Drei Orte, die Gloriosa zu schweißen

Die größte und weltberühmte Glocke des Erfurter Domes wird noch in diesem Jahr repariert

Erfurt (BiP). 11,5 Tonnen schwer ist die Gloriosa und ihr Gewicht wie auch ihre Ausmaße lassen jeden Gedanken absurd erscheinen, die größte Glocke des Erfurter Domes aus ihrer Glockenstube zu entfernen. Doch genau darüber denkt man zur Zeit im Dombauamt nach.


Ursache solcher Gedankenspiele ist ein Haarriss von nur acht Zentimetern Länge, der sich am unteren Glockenrand der Gloriosa gebildet hat. Was wie eine Kleinigkeit aussieht, ist tatsächlich eine Katastrophe: Die Glocke klingt schrecklich und darf nicht mehr geläutet werden, weil sich der Riss sonst ausweiten würde. Und das könnte das Ende der Gloriosa sein, die als größte, frei schwingende Glocke des Mittelalters weltberühmt ist und über einen einzigartig schönen Klang verfügt - normalerweise, wenn sie nicht gerissen ist. "Wir verfolgen im Grunde nur ein Ziel, nämlich der Gloriosa wieder zu ihrer Stimme zu verhelfen", erklärte der Leiter des Dombauamtes, Andreas Gold heute auf einer Pressekonferenz in Erfurt.


Der Weg zu diesem Ziel gestaltet sich allerdings nicht unkompliziert. "Die Glocke muss geschweißt werden. Die Frage ist nur, an welchem Ort", sagte Gold. Die besten Arbeitsbedingungen finden sich in der Werkstatt eines Fachmanns. Ein Transport der Gloriosa dahin sei ein lösbares Problem, meint Gold. Nur habe vor 500 Jahren niemand daran denken können, dass man die Glocke einmal wieder aus ihrem Turm entfernen müsse. Der Turmbau lässt keine Möglichkeit, sie ins Erdgeschoss herab zu lassen. Nur für den Austausch der Klöppel gibt es eine Luke unter der Glocke.


1985 wurde die Gloriosa deshalb in ihrer Glockenstube geschweißt. Damals hatte sich ein 60 Zentimeter langer Riss gebildet, auf den man während des Weihnachtsläutens des Vorjahres aufmerksam geworden war. "Die Schweißung in der Glockenstube ist ebenfalls eine unserer Optionen für die Reparatur", führte Andreas Gold aus. Dafür spreche, dass der Zementboden, der 1985 für die Schweißung in die Glockenstube eingezogen worden war, noch erhalten ist. Allerdings müßte wieder der gesamte hölzerne Glockenstuhl abgebaut und alles Holz im Umfeld der Gloriosa entfernt werden. Das erfordert der Brandschutz, denn für eine Schweißung muss die Glocke auf hohe Temperaturen gebracht werden. "Und abgesehen vom Arbeitsaufwand tut es keinem Glockenstuhl gut, wenn er alle paar Jahre zerlegt wird. Denn mit dem Zustand des jetzigen sind wir sehr zufrieden", erläuterte Gold.


Also erwägt man auch eine andere Möglichkeit, die, sollte sie realisiert werden, eine Sensation wäre. Gold plant, die Öffnung der Schall-Luken in der Westseite des Glockenturmes zu erweitern. Dann soll die Gloriosa auf einen Schienenwagen gesetzt werden, um sie damit durch die Maueröffnung in den Schwerlastkorb eines Lastkranes zu schieben. Der bringt die Glocke schließlich sicher auf den Boden. "Es gibt mittlerweile mobile Schwerlastkräne, die eine solche Aufgabe bewältigen können", berichtete Gold, nicht ohne auf die besonderen Herausforderungen hinzuweisen. Denn entweder steht der Kran auf dem Domplatz neben den Domstufen - dann muss er über die Turmanlage auf die abgewandte Westseite zugreifen. Oder ein kleinerer Kran fährt auf den Domberg und führt von dort seinen Lastkorb zur Gloriosa hoch. Die Königin der Glocken würde so zum ersten Mal seit über 500 Jahren ihr Gemach verlassen.


Ob nun im Turm oder außerhalb von ihm geschweißt wird, prüft das Dombauamt zur Zeit noch. "Wir überlegen auch, auf den Transport zu verzichten und die Gloriosa auf dem Domberg zwischen Dom und St. Severi zu reparieren", zählte Andreas Gold eine weitere Option auf. Dann würde die Gloriosa dort geschweißt, wo sie 1497 von Gerhard van Wou aus Kampen gegossen worden war. Die Schweißung soll noch in diesem Jahr stattfinden. Die Riss-Stelle wird ausgesägt, die gesamte Glocke erhitzt und der Spalt mit Bronze gefüllt. Was sich einfach anhört, ist ein hoch kompliziertes, technisches Verfahren, wie Gold betonte.


Wie der Guss der Gloriosa 1497 kostet auch die Reparatur im Jahr 2004 Geld. "Wir rechnen mit 150- bis 200-Tausend Euro Gesamtkosten", nannte Gold das vorläufige Ergebnis seiner Kalkulationen. Dabei handelt es sich nicht einmal um eine Investition in die Ewigkeit, wie der Glockensachverständige des Domberges, Bruder Michael Reuter aus dem Benediktiner-Kloster Maria Laach, bei der Pressekonferenz ausführte. "Irgendwann reißt jede Glocke, das ist ihr natürliches Ende." Dass bisher nur zwei Risse an der Gloriosa aufgetreten seien und diese Glocke rund 500 Jahre ohne Schaden geläutet habe, sei beinahe ein Wunder und spreche für die hohe Kunst Gerhard van Wous. "Der Mann war ein Genie", sagte der Glockensachverständige voller Bewunderung. Aber auch die Glocken eines solchen Genies könnten nicht bis zum jüngsten Tag läuten. "Ob die Gloriosa noch weitere 500 Jahre zu hören sein wird, kann niemand mit Sicherheit sagen", so Bruder Michael.


Was die Lebenszeit der Gloriosa betrifft, ist Dompfarrer Dr. Reinhard Hauke Optimist und ruft zu Spenden auf, um die gewaltigen Reparaturkosten aufzubringen. Und Hauke macht eine Spende schmackhaft: Wer auf dem Spendenbeleg seine Adresse notiert, erhält nicht nur ab 20 Euro eine Spendenquittung, sondern nimmt auch an einer Verlosung teil. "15 Personen können beim ersten Festgeläut der Gloriosa nach der Reparatur in der Glockenstube dabei sein. Die losen wir unter den Spendern aus", erklärte Hauke seine Lotterie.


An welchem Tag die Gloriosa läuten wird, steht noch nicht fest, aber dass sie wieder läutet, darüber ist sich der Dompfarrer mit Andreas Gold und Bruder Michael einig.



Spendenkonto für die Reparatur der Gloriosa:

Kontoinhaber: Domrendantur

Stichwort: "Gloriosa"

Konto-Nr. 5000 43 70 10

BLZ 370 60 1 93 (Pax-Bank Erfurt)




Und wie geht es mit der Gloriosa weiter? Hier steht?s