Herr Bischof, die für Thüringen zuständigen katholischen und evangelischen Bischöfe haben am Donnerstag in der Staatskanzlei mit Ministerpräsident Dieter Althaus gesprochen. Sind Sie zufrieden mit dem Verhältnis zur Landesregierung?
Dieses Treffen hat eine gewisse Routine, und ich bin durchaus dankbar für die Kontinuität der gegenseitigen Konsultation. Diesmal war der Landeshaushalt Schwerpunkt. Wir haben mit Nachdruck kritisiert, dass man uns so lange im Ungewissen ließ, was die Kürzungen angeht. Die Kirchen haben schließlich eine Verantwortung gegenüber ihren angestellten Mitarbeitern. Allein die Katholische Kirche beschäftigt in Thüringen rund 5000 Menschen, wobei die Krankenhäuser und Heime meist in Stiftungen organisiert sind. Mit Herrn Althaus wurden aber auch andere Themen besprochen. Zum Beispiel der Weltjugendtag im August.
Findet der nicht in Köln statt?
Das ist richtig, aber in Thüringen wird es eine Vorwoche geben. Wir erwarten dazu 3000 bis 4000 junge Katholiken aus drei Kontinenten. Eine, wie ich finde, ausgezeichnete Gelegenheit, den Freistaat Thüringen bekannter zu machen.
Eben dieser Freistaat schneidet aus Geldnot tief in soziale Betreuungsbereiche. Das kann Ihnen doch nicht egal sein.
Natürlich nicht. Bei allem Verständnis für Sparzwänge müssen wir darauf achten, dass diesen nicht alles zum Opfer fällt. In den Jahren nach der Wende ist bei uns viel Gutes entstanden. Allein die Betreuungsstätten für Behinderte unterscheiden sich himmelweit von dem, was wir zu DDR-Zeiten hatten. Worum ich mich besonders sorge, sind die nach der Wende entstandenen Beratungsstrukturen. Das reicht von der Schuldnerberatung, die ich eine segensreiche Einrichtung nenne, über die Suchtberatung bis hin zur Telefonseelsorge. Und auch dort, wo viele Ehrenamtliche arbeiten wie in der Hospizarbeit, braucht es so etwas wie ein hauptamtliches Skelett, damit das Ganze funktioniert. Das kostet natürlich Geld. Wenn finanzielle Nöte wachsen, muss man sehr genau abwägen, was verzichtbar ist und was nicht.
Wachsen die Nöte der Menschen mit Hartz IV?
Das lässt sich so noch nicht sagen. Auch warne ich vor der Annahme, der Staat könne den Menschen vor allen Lebensrisiken bewahren. Wofür er aber sorgen muss, ist die Chancengleichheit. In der Verantwortung des Einzelnen liegt es dann, wie er diese Chancen nutzt.
Also Schluss mit Rufen nach dem Staat, dieser alten DDR-Gewohnheit?
In der Tat, das ist vielleicht eine der Hypotheken aus dem alten System. Die Gleichheitsideale sind bei uns sehr hoch, und viele erwarten staatliche Fürsorge von der Wiege bis zur Bahre. Ich will aber keineswegs das Kind mit dem Bade ausschütten: Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, kann der Einzelne kaum sein Glück machen. Hier steht der Staat in der Verantwortung.
Mit den Kirchen als Werkstatt für soziale Reparaturfälle?
Nicht selten sind wir so etwas wie die Feuerwehr. Aber diese Rolle können Kirchen nicht ausfüllen. Unser eigentliches Anliegen ist und bleibt ein religiöses. Wir haben das Evangelium zu verkünden und wollen die Menschen zum Nachdenken anregen, was nach dem Tode kommt und dass das ewige Leben etwas mit dem jetzigen zu tun hat. Und gerade deshalb ermuntere ich unsere Christen, sich nicht von der Welt abzuschotten, sondern sich zu engagieren, die Demokratie zu stärken und für das Gemeinwohl einzutreten.
Die spirituelle Seite des Lebens ist den meisten egal, wenn Arbeitslosigkeit ihre Existenz bedroht. Was sagen Sie denen?
Wir werden uns immer dafür stark machen, dass Arbeitslosigkeit bekämpft wird. Denn Arbeit ist weit mehr als der notwendige Gelderwerb, sie hat mit Lebenssinn zu tun. Gerade für junge Leute ist es unerträglich, wenn sie da keine Perspektive sehen und sich allein gelassen fühlen. Die rechtsextremen Rattenfänger setzen nicht umsonst an diesem Punkt an.
Zwei Grundprinzipien sind die Basis des Gemeinwohls: Einmal die Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Und dann, dass der Mensch Vorrang hat vor dem Kapital. Nur werden wir diese Grundprinzipien im Zeitalter der Globalisierung allein auf nationaler Ebene nicht mehr durchsetzen können. Hier gibt es einen Punktsieg der Wirtschaft gegenüber der Politik. Was ein Bismarck noch mit der Einführung der Sozialgesetze in Deutschland schaffte, ist heute eine Aufgabe für die europäische Ebene, wenn nicht gar eine weltumspannende Aufgabe.
Ihre Kirche besteht auf die besondere Förderung von Ehe und Familie. Ist aber das Pochen auf den Trauschein nicht von der Wirklichkeit längst überholt?
Das hat nichts mit Realitätsblindheit zu tun, wir nehmen die Wirklichkeit sehr wohl wahr, wie sie ist. Doch etwas wahrzunehmen heißt nicht, alles zu akzeptieren, also gutzuheißen. Ich will mich jetzt gar nicht auf die moralische Schiene setzen oder behaupten, in nichtehelichen Gemeinschaften würden Kinder schlecht betreut und erzogen. Aber die Kirche hält das Ideal der lebenslangen Bindung und Verlässlichkeit in der Partnerschaft hoch. Zugegeben: Lange Ausbildungszeiten und die berufliche Mobilität, um nur diese Punkte zu nennen, machen die Entscheidung dazu nicht gerade leicht. Darum sage ich unseren Seelsorgern immer wieder: Macht den jungen Leuten Mut, sich auf dauerhafte Bindungen einzulassen. Die Sehnsucht nach verlässlichen Partnerschaften ist doch vorhanden. Zudem ist Stabilität in privaten Beziehungen auch im Interesse der Gesellschaft, oder sehe ich das falsch?
Wir wollen Ihnen nicht unterstellen, Sie betrachteten die Ehe als Allheilmittel für das demographische Problem unserer Gesellschaft.
Kinder zu bekommen ist eine Einstellungssache, und da geht es gewiss nicht in erster Linie um wirtschaftliche Fragen, sondern um die Freude sich weiterzuschenken und offen zu sein für die Weiterabe des Lebens. Der katholische Standpunkt lautet: Eltern müssen in der Lage sein, ihre Kinder verantwortet in die Welt zu setzen. Und da sind wir wieder beim gesellschaftlichen Ganzen. Kinder müssen willkommen sein und dürfen nicht zu einer finanziellen Schieflage führen. Da muss sich etwas ändern, auch wenn durch finanzielle Zuschüsse allein keine Kinder in die Welt gesetzt werden.
Die katholische Welt ist in Sorge um die Gesundheit ihres Oberhauptes und kann Spekulationen um die Papst-Nachfolge nicht vermeiden. Wäre ein Rücktritt des 84-jährigen Pontifex denkbar?
Ich denke nein. Es würde nicht zur Persönlichkeit von Johannes Paul passen. Er weiß, glaube ich, sehr genau, was er will. Was er für die Welt wirklich geleistet hat, seine Rolle in den Befreiungsprozessen Europas und als unerschütterlicher Fels in der Brandung der ethischen Fragestellungen, das alles wird wohl erst nach seinem Tode die volle historische Würdigung finden. Ü;ber seinen Nachfolger möchte ich wirklich nicht spekulieren.
Fragen: Volkhard Paczulla, OTZ
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