Dem Bund Gottes gerecht werden

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr am Gründonnerstag, 1. April 2021

 

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,


das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern ist ein geschichtlich ungemein bedeutsames Ereignis. Es begründet nämlich, wie es im Einsetzungsbericht der heiligen Messe heißt, einen neuen und ewigen Bund. Der Apostel Paulus überliefert wie der Evangelist Lukas die Worte Jesu so: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“ (1 Kor 11,25) Die Evangelisten Matthäus und Markus überliefern die Worte: „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ (Mk 14,24; Mt 26,28) Dass dieser Bund ein ewiger Bund ist, greift zurück auf die Verheißung des Propheten Jeremia: „Siehe, Tage kommen – Spruch des Herrn – da schließe ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund. Er ist nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe an dem Tag, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen. Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter war – Spruch des Herrn. Sondern so wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe – Spruch des Herrn: Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben. Ich werde ihnen Gott sein und sie werden mir Volk sein.“ (Jer 31,31-33) In dieser Verheißung wird deutlich, dass der neue Bund kein Vertrag ist oder ein Bündnis, sondern eine tiefe persönliche Beziehung, die nicht nur auf äußerlicher Vertragstreue beruht, sondern auf innerer Übereinstimmung. So heißt es im Lobgesang des Zacharias: „Er hat das Erbarmen mit den Vätern an uns vollendet und an seinen heiligen Bund gedacht, an den Eid, den er unserem Vater Abraham geschworen hat. Er hat uns geschenkt, dass wir aus Feindeshand befreit ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsere Tage.“ (Lk 1,72-75)

Hier wird auch an den Bund Gottes mit Abraham erinnert, den Jesus Christus mit dem neuen Bund nicht aufgehoben, sondern erneuert hat. Der neue Bund ist der vierte Bund Gottes mit seinem Volk: Nach dem Bund Gottes mit Noah am Ende der Sintflut unter dem Zeichen des Regenbogens wurde der Bund Gottes mit Abraham gegründet unter dem Zeichen der Beschneidung. Am Berg Sinai schloss Gott einen Bund mit Moses, dessen äußeres Zeichen das Einhalten des Sabbatgebotes ist. In der Tradition dieser Bundesschlüsse steht bis heute das Volk der Juden. Aus Sicht der katholischen Kirche bestehen diese Bundesschlüsse fort, das heißt das Volk der Juden steht nach wie vor im Bund mit Gott. Dies hat Paulus schon im Römerbrief verdeutlicht: „Von ihrer Erwählung her sind sie (die Juden) Geliebte und das um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes.“ (Röm 11,28-29) Papst Benedikt XVI. hat darauf hingewiesen, dass der griechische Begriff besser mit „unbereut“ wiedergegeben würde, das heißt, dass Gott die Berufung des Volkes Israel nicht bereut. Dieser Ausdruck bringt das Persönliche des Bundesgedankens besser zum Ausdruck. Wir Christen wurden nicht durch Abstammung und Geburt in das Bundesvolk Gottes eingegliedert, sondern durch den Empfang der Taufe, als wir hineingetaucht wurden in das Erlösungswerk Jesu Christi, mit dem er einen neuen und ewigen Bund begründet hat. Dies ist das innere Geheimnis der Kirche, dem sie wohl nie vollumfänglich gerecht werden wird, der sie aber auch nie verlassen hat. Auch in dunklen Abschnitten der Geschichte der Kirche, als sie sich weit vom Weg des Evangeliums entfernt hatte, hat es immer Christen gegeben, die den Bund mit Gott lebendig und persönlich gestaltet haben, sodass er ihr Leben im Geist des Evangeliums geprägt hat. Das ist auch heute der Fall. Wir müssen mit Schrecken wahrnehmen, welche Verbrechen des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen in unserer Kirche geschehen sind und wie wenig das Leid der Opfer bedacht worden ist. Wir erleben in unserer Kirche gehässigen Streit und tiefes Misstrauen. Aber dennoch gibt es trotz der Infektionsschutzmaßnahmen viele Christen, die miteinander als das Volk des neuen Bundes mit Gott leben und aus der Gemeinschaft mit Jesus Christus, der diesen Bund begründet hat, ihr Leben und ihre Welt gestalten. Viele bemühen sich nach Kräften und mit Erfolg darum, den Auftrag Jesu zu verwirklichen: „Ich habe Euch ein Beispiel gegeben, damit auch Ihr so handelt, wie ich an Euch gehandelt habe.“ (Joh 13,15)