Ein Stück Zuhause bleibt

Das Jubiläum 30 Jahre Kapelle im Jugendhaus St. Sebastian wurde zu einem Wiedersehen mit Menschen und Erinnerungen aus drei Jahrzehnten.

Foto: Bistum Erfurt / Nadine Grimm

Am vergangenen Samstag, 5. September, wurde es noch einmal so richtig voll im Jugendhaus St. Sebastian (SEB). Ehemalige Gäste und Mitarbeitende, Freunde, Familien, Kinder und Enkel der „alten Sebastiansfreunde“ kamen zusammen. Viele hatten sich lange nicht gesehen, manche waren das erste Mal seit vielen Jahren wieder im Haus.

Anlass war das 30-jährige Jubiläum der Kapelle. 1996 wurde sie eingeweiht. Seitdem haben hier unzählige Gottesdienste, Gebete, Andachten und Begegnungen stattgefunden. In der Kapelle wurde gesungen und geschwiegen, gefeiert und getrauert, Kraft gesammelt und nach Orientierung gesucht.

Beim Dankgottesdienst um 14:30 Uhr wurde schnell klar, dass es sich viel zu erzählen gab.

 

Schlichter Raum mit vielen Geschichten

Die Kapelle selbst ist schlicht gehalten, mit Holzfenstern und Holzstühlen. Für viele Menschen ist sie dennoch mit großen und ganz persönlichen Momenten verbunden.

In der Predigt ging es darum, welche Bedeutung solche Orte für den Glauben haben. Schon vor mehr als 2.000 Jahren versammelten sich Menschen in Tempeln zum Gebet. Wer Gott begegnen wollte, suchte einen besonderen, heiligen Ort auf. Mit Jesus veränderte sich dieses Verständnis. Gott ist den Menschen nahegekommen und begegnet ihnen vor allem in Jesus Christus, in Gemeinschaft und im Gegenüber.

Trotzdem brauchen Menschen Orte, an denen sie zusammenkommen. Das SEB und die Kapelle waren für viele ein solcher Ort. Gerade mit Blick auf die bevorstehende Schließung wurde in der Predigt deshalb auch betont: Der Abschied von diesem Ort ist kein Grund, nur traurig zu sein. Denn das, was hier im Glauben und in der Gemeinschaft erlebt wurde, endet nicht mit den Türen des Hauses.

 

„Das SEB war mein zweites Zuhause“

Wie eng das Jugendhaus mit den Lebensgeschichten vieler Menschen verbunden ist, zeigte sich auch an den Erinnerungen, die während des Tages gesammelt wurden.
Ein Besucher beschrieb, er habe sich über mehr als 50 Jahre im SEB beheimatet gefühlt und ein Ausflug nach Erfurt bedeutete fast immer ein SEB-Wochenende.
Andere erinnerten sich an Juleica-Kurse, FSJ-Seminare, Firmkurse, KSG-Wochenenden, Musikworkshops und Jugendwallfahrten. An WSWn (Weihnachts-Singe-Wochen), Gebet und Stille, an Spielerunden, Theaterstücke und lange Abende.

Auf den Erinnerungszetteln standen Sätze wie:
„Ich habe hier Gitarre gelernt.“
„Das SEB war Mitte der 90er mein Fluchtpunkt und gab mir eine Oase.“
„Mein zweites Zuhause.“
„Ankommen.“
„Auftanken.“
„Wunderbare Gemeinschaft.“
„Bewegende Zeiten in der Kapelle.“

Eine ehemalige Teilnehmerin erzählte, wie sie samstags nach der Schule um 11 Uhr ins SEB kam und am Sonntag nach dem Mittagessen wieder nach Hause fuhr. Rund 24 Stunden, die sich sehr intensiv anfühlten. Abends saß man auf der Couch, machte Musik und sang Reinhard Mey. Weil es damals noch keine Liedtexte auf dem Smartphone gab, wurden sie aufgeschrieben und mit nach Hause genommen.
Auch an viele kleine Dinge wurde sich erinnert: an die goldene Kehrschaufel, Bestechungsversuche der Betreuer bei der Punktevergabe für die Zimmer, Stempelkarten für besuchte Wochenenden, Stadtrallyes, kreative Aktionen. Und immer wieder an Gebet, Musik und gemeinsames Singen.

 

Erinnerungen im ganzen Haus

Zum Jubiläum war noch einmal das ganze Haus geöffnet. Viele Besucher:innen gingen durch die vertrauten Flure, schauten in alte Zimmer und suchten die Räume auf, in denen sie früher übernachtet hatten. Dabei wurden Geschichten erzählt, Fotos angeschaut und Erinnerungen ausgetauscht. Für viele war es ein Wiedersehen mit einem Ort, der über Jahre zum eigenen Leben gehört hat.
Wer einmal im SEB war, kennt wahrscheinlich diese besondere Mischung aus Übernachten, Programm, langen Abenden und dem Gefühl, für ein Wochenende in einer eigenen kleinen Welt zu sein.

So wurde an diesem Nachmittag nicht nur das 30-jährige Bestehen der Kapelle gefeiert. Es ging auch um die vielen Menschen, Begegnungen und Geschichten, die das Jugendhaus über Jahrzehnte geprägt haben.

Am Ende blieb vor allem Dankbarkeit. Für 30 Jahre Kapelle. Für ein Haus, in dem Generationen junger Menschen ein- und ausgegangen sind, für Mitarbeitende und Ehrenamtliche, die das SEB mit Leben gefüllt haben, und für all die kleinen und großen Erinnerungen, die mit diesem Ort verbunden sind.

Die Profanierung der Kapelle steht noch aus. Doch mit den Türen des SEB, die zum Jahresende schließen werden, verschwinden nicht die Geschichten, die hier geschrieben wurden. Sie bleiben bei den Menschen, die im SEB angekommen, aufgetankt, gefeiert, gebetet, gelacht und einfach eine gute Zeit miteinander verbracht haben.


 

Fotos: Bistum Erfurt / Sarah Lamprecht