Ein Geheimnisträger im besten Sinne

Grußwort der Landesbischöfin der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann zur Verabschiedung von Bischof Wanke

Sehr geehrter Herr Bischof Dr. Wanke,
lieber Bruder in Christus!

Herzlich grüße ich Sie und sehr gerne und mehr als angemessen, Sie als ersten. Auch wenn Sie wie kaum ein anderer das Jesuswort lebten und leben "Will einer unter Euch der erste sein, der sei der Diener aller" - heute sind Sie der erste und der, der im Mittelpunkt steht. Unsere Gemeinschaft heute ist insbesondere durch die Verabschiedung von Ihnen verbunden miteinander. Und uns verbinden dabei zwei innere Bewegungen: zum einen ein großes Bedauern, denn uns allen wird Ihre Menschen zugewandte und zugleich entschieden-überzeugte Art für Kirche und den christlichen Glauben einzutreten fehlen. Und zum anderen bewegt uns großes Verständnis im Blick auf die Gründe, die Sie bewogen hatten, ihren Rücktritt vom Bischofsamt zu beantragen.

Es ist gut, dass wir diese Stunde des Abschiedes und des gemeinsamen Gottesdienstes haben, diese Zeit und diesen Raum, in der und in dem unsere Gedanken und Gefühle einen Ort und ein Gegenüber finden.
Und so grüße ich Sie alle sehr herzlich, nicht protokollarisch korrekt,  um so lieber mit: Sehr geehrte Damen und Herren, gleicher Ehre und unterschiedlicher Würde! Liebe Schwestern und Brüder!

Ich freue mich und es ist mir eine große Ehre und ebenso große Freude, den Gruß für die Evang. Kirche in Mitteldeutschland und für die ganze Evang. Kirche in Deutschland zu überbringen.

Denn, sehr geehrter Herr Bischof und lieber Bruder Wanke,
Ihre Stimme war nicht nur für Ihr eigenes Bistum und für Land und Freistaat Thüringen wichtig, sondern auch für die Evang.-lutherische Kirche in Thüringen, die seit bald vier Jahren in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland übergegangen ist.

Wir alle, und ich kann hier guten Gewissens und wohl begründet auch für meine Vorgänger im Amt sprechen, wir alle und auch ich ganz persönlich haben die geschwisterliche, ja, die freundschaftliche und wohltuende Zusammenarbeit mit Ihnen außerordentlich geschätzt und genossen.

In den wenigen Jahren meines Dienstes in der EKM haben wir regelmäßig Gottesdienste miteinander gefeiert, die Stimme der Kirche zu großen Veranstaltungen und ebenso hinter geschlossenen Türen laut werden lassen, insbesondere zu Themen, die die Würde eines jeden Menschen und den Schutz des Lebens betreffen, Schutz, der sich in Gerechtigkeit zeigt ebenso wie in ethisch begründeten und begrenztem Verhalten, und es war gut, hier gemeinsam die Stimme der Christen in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs einzubringen.

Danke für diese besondere Gemeinschaft, die auch - in wenigen Fällen - Belastendes hat tragen lassen und ein gutes Fundament war, auch das auszusprechen, was am andern Sorge bereitet.

Lieber Bruder Wanke, erlauben Sie, dass ich heute noch einmal an Ihren Leitspruch erinnere, den Sie zu Ihrer Einführung als Bischof vor 32 Jahren gewählt haben: "Vestigia Christi sequi - den Spuren Christi folgen". So steht es im 1. Petrusbrief als Aufforderung für Christinnen und Christen jederzeit, auch in schwerer Zeit den Weg Jesu Christi nachzugehen.

Sie haben dieses Wort gelebt und leben es, und das ist Ihnen abzuspüren, dass Sie das im Inneren trägt und Kraftquelle ist: den Spuren Christi folgen. Sie haben es mit einem besonderen Verständnis gefüllt. Es heißt: insbesondere dem Geheimnis seiner Liebe verpflichtet sein.

Ja, dieses Bildwort ist in mir entstanden: Sie sind ein Geheimnisträger im besten Sinne: einer, der das Geheimnis von der Liebe Gottes in Christus in diese Welt und in die Kirche trägt und alle seine Schritte davon leiten lässt.

Denn diese Liebe, sie überschreitet Grenzen - und zugleich lässt sie dem anderen Raum - denn sie ist größer als die Sorge um uns selbst und größer auch als alles, was wir erkennen können.

So bleibt sie ein Geheimnis, weil wir sie nicht mit unserem Verstand erfassen können, ein Geheimnis, das weitergegeben werden soll, das ausgestreut werden soll in die Welt.

Der Respekt vor diesem Geheimnis der Liebe Christi - dieser Respekt hat Ihren Worten in diese säkulare (und in die frühere diktatorische) Situation hinein immer einen werbenden Klang gegeben. Nie hat man zu Ihren Worten einen erhobenen Zeigefinger gesehen, vielmehr war immer das Werben, das unermüdliche Werben mit zu spüren: vertraut Euch dieser Liebe an, nehmt den Glauben als Kraft, die Euer Leben tragen kann und ein festes Fundament gibt. Ja, Sie sind ein Bischof, der die Menschen mag - und insbesondere die Menschen in Thüringen, die Menschen mit ihrem Bedürfnis nach Heimat und Vertrautem.

Denn die Liebe Christi - sie gilt ja dem Menschen, wie und wo er ist: voraussetzungslos und bedingungslos.


Und der Respekt vor dem Geheimnis der Liebe Christi hat auch Ihr großes ökumenisches Engagement getragen - im Kleinen und alltäglichen Miteinander wie im Großen und den besonderen Fragen.

Sie waren etliche Jahre Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland. Und Sie haben aktiv in der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz mitgewirkt. Der ökumenische konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ist Ihnen seit langem ein großes Herzensanliegen, unser gemeinsames christliches Zeugnis in dieser Gesellschaft. Wie viele gute Früchte hat dies alles getragen, insbesondere für das gute Verhältnis unserer Kirchen zueinander in Thüringen und Mitteldeutschland. Und wie gut war die ökumenische Verständigung in regelmäßigen Gesprächen in Thüringen.

All das schließt kritische Worte ja nicht aus, kritische Worte, die helfen, die eigene Position intensiver zu bedenken und, wo nötig, auch zu korrigieren.

Den Spuren Jesu Christi folgen - das bedeutet: bei aller Klarheit in der Sache im Respekt vor dem Geheimnis der Liebe den Frieden suchen, und das Gemeinsame und das Verbindende. Dafür sage ich Ihnen großen und vielen Dank!

Dieser Respekt, lassen Sie mich das zum Schluss sagen, dieser Respekt vor dem Geheimnis der Liebe Christi hat uns evangelische Christen in besonderer Weise im Herzen berührt, als Sie in Ihrer Begrüßung vor der Papstmesse im vergangenen Jahr auf dem Erfurter Domplatz uns Evangelische ausdrücklich begrüßt haben - und Ihre Freude zum Ausdruck brachten, dass wir diese besondere Messe mitfeiern.

So möchte ich Ihnen gerne als Gruß zum Abschied und als Zeichen großer Verbundenheit mit den evang. Christen in Mitteldeutschland ein Geschenk überreichen. Es ist das gleiche Geschenk, das ich Papst Benedikt XVI., dem Bischof von Rom im Augustinerkloster überreichen konnte: den schönen Almanach ‚Luther in Erfurt’.

Dreierlei mag Sie mit Luther verbinden: natürlich Erfurt - und gewiss: das Anliegen, in der Kirche den Spuren Christi zu folgen.

Und ein Drittes: die Liebe zur Heiligen Schrift. Das ist eine Spurensuche, die Sie nun, so wünsche ich Ihnen, wieder stärker im Ruhestand aufnehmen können: Ihre Arbeit als Theologe. Möge Sie Sie weiter stärken - als Spurensucher. - und als Geheimnisträger im besten Sinne: der aus dem Geheimnis der Liebe Gottes in Christus lebt und Wege zum Leben zeigen kann, nun v. a. in der Seelsorgen.

Ein wenig mehr Ruhe dazu wünsche ich Ihnen: Möge die Freiheit von den vielen bischöflichen Amtspflichten Ihrer Gesundheit gut tun. Und mögen Sie Zeit haben für manches, was in der Vergangenheit möglicherweise zu kurz kam.

Sehr geehrter Herr Bischof, lieber Bruder Wanke, ich danke Ihnen herzlich für das geschwisterliche Miteinander in den vergangenen Jahren und die besondere Art Ihres Geheimnisträger-Seins. Möge Gottes reicher Segen Sie auch im Ruhestand begleiten auf allen Wegen, die Sie gehen werden. Das Geheimnis der Liebe Gottes in Christus möge Sie tragen!

28.11.2012