"Du gehörst dazu!"

Vortrag von Brigadegeneral a.D. Theo Winkelmann zu einem Werk der Barmherzigkeit


Brigadegeneral a.D. Theo Winkelmann
(BiP). Der Vortrag wurde im Rahmen der Reihe Die Werke der Barmherzigkeit - Geistliche Vorträge am 15.3.2007 in der Erfurter Brunnenkirche gehalten.


Brigadegeneral a. D. Theo Winkelmann, geboren am 05.09.45 in Waltrop (Westfalen), begann 1970 seinen beruflichen Werdegang bei der Bundeswehr. Neben vielen Standortwechseln gehörten zu den Herausforderungen der Dienstzeit die Verantwortung für die Weiterbildung sowie für internationale Verpflichtungen, die auch mit langen Aufenthalten im Ausland verbunden waren. Für seinen Einsatz bei der Fluthilfe 2002 erhielt er Auszeichnungen der Länder Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen. 2003 wurde General Winkelmann stellvertretender Befehlshaber des Wehrbereichskommando III in Erfurt. Seit Herbst 2006 ist er im Ruhestand. Er ist verheirate und hat zwei Kinder.




Als ich noch als aktiver Soldat gefragt wurde, ob ich bereit sei, im Rahmen einer Vortragsreihe des Bistums Erfurt einen Vortrag zum Thema Barmherzigkeit zu halten, habe ich ohne zu zögern zugesagt. Ein General stellt sich schließlich jeder Herausforderung! Und mit dem Unterthema "Du gehörst dazu" sollte ich doch wohl keine Probleme haben. Schließlich war und bin ich zutiefst überzeugt, dass diese drei Worte den Kern eines friedlichen Umgangs der Menschen miteinander ausmachen. Natürlich würde ich aus dem beruflichen Umfeld des Soldaten genügend zu dem Thema sagen können. Und schließlich: war nicht der heilige Martin, unser Vorbild für Barmherzigkeit auch Soldat? Waren nicht viele andere Heilige Soldaten?


Wirklich bewusst was ich mir da angetan hatte wurde mir erst später, als ich begann, mich ernsthaft mit dem Thema zu befassen, nicht ohne dass mich zunächst meine Sekretärin und später meine Frau mehr oder minder nachdrücklich auf meine Verpflichtung hingewiesen hatten. Und mit diesem Bewusstsein kamen die Fragen.


Warum bittet man ausgerechnet einen Soldaten um einen solchen Vortrag?


In meiner Generation schwingt noch bitter nach, dass wir ungestraft Mörder genannt werden dürfen, und das jüngste Gerichtsurteil von Köln, nachdem auch Polizisten - zumindestens in der Karnevalszeit - ungeahndet beschimpft werden dürfen, hatte die Erinnerung an diese "Rechtsprechung" wieder aufgefrischt. Ist den Menschen eigentlich bewusst, wie weh solche Urteile tun können? Passen sie in unser Wertesystem? Diese Manifestierung des Rechtsanspruchs individueller Meinungsfreiheit einiger weniger Fundamentalisten im Verhältnis zum Schutzanspruch der Angehörigen von Organisationen, die durch ihren der Gemeinschaft verpflichtetem Dienst genau diese Freiheiten erst garantieren ließ die Frage aufbrechen: Gehörst du eigentlich dazu? Die Antwort war schnell gefunden, hatte ich doch unendlich viele Beispiele der Akzeptanz, Anerkennung und Freundschaft erlebt und die Erinnerungen an die großen Erlebnisse des Gemeinsinns während des Elbehochwassers 2002 und das uneigennützige Zusammenwirken aller hatten nachdrücklich bewiesen, dass ich dazu gehörte, dass alle dazu gehörten!


Ich habe in mehr als vierzig Dienstjahren keine kriegerischen Auseinandersetzungen, keine Kriege mitmachen müssen und ich bin dankbar dafür. Natürlich sind wir Soldat geworden um durch Abschreckung den Frieden zu sichern. Aber dennoch war uns mehr oder weniger deutlich bewusst, dass wir bei einem Scheitern dieses Prinzips und einer "heißen" Lösung der Ost-West Konfrontation unser Leben hätten einsetzen müssen. Und wir hätten es getan. Und dennoch hat uns etwas anderes geprägt, eigentlich genau das Gegenteil: spielen nicht gerade wir Soldaten eine besondere, vielleicht sogar eine Vorreiterrolle bei der Verständigung der Völker untereinander? Haben nicht gerade wir bewiesen durch ein gelebtes "Du gehörst dazu!" dass Erzfeinde der Vergangenheit kameradschaftlich, ja freundschaftlich miteinander für gemeinsame Ziele arbeiten können? Natürlich hat die Politik den Verdienst der europäischen Einigung und der Ü;berwindung des kalten Krieges, aber das Leben und das tägliche Beweisen der Verständigung hat kaum eine andere Gruppe der Gesellschaften ähnlich schnell und umfassend umgesetzt wie wir Soldaten. Das war so vor 1990 in den Hauptquartieren der NATO, aber auch in der Truppe. Nach der Auflösung der Ost-West Konfrontation haben wir die Soldaten der ehemaligen Warschauer Pakt Staaten genauso vorbehaltlos aufgenommen und freundschaftlich integriert. Es lohnte eine eigene Betrachtung, warum das so ist, vielleicht ist es das Wissen um die schrecklichen Auswirkungen des ultimativen Einsatzes unserer Fähigkeiten und Mittel! Soldaten sind keine Feinde, sie werden durch politische Entscheidungen dazu gemacht!


Das Wehrbereichskommando III hier in Erfurt hat lebende Patenschaften mit einem vergleichbaren Kommando der polnischen Streitkräfte in Breslau und einem der tschechischen Armee in Stara Boleslav. Die Beziehungen sind sehr freundschaftlich und werden durch politische Stimmungsveränderungen in den Ländern in keinster Weise getrübt. Diese Patenschaften haben mir viele Erlebnisse gebracht und drei Beispiele sollen das bisher gesagte untermauern.


1990 war ich als Referent im Bundesministerium der Verteidigung mit verantwortlich für die Planungen der Heeresstrukturen im Beitrittsgebiet und natürlich gab es große Diskussionen darüber, ob Angehörige der Nationale Volksarmee (NVA) übernommen werden sollten und es gab viele Vorbehalte dagegen. Aber es wurde schließlich entschieden, die NVA aufzulösen und alle Angehörigen zu entlassen, allerdings mit dem Angebot auf Antrag in die Bundeswehr übernommen zu werden. Ich werde nie vergessen, welch seltsame Gefühle ich damals bei meiner ersten Begegnung mit einem Oberstleutnant der NVA in Bonn hatte. Erst später glaubte ich zu ahnen, wie schwer diese Begegnung für ihn gewesen sein muß! Und heute? Kein Angehöriger des Stabes in der Löberfeld Kaserne wird auf Anhieb sagen können wie viele von Ihnen ehemalige NVA-Angehörige sind. Wenn die Frage zu meiner Zeit überhaupt interessierte, musste man erst nachfragen.


Heute gehören sie dazu: die ersten Männer sind Oberst und die erste Frau ist Generalärztin!


Das Verteidigungsbezirkskommando in Chemnitz hatte eine sehr lebendige Zusammenarbeit mit einem tschechischen Territorialkommando. In diesem Rahmen wurde einmal jährlich ein militärischer Wettbewerb durchgeführt. Nach mehreren Jahren gelang es 2001 erstmalig, die Bürgermeister und Landräte der Regionen beiderseits der Grenze dazu einzuladen. Im Rahmen meiner Dienstaufsicht habe ich an dieser Veranstaltung teilgenommen. Ich war erschrocken darüber, wie vorsichtig die zivilen Autoritäten aufeinander zugingen und wie viele Vorbehalte zum Vorschein kamen. Wir Soldaten konnten das nur schwer verstehen, ein solches Verhalten war uns unbekannt, denn wir gehörten zueinander.


Der stellvertretende Befehlshaber des Militärbezirks Schlesien, ein Brigadegeneral ist mir ein lieber Freund geworden, ein einfühlsamer, fürsorglicher Führer, der natürlich auch mit Nachdruck handeln kann! Vor zwei Jahren durfte ich ihn als sein Gastgeber eine Woche zu Besuchen bei Truppenteilen und Einrichtungen im Wehrbereich begleiten. Bei einem Hubschrauberflug kamen wir in die Nähe des Truppenübungsplatzes Klietz. Er bat mich, darüber zu fliegen. Nach Klärung der Sicherheitslage erfüllte ich ihm seinen Wunsch. Er erzählte mir voller Stolz, dass er auf diesem Platz als Bataillonskommandeur seine letzte Ü;bung im Rahmen des Warschauer Paktes gefahren habe und er zeigte mir, wie die Ü;bung verlaufen war. Dann aber sagte er: "Ist es nicht ein Geschenk des Himmels, dass wir heute zueinander gehören und Freunde sind?" Dem ist nichts hinzu zu fügen.


Und schließlich: 2006 haben wir gemeinsam mit unseren polnischen und tschechischen Freunden eine gemeinsame Ü;bung in Frankfurt/Oder und Eisenhüttenstadt durchgeführt, in der wir uns mit der Frage befasst haben, wie wir uns grenzüberschreitend im Katastrophenfall helfen können im Bewusstsein, dass derartige Ereignisse keine Grenzen kennen und wir nur gemeinsam handeln können. Im übrigen hat die tschechische Armee uns 2002 wertvolle Informationen zur Entwicklung der Hochwasserlage an der Elbe gegeben, die uns unsere Prognosen erleichterten.


Nach diesen Gedanken kam dann plötzlich doch die Frage auf: Was ist eigentlich Barmherzigkeit? Eine Internet-Recherche brachte über 280.000 Ergebnisse, aber nicht immer identische. Welcher Definition sollte ich mich also anschließen?


Wikipedia gab mir die Antwort: "Die Barmherzigkeit ist eine positive Eigenschaft des menschlichen Charakters. Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not." Und: "Die umgangssprachliche Formel Mitleid und Barmherzigkeit deutet an, dass es also bei der Barmherzigkeit weniger um ein Mit-Fühlen als um eine dessen nicht bedürftige Großherzigkeit geht. Sie gilt als Haupttugenden und wichtigsten Pflichten der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam sowie anderer Religionen wie dem Buddhismus und dem Hinduismus."


Aber zielen all diese Definitionen nicht zu sehr in das Religiöse? Hat Barmherzigkeit nicht auch eine weltliche Dimension, losgelöst von Glauben und Religiosität? Drückt die Charta der Menschenrechte in ihrer Zielsetzung nicht das Gleiche aus: Du gehörst dazu? Und führt falsch verstandene Religiosität nicht in die Irre?


Die Bitte "Lord, have mercy" - "Herr erbarme Dich" hat mich einmal sehr nachdenklich gestimmt. In Amerika sind Kirchen - oder sollte ich besser sagen: Sektenfernsehsender - sehr populär und die Menschen sind sehr religiös, aber in ihrer Religiosität auch sehr leicht manipulierbar. In den 80er Jahren lebte ich mit meiner Familie drei Jahre in den USA und Fernsehen war ein gutes Mittel, um seine Englischkenntnisse aufzubessern. So sahen wir eines Tages auch eine Sendung, in der einer der Wunderprediger sich an seine Anhänger wandte mit der Aufforderung, dass Gott und die Zuschauer ihm helfen sollten mit den Worten "Lord, have mercy - my believers, have mercy!" Er hatte keine Steuern bezahlt und eine Schuld von über 5 Millionen Dollar angehäuft. Er bat um Spenden. Zwei Wochen später bedankte er sich, er habe nun seine Schulden bezahlen können. Und dann diese Wunderheiler: Lord have mercy - Heile diesen armen Sünder! So viele Heilige, wie es danach geben müsste könnte kein Geschichtsbuch fassen.


Ist dies Barmherzigkeit? Ich kehre lieber wieder zu dem "Du gehörst dazu" zurück.


Warum sind wir Soldaten in der Lage, so leicht auf andere Menschen zu zu gehen und zu zeigen, dass alle dazu gehören?


Auch in der Vergangenheit gab es ethisch moralische Grundlagen für den Soldatenberuf. Ohne zu sehr in die Vergangenheit zurück zu gehen zitiere ich aus der Vorschrift "Truppenführung" von 1933: "Der Offizier muß den Weg zum Herzen seiner Untergebenen finden und ihr Vertrauen durch Verständnis für ihr Fühlen und Denken sowie durch nie rastende Fürsorge erwerben."

Ähnliche Aussagen finden sich in preußischen Vorschriften, Clausewitz war so geprägt. Aber ein klares Bild wurde nicht formuliert.


Nach dem zweiten Weltkrieg jedoch haben wir in Deutschland konsequent ein Soldatenbild entworfen, dass sehr stark auf unser Grundgesetz und damit auf das christlich - abendländische Wertesystem ausgerichtet ist. Das Prinzip des "Staatsbürgers in Uniform" wurde geschaffen und damit sichergestellt, dass die Werte der Gesellschaft auch in den Streitkräften uneingeschränkt gelten und sich keine abweichenden Entwicklungen auftun. Das Prinzip der "Inneren Führung" stellte und stellt sicher, dass bei aller Notwendigkeit militärischer Hierarchien der Mensch das Entscheidende ist und bleibt. Das schließt die Achtung des Feindes mit ein. Und wir haben ein eindeutiges Bild des Offiziers formuliert und als Erziehungs- und Ausbildungsvorgabe formuliert - selbst als in den 70er Jahren der Begriff der Erziehung verpönt war und Charakter kein Auswahlkriterium war. Diese kurze Phase ist jedoch längst überwunden.


Als ich Mitte der 90er Jahre für die Führerausbildung verantwortlicher Referatsleiter im Bundesministerium der Verteidigung war sahen wir uns veranlasst im Rahmen des erweiterten Aufgabenspektrums das Bild des Soldaten und die Weisungen für die Erziehung, Ausbildung und Bildung der Offiziere und Unteroffiziere zu überarbeiten und neu zu präzisieren. Wir haben konsequent ein ethisch-moralisches Grundgerüst geschaffen, das Werte- und Menschenrechtsorientiert ist und das geprägt ist durch einen roten Faden: Du gehörst dazu!, auch wenn es nicht expressis verbis so genannt wird. Aber interkulturelle Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit gehören zu den Schlüsselqualifikationen! Keine andere Armee legt als Vorraussetzung dafür so viel Wert auf Sprachfähigkeit wie die Bundeswehr.


Dieses Grundgerüst ist die Basis für unsere Attraktivität und damit für Bewerbungen, für die Personalauswahl und natürlich die Ausbildungsinhalte. Und ich glaube, dass wir auf das Ergebnis stolz sein können.


Natürlich gibt es auch schwarze Schafe. In einer so großen Organisation wie der Bundeswehr kann es nicht anders sein und zumindestens im Einsatz haben sie sich nicht ausgewirkt.


Eine andere Frage befasst uns Soldaten zur Zeit viel und macht uns Sorgen: Gehören wir Soldaten, gehören unsere Familien eigentlich wirklich dazu?


Die Transformation der Bundeswehr verlangt uns vieles ab. Ungewöhnlich häufige Versetzungen aufgrund von Standortauflösungen und Umgliederungen stellen uns vor schwerwiegende Entscheidungen hinsichtlich unserer Familien. Umzug oder Pendeln? Die Rahmenbedingungen für einen Umzug werden immer schlechter. Auch unsere Ehefrauen sind häufig berufstätig. Es gibt kein Programm zur Unterstützung einer Berufstätigkeit am neuen Standort. Auch wir benötigen Kindergartenplätze. Unsere "Verweildauer" vor der nächsten Versetzung ist jedoch häufig kürzer als die Wartezeit bei der Anmeldung. Das föderale Schulsystem mit den unterschiedlichen Ausprägungen macht es unseren Kindern schwer und führt häufig zu schlechteren Abschlüssen. Von der Frage des Schaffens eines Freundes- und Bekanntenkreises ganz abgesehen, die jedoch durch die Auslandseinsätze mit der damit verbundenen langen Abwesenheiten des Familienvaters eine besondere Bedeutung gewinnt. Wie können wir in den immer wieder neuen Kreisen dazu gehören? Von den Schwierigkeiten bezahlbarer Wohnungsbeschaffung will ich gar nicht reden.


Natürlich kann man sagen, dass diese Dinge für jeden aus der Gesellschaft gelten, aber es gibt eben keine andere gesellschaftliche Gruppe, die per Befehl so häufig über so große Entfernungen ihren Lebensmittelpunkt verlegen müssen.


Also entscheiden sich viele für das Pendeln mit den damit verbundenen Wochenend-Ehen. Und erneut sollte ich betonen, dass dies nicht auf Freiwilligkeit beruht! Dies führt ebenfalls zu ungewöhnlichen Belastungen. Die Individualisierung der Gesellschaft mit der damit verbundenen Abschottung von Lebenskreisen hat auch bei uns dazu geführt, dass das soziale Leben intern erheblich zurückgegangen ist. Wohnraum in den Kasernen mit der Möglichkeit des Miteinander zumindest im Kameradenkreis gibt es nur selten, sondern es muß Unterkunft "draußen" gefunden werden. Wo findet man Freunde, Bekannte? Wer kümmert sich um einen? Leider muß ich sagen: nicht einmal die Kirchen. Bei insgesamt 18 Umzügen sind wir zwar mehrmals zur Zahlung von Kirchengeld aufgefordert worden, den Besuch eines Pfarrers mit der Begrüßung in der Gemeinde haben wir nur einmal erlebt!


Nachdem ich 2001 das Kommando in der Löberfeld Kaserne aufgebaut hatte, musste ich in kurzer Zeit zwei Todesfälle von Pendlern erleben. Die Todesursachen konnten nicht eindeutig ermittelt werden, organische Erkrankungen lagen nicht vor. Ich musste aber im Zuge der Ermittlungen erfahren, wie einsam diese Menschen gewesen sein mussten. Sie gehörten nicht dazu! Ich halte es für eine gesellschaftliche, für unser aller Verpflichtung, sich um diese Menschen zu kümmern, sei es aus Barmherzigkeit oder aus Menschenliebe und ihnen zu zeigen dass sie dazu gehören!


Genauso appelliere ich jedoch auch an die Politik, dass sie nicht nur über die Einsätze der Soldaten nachdenkt und über sie entscheidet, sondern dass sie auch die Rahmenbedingungen schafft, um auch die Familien nicht leiden zu lassen. Unsere Verpflichtungen werden gerne gemessen an denen unserer amerikanischen, britischen und französischen Kameraden, aber den Blick auf die dort bestehenden Regelungen für die Familien vermisse ich sehr. Dort finden wir streitkräfteeigene Wohnungen, Kindergärten und Schulen. In den Kasernen gibt es günstige Geschäfte, Ehefrauen werden bei der Suche nach Beschäftigung intensiv unterstützt, bei Einstellungen im Streitkräftebereich werden sie bevorzugt. Dort gehören sie dazu!


Trotz dieser kritischen und mahnenden Worte überwiegen die Beispiele, wo wir erleben dürfen, dass wir in unserem Umfeld häufig dazu gehören, und zwar in einer Zweibahnstraße.


Ich komme daher zurück zu meinem militärischen Erlebensbereich und zu mehr oder minder prosaischen Beispielen, wie wichtig es ist, in allen Bereichen des Lebens nach dem Grundsatz zu leben und zu handeln: Du gehörst dazu!


Vor zwei Jahren wurde ein Angehöriger der Standortverwaltung von einer Zecke gebissen und erkrankte an Borreliose mit der Folge von Behinderungen und Berufsunfähigkeit. Der Lions Klub Meister Ekkehard sammelte und spendete! Der Bundeswehrangehörige gehörte für sie dazu!


Der Internationalen Schule in Weimar fehlten Schränke und wir wurden gebeten zu prüfen, ob wir helfen könnten. Die Standortverwaltung fand eine Möglichkeit!


Und ich darf beispielhaft an die Unicef-Benefizkonzerte des Wehrbereichsmusikkorps III im Kaisersaal erinnern, die uns nicht nur ein großartiges musikalisches Erlebnis bieten, sondern eine große Unterstützung für Unicef leisten!


Aber auch ein völlig anderes Beispiel: 1998 waren die Streitkräfte noch eine Männerdomäne und Frauen gab es nur im Militärmusikdienst und in der Sanitätstruppe. Ein weiblicher Fähnrich dieser Sanitätstruppe stellte den Antrag auf Teilnahme am Einzelkämpferlehrgang, der für Offizieranwärter des Heeres obligatorisch war. Auf allen Ebenen war dieser Antrag mit unterschiedlichsten Gründen abgelehnt worden: mal schienen die körperlichen Belastungen zu groß, mal gehörte es sich nicht für eine Frau so etwas zu tun, mal passte der Einzelkämpferlehrgang nicht zum Bild des Sanitäters! Zufällig wurde der Vorgang im Ministerium bekannt und der Inspekteur des Heeres entschied für die Teilnahme. Sein Argument war einfach und bestechend: Sie ist eine von uns! Für ihn gehörte sie dazu! Sie bestand den Lehrgang übrigens als zweitbeste von 120 Lehrgangsteilnehmern!


Die wirkliche Bewährungsprobe, ob unser Bild vom Soldaten richtig ist und unser Erziehungs- und Ausbildungsziel erreicht wird und ob wir mit den Belastungen fertig werden muß sich jedoch im Einsatz zeigen. Richten wir unseren Blick also in die Einsatzgebiete.


Welche Belastungen damit verbunden sind auch im Hinblick auf Du gehörst dazu macht vielleicht ein Beispiel aus dem KOSOVO deutlich. Eine Patrouille wurde durch Einheimische bedroht und einer der Kosovaren zog ein Messer. Natürlich lud der Patrouillenführer, ein Feldwebel seine Waffe durch und drohte seinerseits den Waffengebrauch an. Schließlich warf der Kosovare das Messer nach ihm und der Feldwebel drückte ab. Die Waffe hatte jedoch Ladehemmung, der Schuß brach nicht, und es gelang, die Situation ohne weiteren Waffengebrauch zu lösen. Später erst wurde dem Feldwebel bewusst, dass er - wie drillmäßig gelernt - ohne zu zögern bereit gewesen war, auf einen Menschen zu schießen. Die Frage, ob diese Situation die Anwendung der Ultima Ratio gerechtfertigt hätte, beschäftigte ihn zutiefst. Er wurde mit der psychischen Belastung nicht fertig und quittierte den Dienst. Zwar war ihm klar, dass ihm rechtlich kein Vorwurf gemacht werden konnte, aber die Frage Er war ein Mensch, er gehört doch auch dazu bekam für ihn eine überragende Bedeutung und er hatte das Gefühl versagt zu haben.


Unser Ansehen in der Welt beruht darauf, dass wir in den Einsätzen unseren Grundsätzen treu sind und sie auch vorleben und unserem Umfeld deutlich zeigen: Wir akzeptieren euch, wie ihr seid, wir achten eure Kultur und Andersartigkeit, wir behandeln euch wie unseresgleichen! Wir kommen als Freunde und nicht als Besatzer. Es ist der falsche Weg, in jedem zuerst einen Feind zu sehen, erst zu schießen und danach zu fragen; Türen einzutreten und damit Familien zu entehren. Damit schafft man Feinde. Natürlich kann man die Situation in Nord- und Südafghanistan nicht miteinander vergleichen, die Bedrohungen sind unterschiedlich. Aber unsere Kräfte im Norden haben ebenfalls eine gefährliche Lage, die zum Teil in Deutschland verkannt wird. Sie operieren im Einflussbereich von Hekmatyar, einem der brutalsten Warlords. Im Operationsgebiet liegen ausgedehnte Opiumproduktionen, die von der Bevölkerung gestützt werden. Wie sollte man auch einem afghanischen Bauern klar machen, dass er sich mit einem Zwanzigstel seines Einkommens zufrieden geben soll, zumal Opium dort nicht als verdammenswerte Droge begriffen wird? Und diese Produktionstätten und Mohnfelder werden von anderen Alliierten zerstört. Dennoch ist es der Bundeswehr gelungen, die Bevölkerung als Freunde zu gewinnen.


Wie das gelungen ist, macht vielleicht eine Bewertung meines Sohnes besser als ich es vermöchte deutlich, der zwei Afghanistaneinsätze hinter sich hat und 2003/2004 als Angehöriger des ersten Kontingents einen sogenannten Zielgruppenfunk, aufgebaut hat, einen Radiosender, mit dem die Bevölkerung über den Einsatz der Bundeswehr, aber auch über viele andere Dinge informiert wird, der aber inzwischen auch Teil eines Bildungsangebots ist. Ich hatte ihn gebeten, für diesen Vortrag einen kleinen Beitrag zu leisten und er schreibt:


"Als wir im Dezember 2003 in der nordafghanischen Stadt Kunduz gelandet sind, waren wir überrascht und verdutzt zugleich: Eine atemberaubende Landschaft, die so weit blicken lässt wie kein Landstrich der Heimat - eine lehmige Geröllwüste die am Horizont in sanfte Hügel und Berglandschaften übergeht. Ein fantastisches Panorama und wunderschönes Land - einerseits!


Auf dem Weg vom Flughafen in unser Feldlager im Zentrum von Kunduz, sahen wir die andere Seite Afghanistans: Die unglaubliche Armut der Menschen und die Narben von 25 Jahren Krieg: Alte verrostete Panzer aus Zeiten der sowjetischen Besatzung stehen an vielen Ecken, ebenso zerschossene und heruntergekommene Häuser und eine völlig kaputte Infrastruktur. Und mitten drin suchen die Menschen ihren Alltag. Sie treiben Handel auf dem Bazar mit improvisierten Holzständen und transportieren ihre Habseligkeiten vorzugsweise mit Eseln und Karren. Autos gibt es nur wenige und nur für Bessergestellte. Es ist eine Szenerie wie im Mittelalter - befremdlich und seltsam faszinierend zugleich!


Das Leben der Menschen hat sich hier auf das Wesentliche beschränkt - man kommt mit Altbewährtem zurecht, bestreitet seinen Lebensunterhalt und kommt durch den Tag. Nach knapp zehn Jahren sowjetischer Besatzung, sieben Jahren Anarchie der Mudschahedin und fünf Jahren Unterdrückung durch die Taliban liegt in Afghanistan alles am Boden - seelisch und physisch. Es wirkt fast so als hätte alles Neue in Afghanistan den Menschen nur geschadet, und jetzt waren wir neu hier - eine Herausforderung, der wir nur mit einem sehr bedachten, öffentlichen Auftreten gerecht werden konnten: Wir mussten einander zulassen, um die Probleme anzugehen - was das in der Geschichte Afghanistans bedeutet, ist klar: Sowohl Kultur, Religion als auch - und vor allem - die Würde der Menschen waren zu respektieren. Bei allen Zielen, Hoffnungen und Erwartungen, die wir für unseren Einsatz mitnahmen, war es entscheidend die afghanische Lebensweise zu akzeptieren - egal, was vorher war!


Wie erreichten wir das ? Wir sind entgegen dem herkömmlichen, militärischem Auftreten, wenn möglich, mit verdeckten Waffen in die Öffentlichkeit getreten, haben den Dialog zu den Menschen gesucht, haben Interesse an deren Erlebnissen gezeigt und der Bevölkerung mit Flugblättern und Zeitungen mitgeteilt, dass wir zwar Militärs, aber zum Schutze des Wiederaufbauteams in Kunduz seien. Wir haben die Aufgabe der Deutschen in Afghanistan erklärt und die Bevölkerung selbst in unsere Arbeit miteinbezogen - so habe ich in den ersten Wochen 4 afghanische Mitarbeiter für unseren lokalen Radiosender "Stimme der Freiheit" eingestellt. Dies hat das gegenseitige Verständnis nachhaltig vertieft und gestärkt.


In vielen anderen Bereichen waren wir auch - wann immer möglich - inmitten der Bevölkerung. Egal ob bei der Ausbildung ziviler Redakteure für eine Zeitung in einer Redaktion in der Innenstadt, dem freundschaftlichen Besuch bei anderen Radiosendern oder dem Bau von Brücken und Brunnen in zerstörten Ortschaften außerhalb von Kunduz, für die sich zuvor niemand interessierte.

Solche Maßnahmen, das kann ich rückblickend versichern, schufen ein vertrauensvolles Verhältnis und wirkten dem Hauptproblem unserer Mission entgegen: Wir nahmen den Menschen die Angst, dass erneut Eindringlinge einer fremden Kultur ihren Stolz verletzen und ihre Lebensweise verändern wollen. Auf dem Nährboden von Verständnis, Ehrlichkeit und Respekt sind viele denkbare Probleme in dieser angespannten ersten Mission in Nordafghanistan gar nicht erst entstanden. Nach fünf Monaten Einsatzdauer hatte unsere Truppe einen guten Ruf und keinerlei ernsthafte Zwischenfälle zu beklagen."



Damit will ich zum Schluß kommen. Ich habe bewusst den Begriff der Barmherzigkeit vernachlässigt, denn ich bin sicher, dass im Rahmen dieser Vortragsreihe andere Vortragende hinreichend darüber referieren werden. Für mich ist Barmherzigkeit eine Folge des Grundsatzes "Du gehörst dazu!". Wenn wir ihn beachten ist es für uns eine Selbstverständlichkeit zu helfen und zu teilen.



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