"Ein kleines, sicheres Guckloch"

Professorin Maria Widl über das vom Bonifatiuswerk prämierte Erfurter Weihnachtsmarktprojekt

Prof. Dr. Maria Widl lehrt Pastoraltheologie und Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Am 9. November 2008 wurde das von ihr initiierte Erfurter Weihnachtsmarktprojekt "Folge dem Stern!" des Jahres 2007 vom Bonifatiuswerk mit dem Sonderpreis des Bonifatiuspreises 2008 ausgezeichnet.


Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung! Wie ging es Ihnen, als Sie vom Sonderpreis für das Weihnachtsmarktprojekt erfahren haben?

WIDL: Wir haben uns sehr gefreut - es ist eine große Bestätigung unserer Arbeit und des großen Engagements der Studierenden. Das Projekt hat ein sehr großes Echo von vielen Seiten gefunden. Daher hoffen wir auf viele, die es weitertragen oder nachahmen. Vom Bonifatiuspreis erwarten wir eine entsprechende Werbewirkung.

Das Weihnachtsfest erfreut sich allgemeiner Beliebtheit und wird jedes Jahr über Wochen von mehr Menschen gefeiert als es Christen gibt. Warum geben Sie sich damit nicht zufrieden?

WIDL: In der säkularen Kultur wird nicht das christliche Weihnachten gefeiert, eher ein "Fest der heilen (statt der heiligen) Familie". Und wer keine heile Familie hat, sucht häufig die Flucht vor dem Fest. Gottes Heil dagegen befreit uns aus den kulturell gemachten Perfektionsansprüchen ebenso wie aus der emotionalen Zwangsbeglückung.

Man kann Weihnachtsmärkte als Erlebnis- und Konsum-Event beschreiben. War "Folge dem Stern!" eine weitere Attraktion, ein zusätzlicher Besuchermagnet?

WIDL: Für eine Attraktion oder einen Besuchermagneten ist das Projekt zu still, zu unspektakulär. Dennoch hat "Folge dem Stern!" viele angesprochen und ihnen mitten im Getriebe des Marktes eine Ahnung davon vermittelt, was Advent ist: eine stille Zeit, wo man sich in den kurzen, trüben Tagen nach Licht und Wärme sehnt. Und dabei wird einem vielleicht auch manchmal bewusst, dass man sich das eigentlich Wichtige im Leben nicht kaufen, sondern nur schenken lassen kann.

Der Preis des Bonifatiuswerkes würdigt missionarisches Handeln. Was ist an "Folge dem Stern!" missionarisch?

WIDL: Missionarisches Handeln beginnt damit, ein Stück Vertrauen aufzubauen: Manche Menschen haben Angst vor der Macht der Religion und weichen ihr daher aus. Manche Menschen sind neugierig darauf, was denn die Innenseite des Christseins ausmacht. Beiden Gruppen vermittelt unserer missionarisches Projekt ein kleines, sicheres Guckloch auf das, was wir Christen glauben und tun. Zu Weihnachten ist das besonders leicht, weil Weihnachten auch von denen gefeiert wird, die nicht wissen, woher es kommt und was es ursprünglich bedeutet.

"Folge dem Stern!" war auf den Erfurter Weihnachtsmarkt zugeschnitten. Können Sie sich vorstellen, anderswo Nachahmer zu finden?

WIDL: "Folge dem Stern!" hat in Erfurt begonnen und findet ganz gute Bedingungen vor. Es gibt allerdings bereits vages Interesse für Nachahmungen anderswo, auch im ökumenischen Kontext. Wir sind bereit, dafür Workshops anzubieten. Noch im November kommt das Buch zum Projekt heraus, von dem wir uns weitere Impulse in diese Richtung erhoffen.

In Erfurt gibt es auch in diesem Jahr ein Weihnachtsmarktprojekt. Sind die Teilnehmer dieselben wie 2007?

WIDL: Es gibt ein Nachfolgeprojekt mit dem Ziel, die Erfurter Kirchengemeinden verstärkt zu interessieren und einzubinden. Auch neue Studierende sind wieder hoch engagiert dabei. Bislang sieht es sehr gut aus.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Weihnachtsmarktprojektes in Erfurt?

WIDL: Dass das Vertrauen zwischen Christen und Nichtchristen und das gegenseitige Interesse füreinander weiter wachsen und sich für alle Menschen als fruchtbar und segensreich erweisen möge.


Fragen: Peter Weidemann

Bonifatiuspreis: "Folge dem Stern" mit Sonderpreis ausgezeichnet