Vom 7. bis 15. April 2026 waren vier Bischöfe des Bischöflichen Hilfswerkes ADVENIAT mit zwei Beratern und dem Geschäftsführer Pater Martin Maier SJ zu einer Delegationsreise in Kolumbien, um die Projekte anzusehen, die u.a. mit Hilfe der Kollekten an den Weihnachtstagen unterstützt werden. Neben Bischof Franz-Josef Overbeck von Essen, Weihbischof Rolf Steinhäuser von Köln, Weihbischof Jörg Peters von Trier durfte auch ich teilnehmen. Durch kundige Dolmetscherinnen war es möglich, die komplexe Situation der Kirche und ihrer Arbeit in Kolumbien kennenzulernen und zu verstehen.
Die Reise hatte ihre Schwerpunkte in Bogota, der Hauptstadt von Kolumbien, und Cartagena, der Hafenstadt an der Pazifikküste. An zahlreichen Orten Kolumbiens begegnete und der Name oder eine Statue des heiligen Petrus Claver, der in Cartagena 1616 als erster Jesuit zum Priester geweiht wurde und wo er bis zum seinem Tod nach 38jahren blieb. Er sah seine besondere Berufung darin, dass die Sklaven, die im Hafen von Cartagena ankamen, menschenwürdig behandelt werden. In eine Wand seines Schlafzimmers ließ sich Petrus Claver ein kleines Fenster brechen, um direkt von seinem Bett aus den Hafen und die dort monatlich ankommenden Sklavenschiffe mit jährlich bis zu 600 Sklaven sehen zu können, die aus dem Senegal, Guinea, Sierra Leone, Angola, Kongo und dem Sudan kamen. Sobald er sie sah, brach er mit zahlreichen Helfern auf, um dort den Sklaven Zwieback, frisches Obst, Erfrischungen, Tabak, Dattel, Zucker und Kleidung zu bringen. Auch wurden Aussätzige behandelt. Die Sklaverei konnte er damit nicht vernichten, aber den Menschen ein Zeichen setzen, dass sie wenigstens von ihm und einigen Mithelfern als Personen angesehen werden, die ein Recht auf menschenwürdige Behandlung haben. 150.000 Namen der von ihm Getauften hat er sorgfältig in einem Buch verzeichnet.
Alle Projekte, die wir gesehen haben, führen das Anliegen von Petrus Claver fort: Die Sorge um misshandelte Kinder und Jugendliche, um sexuell missbrauchte Frauen, um Migranten aus Venezuela und vielen anderen angrenzenden Ländern Kolumbiens, die dort Zuflucht in ihrer persönlichen Not suchen. Vor allem sind es Frauenorden, die sich dieser Hilfebedürftigen annehmen – nicht immer mit Zustimmung ihrer Ordensleitungen, denn die veränderte Situation machte auch bisweilen Veränderungen in der Zielrichtung der Hilfeleistung nötig.
Beeindruckend waren für mich besonders die Hilfsangebote für Frauen, die bisweilen schon mit 5 Jahren prostituiert wurden oder sich später prostituiert haben, um ihre Familien ernähren zu können. Sie wurden in Projekte eingeladen, durch sich durch Pediküre und Herstellung von Textilien eine Lebensgrundlage zu schaffen. Viele Frauen sagten: „Dann mache ich ein Geschäft auf!“ Das neue Geschäft bestand vielleicht in einem kleinen Verkaufstisch oder –laden. Es bot ihnen aber die Möglichkeit der finanziellen Unabhängigkeit und Sicherheit und sogar des Schulbesuchs ihrer Kinder. Beindruckend waren für mich Frauen, die in den Sumpfgebieten von Caratgena einen Hausrat bewirtschaften, der lange Zeit ohne Strom und Wasser zu bewältigen war und durch die Hilfe von ADVENIAT nun sogar eine eigene Toilette bekam. Die Einweihung von Toiletten war für uns Bischöfen wohl eine Besonderheit, denn diese wird nicht einmal im kirchlichen Rituale vorgesehen. Die Freude der Menschen jedoch über diesen neuen Qualitätszuwachs ihrer Wohnungen blieb bei uns nicht ohne Reaktionen, die bei mir auch Tränen auslösten, wenn ich an die Möglichkeiten in unseren eigenen Wohnungen dachte.
Frauen in der Politik haben mich sehr beeindruckt. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Wahl des Präsidenten in Kolumbien. Kardinal Luis José Rueda Aparicio, Erzbischof von Bogota seit 2020 und Primas von Kolumbien, hat alle Kandidaten eingeladen, um mit ihnen über den Friedensprozess in Kolumbien zu sprechen. Auch Politikerinnen im Parlament sind in die Gespräche eingebunden, um trotz unterschiedlicher Positionen das gemeinsame Anliegen des Friedens in Kolumbien zu befördern. Die Ursachen für die politischen und militärischen Auseinandersetzungen in Kolumbien sind vielfältig. Vor allem sind es die Drogenkartelle, die vernetzt sind und die Gesellschaft machtvoll bestimmen wollen. Sie haben kein Interesse am Vorankommen im Bereich Bildung und Menschenwürde. Allein der finanzielle Vorteil ist entscheidend.
Die Mehrheit der Bevölkerung ist katholisch. Daher spielt bei allen Projekten der gemeinsame Glaube an Gott und seine Gerechtigkeit eine große Rolle. Für mich, der ich auch die friedliche Revolution 1989 erleben durfte, die mit Kerzen und Gebeten gelungen war, kam der Wunsch und Gedanke auf, ob nicht auch in Kolumbien die Macht der Drogenbosse und Militärs durch Kerzen und Gebeten gebrochen werden kann. Mit dieser Hoffnung bin ich wieder von Kolumbien abgereist und habe die Gedanken mitgenommen:
- Die Kraft der verletzten Frauen kann Veränderungen bewirken, die zum Segen für ihre Familien werden.
- Die Hilfswerke aus Deutschland können Oasen der Hoffnung bauen.
- Der gemeinsame Glaube an die Gerechtigkeit, die von Gott kommt, kann Ketten der Ungerechtigkeit sprengen, die schwerer wiegen, als die Ketten aus Eisen.
Das kleine Fenster des heiligen Jesuitenpaters Petrus Claver, an dessen Grab wir am 12. April in Cartagena den Sonntagsgottesdienst gefeiert haben, bleibt für mich ein eindrückliches Symbol für die Kraft des Glaubens, die dieser Mann geschenkt bekam, um konkrete Hilfe zu leisten, zu der andere sich nicht in der Lage sahen oder motiviert waren. Wenn es auch 7 Stunden Zeitverschiebung und ein Flug von 13 Stunden bedeutet, die uns von Kolumbien trennen, so sind wir doch als Christen und katholische Kirche verbunden und eingeladen, die kleinen Fenster zu finden oder einzurichten, die uns zeigen, wo unsere Nächstenliebe und hinführen will.
Weihbischof Reinhard Hauke
Impressionen der Reise
Fotos: Daniel Bugiel/Bistum Essen



























