Der Schlüssel zum Glück

Predigt des Paderborner Erzbischofs in der Feierstunde zum Abschluss der Bistumswallfahrt


Erzbischof Hans-Josef Becker predigte in der Feierstunde am Ende der Wallfahrt
Predigt von Erzbischof Becker in der Feierstunde der Bistumswallfahrt

Erzbischof Hans-Josef Becker hat in der Feierstunde das Anspiel zum Wallfahrtsthema "umsonst: geliebt" so gut gefallen, dass wir uns erlauben, Szenen zwischen die Absätze seiner Predigt zu setzen. Wir hoffen auf sein Verständnis. Die Pressestelle


Liebe Schwestern und Brüder!


Lassen Sie mich zunächst den Akteuren des Anspiels hier auf der Marienwiese ein herzliches Dankeschön sagen. Sie haben den roten Faden des Leitworts der Bistumswallfahrt "umsonst: geliebt" geschickt weiter gezogen und uns so manche Anregung "mitten aus dem Alltag" mit an die Hand gegeben.


Zwei Sätze aus den vier Szenen sind mir besonders in Erinnerung geblieben: "Umsonst. Hör mir auf mit Umsonst. Nichts ist umsonst." Und der andere Gedanke, eben beim Schenken des Kugelschreibers: "Ich danke dir - hoffentlich ist das mit meiner Liebe auch so: gratis, aber nicht nutzlos!" Aus beiden Sätzen spricht eine gewisse Ernüchterung, vielleicht sogar Enttäuschung über eines der wichtigsten Gefühle des Menschen: die Liebe. Schon viel ist im Laufe der Jahrhunderte über die Liebe gesagt und geschrieben, gedichtet und gesungen worden: über gelungene und enttäuschte Liebe, über Treueschwüre und Zerwürfnisse, über Romanzen und Tragödien. Und doch kann man sich in allen widersprüchlichen Erfahrungen des Eindrucks nicht erwehren: Die Liebe ist nicht nur eine große Leidenschaft, sie berührt auch den Wesenskern des Menschen; hier ist er ganz bei sich. Schon der Philosoph Plato schreibt: "Den Menschen lieben lernen, ist das einzig wahre Glück." Ja, Liebe vermittelt Freude am Leben, eröffnet ungeahnte Horizonte und setzt enorme Energien frei. Liebe schenkt Leben und ist der Schlüssel zum Glück. Und dieser Schlüssel, liebe Schwestern und Brüder, hat (um dieses Bild aufzugreifen) einen dreifach gezackten Bart, wenn er zur Fülle des Lebens und zur wahren Freude führen soll: die erste Bartzacke ist die Selbstliebe, die zweite die Nächstenliebe und die dritte Bartzacke die Gottesliebe. Erst alle drei zusammen führen zum wahren Glück, zur wirklichen Erfüllung. Wer daher JA zu sich, JA zum Nächsten und JA zu Gott sagen kann, findet das Glück. Bewusst habe ich die Schrittfolge "Selbstliebe", "Nächstenliebe" und "Gottesliebe" gewählt. Denn sie alle bauen gewissermaßen aufeinander auf und finden ihren Höhepunkt und ihre Erfüllung in der Gottesliebe.

Ein Schnäppchenjäger zeigt seine Beute: Alles umsonst!


I.


Die erste Zacke des Schlüsselbartes ist die Selbstliebe. Sie ist nicht mit dem Egoismus oder der Selbstverliebtheit im Sinne des Narzissmus gleichzusetzen. Schon im Evangelium hießt es: "Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst" (Mk 12,33). Leider wird das "wie dich selbst" häufig übersehen.


Nüchtern muss man feststellen: Viele Menschen können sich selbst nicht lieben, denn sie halten sich nicht für liebenswert, sie müssen erst mühsam ein Gefühl des Selbstvertrauens und der Liebe entwickeln. Eines steht fest: Wer sich selbst nicht bejaht, kann auch den Nächsten nicht bejahen: Wer sich selbst nicht ausstehen kann, mag auch den anderen nicht und kann ihn demzufolge auch nicht glücklich machen.


Manches in den Jahren war missverständlich, aber nicht alles umsonst:
Ein Ehepaar bei einem Spiel auf der Feier seiner Silberhochzeit.


Andererseits ist die Selbstliebe ein Gebot Gottes. Sich selbst zu lieben bedeutet, die eigenen körperlichen, geistigen und emotionalen Bedürfnisse ernst zu nehmen und maßvoll in das eigene Leben zu integrieren. Es gibt aber auch Menschen, die sich für andere einsetzen, ja regelrecht aufopfern - oft ohne Rücksicht auf Verluste; sie sind auf die Dauer ihr "Selbst" los und werden krank, weil sie physisch und psychisch überfordert sind. Wer Liebe mit Aufopferung und Selbstverleugnung verwechselt, weiß nicht, dass die erste Bartzacke wahrer und dauerhafter Liebe die Selbstliebe ist. Das heißt konkret: Aus Liebe zu mir muss ich auf meine Gesundheit, auf meine Lebensführung, auf meine sozialen Kontakte, auf mein Umfeld achten. Denn Liebe verlangt in erster Linie, dass ich mit meinen eigenen Kräften haushalte, zu mir selbst stehe und - wo nötig - mich selbst auch ändere und neu orientiere.



II.


Liebe Schwestern und Brüder!

Die zweite Zacke des Schlüsselbartes erinnert uns an die Nächstenliebe. In einer Goldenen Regel fasst Jesus all das zusammen, worauf es im Leben ankommt: "Was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen" (Mt 7,12). Wo immer diese Regel beachtet wird, kann das Zusammenleben in der Familie, im Büro, in Politik und Wirtschaft gelingen. Das Freund-Feind-Schema, in dem die Völker noch immer denken und handeln, würde dann zu Ende sein.


Ein Sektenprediger verkauft "billige Gnade": Kostet nix, bewirkt nix - umsonst!


Doch ich bin Realist genug, um zu sehen, dass unter uns Menschen - im Kleinen wie im Großen - nicht immer nur eitler Sonnenschein herrscht. Die bittere Erfahrung, die hinter dem Satz "Homo homini lupus" (Der Mensch ist des Menschen Wolf) steht, gibt mir zu denken. Es ist in der Tat so: Liebe von Mensch zu Mensch ist "vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist", wie der Dichter Rainer Maria Rilke einmal schreibt. Trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge dürfen wir unsere Bemühungen um ein gutes und vertrauensvolles Miteinander, um liebevolle Beziehungen nicht aufgeben. Ohne Liebe würden wir erfrieren. So bleibt die Liebe bei all unseren Bemühungen und Enttäuschungen ein Geheimnis. Ein Geheimnis, dem selbst der Tod machtlos gegenübersteht. Denn wahre Liebe stirbt nicht; niemand kann sie aufhalten; sie endet nicht; sie geht selbst über den Tod hinaus. Das bezeugen die vielen Menschen, deren Liebe und Verbundenheit zu ihrem Partner, zu ihren Eltern, Geschwistern und Freunden auch durch den Tod nicht unterbrochen wird. Ja, Paulus hat recht, wenn er schreibt: "Die Liebe hört niemals auf ?" (1 Kor 13,8)!



III.


Die dritte Bartzacke unseres Schlüssels, liebe Schwestern und Brüder, zeigt uns die Gottesliebe an. Wer auf die Dauer die Selbstannahme und die Nächstenliebe durchtragen und sich so treu bleiben will, der braucht ein Fundament, auf dem er steht. Gerade angesichts der vielfältigen Herausforderungen und Probleme des Lebens bedarf jeder von uns einer klaren Orientierung und eines sicheren Halts. Der einstige UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, ein überzeugter Christ, der mit beiden Beinen auf der Erde stand, schrieb einmal in sein Tagebuch: "Das Seil über den Abgrund wird von denen gespannt, die es im Himmel festmachen." Wir können auf Dauer uns selbst und den Nächsten nur lieben und die damit verbundenen Herausforderungen und Probleme nur dann meistern, wenn wir immer wieder neu aus dem ewigen Brunnen der Liebe Gottes schöpfen. Wer diese Verbindung hält und pflegt, kann sich auch an den anderen verschenken und ihn an dem teilhaben lassen, was ihn selbst erfüllt.


Von Gott beschenkt, können wir andere beschenken. Nicht umsonst!


In Solschenizyns Roman "Krebsstation" wird einmal die Frage gestellt: "Wovon leben die Menschen?" Dieser Frage muss sich jeder von uns stellen. Denn kein Mensch kann vom Brot allein leben, er braucht auch die Liebe, das Wohlwollen und die Anerkennung anderer. Der Sinn unseres Lebens, das, wovon wir leben, ist: zu lieben und geliebt zu werden. Wir Christen glauben, dass dies möglich ist, weil Gott uns zuerst geliebt hat, weil wir umsonst von ihm geliebt sind (vgl. 1 Joh 4,19). Ja, Gott hat uns von Ewigkeit her beim Namen gerufen und uns in das Buch des Lebens eingetragen. Noch bevor wir überhaupt von uns selbst wussten, wusste Gott von uns und liebte uns so, als wären wir die einzigen Wesen auf der ganzen Erde. Das gibt uns nicht nur unsere Daseinsberechtigung, sondern auch einen sicheren Boden unter den Füßen und eine verlässliche Orientierung im Leben. Ein Mensch, der dieses Wunder des "zuerst" und "umsonst" geliebt ernsthaft wahrnimmt, kann darauf nur dankbar und mit Liebe antworten: mit Liebe zu Gott, zu seinem Nächsten und zu sich selbst. Und umgekehrt: Wer diese Erfahrung nicht machen kann, irrt oft ziellos durchs Leben und gerät nicht selten ins Wanken.


Schwestern und Brüder!

Viele Menschen erkennen nicht - ja, können aufgrund fehlender Erfahrung gar nicht erkennen -, dass die Selbstliebe, die Nächstenliebe und die Gottesliebe wie drei Seiten eines Dreiecks zusammenhängen, also eine Einheit sind. Ich bin überzeugt: Jeder, der sein Herz Gott öffnet und die Frohe Botschaft Jesu Christi in sein Inneres aufnimmt, hat auch ein Herz für sich und für den Nächsten. Diese dreifache Liebe, die eigentlich eine ist, bringt Harmonie, inneres Gleichgewicht und Sicherheit ins eigene Leben - und lässt uns zu reifen Persönlichkeiten heranwachsen. So gesehen, stehen wir vor der lebenslangen Aufgabe, diesen Schlüssel zum Glück in die Hand zu nehmen und zu benutzen. So werden wir die Tür zu öffnen zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und zu Gott, der die Liebe in Person ist und uns immer mit seiner Liebe umfängt. Insofern tun wir gut daran, mit der heutigen Bistumswallfahrt genau diesen Akzent zu setzen und uns daran erinnern zu lassen: Wir sind und bleiben als Christen miteinander unterwegs: ob in Erfurt oder Paderborn, ob im Thüringer Land oder im Sauerland. Denn wir sind "zuerst" und "umsonst" geliebt. Amen.


Gehalten auf der Marienwiese des Erfurter Domberges am 21. September 2008




Fotos: BistumsPressedienstErfurt / Peter Weidemann

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