Die Herausforderung der Humanbiotechnologie durch Ethik und Theologie

Beobachtungen von Bischof Dr. Joachim Wanke aus der Perspektive katholischer Theologie

Vortrag bei der Tagung "Humanbiotechnologie als gesellschaftliche Herausforderung", gehalten in Eisenach am 7. Mai 2004 (s. auch die Pressemitteilung).


Die gegenwärtige gesellschaftliche Diskussion um die Chancen und Grenzen moderner biotechnologischer Wissenschaften erscheint wie zweigeteilt: Auf der einen Seite werben Wissenschaftler mit den enormen Chancen dieses Zweigs moderner Kultur, auf der anderen Seite stehen die Kirchen mit ihren ethischen Bedenken angesichts der Eingriffe vor allem in frühe Stadien des ungeborenen menschlichen Lebens. Eine solche Situation ist letztlich unbefriedigend, nicht weil es um Einfluss und Macht geht, sondern weil die sachlichen wissenschaftlichen und moralischen Fragen innerhalb der Demokratie nur gemeinsam gelöst werden können. Das Ziel ist dabei eine humane Kultur, die den medizinischen Fortschritt den Menschen zur Verfügung stellt (und hoffentlich nicht nur denen, die es bezahlen können), die aber auch den Menschen schützt vor Instrumentalisierung und falscher technischer Manipulation.

Ich lege meine Gedanken zum Thema dieses Kongresses in vier Schritten vor.



1. Es gibt in der Humanbiotechnologie einen steigenden Bedarf an rechtlicher und moralischer normativer Regelung


Der Zugriff auf das menschliche Leben in frühen Stadien ist Ergebnis und Teil der modernen biomedizinischen Technologien. Das neue Wissen im Bereich der Biowissenschaften und die sich daraus ergebenden neuen technischen Möglichkeiten schaffen aufgrund ihrer Eingriffstiefe in menschliches Leben einen steigenden Bedarf an ethischer und rechtlicher Begleitung. Der Zugriff auf das menschliche Leben nimmt den Menschen aus dem Schutz der Natur heraus. Dabei ist mir bewusst, dass Natur nicht nur Schutz, sondern auch Gefährdung beinhaltet. Für diesen fehlenden Schutz bedarf es kultureller, das heißt rechtlicher und ethischer Ersatzleistung. Denn je mehr Möglichkeiten der Beeinflussung menschlichen Lebens in seinen frühen Entwicklungsphasen durch naturwissenschaftliches Wissen und sich daraus ergebende technische Interventionen erschlossen werden, um so mehr muss durch die Prozesse der ethischen Diskussion und rechtlichen Gestaltung geklärt werden, welche Formen menschlichen Handelns hilfreich und welche zu riskant sind. Riskant können die modernen Eingriffe sein, insofern sie möglicherweise Menschen gesundheitlich belasten, aber auch insofern sie moralische und rechtliche Standards des Lebensschutzes zerstören, die für eine sichere und friedliche Gestaltung freiheitlicher Kultur unverzichtbar sind.


Bisher hat die rechtliche Sicherung des frühen menschlichen Lebens sich darum bemüht, den Umgang mit dem Embryo an den Dienst der Weitergabe menschlichen Lebens zu binden (vgl. Embryonenschutzgesetz von 1990/1991). Das entsprechende Stichwort ist: Invitrofertilisation. Dabei weise ich ausdrücklich auf die Bedenken der katholischen Kirche gegenüber der IVF hin, die z. B. auch mit den Problemen der überzähligen Embryonen zusammenhängen. Heute zeigt sich gegenüber den damals formulierten Behandlungszielen offensichtlich ein veränderter Bedarf, der auch im Umgang, besser im Zugriff auf den Embryo deutlich wird. Embryonenspende, Gewinnung von Stammzellenlinien und therapeutisches Klonen sind Techniken, die den Horizont der Sterilitätstherapie weit hinter sich gelassen haben. Sollte es möglich sein, Menschen in schweren, bisher nicht zu beherrschenden Krankheiten durch die Nutzung frühester Lebensstadien als Ressource für Medikationen zu helfen - und manches spricht für solche Möglichkeiten -, könnte es tatsächlich sein, dass die demokratische Kultur in den gegenwärtigen Konflikten um die Chancen moderner Medizin an eine Grenze ihres ausgleichenden Grundwertesystems geraten ist. Sollte sich zeigen, dass Heilungschancen von gewaltigen Ausmaßen nicht ohne Verletzung des menschlichen Lebensschutzes in frühesten Stadien realisiert werden können, handelt es sich tatsächlich um ein ethisches und rechtlich-normatives Dilemma.


Es wäre vielleicht zu einfach, diese Herausforderung mit dem Hinweis auf den grundsätzlichen Vorrang des Lebensschutzes vor dem Hilfsgebot abzutun, auch wenn diese Unterscheidung ihren bleibenden Wert hat. Das eigentliche Problem aus der Sicht katholischer Theologie und Kirche ist aber die durch diese Entwicklung angestoßene Veränderung des auf der Achtung der Menschenwürde aufbauenden Rechtsgefüges. Allein die Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies, die die Anlage zu Freiheit, Vernunft und Autonomie in sich trägt, ist nach dem auf der Aufklärung aufbauenden modernen Menschenrecht und nach dem Verständnis des modernen Rechtsstaates die Basis eines auf alle Menschen bezogenen "Gleichstellungsgesetzes", das die mittelalterliche Welt mit ihren Zu- und Unterordnungen von Grund auf überwunden hat.


Moderne Humanbiotechnologie scheint hinter diese Einsicht wieder zurückzufallen. Es sind zwar keine sozialen Unterschiede mehr, keine Privilegien von Geld und Macht, die die Unterschiede begründen sollen, sondern es sind biologische Merkmale. Epigenetische Differenzierungsgrade werden benannt, um den Gleichheitsgrundsatz zu relativieren. Der graduelle Lebensschutz beginnt, den Lebensschutz an bestehende Differenzierungsphasen des menschlichen Lebens zu binden. Dadurch werde - so meint man - der instrumentalisierende Zugriff auf menschliches Leben gerechtfertigt.



2. Die Gründe für die Skepsis der Theologie angesichts dieser biotechnischen Entwicklungen


Theologische Skepsis gegenüber solchen Vorstellungen beruht weniger auf einer metaphysischen Einsicht in die Prozesse des menschlichen Lebensbeginns, die den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen überlegen wären. Nach theologischem Verständnis liegt das Problem sehr viel tiefer. Natürlich ist der theologische Ausdruck "Mensch von Anfang an" - wenn man so will - eine Metapher. Natürlich partizipiert der Embryo am personalen Leben in einer anderen Weise als der geborene Mensch. Aber der Begriff "Person" muss schon immer auf verschiedene Formen menschlichen Lebens in unterschiedlicher Weise angewendet werden. Wir tun dies schon in Bezug auf die Lebensphasen des geborenen Menschen. Das Kind ist in einer anderen Weise Person als der erwachsene, mündige Mensch. Der alte Mensch verliert viel von seinen körperlichen und psychischen Kompetenzen, aber er bleibt dennoch bis zum Ende seines Lebens Person.


Das Problem ist, dass eine an Differenzierungsgrade gebundene rechtliche und moralische Bewertung des Status des Embryos logisch und psychologisch dazu führt, Lebensphasen des Menschen prinzipiell schutzlos zu machen. Werden biologische Merkmale zur Basis moralischer und rechtlicher Normen, so müssen andere Stadien schließlich in einer ähnlichen Weise beurteilt werden. Dazu kommt, dass die verbrauchende Nutzung von frühen Embryonen letztlich offen lässt, warum gerade diese Differenzierungsstufe menschlichen Lebens herangezogen und verwendet werden darf und welche Nutzung eine solche Verzweckung legitimiert. Offene Rechtsbegriffe, die hier "aus hohen wissenschaftlichen Zielen heraus" bisherige Standards des Embryonenschutzes verändern möchten, sind bewusst unpräzise und allgemein. Ich frage die Humanwissenschaftler: Was berechtigt - ethisch, rechtlich -, dass hier der fundamentale Grundsatz der Nichtinstrumentalisierung menschlichen Daseins durchbrochen wird? Liegt es daran, dass hier alles noch so klein ist? Oder sind es andere Merkmale? Noch nicht vorhandene oder schon zerfallende Funktionsfähigkeiten kennt das menschliche Leben überall. Und man kann sicher sein, dass genau im Sinne der Gleichheit gefordert werden wird, man müsse auch andere menschliche Lebensformen in diesem Sinne gleich behandeln, die z. B. die Fähigkeit zur freien vernunftgeleiteten Selbstbestimmung - aus welchen Gründen auch immer - nicht oder nur teilweise nicht realisieren können. Ein menschliches Antlitz ist auch in anderen Situationen von Krankheit und Zerfall kaum mehr zu erkennen. Und die Fähigkeiten und rationalen Eigenschaften der Menschen sind immer bedroht.

Darum formuliere ich in meinem dritten Gedankengang mein zentrales Anliegen:



3. Es gilt, das Dasein des Menschen um seiner selbst willen zu respektieren


Die Gleichheit, die aus der großen Entdeckung der Menschenwürde in der christlichen Tradition und in der Aufklärung folgt, ist tiefer verankert und von einer anderen moralischen Qualität als eine bloße biologische Qualifizierung menschlichen Lebens erbringen kann. Um die Würde menschlichen Lebens als absoluten Wert zu verstehen, wie es etwa Immanuel Kant tut, darf man diese Würde nicht zugleich einigen "Wesen" mehr und anderen weniger zuerkennen. Aus der Schwierigkeit, die Garantien der Menschenwürde gegenwärtig in der positiv-rechtlichen Abwägung der konfliktreich miteinander verbundenen Grundrechte zu verankern und in den positiv-rechtlichen Fragen etwa der medizinischen Entwicklung zur Geltung zu bringen, darf nicht gefolgert werden, die Menschenwürdegarantie sei eine völlig inhaltsleere Norm, die erst in der konkreten Abwägung der Grundrechte ein fassbares Profil erhielte. Als konkreter Gehalt ihrer normativen Aussage wird im Kontext des deutschen Verfassungsrechts der Wille festgehalten, durch eine letzte Richtschnur der Verfassung jeden Menschen als "Dasein um seiner selbst willen" (1) zu verstehen. "Darin sind die Stellung und Anerkennung als eigenes Subjekt, die Freiheit zur eigenen Entfaltung, der Ausschluss von Instrumentalisierung nach Art einer Sache, über die einfach verfügt werden kann, ... eingeschlossen." (2)


Die Theologie drängt deshalb darauf, angesichts der Entwicklungen moderner Humanbiotechnologie und Medizin das Gefüge des auf der Menschenwürde basierten Rechts nicht zu voreilig zu flexibilisieren. Sie will gegenwärtige Forschung dazu bewegen, mit Rücksicht auf die normativen Dimensionen moderner Kultur Techniken zu entwickeln, die in ihrer Eingriffstiefe die Lebensphasen des Menschen in seiner frühen Entwicklung weniger belasten. Denkbar wären hier - das muss die Zukunft der Forschung selbst erst zeigen - die Gewinnung adulter Stammzellen oder embryonale Stammzellenspenden, die den Embryo nicht vernichten. Sollte eine solche schonende Entwicklung nicht möglich und vor allem gewollt sein, wird menschenrechtliche Kultur schwer belastet. Deswegen müssen die Risiken einer solchen Praxis und ihre Unfertigkeit, die nicht nur auf eine naturwissenschaftlich-technische, sondern auch moralisch bessere Lösung hin überwunden werden muss, bewusst gehalten werden.



4. Abschließende Bemerkungen zu einigen weltanschaulichen Implikationen der neueren Humanbiotechnologie


Bei der gesellschaftlichen Diskussion des neuen humanbiotechnischen Könnens geht es nicht um Konflikte in Bezug auf Faktenkenntnisse. Anders als zu der Zeit, in der wissenschaftliche Erkenntnisse und Glaubensinterpretation in Weltbildfragen miteinander kollidierten - Stichwort Galilei -, handelt es sich heute um ethische Deutungsfragen. Diese können nur aus Sinneinsichten heraus menschlich gelöst werden.


Technisches Verfügungswissen bleibt hinter der Komplexität menschlichen Lebens immer zurück. Dominiert es das gesellschaftliche Handeln, kann es menschliches Leben belasten. Ein Beispiel für die einseitige Ü;berformung menschlichen Handelns durch die humane Biotechnik ist in den Augen der katholischen Kirche die gegenwärtige Praxis der pränatalen Diagnostik im Zusammenhang mit humangenetischen Erkenntnissen, was auch im Erleben vieler Eltern als Ü;berforderung erfahren wird. Auch wenn die Schere zwischen diagnostischen Möglichkeiten und therapeutischem Können vielleicht in Zukunft nicht mehr so stark auseinandergehen wird (was wir alle hoffen), benutzt unsere gegenwärtige Gesellschaft ihr bisheriges Können dazu, menschliches Leben zu töten statt zu heilen. So kann moderne Forschung in ihrem Nebeneffekt Menschen ausgrenzen.


Auch angesichts möglicher Eingriffe in das menschliche Genom, die in Zukunft vielleicht praktikabel werden, gilt: Was an den frühesten Stadien menschlichen Lebens manipulativ verändert wird, das betrifft den Menschen insgesamt. Auch deswegen lassen sich pränatale Stadien (auch in früher Form) nicht einfach vom personalen Leben abspalten. Der Vorwurf einer naturalistischen Betrachtungsweise, die den prozesshaften Charakter der Embryonalentwicklung nicht beachtet, trifft nicht das Anliegen der Kirchen. Auch diejenigen, die andere qualitative Zwischenschritte postulieren, müssen dem Prozesscharakter menschlichen Lebens Rechnung tragen. Mir scheint daher, dass das Festhalten an der Verschmelzung von Ei und Samenzelle als dem Beginn menschlichen Lebens dem Gedanken der Potenzialität und der Kontinuität trotz offener Fragen besser und sicherer gerecht wird. Und deswegen ist die Bezeichnung früher menschlicher Lebensstadien als bloßer Zellhaufen zwar zellbiologisch korrekt, aber sowohl von der genetischen Information her unzureichend als auch in der Bedeutung für die epigenetische Entwicklung nicht angemessen. Die Zielvorstellungen der Stammzellenforschung dürfen den menschlichen Embryo auch in seinen frühen Stadien in seiner Schutzwürdigkeit nicht herabzusetzen. Es darf uns nicht das Gespür für die Zugehörigkeit der embryonalen Phase des Menschen zum Leben des Menschen insgesamt, zur Unantastbarkeit seiner Würde verloren gehen.


Theologisches Denken wehrt sich gegen eine Sicht des Menschen, die ihn in bestimmten Phasen seiner Entwicklung zum bloßen Material herabstuft. Die Achtung vor dem Wunder des Lebens, das moderne Wissenschaft nie ganz erfassen und durchschauen kann, bleibt ein notwendiger kultureller, die Gesellschaft prägender Wert. Wissenschaftliches Denken und Intervenieren darf diese Perspektive nicht völlig vergessen. Sie überfordert sich sonst selbst und lässt am Ende nur Enttäuschung zurück. Vielleicht ist es manchmal gut, unsere Vorstellung vom "Fortschritt" zu relativieren. Von Johann Nestroy stammt der Satz: "Ü;berhaupt hat es der Fortschritt an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist."


Die Wahrung und friedensstiftende Qualität der moralischen Grenze, dass kein menschliches Individuum für Interessen eines anderen geopfert werden darf, muss bis in die frühesten Stadien des Menschenlebens hinein als ein symbolisch-normativer Kern verstanden werden. Die Anerkennung einer solchen Grenze ermöglicht die humane Gestaltung einer weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft und ihres demokratischen Konsenses. Dieses Anliegen betrifft deshalb auch nicht nur den Lebensschutz am Anfang des Lebens, sondern in gleicher Weise an seinem Ende. Rein technische Antworten auf die Unsicherheiten in Bezug auf eine menschenwürdige Gestaltung des Sterbens im Kontext moderner Medizin verfehlen die Herausforderung einer wirklich humanen Begleitung Sterbender. Konzepte aktiver Euthanasie scheinen zwar dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung in unserer Gesellschaft entgegenzukommen. De facto ersetzen sie aber das umfassende psychosoziale Engagement für den Menschen in seiner letzten Lebensphase durch die Technik der schmerzfreien Tötung. Humanes Sterben verlangt demgegenüber aber nach einer ganzheitlichen Sorge und Solidarität und nicht nach einer Entsolidarisierung, die dem leidenden Menschen auch noch die Last der Entscheidung zur eigenen Tötung auflädt.


Glaubende Weltdeutung hat ein Gespür für die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens. Diese letzte Geheimnishaftigkeit menschlichen Lebens ins Bewusstsein zu rufen und im Bewusstsein zu halten ist keine irrationale Forderung, sondern entspricht der Realität unseres menschlichen Seins. Der christliche Glaube hält diese Sicht menschlichen Lebens einem unrealistischen Totalanspruch der Beherrschung des Lebens durch Technik und Naturwissenschaft bleibend entgegen. Die Notwendigkeit, Leid zu akzeptieren, mit Leid leben zu lernen und es mit Sinn zu erfüllen, ist neben den Strategien der technischen und wissenschaftlichen Ü;berwindung der Defizite des Lebens eine bleibend wichtige Dimension unserer menschlichen Kultur. Wer hier in falscher Weise polarisiert oder einseitig nur einen Aspekt in den Vordergrund rückt, belastet die Menschen schwer. Teile der Naturwissenschaft sind gegenwärtig in der Gefahr, in einseitiger Weise Heilung zu versprechen, wo sie eigentlich vom Bemühen sprechen müssten, erst einmal Wege dazu zu finden. Die Herausforderung der humanen Biotechnologie durch Ethik und Theologie besteht in dieser Mahnung zu Realismus, Ehrlichkeit und Bescheidenheit.



Anmerkungen


(1) BverfG 88,203 (252).

(2) E.-W.Böckenförde, Menschenwürde als normatives Prinzip. Die Grundrechte in der bioethischen Debatte, in: Juristische Zeitung 58 (2003) 809-815, hier 811f.



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