Die Bibel und die gemeinsame Werteorientierung in Europa

Vortrag von Bischof Joachim Wanke bei der Vollversammlung der Deutschen Bibelgesellschaft in Goslar

Das aktuelle Ringen um Annahme oder Ablehnung der Europäischen Verfassung führt uns mitten hinein in die Thematik dieses Vortrags. Welches Europa soll eigentlich erstehen? Europa ist ja mehr als ein geographischer Raum. Es ist ein vorwiegend kultureller, von einer spezifischen Geschichte geprägter Raum, nicht zuletzt ist Europa ein - neben seinen antiken Wurzeln - vor allem durch sein jüdisch-christliches Erbe bestimmtes Gebilde. Es ist zutiefst bedauerlich, dass der vorliegende EU-Verfassungsentwurf sich scheute, das Christentum bzw. die jüdisch-christlichen Wurzeln Europas in der Präambel ausdrücklich zu benennen.


Für das Werden Europas spielte ohne Zweifel die Bibel als das herausragende Dokument des christlichen Glaubens eine besondere Rolle. Statt vieler Belege mag dafür ein historisches Streiflicht stehen: Als Bonifatius zu seinen Missionsreisen aufbrach, nahm er neben seinen geliebten Kirchenvätern vor allem Bibelhandschriften bzw. Abschriften biblischer Bücher mit. In einem seiner Briefe in die alte Heimat bittet er darum, man möge ihm besonders kostbare Handschriften "mit goldenen Lettern überlassen, "damit dem fleischlichen Sinn der Heiden Verehrung für die hl. Schrift eingeprägt werde" (1)


Wir sind heute weit von solcher Art von Bibelarbeit entfernt (wobei die Bibelgesellschaften wohl auch auf das ansprechende Äußere ihrer Ausgaben achten!). Aber Bonifatius hat sicher nicht nur die Bibeltexte vorgezeigt. Die Heilige Schrift war für ihn die Grundlage seines Wirkens als Missionar und Bischof. Die Aufgabe einer Werteorientierung anhand der biblischen Texte bleibt auch für das Europa von heute. Die Bibel ist jeder Generation neu zu vermitteln, auch wenn heute ganz andere Fragen anstehen als zu Zeiten des hl. Bonifatius.


Doch gilt auch für die Bibel: Sie ist mehr als ein Buch. Sie ist ein Quellort (neben anderen) für das, was wir europäische Identität nennen, wobei freilich zu konstatieren ist, dass wir im Augenblick einer hoffnungsvollen politischen und wirtschaftlichen Einigung Europas diese vom christlichen Glauben her gespeiste Identität Europas offensichtlich mehr und mehr vergessen.


Ich möchte meinen Vortrag in zwei Teile gliedern. Zunächst möchte ich von der Bibel als Ursprung europäischer Werteorientierungen sprechen. Dabei möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einen katholischen Text lenken, der auch protestantische Aufmerksamkeit verdient: auf das Schreiben des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. vom 28. Juni 2003 mit dem Titel: ECCLESIA IN EUROPA. (2) Es ist ein Text, der Ergebnisse der 2. Sondersynode Europäischer Bischöfe im Oktober 1999 in Rom zusammenfasst. Er gehört m. E. zu den Texten innerhalb des geistlichen Vermächtnisses dieses Papstes, die - trotz katholischer Grundprägung - auch über Konfessionsgrenzen hinaus Impulse zu geben vermögen.


In einem zweiten längeren Abschnitt möchte ich dann Ihren Blick auf einen Lukas-Text richten, an dem ich exemplarisch herausarbeiten will, was die Bibel für die gemeinsame Werteorientierung in Europa erbracht hat, hier näher hin für sein Menschenbild.



1. Die Bibel als Quelle europäischer Identität


Es wohl müßig, vor diesem Gremium die kulturgeschichtliche Bedeutung der Bibel für die gewachsene europäische Kultur auszubreiten. Bis in den Wortschatz und die Bildwelt unserer europäischen Sprachen hinein sind wir von der Bibel bestimmt. Es gehört zu den schrecklichen Bildungsdefiziten einer in der vormaligen DDR aufgewachsenen Jugend, dass sie ohne Kenntnis des biblischen Erbes auch von der Kulturgeschichte des Abendlandes abgeschnitten aufwachsen musste. Unsere Gemäldesammlungen, die Portale alter Kathedralen, die Literatur bis in die Moderne hinein - das alles ist ohne die Bibel nicht zu verstehen. Das letzte gemeinsam getragene "Jahr der Bibel" 2003 hat uns und der Gesellschaft manches wieder von dieser kulturellen Bedeutung der Bibel ins Gedächtnis zurückgerufen.


Der christliche Glaube und die Bildwelt der Bibel haben die Kultur dieses Kontinents in immer neuen Anläufen tief greifend geprägt. Dabei spielten immer auch das antike Erbe und vor allem - nicht zuletzt gegen Marcion und seine Nachfolger bis in die Moderne hinein festgehalten - die jüdischen Wurzeln der Christusoffenbarung eine gewichtige Rolle.


Das eingangs erwähnte Apostolische Schreiben sagt: "Aus der biblischen Auffassung vom Menschen hat Europa das Beste seiner humanistischen Kultur entnommen, Inspirationen für seine geistigen und künstlerischen Schöpfungen gewonnen, Rechtsnormen erarbeitet und nicht zuletzt die Würde der Person als Quelle unveräußerlicher Rechte gefördert" (Nr. 25). So hat in der Tat die Bibel zur Verbreitung und Konsolidierung jener Werte beigetragen, die die europäische Kultur zu einer Weltkultur gemacht hat.


Und an anderer Stelle lesen wir: "Selbst die europäische Moderne, die der Welt das demokratische Ideal und die Menschenrechte gegeben hat, schöpft die eigenen Werte aus seinem christlichen Erbe" (Nr. 108). Erinnert sei beispielsweise nur an die veränderte Einstellung, die das Christentum gegenüber körperlicher Arbeit in Europa eingebracht hat. Die in 2 Thess 3,10 überlieferte Regel: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen" geht über die Benediktregel "Ora et labora" und die mönchische Wertschätzung von Arbeit bis hin zu dem - freilich differenziert zu betrachtenden - protestantischen Arbeitsethos, aus dem Max Weber bekanntlich den Geist des modernen Kapitalismus abzuleiten suchte. Freilich: Ob der Geist rationaler Weltbeherrschung, der sicherlich von Europa aus universal bedeutsam wurde, auch universal gelten sollte, muss kritisch rückgefragt werden, was übrigens auch Max Weber getan hat. (3)


Auch darf in diesem Zusammenhang zur weiteren Geschichte der Neuprägung des Begriffs Arbeit an den sympathischen Bischof Franz von Sales erinnert werden. Er wirkte in Savoyen Anfang des 17. Jahrhunderts. Er war übrigens wegen seines irenischen Geistes selbst bei den schärfsten antikatholisch eingestellten Reformierten sehr geschätzt. In seiner 1609 erschienenen "Anleitung zum frommen Leben" schreibt er: "Unter den Tugenden wird man jene vorziehen, die den Pflichten unseres Berufes entsprechen.... Die großen Gelegenheiten, Gott zu dienen, sind selten; kleine gibt es immer. Wer aber im Kleinen treu ist, sagt der Heiland, den wird man über Großes setzen. Verrichte also alles im Namen Gottes und es wird gut getan sein: Ob du isst oder trinkst, dich erholst oder am Herd stehst: Wenn du deine Arbeit gut verrichtest, wirst du großen Nutzen vor Gott haben, wenn du alles tust, weil Gott es von dir verlangt". (4)


Solche Umprägungen von Wertvorstellungen lassen sich leicht auch für andere Bereiche nachweisen, etwa im Blick auf das Menschenbild mit einer neuen Einschätzung des Kindes, der Bewertung der Geschlechter, der betonten Zuwendung zu den Kranken und Schwachen, oder auch hinsichtlich eines neuen Zeitverständnisses mit einem auf das Eschaton gerichteten Zeitpfeil und der Abkehr vom zyklischen Denken der Antike, oder die Betrachtung der Natur als Schöpfung, die es treuhänderisch zu gestalten gilt, oder die Auffassung vom Staat als einer vorletzten und nicht mehr letzten Instanz, die Menschen eben gerade nicht total beanspruchen kann. Auch wäre vor allem auf den Bereich der Bildung und der Künste zu verweisen und manches andere mehr. (5)


Man kann mit Johannes Paul II. sagen: "Um der eigenen Geschichte neuen Schwung zu verleihen, muss es (sc. Europa) mit schöpferischer Treue jene grundlegenden Werte anerkennen und zurückgewinnen, zu deren Aneignung das Christentum einen entscheidenden Beitrag geleistet hat und die sich in der Bejahung der transzendenten Würde der menschlichen Person, des Wertes der Vernunft, der Freiheit, der Demokratie, des Rechtstaates und der Unterscheidung zwischen Politik und Religion zusammenfassen lassen" (Nr. 109). Es gehört ja mit zur Tragik der Moderne, dass die großen Werte, die die europäische Kultur inspiriert haben, - wenn auch nicht ohne Mitschuld der Christenheit, erinnert sei nur an die europäischen Konfessionskriege - sich vom Evangelium abgelöst und so ihre Wurzeln verloren haben.


Kurz hinweisen möchte ich noch auf weitere Wertebereiche, die - aus dem biblischen Denken kommend - heute zu kulturellen Selbstverständlichkeiten geworden sind, etwa der Wert der Innerlichkeit, einer Innerlichkeit freilich, die unlösbar mit dem Kriterium einer überzeugenden Praxis verbunden ist. Dafür steht etwa die Lk-Perikope über die beiden Schwestern Martha und Maria (Lk 10, 38- 42), in deren Auslegungstradition stets die kontemplative Maria den Vorrang hatte, anders bekanntlich Meister Eckhart in einer berühmten Auslegung, der der tätigen Martha den Vorzug gab. Die Kontemplation bleibt jedoch im Christentum - anders als in asiatischen Hochreligionen - mit der Hochschätzung des gewöhnlichen Lebens und seiner Ansprüche verbunden. Innerlichkeit und Tätigsein - wenn man so will: Maria und Martha - müssen spannungsvoll verbunden bleiben, wenn man dem Anspruch des Evangeliums gerecht werden will, so der Tenor der Auslegung in der Frömmigkeitsgeschichte.


Auch der umstrittene Begriff der "Selbstverwirklichung", der mit der aus der Aufklärung stammenden Idee der "Selbstgesetzgebung" zusammen gesehen werden muss, meinte ja ursprünglich nicht einen Freibrief zu Willkür und schrankenlosem Egoismus. Im Ansatz ist der wohl von Hegel erstmals gebrauchte Begriff "Selbstverwirklichung" nicht antireligös gemeint, wie überhaupt der Geist der Aufklärung, wie man an vielen Gestalten dieser Epoche zeigen kann, sich nicht primär gegen die Religion richtete. Reinhardt Koselleck (6) hat gezeigt, wie der Grundimpetus der Aufklärung, sich selbst zum inneren Gesetz zu werden, aus einer neuen Wertschätzung der Einmaligkeit des Menschen und der Hochschätzung des historischen Augenblicks erwächst, also aus einer Dynamisierung des Verständnisses von Zeit und Geschichte. Und das hängt mittelbar mit dem Grunddogma des Christentums von der Inkarnation zusammen, also dem Bekenntnis, dass in dem konkreten Menschen Jesus von Nazareth Gottes Wort letztgültig und unwiederholbar in Zeit und Geschichte eingetreten und darin zur Maßgestalt des Menschen und seiner letzten Bestimmung geworden ist. Man könnte an das Pauluswort denken: "Jetzt gibt es keine Verurteilung mehr für die, welche in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes" (Röm 8,1f). Sich vom Geist bestimmen lassen, nicht von einem Sklavengeist, sondern vom Geist der Sohnschaft, in dem wir rufen: Abba Vater (vgl. Röm 8,8,15) - ohne diese Verkündigung ist europäische Freiheitsgeschichte nicht zu verstehen. Und deshalb gab es wohl diese Art von Aufklärung, die in ihren - zugegeben - ambivalenten Wirkungen noch unsere Gegenwart bestimmt, eben bezeichnenderweise nur in Europa.


Denn wir müssen gleich hinzufügen: Auch die dunkle Seite der modernen Geschichte Europas, die Finsternis totalitärer Gewaltsysteme, hat etwas mit einem - freilich radikal säkularisierten und in sein Gegenteil verkehrten - Christentum, näher hin seinem Erlösungsdenken zu tun. Und das führt uns zu dem zweiten Teil meines Referates, in dem ich anhand einer bekannten Perikope aus Lk 15, der Parabel vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn, auf den Beitrag der Bibel zum christlichen Menschenbild zu sprechen komme.


Ich greife dabei - in Anknüpfung an das soeben Bedachte - die berühmten Fragen Immanuel Kants auf: Wer bin ich? Woher komme ich? Was darf ich hoffen? Und nicht zuletzt: Was soll ich tun? Das sind Urfragen des Menschen. Sie können vielleicht eine Zeit lang von anderen Dingen übertönt werden, aber immer wieder steigen sie im Innern des Menschen auf - solange der Mensch Mensch bleibt.


Fragen der Lebensdeutung und des Menschenbildes sind also wahrhaftig keine bloßen akademischen Fragen. Sie haben eine überaus praktische Bedeutung, nicht nur für die Lebensführung des einzelnen Menschen, sondern für den Aufbau und Zusammenhalt unserer Gesellschaft insgesamt, eben für gemeinsame Werteüberzeugungen, die gleichsam den geistigen "Kitt" einer Gesellschaft darstellen.


Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass der Sozialismus, wie er im Osten Deutschlands praktiziert wurde, an seinem falschen bzw. seinem utopischen Menschenbild gescheitert ist. Unmittelbar mag man sicher noch andere Faktoren für dieses Scheitern verantwortlich machen: wirtschaftliche Ineffizienz des Systems, Unfähigkeit zu politischen und kulturellen Innovationen, Abgleiten in eine ökologische, mehr aber noch in eine geistige Verwüstung, die uns derzeit so schwer zu schaffen macht. Doch hinter all dem stand und steht, so meine These, ein verkehrtes Menschenbild. Grundlegende Dimensionen unseres Menschseins blieben in diesem System und der dahinterstehenden Weltanschauung ausgeblendet bzw. kamen nicht zur Geltung: die Sehnsucht nach Freiheit, das Gespür für Wahrhaftigkeit, das Verlangen der Menschen sich schöpferisch entfalten zu können, vor allem auch die religiöse Dimension der menschlichen Existenz, das Bewusstsein, sich "verdankt" zu wissen und danken zu können und manches andere mehr. Das eigentliche Wunder der sogenannten "Wende" in unserem Land ist meines Erachtens nach die Tatsache, dass sich hier ein Menschenbild, so wie es uns im Ansatz die Bibel vermittelt, gegen das ideologische System durchgesetzt hat. Der konkrete Mensch in seinen Sehnsüchten und Hoffnungen war stärker als ein ausgeklügelter Macht- und Sicherheitsapparat.


Eine der wichtigsten Aufgaben der vor uns liegenden Zeit wäre es, die Konsequenzen aus dem Scheitern der marxistischen Gesellschaftsutopie für den Ausbau und Weiterbau einer freiheitlichen, demokratisch verfassten Gesellschaft zu ziehen. Eine gute Politik muss wissen, mit welchem Menschen sie es zu tun hat. Nicht zuletzt Parteien, die von einer christlichen Grundorientierung ausgehen wollen, sollten sich mit Fragen des Menschenbildes, der Menschenwürde, der Zielbestimmtheit menschlichen Lebens und Arbeitens auseinandersetzen. Ich sehe übrigens das Interesse an solchen Fragen durchaus wachsen, etwa unter der Fragestellung: Wohin treibt unsere Gesellschaft? Was hält sie eigentlich zusammen? Vorrangig vor allen wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Fragen ist unsere Gesamtorientierung angefragt: Wer sind wir? Was wollen wir? Welche Zukunft soll uns bestimmen?



2. Die Geschichte vom verlorenen Sohn -

eine Kurzfassung der christlichen Sicht des Menschen


Ich gehe bei meinen Ü;berlegungen zu diesen Fragen von der Heiligen Schrift aus. Mein Einstieg in das Thema ist aus dem Lukas-Evangeliums gewählt. Das liegt zum einen daran, dass ich Lukas als Erzähler sehr schätze. Er ist ein genialer Schriftsteller und Theologe, der zum ersten Mal so etwas wie eine Geschichte Jesu erzählt, und uns im Erzählen der Jesus-Geschichte (im Evangelium) und der Anfänge der Jüngergemeinde (in der Apostelgeschichte) klarmacht, was Nachfolge Christi, was Christ-Sein eigentlich bedeutet.


Zum anderen aber spricht mich die genannte Perikope im Lukas-Evangelium besonders an, die man schon "Evangelium im Evangelium" genannt hat: die Beispielerzählung vom gütigen Vater oder - unter dieser Ü;berschrift mehr bekannt - vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32). Diese Erzählung ist bekanntlich kein Gleichnis. Gleichnisse hat man nach bestimmten Regeln auszulegen. Ihre Bildseite will auf einen springenden Punkt, auf eine "Sache" hin ausgelegt werden und verträgt deshalb nicht, als Ausrufezeichen für beispielhaftes Handeln verstanden zu werden. Genau das aber ist das Anliegen dieser Geschichte von dem Vater, dem der Sohn weggelaufen ist und wieder heimgefunden hat. Es ist eine Beispielerzählung, die vom Ende her gelesen werden will: Ihr sollt euch ebenso freuen wie dieser Vater, dass da ein Mensch, der Gott verloren hatte, ihn wiedergefunden hat. Der andere, der daheimgebliebene Sohn, soll es verstehen und in ihm wir alle, die wir diese Geschichte Jesu hören: "Jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden" (Lk 15,32).


Um Gottesoffenbarung und Gottesnachahmung geht es hier - und der Erzähler, Jesus, beansprucht, in seinem Verhalten - illustriert an dieser Geschichte - die göttlichen Verhaltensweisen im Umgang mit dem verlorenen Menschen zur Geltung zu bringen: Nicht ein Verhalten, ausgerichtet an einer kalten, tötenden Gesetzlichkeit, sondern ein Verhalten, das seinen tiefsten Antrieb hat in einer sich erbarmenden, aber darin um so anspruchsvolleren Liebe. Ohne Zweifel verteidigt sich Jesus mit dieser Geschichte gegen Vorwürfe seiner Gegner, die ihm angesichts seines Umgangs mit Zöllnern und Sündern Gesetzesverletzung und Frömmigkeitsverstöße vorhielten.


Ü;brigens sind dieser Erzählung bei Lukas noch zwei stilechte Gleichnisse vorgeschaltet, die freilich in der Sache ganz ähnlich auf Gottes Sünderliebe abheben. Wie der Hirt die 99 Schafe zurücklässt, um das eine verlorene Schaf zu suchen und voll Freude heimzuführen, und wie die Frau alles im Haus durchsucht und umkehrt, um die verlorene Drachme zu finden, so freut sich Gott, wenn sich ein Sünder bekehrt. Fast übertrieben scheint uns hier von der Größe der Freude Gottes erzählt zu werden. Aber gerade diese Ü;bertreibung soll aufhorchen und Jesu Botschaft von der nun angebrochenen Heilszeit hier und jetzt bei den Hörern ankommen lassen.


Ein "Evangelium im Evangelium"! Paulus wird auf andere Weise die hier in eine Erzählung gefasste Sache mit dem Schlüsselwort "gerechtfertigt aus Gnade" bezeichnen. Es ist wie mit einem Gegenstand, der von unterschiedlichen Stellungen aus beleuchtet und so in den Blick gerückt wird: Die Perspektiven sind verschieden, aber die aufgezeigte Wirklichkeit, der Gott, der den verlorenen Menschen sucht und findet, der dessen falsche Freiheit in seine wahre Freiheit, in sein eigentliches "Richtig-Sein" verwandelt, das ist bei Paulus und Lukas dasselbe.


Und damit sind wir schon bei dem, was uns hier beschäftigen soll: die christliche, von der Heiligen Schrift her inspirierte Sicht des Menschen, die für Europa prägend wurde. Das ist natürlich ein großes, umfassendes Thema, dem wir uns heute nur annähern können. Da wäre von der Geschöpflichkeit des Menschen zu reden, also von seiner Hinfälligkeit und Begrenztheit, aber auch von seiner Gottebenbildlichkeit, die seine unveräußerliche Würde begründet. Da müsste von der eigenartigen Symbiose zwischen Leib und Seele beim Menschen die Rede sein, seiner Eingebundenheit in eine Leib- und Triebstruktur, die ihn dem Tierreich verwandt macht, aber auch seine Freiheit und Reflexionsfähigkeit, die ihn zu einem offenen, sich selbst überschreitenden Lebewesen macht. In gewissem Sinn ist und bleibt der Mensch sich selbst ein Rätsel. Er ist "krummes Holz" (Ernst Bloch) und "aufrechter Gang" (Immanuel Kant) in einem, gezeichnet von Gegensätzen und Spannungen, die ein unerschöpfliches Thema für Literatur und Kunst sind - aber eben auch für das theologische Nachdenken über den Menschen.


Die Heilige Schrift ist kein anthropologisches Lehrbuch. Sie enthält tiefe Einsichten über die Größe und das Elend menschlicher Existenz, denken wir nur an manche Aussagen der Psalmen, z. B. Ps 90: Der Mensch, ausgesät und vergänglich wie sprossendes Gras: "Am Morgen grünt es und blüht, am Abend wird es geschnitten und welkt" (Ps 90,6). Oder solche Aussagen wie im Buch Ijob: "Ist nicht ein Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners?" (Ijob 7,1). Auch Paulus weiß manches zu sagen über die innere Zerrissenheit des Menschen, der sich in seinem eigenen Handeln unbegreiflich ist: Was er will, tut er nicht, aber was er nicht tun soll, wird ihm zum unerträglichen, tötenden Gesetz (vgl. Röm 7).


Abgesehen von solchen und ähnlichen Aussagen, die gleichsam grundsätzlich das Ganze des Menschseins in den Blick nehmen, gehen die biblischen Schriften weithin einen anderen Weg: Sie erzählen vom Menschen. Sie erzählen Geschichten, seien es Geschichten von Einzelnen, seien es Geschichten, die vom Geschick der Völker berichten, besonders des Volkes Israel, das Gott sich erwählt hat. Biblische Anthropologie ist narrative Anthropologie. Im Erzählen erschließt sich die Welt und unser Menschsein, wird Horizontbestimmung und Sinndeutung für Menschen aller Zeiten immer neu möglich.


Die Erzählung vom gütigen Vater und dem verlorenen Sohn (Lk 15) steht in dieser biblischen Tradition des Erzählens. Jesus selbst hat die Psalmen gebetet; er hat die biblischen Geschichten gekannt und aus den großen Verheißungen seines Volkes gelebt. Was ist ihm am Menschen und seinem Geschick wichtig? Weniger das, was der Mensch ist, als das, was mit ihm geschieht. Jesus macht keine philosophischen Wesensaussagen. Er erzählt vielmehr das Drama des Menschen.


"Verloren und wiedergefunden" - mit diesen Worten könnte man zusammenfassen, was unsere Geschichte vom verlorenen Sohn über den Menschen sagen will. Darin fassen wir gleichsam das Ganze einer christlichen Sicht des Menschen. Die Erzählung eröffnet uns einen Verstehenshorizont, in den sich existentielle Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen jeder Menschengeneration eintragen lassen, auch der unsrigen. Wir versuchen, von dieser Erzählung geleitet, einige Linien dieses Menschenbildes auszuziehen. Was ist der Mensch? Er ist auf einen Weg gestellt, in ein Gespräch verwickelt, für eine unfassbare Freude bestimmt.



a) "Auf einen Weg gestellt"


Mit dieser Formulierung umreiße ich, was die Erzählung als Ganze vermitteln will: Der Mensch ist ein unabgeschlossenes, nach vorn hin offenes Wesen. Jede statische Aussage, die den Menschen in Formeln und Definitionen festmachen will, greift zu kurz. Was die (übrigens auch literarisch meisterhaft verfasste) Erzählung des Lukasevangeliums vermittelt, ist ein dynamisches Menschenbild. Unser Leben ist ein Weg, auch das ist eine alte biblische, wohl auch gesamtmenschliche Metapher für eine Erfahrung, die diese grundsätzliche Offenheit unserer Existenz bildhaft ausdrücken will. "Auf den Weg gestellt sein" besagt: Es ist noch nichts entschieden; aber es kommt auf dein Mühen an, ob du vorankommst oder nicht. Wege haben es an sich, dass sie abgeschritten werden wollen. Sie führen weiter, sie lassen nicht verweilen. Sie nehmen Ziele in den Blick und verweisen vom Vorfindlichen, gerade im Augenblick Erfahrbaren weg auf künftige Entwicklungen, auf mögliche Veränderungen, die jetzt noch nicht im Blick sind.


Der verlorene Sohn ist in dieser Beispielerzählung an keiner Stelle abschließend "definiert". Er ist es nicht in der Situation vor seinem Exodus, da er sich unreflektiert im Haus des Vaters zu Hause wissen konnte, noch später. Er bleibt auch nicht festgelegt als derjenige, dem es auf Eigenständigkeit und Freiheit ankommt, der sich deshalb sein Erbe auszahlen lässt (was übrigens in der Erzählung nicht als Unrecht bezeichnet wird) und in die Fremde zieht. Es bleibt ebenfalls nicht auf Dauer bei der Erfahrung, die ihm in der vermeintlichen Freiheit eines Lebens nach eigenem Gutdünken beschert wird: Abhängigkeit, Würdelosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Man sieht den Sohn gleichsam auf seinem Weg eine neue Richtung einschlagen, die ihn den Vater und die Gemeinschaft mit ihm neu entdecken lässt. Und der kleine Erzählzug, der davon spricht, dass der Vater in unorientalischer Hast dem zurückkehrenden Sohn sogar entgegeneilt, sagt mehr über die Dynamik göttlicher Heilspläne für den Menschen als alle abstrakten Katechismusaussagen über Rettung und Erlösung.


Wir begnügen uns mit diesen wenigen Andeutungen, um zweierlei zu erkennen:

  • Der christliche Glaube nimmt die Freiheit des Menschen sehr ernst. Diese Freiheit geht bis hin zur Möglichkeit der Ablehnung Gottes, somit bis zur Zerstörung des tragenden Grundes aller menschlichen Freiheit. Der Atheismus, mehr noch: der alle Absicherungen metaphysischer Art ablehnende Nihilismus ist eine Denk- und Existenzmöglichkeit, die von Seiten des gläubigen Menschen als eine Zwischenstufe zur vollen Wahrheit seiner Existenz verstanden werden muss. Freiheit ist erst dort wirkliche Freiheit, wo jedwede Unmündigkeit abgestreift wird und falsche "Existenzkrücken" weggeworfen werden. Insofern gibt es auch in der religiösen Entwicklung ein (freilich christlich verstandenes) sapere aude ("wage zu wissen", nach I. Kant der Grundimperativ jeder Aufklärung). Der im Auszug des Sohnes dargestellte Exodus des modernen Menschen, der sein Ich gleichsam in alle Dimensionen hinein ausloten will, ist nicht als unwiderrufliche "Gottesfeindschaft" zu verstehen bzw. zu verdammen. Dieser Exodus in eine ja nur scheinbare (!) Gottesferne soll auch kein Hindernis für die Kirche sein, mit diesem Menschen im Gespräch zu bleiben. Ist der Mensch gerade in seinem Freigesetztsein ein Bild Gottes, dürfen Phänomene der Freisetzung des Menschen, wie wir sie in der Moderne erfahren, nicht von vornherein defensiv und abwertend beurteilt werden. Ich sehe darum in der atheistischen, heute weithin in eine skeptisch-agnostische Grundhaltung umschwenkenden Lebenseinstellung vieler Menschen eine Wachstumsstufe hin zu einem geläuterten, gereiften Gottesglauben. Gott antwortet nicht auf einzelne Bedürfnisse des Menschen, sondern auf das diesen Bedürfnissen zugrunde liegende Verlangen! Dieses unstillbare desiderium des Menschen, dieses Verlangen nach gelingender, das Leben "ausschöpfender" Existenz sehe ich durch alle Spalten und Ritzen auch der heutigen Gesellschaft durchschimmern. Freilich: Es ist oft fehlgeleitet, vermischt mit Irrtümern und blankem Egoismus. Aber dennoch: Wir müssen Gott als einen anderen Namen für Freiheit (und Gnade!) entdecken - auch in unserer Verkündigung und Seelsorge.


  • Und ein zweites sehe ich in der Wegmetapher angedeutet: Der Mensch wird im christlichen Glauben nicht als fertiges Wesen angesehen. Unsere Lebensgeschichte (und Menschheitsgeschichte!) hat noch nicht ihr definitives Ende gefunden. Sie kann darum noch nicht abschließend bewertet werden. Darum verbietet die christliche Menschensicht eine Wertung des Menschen allein aus dem Hier und Jetzt. Sicher, es gibt Erfahrungswerte, die uns Irrwege bei uns selbst und bei anderen als solche erkennen lassen. Es gibt Geprägtheiten durch schlechte Gewohnheiten und Sünden, die nur schwer zu verändern sind. Aber in einem ganz tiefen Sinn ist jeder Mensch in seiner individuellen Heilsgeschichte bis zum letzten Atemzug offen für Gott. Das begründet seine Würde - auch noch in der größten sozialen oder psychischen Verwahrlosung; aber das begründet auch den Ernst und die Bedeutung meines Lebens und dessen, was ich daraus mache. Denn dieses Leben ist wahrlich keine Spielerei, sondern "Ernstfall", es ist kein Experiment, das man beliebig abbrechen kann, sondern unwiederholbar und auf Endgültigkeit hin angelegt.



Beides müssen wir zusammensehen: die Freiheit und die Konsequenzen der Freiheit, den Raum zum Ausschreiten und Ausloten aller Möglichkeiten, aber auch das darin liegende Wagnis, sich möglicherweise zu verlieren. Aber das ist - um es in einem Bild zu sagen - wie mit dem Ausschreiten auf hohe Alpengipfel: Wer zu Hause bleibt, gefährdet sich zwar weniger - aber er erlebt auch nicht die Freude und die Seligkeit, über Gipfelwelten zu blicken.



b) "In ein Gespräch verwickelt"


So möchte ich das ins Wort fassen, was unser Text des weiteren über den Menschen sagt: Der Mensch kann sich nur von Gott, seinem Schöpfer und Gesprächspartner, her in seiner ganzen Wirklichkeit richtig verstehen.


Die Erzählung vom verlorenen Sohn stilisiert bewusst das Geschehen zwischen Vater und Sohn (und dann auch das angehängte Geschehen zwischen dem Vater und dem daheimgebliebenen Sohn) als ein Dialoggeschehen. "Gib mir das Erbteil, das mir zusteht!" Auch in der Fremde bleibt der Sohn mit dem Vater im Gespräch, wenn er zu sich sagt: "Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner." Ausdrücklich wird diese Bitte bei der Heimkehr des Sohnes wiederholt. Die Antwort des Vaters besteht nicht in einem ausdrücklichen Wort der Vergebung, sondern in Zeichen der Freude: Das Festgewand, der Ring und die Schuhe, das Mastkalb und das Festmahl sind Ausdruck des Ü;berschwangs der väterlichen Freude, die mehr will als nur die Restitution alter Verhältnisse. Das ist ja übrigens das Ärgernis des Daheimgebliebenen und mancher Frommen dieser Erde, die Gott (und damals Jesus) den Ü;berschwang seiner Liebe gegenüber den umkehrenden Sündern verübeln. Liebe und Vergebung stehen in einem merkwürdigen reziproken Verhältnis, wie wir im Verhalten Jesu zu der Sünderin erkennen (vgl. Lk 7,47ff: "Ihr sind die vielen Sündern vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe"). So handelt Gott. Die Größe der Verlorenheit des Sohnes ist umfangen von der noch größeren Liebe des Vaters, der eigentlich niemals den Sohn wirklich alleingelassen hatte.


Man kann unsere Geschichte als eine Kurzfassung des Gesamtdramas unserer Heilsgeschichte bezeichnen. Was die Erzählung nicht ausführt, sondern nur im Erzähler glaubhaft machen kann, ist die Glaubenseinsicht, dass der Vater uns in seinem Sohn, in Jesus Christus, dem Erzähler dieser Geschichte, entgegenkommt. Was narrativ nicht ausgeführt werden kann, ist Wirklichkeit im Drama des Jesusgeschehens von Bethlehem bis Golgotha: Der verlorene Mensch ist auch in der äußersten Entfremdung, "bei den Schweinen" und den "Futtertrögen", die ihm als mögliche Rettung erschienen, nicht allein geblieben, er war zu keiner Zeit vom Vater wirklich verlassen. Der Dialog mit dem Menschen wurde von seiten Gottes nie abgebrochen.


Für unsere Ü;berlegungen heißt das: Die Bibel definiert den Menschen als dialogische Existenz. Mein von mir sehr geschätzter Dogmatikprofessor Otfried Müller hatte uns als jungen Studenten sehr eingeschärft: Das Wesen der Sünde kann man nur coram deo, vor dem Angesicht Gottes erkennen. Diese Mahnung hat mich schon vor manchen sogenannten "Höllenpredigten" bewahrt, wie man sie früher (?) hie und da hören konnte. Theologisch gesehen muss unsere Verkündigung einen anderen Weg gehen als den, den Menschen zuerst kräftig "schlecht" zu reden, ihn gleichsam erst "mürbe" zu machen, um ihm dann den Rettungsweg des Christus-Heils zu zeigen. Wir müssen vielmehr den Weg der Verkündigung Jesu gehen: Sündenbewusstsein ist eine Folge, nicht der Ausgangspunkt des Evangeliums. (Man beachte, dass ja der verlorene Sohn seine Schuld einsieht, insofern er sich des Vaters und seiner früheren Geborgenheit bei ihm erinnert!)


Eine kleine Beobachtung unseres alltäglichen Verhaltens kann uns dies illustrieren: Haben Sie schon einmal eine Kritik von einem böswilligen Menschen angenommen? Oder eine Kritik einfach nur deshalb beherzigt, weil sie wahr ist? Wenn ja, sind Sie nahezu heroisch. Im Normalfall ist es wohl so: Kritik, die mich ändern will, akzeptiere ich erst dann, wenn ich spüre: Der Kritiker meint es gut mit mir. Wirkliche Einsicht in Schuld gibt es wohl erst da, wo ich in Liebe auf mein Versagen hin angesprochen werde, vor allem dann, wenn mich die Liebe dessen, den ich "getreten" habe, im Nachhinein beschämt und innerlich rot werden lässt (was nichts gegen Strafgesetze und gesellschaftliche Sanktionen zur Verbrechensbekämpfung besagen will!).


Alle Vergleiche aus unserer Alltagswelt haben ihre Grenzen. Ich möchte nur dieses Anliegen deutlich machen: Wenn unser christlicher Glaube nicht gleichzeitig von Gott redet, bleibt Sünde ein leeres Wort, eine Floskel ("Verkehrssünder"!) Zur wirklichen Erkenntnis der Verlorenheit kommt es erst, wenn ich schon gerettet bin! Vor der Erkenntnis der Verlorenheit steht das Erkennen des Evangeliums.


In unserer Erzählung muss der Vater zu Hause bleiben. Er kann den Sohn bei seinem Exodus nicht begleiten. Unser Glaube bekennt aber, dass auf der Ebene der Heilsgeschichte eine solche letzte Einsamkeit des Menschen nicht besteht. Gott umfängt unsere Freiheit mit einer noch größeren, für uns unbegreiflichen Freiheit, mit einer Liebe, die paradoxerweise bis zur Selbstaufgabe geht. Auch hier können kleine menschliche Erfahrungen nur die Richtung des Verstehens weisen, ohne damit dieses Geheimnis göttlicher Liebe wirklich zu verstehen oder gar auszuloten. Eine strapazierfähige menschliche Liebe kennt die Hinnahme von Schmerzen um des geliebten anderen willen. Ja, solche Liebe wird erst darin wirklich glaubhaft, authentisch, wenn sie sich binden, anheften, "kreuzigen" lässt, etwa um eines behinderten Kindes willen.


Dort, wo bei Konflikten die Dimension der Freiheit ins Spiel kommt, gibt es keine Gewaltlösungen. Freiheit ist nur durch Freiheit zu bewegen, gegebenenfalls durch eine noch größere Freiheit des Ertragens, des Duldens, des Schwach-Werdens. Damit ist keine schwächliche Freiheit gemeint, sondern die Größe eines Mannes, der sich klein macht und bückt wie einer, der eine überschwere Last aufheben will, um sich dann wieder mit der Last langsam zu erheben.


Hier öffnet sich für mich der Uransatz eines christlichen Verständnisses von Erlösung. Das Kreuz des Herrn ist nicht ein tragisches Geschehen, ist nicht eine Art göttlicher "Betriebsunfall", der bei besserem Zusammenspiel der Kontrahenten hätte vermieden werden können. Er ist noch viel weniger die Konsequenz eines grausamen Sühnebedürfnisses - eine nahezu perverse Gottesvorstellung (aber leider sehr verbreitet!). Die Hingabe unseres Herrn "bis zum Äußersten" (Joh 13,1) ist "notwendig" - nur mit größter Vorsicht ist dieses Wort zu gebrauchen -, so wie notwendig Trotz und Bosheit letztlich nur durch Liebe aufgehoben werden können; einer Liebe, die bereit ist, sich durch nichts erbittern zu lassen, auch nicht durch den schmerzbringenden Widerstand dessen, dem die Liebe gilt. Man könnte auch sagen: Gott antwortet - wie eben wirkliche, echte Liebe antwortet: "nutzfrei" - als Liebe. Darin macht sie sich (in den Augen der Welt, die in Nutzen-Dimensionen denken will) "töricht" - so wie Paulus im 1. Korintherbrief schreibt. Die Logik der Liebe ist nach einem Wort des französischen Dichters Rimbaud "ein wunderbarer unvorhersehbarer Rechtsgrund" Das Wort Gnade (ch?ris) hat etwas mit Schönheit, Anmut, Spiel zu tun! Das heißt: Der von Seiten Gottes nie abgebrochene, durch das Leiden und Sterben und Auferstehen Jesu hindurch auf eine neue Basis gestellte Liebesdialog des Menschen mit seinem Gott ist das eigentliche Fundament unserer Heilszuversicht. Nicht Sündenerkenntnis noch heroische Tugendübungen retten uns aus unserer Verlorenheit, wie wir im Nachhinein merken, sondern uns rettet, dass uns eine Freiheit entgegenkommt, die noch größer ist als unsere Freiheit, die wir vermeinten, ausgelebt zu haben. Darum hat nur der das Evangelium verstanden, der mit Jesus bzw. der in Jesus den Vater entdeckt und seine "umsonst", "nutzlos" schenkende Liebe.


Die Botschaft unseres Glaubens, die von der Erlösung und Rettung spricht, muss mit der Bestimmung des Menschen zur Freiheit, wie wir oben gesagt haben, vermittelt werden. Pointiert gesagt: Unsere Verkündigung muss aus dem Geruch des Moralischen herauskommen! Sie muss den Raum der Liebe Gottes eröffnen, in der allein Freiheitssehnsucht und Annahme des Sünders mit dem ganzen Elend der Selbstverfallenheit zusammengehen können. Dieses proprium des Evangeliums, dieses große "Umsonst" der Gnade, das uns nicht in unserer Freiheit entwürdigt, sollte in unserem kirchlichen Agieren erkennbar werden.


Im Grunde weiß unser Glaube nur das eine Wichtige vom Menschen zu sagen: "Du bist angenommen!" Wir suchen - auch im Glauben - nicht dieses und jenes an einzelnen Dingen, die unser Leben bereichern könnten, sondern wir suchen eben dies: Angenommensein. Das dies kein harmloses, "niedliches" Christentum meint, müsste noch eigens herausgestellt bleiben. Einer Liebe sich anvertrauen, die radikal und grenzenlos ist, ist ebenso gefährlich, wie - um dieses Bild noch einmal zu bemühen - an Abgründen vorbei auf einen Viertausender zu steigen. Ungefährlicher ist es zu Hause hinter dem Ofen, aber eben nicht so spannend und so schön.


Das führt uns zu meiner letzten Ü;berlegung. Was gehört nach Lk 15 zum Bild des Menschen? Der Mensch ist



c) "Für eine unfassbare Freude bestimmt"


Davon können eigentlich nur die Dichter in ihrer Sprache angemessen reden. Aber ist unser Schrifttext nicht auch Dichtung? Das Festgewand, der Ring und die Festtagsschuhe reichen nicht als Zeichen der wiedergefundenen Seligkeit. Da muss noch ein Mastkalb her und die Einladung an alle, in den väterlichen Feierwillen mit einzuwilligen. "Und sie begannen ein fröhliches Fest zu feiern!" Und noch eindrücklicher in dem angehängten Wort des Vaters an den räsonierenden älteren Sohn, der dem Vater Vorhaltungen machte: "Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden worden."


Die letzte Bestimmung des Menschen ist das Fest. Man könnte es theologisch korrekter auch so ausdrücken: Der Mensch ist bestimmt zur Communio, zur Gemeinschaft mit seinem Gott, zur Anteilnahme an seinem Leben, zum zeitüberschreitenden Danken und Loben, zum Antworten auf eine göttliche Liebe, die des Menschen ganze Seligkeit sein wird. Schon jetzt gibt es manchmal Augenblicke, in denen wir sagen (Kinder können es noch besser): "Hier ist mir die Zeit versunken, so selig war ich!" Was wir hier nicht in Zeit und Raum und unter Bedingungen unserer erbsündlichen Existenz festhalten können, das sagt der Glaube von unserer letzten Bestimmung: Sie erfüllt sich in der Gottesgemeinschaft, für die das Fest eine schwache, aber die Sinnspitze richtig erfassende Metapher ist.


In einer Zeit, in der menschliches Leben in den Massenmedien bevorzugt als wertlos, niedrig und erbärmlich dargestellt wird, in einer Zeit, in der Menschen aus Langeweile oder aus Verzweiflung über die Sinnleere ihres Daseins bereit sind, sich und andere an Leib und Leben zu gefährden, in einer Welt, in der mehr und mehr menschenverachtende Gewalt in Form von Geiselnahmen, Terror und Folter Mittel sogar politischen Handelns wird, da braucht es diese eindringliche Erinnerung: Menschliches Leben ist eine kostbare Gabe. Es lohnt sich zu leben, und es ist gut - trotz allem - ein Mensch zu sein.


Unser Glaube ist realistisch genug, um Erbärmlichkeiten und die Grenzen menschlichen Lebens nicht aus dem Blick zu verlieren. Ich hatte schon an die Psalmen erinnert, dieses Lesebuch anthropologischer Grenzerfahrungen, an denen auch wir heute hinreichend Anteil haben. Ja, "was ist der Mensch, dass du (Gott) an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?" Und doch: "Du hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände" (Ps 8,5f).


Schon von unserem Schöpfungsglauben her dürfen wir sagen: Es gibt eine aller Machbarkeit vorgegebene Lebensqualität. Bei allem Wissen um die Abgründe menschlichen Daseins braucht gerade der heutige Mensch eine grundlegende, aus dem christlichen Glauben heraus gestärkte Zustimmung zum Leben. Ein wenig scherzhaft formuliert: Wir sollen wieder lernen: Kühe bestehen nicht nur aus Euter und Filetstücken, und Kinder sind nicht nur potentielle Nobelpreisträger. Wer sich nur ein wenig Gespür für Gottes reiche und wunderbare Schöpfung bewahrt hat (und das sind gottlob viele Menschen), der wird mir recht geben: Diese Welt und unser Leben entspringen nicht einem rechnerischen Kalkül, sondern sie sind Hinweis auf eine Ü;berschwenglichkeit und spielerische Freiheit, die nicht in Kategorien der Effizienz, sondern in denen der Liebe denkt. Oder umgekehrt: "Nur die Liebe kann das Sein rechtfertigen". (7)


Nochmals: Trotz aller Abgründe, die uns oft zu Tode erschrecken: Der Glaube denkt groß vom Menschen und von seiner Bestimmung. Das Leben erhält seinen Glanz vom Unverfügbaren und nicht Produzierbaren. Darum wagen wir auch noch am Krankenlager von der Würde des Menschen zu reden und am Grab das österliche Halleluja zu singen. Die Menschen heute brauchen neu dieses Wissen, dass unser aller Leben aus der Hand Gottes kommt und in das Fest der Gemeinschaft mit ihm einmünden soll. Sie sollten von uns Christen gesagt bekommen, dass unser Leben eine kostbare, verheißungsvolle Gabe ist. Ist uns die Kraft zum Danken ausgegangen und darum Gott so fern gerückt?


Ich sehe eine meiner seelsorglichen Aufgaben darin, Menschen diese Lebensperspektive zu vermitteln: Sie sind zum Fest Eingeladene. H.U.v. Balthasar hat einmal diese christliche Lebenssicht treffend so zum Ausdruck gebracht: "Das Erste, was einem Nichtchristen am Glauben der Christen auffallen müsste, ist, dass sie offenkundig viel zu viel wagen". (8) "Wagen" Nichtchristen manchmal mehr als wir Christen? Der Lebensmut, mit dem manchmal auch ungläubige Menschen ihr Dasein annehmen, im Leid nicht verzweifeln, in einer schwierigen biographischen Wegstrecke nicht einfach Schluss machen, sondern Tapferkeit und Stehvermögen zeigen und an der Geduld und der Hoffnung festhalten, das signalisiert mir, dass die "Fäden" Gottes fester und auch länger sind als manchmal die "Fäden", die die kirchliche Verkündigung zu knüpfen sucht. Das Menschenherz hängt an diesen "Fäden" Gottes stärker, als wir Seelsorger das meinen. Ich denke dabei an das schöne Wort aus Hosea (11,4): "Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe." Das gilt für jeden von uns.


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Die Beispielerzählung aus dem Lukas-Evangelium "Vom gütigen Vater / vom verlorenen Sohn" hat sich wahrhaft als ein "Evangelium im Evangelium" erwiesen. Wir sahen: Die biblischen Texte wollen eigentlich weithin nicht ausdrücklich vom Menschen sprechen. Sie wollen von Gott reden, seine Wirklichkeit in den Blick rücken, sein Tun, seine Verheißungen und seine Gaben beschreiben. Das will auch Jesus mit seiner Geschichte, die eine Perle seiner Gottesverkündigung darstellt. (Es bedrängt mich, dass es Kinder und Erwachsene in Erfurt gibt, die diese biblische Erzählung nicht kennen!). Aber indem dieser Text so von Gott redet, redet er eindringlich auch vom Menschen und enthüllt, wer wir sind, woher wir kommen, worauf wir hoffen dürfen und was wir tun sollen. Denn der Mensch ist

  • auf einen großartigen Weg gestellt,

  • in ein wunderbares Gespräch verwickelt und

  • für eine unfassbare Freude bestimmt.



  • Abschluss


    Wie lässt sich zusammenfassen, was sich aus dem Zusammenhang von Bibel und den von ihr inspirierten Werteüberzeugungen in Europa ergibt?


    Ich zitiere dazu noch einmal ECCLESIA IN EUROPA:

    "Europa benötigt bei der Bewusstwerdung seines geistigen Erbes einen qualitativen Sprung. Dieser Impuls kann ihm nur von einem erneuerten Hören auf das Evangelium Christi zukommen. Es ist Sache aller Christen, sich für die Befriedigung dieses Hungers und Durstes nach Leben zu engagieren" (Nr. 120).

    Und mit einem gewissen Pathos fährt der Papst an das Europa am Beginn des dritten Jahrtausends gerichtet fort: "Kehre du selbst um! Sei du selbst! Entdecke wieder deine Ursprünge. Belebe deine Wurzeln." (Nr. 120).


    Was heute für Europa ansteht, ist eine neue Verkündigung des alten Evangeliums. Dazu braucht es mehr als nur Bibeln aus Papier und Druckerschwärze. Wir wissen aus zweitausendjähriger Frömmigkeitserfahrung: Jesus Christus und seine Lebensmächtigkeit entdeckt man gleichsam "im Angesicht", in der Biographie gläubiger Menschen. So geht der christliche Glaube durch die Jahrhunderte, von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter, von Freund zu Freund, von Nachbar zu Nachbar. Das gilt auch für die heutigen Lebensverhältnisse, gerade weil diese die Menschen oftmals vereinzeln und voneinander isolieren. Die Suche nach glückenden Beziehungen ist für den Zeitgenossen häufig ein Einfallstor von Transzendenz, eine Berührung Gottes mitten in seinem so scheinbar gottfernen Leben. Es braucht eine kreative Phantasie und Bereitschaft in den Gemeinden und Gemeinschaften, die Fragen und Sehnsüchte der Menschen, die ja auch die unsrigen sind, mit unserem christlichen Gottesglauben auf überzeugende Weise in Beziehung zu bringen.


    Dazu ist eine noch mehr in die Tiefe gehende Veränderung im Bewusstsein und Verhalten aller Christen in unserem Kontinent notwendig. Mehr noch als früher wird in der Zeit, die vor uns liegt, christliche Existenz zu einer Frage der persönlichen Neuentdeckung des Evangeliums, zu einer aus der Faszination durch dieses Evangelium erwachsenden Hingerissenheit und Entschiedenheit. Und schließlich wird unser Christ-Sein im Gefolge dieser Entschiedenheit lernen müssen, sich dann auch im Blick auf die eigenen religiösen Ü;berzeugungen von anderen "ins Herz schauen zu lassen".


    Ob Kardinal Josef Ratzinger an diese heute anstehende neue Verkündigung des Evangeliums in Europa dachte, als er sich den Namen Benedikt XVI. wählte ?



    Goslar, 7. Juni 2005


    Anmerkungen


    (1) Nach P.Brown, Die Entstehung des christlichen Europa, München 1996, 17.


    (2) Johannes Paul II, Nachsynodales Apostolisches Schreiben ECCLESIA IN EUROPA vom 28. Juni 2003, hrsg. Vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz in der Reihe: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 161, Bonn 2003.


    (3) Vgl. dazu einen Beitrag von Prof. Wolfgang Schluchter, Rationalität - das Spezifikum Europas? in dem interessanten Sammelband, Die kulturellen Werte Europas, hrsg. von Hans Joas und Klaus Wiegandt, Frankfurt a. M. 2005, S.237-264.


    (4) Vgl. dazu Wolfgang Reinhard, Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens, in dem genannten Sammelband : Die kulturellen Werte Europas, S. 284, dort das genannte Zitat.


    (5) Vgl. mit vielen Beispielen das Buch von Hans Maier, Welt ohne Christentum - was wäre anders? Freiburg i. Br. 1999, hier bes. 64ff.


    (6) Vgl. R. Koselleck, Ü;ber den Stellenwert der Aufklärung in der deutschen Geschichte, in: Die kulturellen Werte Europas, 353- 366.


    (7) H.U. von Balthasar, Glaubhaft ist nur Liebe, Einsiedeln 1985, 68.


    (8) Ebd. 68.

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