Die Kraft des Heiligen Geistes macht Unmögliches möglich

Predigt von Diözesan-Administrator Weihbischof Reinhard Hauke am Ostersonntag 2013 im Erfurter Dom St. Marien



Gottes Geist weht, wo ER will.


Entgegen dem Mainstream

An diesem Ostermorgen sind wir Kirchgänger vielleicht die einzigen Passanten auf den Straßen. Auch in der Nacht waren wir wohl die einzigen, die zielstrebig nicht in die Gaststätte, sondern in die Kirche gegangen sind. In der St. Severi-Kirche wurde früh am morgen die Osternacht in den Tag hinein gefeiert. Solche Gottesdienstzeiten sind auch bei uns die Ausnahme. Wir müssen zugeben: Das ist schon exotisch und gegen den Mainstream der Zeit. Aber: Es ist uns wichtig, in diesen besonderen Zeiten am Osterfest zum Gottesdienst zu gehen. Wir haben die Botschaft von der Auferstehung des getöteten Christus gehört und wollen uns gegenseitig im Glauben des neuen Lebens vergewissern, das auch uns nach dem Tod zugesprochen wird. Wir feiern ein Gedenken, das zugleich eine Vergegenwärtigung für uns bedeutet. Wir haben nicht eine einfache memoriale Veranstaltung, sondern sind in dessen Wirkung mit einbezogen.

Solche Worte werden unsere Zeitgenossen - seien sie Christen oder Nichtchristen - nicht unbedingt begeistern und umstimmen. Sie werden vielleicht einen Osterspaziergang in der Tradition von Johann Wolfgang von Goethe halten und ein wenig erahnen vom Aufbruch des neuen Lebens, auch wenn es in diesem Jahr noch unter der Schneedecke verborgen ist und nur an wenigen Stellen sich zeigt. Vielleicht wird ein Familientreffen organisiert und damit der freie Tag zu einem sinnvollen Tag - auch ohne Ostergottesdienst. Vielleicht werden Ostereier versteckt und die Kinder dürfen suchen - interessanterweise sind sie so versteckt, dass man sie auch finden kann, denn sonst hätte das Suchen keinen Sinn. Mit diesem Suche nach dem Ei verbindet sich für mich als Christ der Gedanke des Suchens nach dem Leben! Darum bin ich über dieses Brauchtum froh, wenn ich mir auch wünschten würde, das die Geschäfte auf diese Symbolik hinweisen würden und nicht den Unsinn vom eierlegenden Hasen oder den Malwerkstätten der Osterhasen weiter verbreiten.


Veränderungen durch die Kraft des Heiligen Geistes

Wer zum Gottesdienst am Ostertag geht, möchte mehr als bunte Ostereier und ein Familienfest. Er möchte erkennen, was möglich ist, wenn der Heilige Geist in das Leben der Menschen eingreift und es verändert. Schnell sind wir dann zwar dabei, alles herunter zu spielen auf einen Zufall, aber letztlich wird sich niemand dem Besonderen entziehen können, was diese Kraft Gottes bewirken kann - bis hin zur Auferweckung der Toten.

Wir haben vor wenigen Tagen die Wahl des neuen Papstes erleben können. Viele erinnern sich noch an die Diskussionen vor und während der Papstwahl, wer es denn sein könnte und was denn diese Wahl dann bewirken würde. Dann wurde nach dem "Habemus Papam" der Name bekannt gegeben und viele haben angestrengt in den Namenslisten der Kardinäle, die als "papabile" bezeichnet wurden, den Namen des gewählten Kardinals gesucht. Wer kannte bis dahin den Namen von Jorge Mario Kardinal Bergoglio aus Buenos Aires? Vielleicht noch die Christen aus Argentinien oder Lateinamerika. Aber bei uns in Europa war es vielleicht nur ein Geheimtipp außerhalb der Konkurrenz. Dann erlebten wir seine erste Begegnung mit den Gläubigen von Rom, sein "Buona sera" und seine ersten Worte, die eine Einladung zum Gebet für Papst Benedikt und für ihn waren. Wir erlebten, dass er sich als Bischof von Rom sieht und nicht zuerst als Papst. Und viele andere Signale sagen uns - wie z.B. die Fußwaschung an Gefangenen und dabei auch an zwei Frauen -, dass er es zumindest jetzt ernst zu meinen scheint mit seinem Papstnamen "Franziskus". Wer hier nicht an die Kraft des Heiligen Geistes glaubt, der wird vom günstigen Zufall sprechen, vielleicht von eine Wahl aus Verlegenheit. Wer aber an die Kraft des Heiligen Geistes glauben kann, der hat "bessere Karten". Er kann sagen: Gottes Geist wirkt auch heute in den Herzen der Gläubigen - auch der Kardinäle. Wir glauben an diese Kraft, die letztendlich allein die Welt verändern kann und auch unser persönliches Leben zur Auferstehung führen wird, was für den Weltmenschen undenkbar ist, aber für Gott nicht unmöglich. Wer aufmerksam die Heilige Schrift liest, erkennt schon den besonderen Mainstream Gottes: vom Tod zum Leben, von der Sünde zur Vergebung, vom Recht zur Barmherzigkeit.


Veränderung durch die Salbung mit dem Heiligen Geist

Die Salbung mit dem Heiligen Geist wurde in der Lesung aus der Apostelgeschichte als ein Ereignis bei der Taufe Jesu durch Johannes im Jordan markiert. Gottes Geist sehen wir in der ganzen Heilsgeschichte des Alten Bundes wirken - angefangen bei der Erschaffung der Welt. Auch wenn die Wissenschaft nach den Auswirkungen des Urknalls forscht und die Messbarkeit der Energie versucht, die damals wirkte, so bleibe ich doch bei meinem Bekenntnis, das der Wissenschaft nicht entgegen steht -, dass der Geist Gottes wirkte, als die Welt entstand - unsere kleine Erde und der ganze Kosmos. Ich sehe den Geist Gottes am zielstrebigen Wirken, wenn ich den Stammbaum Jesu anschaue, wie ihn Matthäus zusammengestellt hat. Wenn vielleicht auch historisch gesehen nicht alles stimmt, so drückt sich doch in dieser Komposition der Glaube des Evangelisten aus: Alles hat einen Sinn und ein Ziel gehabt. Mit der Geburt Jesus Christi wird die sieben-mal-siebente Generation begonnen, d.h. eine neue Zeit beginnt, und es war eine neue Zeit der Vollendung nach der Verheißung.

Mit der Taufe Jesu im Jordan wird dieser Neubeginn sichtbar. In Jesus Christus wirkt der Geist Gottes: bei seinen Predigten, bei seinen Wundern und durch den Tod hindurch zur Auferstehung oder Auferweckung des toten Christus. Das Pfingstfest macht die Außenwirkung des Osterereignisses deutlich: Der Heilige Geist wird auf alle ausgegossen, die der Predigt des Petrus zuhören. Und bis heute wirkt dieses Pfingstereignis nach, wenn Menschen sich für den Geist Gottes öffnen und um die Taufe bitten, wie es auch in der vergangenen Nacht hier im Dom bei fünf Erwachsenen und zwei Kindern geschehen ist. Wir können und müssen über die zahlenmäßigen Veränderungen in unserer Kirche nachdenken, aber wir dürfen dabei nicht übersehen, dass wir vielleicht nur über die äußere Gestalt nachdenken können, aber kaum die Kraft liefern können, die eine innerliche Veränderung bewirkt, es sei denn, wir stellen uns selbst dieser Kraft und lassen sie durch uns wirken.


Herausforderungen des Glaubens an die Macht Gottes

Unser Glaube an die Kraft des Heiligen Geistes wird herausgefordert, wenn wir in der Familie den plötzlichen Tod eines Familienmitglieds erleben und erleiden. Wenn ein Jugendlicher bei einem Motorradunfall, den er selbst verschuldet hat, stirbt und dabei auch noch einen Freund mit in den Tod reißt, wenn in Syrien Christen nach dem Gottesdienst von religiösen Fanatikern erschossen werden, wenn Bilder von sterbenden Kindern gezeigt werden, die verhungert sind, dann fragen wir nach der Kraft Gottes, die doch so wirksam und heilsam sein soll. Dazu hat Tomás Halik in seinem Buch "Geduld mit Gott" die Tugenden des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung als Ausdruck unserer Geduld mit Gott bezeichnet. Der Unterschied zwischen dem Atheisten und dem Christen besteht nach seiner Meinung darin, dass der Atheist keine Geduld mit Gott hat und ihn zum Tun zwingen möchte, so wie er es selbst als sinnvoll ansieht. Der Christ vertraut auf die Kraft Gottes und übt sich in Geduld, was durchaus auch als Schwäche und Ausrede bezeichnet werden kann. Zu glauben, zu hoffen und zu lieben gilt in unserer Gesellschaft nicht als Zeichen von Kraft und Fortschritt. Wenn auch die sozialistischen Gedanken eigentlich keine Bedeutung haben, so wirken sie doch kräftig nach, d.h. das Denken, dass nur derjenige, der etwas macht und produziert, der auf dem Weltmarkt etwas bewegt, auch der richtige Mensch am richtigen Platz in dieser Welt ist und damit eine Bedeutung hat. Der glaubende, liebende und hoffende Christ wird zwar toleriert, aber nicht unbedingt als zeitgemäß eingeordnet. So sind auch wir selbst oft verunsichert, ob der Glaube noch zeitgemäß ist, wenn doch alle Welt auf den Dax schaut und vom Sein oder Nichtsein eines wirtschaftlich angeschlagenen Landes wie Zypern nachdenkt.


Dennoch erbitten wir den Segen

Wenn der neue Papst heute den Segen "Urbi et orbi" spendet, dann bittet er um die Kraft des dreifaltigen Gottes für die Stadt Rom und die ganze Welt. Er bittet damit um das, was wir nicht sehen und messen können, aber seine Wirkung zeigt - oftmals anders, als wir sie gedacht und geplant hatten - was wir ja besonders an der Wahl des neuen Papstes sehen können. Der Papst vertraut darauf wie jeder Christ, dass der Segen bis hin zum Segen in den Familien durch Vater und Mutter eine Wirkung hat. Er sagt uns damit: Vertraut auf diese Kraft Gottes, wenn ihr über eure nächsten Schritte im Leben nachdenkt, über die Entscheidung für einen Partner, über die Entscheidung für ungeborenes Leben, über die Entscheidung für die Pflege der Kranken bis zum Todeszeitpunkt, den Gott festlegt, und nicht der Menschenwille. Vertraut auf die Kraft Gottes, wenn es Strukturveränderungen in einem Bistum gibt und wenn der Ruf zum kirchlichen Beruf und zölibatärem Leben euch erreicht. Vertraut auf das Menschenunmögliche, da für Gott nichts unmöglich ist.

Was können wir uns zu Ostern Besseres zurufen als: Habt Vertrauen und laßt euch durch nichts einschüchtern! Amen.