"Ein starkes Zeichen"

Ansprache von Erzbischof Josef Becker zur Eröffnung der Erfurter Bistumswallfahrt

Ansprache von Erzbischof Josef Becker zur Eröffnung der Erfurter Bistumswallfahrt

Liebe Schwestern und Brüder!


Ich freue mich über die Einladung von Bischof Joachim, als Metropolit unserer Kirchenprovinz heute gemeinsam mit Ihnen, die Sie die Ortskirche von Erfurt so zahlreich repräsentieren, die Eucharistie zu feiern, drückt sich darin doch die "Gemeinschaft des Geistes" aus, die uns - einem Wort des Apostels Paulus zufolge (vgl. Phil 21,) - miteinander verbindet. Deshalb heiße ich Sie (auch meinerseits) herzlich willkommen zur Wallfahrt des Bistums zum Mariendom nach Erfurt, zum Bekenntnis und zum Fest unseres Glaubens!


Dass wir uns mit diesem Gottesdienst vor die Tore der Kathedralkirche begeben, ist nicht nur der großen Zahl der Gottesdienstbesucher geschuldet, sondern auch ein ausdrucksstarkes Zeichen in unsere profane Gesellschaft hinein: Wir katholische Christen wissen uns als pilgernde Kirche mit einer Botschaft unterwegs, die uns hilft, das Leben mit seinen Licht- und Schattenseiten ernst zu nehmen und anzunehmen - und etwas in Bewegung zu bringen, damit Menschen eine Ahnung von gelingendem Leben, vom "Leben in Fülle" (Joh 10,10) bekommen.


"Umsonst: geliebt" - Unter diesem brillant formulierten und zum Nachdenken anregenden Thema haben wir uns heute Morgen hier auf den Stufen vor der Domkirche in Erfurt versammelt, um miteinander den Tag des Herrn zu begehen.


In einer Welt, in der fast alles nach seinem Geld- und Nutzwert berechnet und verhandelt wird, tut es gut zu wissen: Jemand liebt uns umsonst - ohne Bedingungen seinerseits und ohne Vorleistungen unsererseits! Einfach umsonst. Es ist kein geringerer als Gott selbst, der nach den Worten des Johannesbriefes die Liebe ist (vgl. 1 Joh 16b), die Liebe in Person, die sich buchstäblich verschwendet, um jeden Menschen zu erreichen.


Leider gibt es aber auch das andere, das im Motto der Bistumswallfahrt ebenso anklingt: Gott liebt uns scheinbar umsonst im Sinne von "vergeblich". Er setzt große Hoffnungen in seine Geschöpfe, erreicht aber sein Ziel längst nicht immer: die liebende Antwort der Menschen auf sein großes und vertrauensvolles JA. Damit sind unsere menschlichen Schwächen und Grenzen angesprochen - und auch das Desinteresse und der Unglaube vieler Zeitgenossen. Auch damit muss Gott, der uns als freie Menschen gewollt hat, leben - und wir als seine Kirche in der Diaspora gleichermaßen: Umsonst geliebt!


Und das, was in der Vertikale für Gottes Zuwendung zu uns Menschen gilt, das erleben wir auch immer wieder auf der horizontalen Ebene unserer zwischenmenschlichen Beziehungen - ?wie im Himmel, so auf Erden: Im Positiven, wenn Menschen einander bedingungslos annehmen und lieben, in Ehe und Familie, in Freundschaft und Kameradschaft. Aber auch hier gibt es die Schattenseiten des "umsonst": ?vergebliche Liebesmüh?! Enttäuschte Erwartungen! Zerstörtes Vertrauen! Zank und Streit! Trennungen und Zerwürfnisse: halt ?umsonst geliebt?!


Weil wir Christen uns geradezu verschwenderisch, ja "umsonst" geliebt wissen, weil Gott sein einmal gesprochenes JA zu uns nicht zurücknimmt, sondern uns die Treue hält, bekommen wir Rückenwind auf unserem Pilgerweg des Lebens. Täglich neu erhalten wir die Kraft zur Treue ihm und unseren Mitmenschen gegenüber: in den vielen kleinen und größeren Herausforderungen des Alltags. Das wollen wir heute dankbar feiern - und um neue Kraft für unsere nächste Wegetappe als Volk Gottes in dieser Welt bitten! Denn wir sind ?umsonst geliebt?!


Voll Vertrauen öffnen wir uns nun im Gebet, im Hören auf das Wort des Lebens und in der Feier der Eucharistie für die Begegnung mit unserem Herrn und Heiland Jesus Christus und preisen sein Erbarmen.



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