Die Lebens-Zeichen sehen

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke am Ostersonntag 2020

Bild: Peter Weidemann; In: Pfarrbriefservice.de

Woher kommt der Auferstehungsglaube?  (Apg 10, 34a.37-43; Kol 3, 1-4; Joh 20, 1-9)

„Die Apostel hatten’s gut! Sie konnten den Auferstandenen sehen und manchmal auch anfassen. Sie konnten mit ihm sprechen und bekamen gute Antworten – wenn sie auch nicht alle Antworten verstanden haben.“ – so könnten wir heute angesichts der Osterbotschaft sagen.

Wir feiern unseren Glauben an die Auferstehung Jesu von den Toten und zugleich auch unseren Glauben an das ewige Leben. Grund für unseren Glauben sind die Glaubenszeugnisse der Heiligen Schrift und die der konkreten Christen, die für uns Zeugen des Glaubens sind. Manchmal waren es die Eltern, Paten und Freunde. Manchmal war es ein begnadeter Seelsorger, der uns angesprochen hat. Manchmal waren und sind es Worte der Päpste, die beeindrucken. Mancher kann auch sagen: „Ich habe eine persönliche Gotteserfahrung gemacht!“ Das klingt gut und man könnte neidisch werden, aber ich weiß auch, wie Menschen unter einer solchen persönlichen Begegnung leiden, wenn sie spüren, dass man ihnen nicht glauben will oder erkennen, wie sehr sie selbst dem Anspruch der Nachfolge nicht genügen.

Petrus und Johannes laufen zum Grab Jesu, als Maria von Magdala ihnen mitteilt, dass es leer ist. Mit Sicherheit hat diese Nachricht die Apostel erschreckt, denn bisher war ja der tote Leichnam Jesu immer noch wie eine Erinnerung oder Brücke zu Jesus, so wie auch heute ein Grab ein konkreter Ort ist, an dem die Geschichte eines Menschen zu Ende gegangen ist und reflektiert werden kann.

Projekte, die wir in Erfurt im Zusammenhang mit dem Defizit an Totenkult entwickelt haben, wurden aus dem Anliegen geboren, dass die Menschen einen Ort für die Trauer brauchen. Das Totenbuch, in das beim Monatlichen Totengedenken die Namen der Verstorbenen eingetragen werden, und die Feier des Monatlichen Totengedenkens selbst, die Kolumbarien und Grabstätten auf dem Hauptfriedhof für Urnen- und Erdbestattungen wurden geschaffen, um das Andenken der Toten zu bewahren und über einen längeren Zeitraum Abschied nehmen zu können.

Ich denke auch an die Not, die entstehen kann, wenn täglich hunderte Kranke sterben und in Kühlhäuser gebracht und in großen Grabanlagen bestattet werden. Weiß man noch genau, wer in welchem Sarg und in welchem Grab liegt? So etwas haben die Bestatter in den USA, in Italien und Spanien noch nicht erlebt – sagen sie selbst.

„Was soll nun werden, wenn das Grab leer ist?“ – müssen sich die Apostel fragen. Daher kommt wohl die Eile des Aufbruchs! „Denn sie hatten noch nicht aus der Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse..“

Der Evangelist Johannes geht davon aus, dass es einen Schriftbeweis für die Auferstehung gibt und eigentlich die Auferstehung Jesu und das leere Grab gar nicht nötig waren. Der Evangelist kennt z.B. den Psalm 16, wo es in den Versen 10 und 11 heißt: „Denn du – o Gott – überlässt mein Leben nicht der Totenwelt, du lässt deinen Frommen die Grube nicht schauen. Du lässt mich den Weg des Lebens erkennen. Freude in Fülle vor deinem Angesicht, Wonnen in deiner Rechten für alle Zeit.“

Es besteht schon im Alten Bund die Hoffnung auf das ewige Leben, das mit dem Kommen des Messias beginnt. Wenn die Jünger davon überzeugt sind, dass Jesus der Messias ist, wäre das ausreichend gewesen für den Osterglauben. Aber hier kannte Jesus Christus seine Jünger wohl nur zu genau. „Bevor nicht einer von Toten aufersteht und vor ihnen steht, können sie nicht glauben.“ – so war wohl die Meinung der Apostel, die dann durch den Apostel Thomas zum Ausdruck kommt. Mit Sicherheit war das nicht nur seine Meinung. Alle brauchten den richtigen leiblichen Beweis, der dann durch den Auferstandenen in den verschiedenen Erscheinungen geschenkt wird, von denen wir an den kommenden Tagen wiederum hören werden.

Wir haben neben dem alttestamentlichen Schriftbeweis, den auch die Jünger hätten kennen müssen, den neutestamentlichen Schriftbeweis der Evangelien, der Apostelgeschichte und der Briefe des Apostels Paulus. Alle bezeugen den wachsenden Glauben der Gemeinden, aber auch das Ringen um die gute Botschaft, dass für jeden von uns durch Christus ewiges Leben möglich ist. Voraussetzung ist der Glaube und die Taufe als sichtbares Zeichen, zu Christus gehören zu wollen.

Natürlich weiß ich um die vielen Menschen, die nicht getauft wurden und den Glauben nicht haben. Hier sagt uns der Apostel Paulus, dass auch sie das ewige Leben erhalten können, wenn sie nach ihrem Gewissen leben. Der bessere und sicherere Weg ist jedoch der Weg der bewussten Annahme des Glaubens und des Lebens aus dem Glauben. Daher bleibt es unser Bestreben und Bemühen als Christen in den Kirchen, diesen Glauben weiterzugeben und dazu einzuladen.

Ich bin zutiefst überzeugt, dass es das Sehnen nach ewigem Leben gibt. Gerade die derzeitigen Bemühungen um lebenserhaltene Maßnahmen, indem Patienten optimal betreut werden sollen und auch ein Impfstoff gefunden werden soll, durch den diese konkreten Viren beseitigt werden, zeigt den Lebenswillen der Menschen, den ich als Wille zum ewigen Leben deute.

Wir begegnen Menschen mit Unverständnis, wenn sie lebensmüde sind und keinen Sinn mehr in ihrem Leben erkennen können. Wir reagieren mit Protest als Kirchen, wenn Gesetze erlassen werden, die den Suizid befördern und als Ausweg aus Krankheit und Leid beschreiben.

Ich freue mich über alle Initiativen, die Zeichen der Mitmenschlichkeit sind, wie z.B. unsere „Gabenwand der Herzen“ am Dom, wo Mitbürgerinnen und Mitbürger der Stadt Lebensmittel und Kosmetik bringen, um Obdachlosen zu helfen. Einkaufdienste und Telefondienste sind lebenserhaltene Maßnahmen in dieser Fasten- und Osterzeit, durch die ich spüre, dass wir füreinander einen guten Blick haben und dem Leben dienen wollen.

Die erwachende Natur, die Musik und Kunst und vor allem die neugeborenen Kinder sind für uns Zeichen der Hoffnung, die wir mit Freude annehmen, weil sie wie ein kleines Fenster in den Himmel sind.

Wir können den Schriftbeweis nehmen, um den Osterglauben zu gewinnen. Wir können die Lebenszeichen anschauen, die wir in diesen Tagen um uns herum geschenkt bekommen.  Wir können um die persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen bitten, die uns geschenkt wird, wenn ER es für richtig hält. Jeder von uns wird diese Nähe schon gespürt haben und daher heute mit Freude sagen: Christus ist auferstanden! Halleluja! Möge dieser Glaube und dieses Bekenntnis trotz alle Not und Verzweiflung unserer Tage prägend und bestimmend bleiben. Amen.