Dem Evangelium eine Tür öffnen

Ansprache von Bischof Joachim Wanke zur Frage, wofür die Kirche im Eichsfeld taugen soll

Placida Empfang im Mutterhaus der Heiligenstädter Schulschwestern am Freitag, 4. März 2005


Das Mutterhaus der Heiligenstädter Schulschwestern - jetzt wieder zu unserer Freude Sitz der Generaloberin - hat zu einem Empfang eingeladen. Darüber freuen wir uns und danken Ihnen, liebe Schwester Aloisia, sehr herzlich. Die selige Placida ist die Schirmherrin unseres Zusammenseins - Erinnerung daran, dass wir als Kirche auf dem Weg ins himmlische Jerusalem sind. Aber auf diesem Weg haben wir eben noch einiges zu tun!


Ich sage dies in einem Haus und vor einer Ordensgemeinschaft, die das Gesicht der Kirche hier im Eichsfeld über Generationen mitgeprägt hat. Manche markante Schwesterngestalten haben sich in die Erinnerung der Eichsfelder - und nicht nur der Eichsfelder - eingegraben. Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen und Lehrerinnen, Krankenpflegerinnen und stille Beterinnen - sie alle haben das Bild von Kirche hierzulande ansehnlich gemacht, und sie tun es bis heute. Mein und unser aller Dank gilt dem Einsatz Ihrer Kongregation. Wir sind froh und dankbar, Sie in unserer Mitte zu haben.


Meine kurze Rede will entfalten, wie sich dieser vielgestaltige Dienst der Schwestern in den grundlegenden Auftrag der Kirche im Eichsfeld einordnet. Wozu soll Kirche taugen? Wozu ist sie eigentlich da?


Die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi bleibt für alle Zeiten die Mitte des kirchlichen Auftrags. Dazu ist jeder einzelne Getaufte und Gefirmte berufen, aber auch die Kirche als sichtbare und öffentlich wahrgenommene Gemeinschaft. Wir sind nicht Sozialanstalt oder Kultureinrichtung, auch nicht eine religiöse Partei oder ein Verein zur Pflege frommer Bräuche - wir sind als Kirche und sollen es immer mehr sein: Wegführer zum Himmel Gottes, zu seinem Reich, zu seinem Leben.



Der Weg der Kirche im Wandel der Zeiten


So sehr das Evangelium als Einladung zu einem Leben aus Gottes Verheißung und Kraft eine zeitlose Botschaft ist, so wird doch die Art und Weise der Präsentation dieses Evangeliums durch die jeweilige Situation in der Gesellschaft und durch das sich verändernde Denken und Empfinden der Menschen beeinflusst.


In der jüngeren Geschichte unserer Kirche hierzulande gab es zwei tiefe Einschnitte: das Kriegsende 1945 mit seinen Auswirkungen und die sogenannte politische "Wende" 1989/90. Drei politische Systeme, die gegensätzlicher nicht sein können, haben die Älteren unter uns erlebt: die Nazizeit, den DDR-Staat und nun den demokratisch-freiheitlichen Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland. Im Gefolge dieses raschen Wechsels gab es tief greifende Veränderungen im Leben unserer Pfarrgemeinden, Bedrängnisse und Verfolgungen mancher Art, aber eben auch wie jetzt nach der "Wende" eine Zeit des Aufatmens und neuer Hoffnung.


Im Wissen um Veränderungen, deren Eintreten und deren Auswirkungen nicht in unsere Verfügung gegeben sind, haben wir uns zu fragen, welche Aufgaben unserer Kirche heute und morgen gestellt sind und vor allem - wie diese angegangen werden sollen. Grundlegende Wegweisungen haben dazu das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965) und die beiden Synoden der Diözesen in der Bundesrepublik (1971-1975) und der DDR (1973-1975) gegeben. Schon in den Jahrzehnten der DDR wurde versucht, diese Vorgaben für das Leben auch unserer Gemeinden fruchtbar zu machen. Unvergessen ist dabei besonders das Wirken von Bischof Hugo Aufderbeck (gest. 1981), der sich unermüdlich und mit großer Geduld für ein biblisch fundiertes und der Mitarbeit der Laien verpflichtetes Kirchenbild einsetzte.


Derzeit muss das "Gewand" unserer Ortskirche den veränderten Zahlen- und Finanzverhältnissen angepasst werden. Das Netz der Gemeinden wird weitmaschiger und die Zahl der hauptamtlich in der Seelsorge Tätigen wird geringer. Das darf jedoch nicht dazu führen, den Grundauftrag zu vernachlässigen, den unsere Bistumskirche hat: Gott in den Blick zu rücken, wie er sich uns in Jesus Christus erschlossen hat, miteinander Gemeinde des Herrn zu sein und möglichst viele Menschen in diesem Freistaat einzuladen, mit uns zusammen "Reich-Gottes-Anwärter" zu werden. Die Chancen und Möglichkeiten, Menschen mit der Botschaft des Evangeliums zu berühren, sind durchaus auch heute gegeben.



Zur Situation in den Nachwendejahren


Eine wichtige Entscheidung, in Solidarität mit der ganzen katholischen Kirche in Deutschland getroffen, war die Bistumsgründung 1994. Damit war bei aller Kontinuität des kirchlich-katholischen Lebens in der thüringischen Diaspora und im Eichsfeld der Wille zu einem Neuanfang zum Ausdruck gebracht. Wir sind hier in Thüringen, und ich meine: auch im Eichsfeld, eine - durchaus aus alten christlichen Wurzeln gespeiste - neuzeitliche Missionskirche, die ihren Weg in der Spannung von Bewahren und sich Bewähren immer neu finden muss.


Das wichtigste Signal, dass unsere Bistumskirche aussendet, ist dieses: Das Evangelium Jesu Christi gehört originär zu Thüringen dazu. Der christliche Glaube hat hier nicht nur geschichtliche Wurzeln, er hat hier nicht nur eine reiche, auch evangelische Geschichte, sondern er prägt Gegenwart und Zukunft dieses Kulturraumes mit. Darum ist unser Blick nicht auf die Vergangenheit gerichtet, sondern auf das, was heute für uns Christen und unsere Sendung ansteht - und das ist durchaus chancenreich und noch längst nicht erschöpfend in seinen Möglichkeiten erkundet, geschweige denn angepackt.


Die Jahrzehnte der Vorwendezeit waren - schwerpunktmäßig und durch staatliche Einengungen bedingt - weithin dem Aufbau und der Festigung der Pfarrgemeinden gewidmet. Nach dem politischen Umbruch, mit Eintritt der Kirche in eine offene Gesellschaft und der verschärften Wahrnehmung unserer Minderheitensituation als Christen im Freistaat verlagerte sich die Aufmerksamkeit in der Seelsorge auf das Anliegen einer missionarischen Präsenz von Kirche und Gottesglaube. Die dazu gehörigen Lernschritte in einem Prozess, der "das Licht (des Evangeliums) auf den Leuchter stellen" will, sind noch längst nicht hinreichend gemacht. Der Erfurter Pastoralkongress im Jahr 2003 "Das Evangelium - Licht für uns, Licht für alle" war ein kräftiger Impuls auf diesem Weg. Weitere müssen folgen.



Wozu Kirche taugen soll


Die wichtigste Aufgabe der Kirche ist es, sich der Seelsorge widmen. Dazu ist Kirche da. Dazu soll sie taugen. Sie soll sich um das Heil der Menschen kümmern. Sie soll Seele und Geist, Verstand und Gemüt des Menschen ausrichten auf den ewigen Gott und das Leben mit ihm in Zeit und Ewigkeit. Dass sie dazu auch konkrete Caritasarbeit betreibt und sich zu gesellschaftspolitischen Fragen äußert, ist darin mit eingeschlossen. Aber wir dürfen uns als Kirche nicht in Nebenaufgaben verlieren. Im diesjährigen Hirtenbrief hatte ich geschrieben: Was mich als Bischof bedrängt, ist die Vorstellung: Ein Thüringer würde nach seinem Tode vor Gott stehen und zu ihm sagen: "Ich habe noch nie etwas von dir gehört!" Solche Unkenntnis gibt es vermutlich auch in Heiligenstadt und Leinefelde.


Sicherlich hat Gott tausend Möglichkeiten, das Herz der Menschen auch heute zu berühren. Aber zunächst einmal ist es Aufgabe der Kirche, von Gottes Liebe, seinen Verheißungen, seinem heiligen Willen Zeugnis zu geben, und zwar so, dass alle Menschen davon erfahren. Unsere Bistumskirche sollte darum mit allen Kräften eine Kirche der Heilssorge sein und bleiben. Das bedeutet: Sie soll den Menschen in diesem Land helfen, sich mit allen Glaubenden zusammen dem österlichen Licht auszusetzen und dadurch Orientierung und Hoffnung für das eigene Leben zu gewinnen.


Dazu ist eine noch mehr in die Tiefe gehende Veränderung in unserem Bewusstsein und Verhalten als Glieder der Kirche notwendig. Seelsorge als zentrale Lebensäußerung von Kirche kann nicht allein Sache von Pfarrern und professionell zugerüsteten Frauen und Männern sein. Träger des Osterlichtes sind alle Getauften und Gefirmten. Darum gerade auch hier im Eichsfeld, wo die Hälfte aller Katholiken Thüringens lebt, mein dringlicher Appell: Ehrenamtliches Wirken als katholische Christen erschöpft sich beileibe nicht in dieser oder jener Aktivität innerhalb der Pfarrgemeinde oder in einem katholischen Verband- so wichtig diese Beiträge auch sind. Mehr noch als früher wird in der Zeit, die vor uns liegt, das Christsein zu einer Frage persönlicher Entschiedenheit und dadurch zu einer Herausforderung, sich auch im Blick auf die eigene religiöse Grundüberzeugung von anderen "ins Herz schauen zu lassen".


Jesus Christus und seine Lebensmächtigkeit entdeckt man gleichsam "im Angesicht", in der Biographie gläubiger Menschen, etwa gerade auch der Heiligenstädter Schulschwestern. So geht der christliche Glaube durch die Jahrhunderte, von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter, von Freund zu Freund, von Nachbar zu Nachbar, von Mensch zu Mensch. Das gilt auch für unsere modernen Lebensverhältnisse, gerade weil diese die Menschen oftmals vereinzeln und voneinander isolieren. Die Suche nach glückenden Beziehungen ist für den heutigen Menschen häufig ein Einfallstor von Transzendenz. Es braucht eine kreative Phantasie und Bereitschaft in unseren Gemeinden und Gemeinschaften, die Fragen und Sehnsüchte der Menschen, die ja auch die unsrigen sind, mit unserem Gottesglauben auf überzeugende Weise in Beziehung zu bringen.


Zu einer selbstbewussten Glaubensentschiedenheit heranreifen und einander und Außenstehenden gegenüber in Glaubensdingen "das Herz auftun" - das ist die seelsorgliche Forderung der Stunde.

Ich skizziere einmal drei Bereiche, in denen das verstärkt passieren sollte:



1. Unsere Ehen und Familien


Ohne Familien, in denen gebetet wird, predigen wir Pfarrer vergebens! Ohne Eltern, die ihren Kindern Gottvertrauen einstiften, feiern wir umsonst Gottesdienst. Wie können wir christliche Zeichen und Erinnerungspunkte an Gottes Gegenwart in unsere Häuser und Familien holen? Die Kirchtürme in unseren Städten und Dörfer reichen nicht. Es braucht Phantasie und Mut, auch in Zimmern, in denen der Fernseher steht, ein Kreuzzeichen zu machen. Ich denke an das junge Ehepaar, dass jeden Morgen, vor dem Aufbruch zu dem eine Autostunde entfernten Arbeitsplatz, sich gegenseitig ein Kreuz auf die Stirn zeichnet. Glaube - der konkret wird, anfassbar, anschaulich. Hier muss uns allen, auch uns Seelsorgern noch mehr Einfallsreichtum geschenkt werden. Adolf Kolping hat gesagt: Im Hause fängt an, was in der Kirche leuchten soll - und wohl dann auch in der Gesellschaft.



2. Unser ganz persönlicher Lebensalltag


Wir brauchen eine moderne Frömmigkeit, die imstande ist, der Ausdünnung der Gottesgegenwart von Montag bis Freitag -also im Alltag, so wie er heute ist - zu wehren. Es braucht eine neue Fähigkeit und Kunst des Betens. Warum können Muslime in ihrem Alltag wie selbstverständlich öffentlich beten? Wir modernen, gehetzten und vielbeschäftigten Menschen sind Analphabeten im Gebet geworden. Wir können so vieles, durchaus auch Erstaunliches - und können doch das eine Entscheidende nicht: uns in Gott zu sammeln und bei ihm zu sein. Ich meine: Wir bräuchten dringender als Gemeindefeste und neue Kirchendächer - Menschen, die uns beten lehren. Die uns helfen, in der Gottesgegenwart zu verweilen. Ihr Ordensschwestern - eben auch deshalb brauchen wir euch!


Das katholische Brauchtum des Eichsfeldes z. B. braucht Menschen, die dem Brauchtum geistlich "Seele geben". Gottlob - solche Menschen gibt es. Ich wünschte nur, sie hätten mehr Mut und Selbstvertrauen, sich als solche in Gott verwurzelte Menschen zu zeigen.

Wir brauchen schließlich Mut, auch



3. in die Gesellschaft hinein


den "Duft des Evangeliums" auszubreiten. Das Bild stammt nicht von mir, sondern vom hl. Paulus (vgl. 2 Kor 2,14). Ich gebrauche gern den Vergleich mit der Parfüm-Flasche, weil er treffend die doppelte Aufgabe der Kirche zum Ausdruck bringt: Ein Parfüm-Fläschchen verbreitet nur guten Duft, wenn oben der Verschluss geöffnet ist - und wenn noch genügend Substanz zum Duften vorhanden ist. Auch eine leere Parfüm-Flasche duftet zwar noch eine Zeit lang - aber nicht mehr lange.


Wie schaut es bei uns im Eichsfeld aus? Ohne Zweifel - es "duftet" noch hie und da nach christlichem Geist. Aber - wir sollten das Nachfüllen nicht vergessen! Das ist die erste, wichtige Aufgabe: In Verbindung bleiben mit den Quellen des Glaubens, mit Gottes Wort, mit den heiligen Sakramenten, mit dem Gottesdienst der Kirche, und das begleitet mit dem persönlichen Gebet und der Heiligung des eigenen Lebensalltages.


Aber dazu muss das Zweite kommen: Es gilt, oben den "Verschluss zu öffnen"! Die Männerwallfahrt allein reicht nicht, wenn nicht Männer in Politik und Wirtschaft den Geist des Evangeliums zum Zuge kommen lassen. Die Frauenwallfahrt und all die kleinen und größeren Wallfahrten in dieser Region wären nur ein schöner Schein, wenn es da nicht Mütter, Frauen und Mädchen gäbe, die Christi Geist in die Welt tragen, in ihren Alltag, in ihren Beruf, in ihre Ehen und Familien. Im Jahr 2007 werden wir des Geburtstages der hl. Elisabeth vor 800 Jahren gedenken. Das ist eine einmalige Chance, sich neu auf diese Durchdringung des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens mit dem Ferment der Gottes- und Nächstenliebe zu besinnen.


Beides also ist wichtig: immer wieder aufzutanken dort, wo Gott uns berühren und ermuntern will - durch sein Wort, durch seine heiligen Sakramente, aber eben auch dann in der Kraft Gottes unseren Weg als Christen zu gehen und andere dabei mitzunehmen.


Ich möchte allen katholischen und auch evangelischen Christen danken, die hier im Eichsfeld und wo immer sie ihren Mann, ihre Frau stehen, einem überzeugendem Gottesglauben ihr Gesicht geben. Und das seid gottlob nicht nur Ihr Ordensschwestern! Wir brauchen uns als Christen nicht zu verstecken. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass durch die Art unseres demütig-selbstbewussten Christseins etwas vom "Duft", vom Geist Christi durch uns immer wieder neu in diese Region hineinkommt und in ihr erhalten bleibt.


Unsere Ordensschwestern haben es mit dem Zeugnis-Geben etwas leichter als die Laienchristen. Die Schwestern haben ihr Ordensgewand! Aber ihr Ordensleute wisst es selbst am besten: Ein Ordenskleid macht noch keinen Franziskaner. Kleider machen vielleicht Leute, aber nicht Christen. Was uns kleidet - ob Pfarrer, Ordensleute oder Christen mitten in der Welt - sagt der Apostel Paulus mit diesen Worten: "Bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut und Geduld" (Kol 3,12-14). Und an anderer Stelle heißt es: "Ziehet den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit" (Eph 4, 24).


Und ich meine, ich hätte soeben die selige Placida gehört, wie sie AMEN gesagt hat!



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