Durch die Berührung...

...mit dem Lebendigen belebt werden - Predigt zum 5. Fastensonntag von Markus Hampel, Hüpstedt


...mit dem Lebendigen belebt werden - Fastenpredigt von Pfarrer Markus Hampel

Der Retter verspätet sich und kann trotzdem helfen


Rufen wir heute den Notarzt, erwarten wir, dass dieser in der Regel nach wenigen Minuten bei uns ist. Alles andere würden wir als unterlassene Hilfeleistung ansehen. Logisch: schwebt ein Mensch in Lebensgefahr, haben sich die Helfer zu beeilen, damit die Chance ihn zu retten, erhalten bleibt.


Das eben gehörte Evangelium berichtet uns von dem todkranken Lazarus. Dieser stirbt, weil der alarmierte Retter, scheinbar alle Zeit der Welt hatte und noch zwei Tage (!) verstreichen lässt, ehe er sich mal auf den Weg macht, um zu helfen!


Aber noch seltsamer ist das, was dann geschieht! Es geschieht ein kleines, vorgezogenes Ostern! Weil wir das Umwerfende des Ostermorgens nicht verstehen, nimmt uns der Evangelist Johannes mit an den Ort, den wir beschönigend Friedhof nennen. Der, der am dritten Tag auferweckt wird, gibt uns ein Zeichen der Hoffnung und ruft am vierten Tag einen Freund zurück ins Leben. Auf dem Weg in den eigenen Tod, schenkt Jesus das Leben.



Auch in unserem Leben ist schon manches gestorben


Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, warum wird uns diese Geschichte erzählt? - Weil jeder von uns Lazarus sein könnte! Weil es bei jedem von uns Dinge gibt, die abzusterben drohen oder schon tot sind. Weil Jesus diese, unsere dunklen Seiten, berühren möchte, um sie wieder lebendig zu machen.


Ob das die Liebe in einer Partnerschaft ist, in der nach etlichen gemeinsamen Jahren aus dem Miteinander ein Nebeneinander geworden ist. Ob das die Verbitterung und Zurückgezogenheit eines Menschen ist, der sich gekränkt fühlt. Ob das Mutlosigkeit und Resignation sind, dem eigenen Leben gegenüber: Es hat ja doch alles keinen Zweck! Oder eine große Enttäuschung, die uns mutlos werden lässt! Arbeitslosigkeit, das Gefühl, scheinbar nicht gebraucht zu werden! Vielleicht auch der Frust darüber, dass vor Ort alles weniger wird, immer mehr Menschen immer weniger Zeit haben und das auch vor Kirche nicht halt macht! Jeder von uns kann eigene Beispiele ergänzen. Jeder von uns wird Seiten an sich selbst entdecken können, die abzusterben drohen. Das kann uns mutlos machen, das lässt uns resignieren, das kann uns sogar den Lebensmut nehmen. Vergleichbar ist das mit der Situation, wenn ein lieber Mensch von uns gegangen ist.



Mutlosigkeit macht sich breit


Und genau in dieser Situation, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, findet Jesus die Schwestern des Lazarus vor! Marta spricht eines der stärksten Glaubensbekenntnisse der heiligen Schrift aus: "Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll." (Vers 27) Aber Maria fällt Jesus zu Füßen und weint. Sie offenbart damit, wie es wirklich in ihr aussieht. Sie glaubt an Jesus als den, der Kranke heilen kann, aber tot ist tot!


Wie oft, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, haben wir nicht genau das schon erlebt? Gebetet, gehofft, geglaubt, an Gott, an diesen Jesus, dass er uns oder anderen helfen kann und dann - enttäuscht. "Herr, wärest du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben!" (Vers 32) Wir können in den stillen Vorwurf der Maria einstimmen.



Hoffnung keimt auf


Was wir dann erfahren, zeigt: Unser menschliches Denken greift bei Gott, bei den Möglichkeiten, die Jesus hat, immer zu kurz!


Kann ich in das Glaubensbekenntnis der Marta einstimmen, kann ich wirklich aus ganzem Herzen sagen: Er, der da kommt, ist der Messias, der Gesalbte, der Retter, der, den Gott gesandt hat, um auch mich zum Vater zu führen, dann darf ich in der Trauer der Maria, in meiner eigenen Traurigkeit und Trostlosigkeit auch die Hoffnung haben, dass dieser Jesus über alles menschliche Denken hinaus helfen, heilen und retten kann. Dann darf ich erleben, wenn ich den Kopf hebe, wenn ich meinen Horizont weite, wenn es mir gelingt zu hoffen, wie dieser Jesus Menschen aus dem Tod holt, Erstarrtes zu neuem Leben führt, wie sein Ruf neues Leben schafft.


Manche Tage werden jedoch genauso trostlos scheinen, wie eh und je. Aber ich darf mich geliebt wissen, von Jesus! Er weint auch um mich, wie um Lazarus! Er ist in mich "verliebt", er hat Sehnsucht nach mir! Allein das verändert mich, gibt mir einen neuen Lebenssinn, lässt mich viele Dinge in einem anderen Licht sehen.


Dann brauche ich mich nicht mehr zu sorgen, in diesem Leben zu kurz zu kommen, etwas zu verpassen. Weiß ich mich doch von seiner Liebe getragen. Dann finde ich die Kraft zu einem Gespräch, zu einem Besuch, zu einer Geste der Versöhnung. Dann habe ich den Mut über den Tellerrand zu sehen, Ich kann anderes, auch Ungewohntes in den Blick zu nehmen und mich darauf einlassen. Dann kann in mir etwas Neues aufblühen und das wird auch meiner Umgebung nicht verborgen bleiben.


Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, als Lazarus aus dem Grab herauskommt, ist er noch nicht im Himmel. Das neue Leben, das ihm geschenkt wird, ist noch in dieser Welt verhaftet. Mit dieser neuen Geburt, mit dieser Totenerweckung, setzt Jesus ein Zeichen, das bis in unsere Tage hinein wirkt.



Der Auferstandene ruft auch uns


Jesus, der Auferstandene ruft auch uns zu: Komm heraus!


Komm heraus aus deinem Grab, deiner Gruft, die schon riecht, die manchmal sogar stinkt! Komm heraus aus deiner Isolation, die du dir selber geschaffen hast! Komm heraus aus dem Tod, erweckt zu neuer Lebendigkeit, in der Liebe, im Glauben, im Leben, im Miteinander!


Wir dürfen nicht erwarten, den Himmel auf Erden vorzufinden. Jesus hat auch denen, die ihm nachfolgen nicht versprochen, er werde sie auf Rosen betten. Ziel ist und bleibt immer, ewiges Leben, die Vollendung bei Gott! Wer sich jedoch in diesem Leben rufen lässt, herausrufen lässt aus dem Grau des Alltags, dem Einerlei mancher Lebenssituation, der Lageweile manchen Tuns, der kann, der wird zu neuem Leben aufblühen. Einem Leben, das dennoch nicht vollkommen ist, das nach wie vor Leid, Krankheit und Traurigkeit kennt, und dennoch anders ist, weil Jesus es schenkt, weil er uns dahinein gerufen hat.



Neues Leben in Christus


Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, das neue Leben, das Jesus schenkt beginnt heute und hier! Es beginnt dort, wo es uns gelingt, uns diesem Jesus vertrauensvoll zuzuwenden, uns von ihm anrühren zu lassen. Es beginnt dort, wo wir anderen davon Zeugnis geben, wo Menschen in meiner Umgebung spüren, ich trage eine Hoffnung in mir, die über dieses Leben hinausreicht. Es beginnt dort, wo ich mit meiner kleinen Kraft andere unterstützen kann, ihr Leben zu bewältigen, wo ich Hilflosen helfe, Mutlose ermutige und Traurige tröste. Es beginnt immer wieder neu, wenn wir uns am Sonntag versammeln zur Eucharistie, zum Gottesdienst, zu dem Er uns einlädt.


Durch das, was Jesus an Lazarus getan hat, kamen viele Menschen zum Glauben an ihn. Durch das, was er an uns heute tut, kann gleiches geschehen. Lassen wir es zu!


Willhelm Willms fasst es treffend zusammen mit dem folgenden Liedtext:


"Steht auf vom Tod, ihr seid geweckt. Kommt her zu Tisch, er ist gedeckt.

Geht und verteilt, ihr seid das Brot. Geht und reicht rund, ihr seid der Wein!

Steht auf vom Tod, ihr seid geweckt. Kommt her zu Tisch, er ist gedeckt.

Geht und sagt rund von Mund zu Mund. Geht und sagt rund, ein neuer Bund." (Wilhelm Willms, aus: "Ave Eva" 1974)


Nur Mut! Er kommt! Er ist schon da! Er hilft! Er macht uns lebendig!

Fastenpredigten: "Von Christus berührt - den Glauben leben"