, Schmerz und Tod kennt. Die Kerze, die ich entzünde, ist ein Ausdruck meines Gebets und ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes. Das Gnadenbild am Klüschen Hagis zeigt uns Maria, die den Schmerz der Trauer aus eigener Erfahrung kennt und uns Fürsprecherin und Trösterin ist. Ich vertraue auf den dreifaltigen Gott und auf die Fürsprache der Heiligen. Ihnen vertraue ich mein Leben an und die Welt, in der ich lebe, und deswegen gehe ich in die Kirche.

Ich vertraue nicht auf eine Ideologie, weder von links noch von rechts. Die Erfahrungen, die wir in Deutschland mit der NSDAP und der SED gemacht haben, sind genug. Es ist mühsam, in einer parlamentarischen Demokratie zu leben, aber ich lebe gut damit.

Ich will nicht auf einen starken Mann oder eine starke Frau vertrauen müssen, die alles richten soll. Die Welt wird zurzeit von starken Männern regiert, die nur ihre Interessen sehen. Es befremdet mich, dass so viele Katholiken Präsident Trump gewählt haben oder dass die Leitung der russisch-orthodoxen Kirche Präsident Putin unterstützt. Ich bete beim Vater unser voll Überzeugung: „Dein Wille geschehe.“ Es ist für Diktatoren nicht zu ertragen, wenn Christen so beten. Denn sie wollen, dass ihr Wille geschieht. Umso mehr bin ich beeindruckt, wenn nachher mehrere tausend Männer beten „Dein Wille geschehe.“ Und ich muss hinzufügen: Ich kann nicht verstehen, dass mehr als 30 % der Eichsfelder 2024 eine Partei gewählt haben, die ein völkisch-nationalistisches Weltbild verkauft ohne noch groß zu verstecken, aus welcher Geschichte es kommt, und die den Menschen einredet: Alles ist schlecht.
Eine solche pessimistische Weltsicht passt nicht zum Eichsfeld!

Das bringt mich zur zweiten Möglichkeit einer Antwort auf die Frage, warum ich in die Kirche gehe:
Ich habe allen Grund dankbar zu sein. Meine Eltern haben uns beigebracht: Wie sagt man? Die Antwort lautet: Danke! Die Eucharistie ist die große Feier der Danksagung für die Erlösung. Für die Erlösung können wir immer dankbar sein, auch und gerade in bedrängten Zeiten, in Zeiten von Schicksalsschlägen und Not: Christus trägt alle Not der Menschen mit dem Kreuz nach Golgotha. Er stirbt den Tod eines Verbrechers, um uns von unseren Sünden und Verbrechen zu erlösen. Dafür können wir Christen nicht genug Dank sagen.
Wir haben aber auch genügend Grund, um für unser irdisches Leben zu danken. In Deutschland sind wir dankbar für ein Leben ohne Krieg seit 81 Jahren. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, erleben wir gerade in erschreckendem Maße.

Wir Deutschen leben seit 35 Jahren in Freiheit vereint. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, können alle berichten, die in der Friedlichen Revolution diese Freiheit erkämpft haben. Sie alle müssen sich lautstark dagegen wehren, dass Ihre friedliche Revolte gegen die Diktatur der SED in eins gesetzt wird mit dem Kampf gegen die heutige demokratisch gewählte Regierung.

Und wir leben in einem nie gekannten Wohlstand. Ja, es gibt Probleme:
•    marode Brücken, Straßen und Eisenbahnschienen
•    der Strukturwandel in der Automobilindustrie
•    die Vernachlässigung ländlicher Gebiete
•    der Umgang mit straffällig gewordenen Migranten
•    und der hohe Unterrichtsausfall an den Schulen.

Aber diese Probleme sind lösbar. Wir klagen auf hohem Niveau. Das Eichsfeld gilt zurecht als Modell dafür, wie man umgeben von viel schöner Natur gut leben kann. Wir dürfen uns nicht einreden lassen, alles sei schlecht. Das ist Undankbarkeit. In der Kirche danke ich Gott für alles Gute, nicht nur für das Geschenk der Erlösung, sondern auch für das Leben in unserem Land. Und ich bete darum, dass es allen Menschen so gut gehen möge wie uns.

Es ist mir noch ein dritter Grund eingefallen, weshalb ich in die Kirche gehe: Ich gehe nicht für mich hin, sondern für Gott. Mit all den schönen Lobliedern, die ich so gerne singe, preise ich Gott. Was haben wir für eine schöne Religion: Wir glauben, dass es in dem einen Gott personale Beziehung gibt. Dass die Liebe zwischen Gottvater, Gottsohn und dem Heiligen Geist zum Wesen Gottes gehört und ausstrahlt in die Schöpfung und in die Erlösung. Wir haben wunderbare Kirchen, die geschaffen sind zum Lobe Gottes. 

Als Ihr Bischof freut es mich sehr zu sehen, wie groß Ihr gemeinsames Engagement für die Kirche in Ihrem Dorf und in Ihrer Stadt ist. Sie zeigen damit, dass Ihnen das Gotteslob wichtig ist, weil es schön ist, gemeinsam Gott zu loben. Auch wenn sich nur eine kleine Gemeinde versammelt, gilt die Zusage Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Jesus ist Mensch geworden und für uns am Kreuz gestorben, um lebendige Gemeinschaft mit uns zu haben. Diese Gemeinschaft mit unserem auferstanden Herrn Jesus Christus möchte ich in der Kirche erspüren und erleben. Ich möchte ihm die Gemeinschaft mit mir nicht vorenthalten. Deswegen gehe ich hin. In solch einem großen Wallfahrtsgottesdienst, der so sorgfältig vorbereitet und gestaltet ist, wird in besonderer Weise erfahrbar: Wir sind hier, um Gott zu loben und zu preisen, um ihm zu danken und ihm zu sagen, was uns bewegt.

Daraus erwächst auch die Kraft, zum christlichen Glaubenszeugnis im Alltag. Daraus erwächst die Kraft zur wachen Sorge um unsere Mitmenschen in der Familie, im Freundeskreis, im Beruf, in allen Begegnungen, die wir haben. Daraus erwächst auch die Kraft, zu unserem christlichen und katholischen Glauben zu stehen – auch wenn er auf Unverständnis oder Ablehnung stößt. Das können wir von allen lernen, die in der DDR zu ihrem katholischen Glauben gestanden haben.

Heute knicken manche schon ein, wenn andere sagen „Ich glaube an mich selbst.“ Antworten Sie doch einfach: „Schön, aber Du kannst Dich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Ich glaube an einen, der mich hält, auch wenn es eng wird.“ Immer wieder bekommen wir den Missbrauchs- und Vertuschungsskandal um die Ohren gehauen. Sie können antworten: „Das hätte bei uns nicht passieren dürfen – das steht außer Frage, aber was tut Dein Sportverein dagegen?“ Voraussetzung dafür ist, dass wir uns immer fester im Glauben verwurzeln und dass wir uns gegenseitig im Glauben bestärken, nicht nur bei der Männerwallfahrt. Die Kraft unseres Glaubens wird ausstrahlen, wenn wir in der Hoffnung leben, auch wenn die Welt wankt.