"Dass die deutsche Vereinigung chancenreich und hoffnungsvoll erfahrbar bleibe"

Offener Brief von Bischof Joachim Wanke

Offener Brief von Bischof Wanke an die Thüringer Landesregierung und die Thüringer Bundes- und Landtagsabgeordneten

Erfurt (BiP). Im Folgenden ist der Text eines offenen Briefes von Bischof Dr. Joachim Wanke an die Thüringer Landesregierung und die Thüringer Bundes- und Landtagsabgeordneten dokumentiert. Die Adressaten sind unter dem Datum des 13. März 2001 persönlich angeschrieben worden.

Dokumentation:

Joachim Wanke
Bischof von Erfurt

Offener Brief
an die Thüringer Landesregierung
und die Thüringer Bundes- und Landtagsabgeordneten

Anrede,

mit diesem Schreiben wende ich mich an Sie in einem mir wichtigen Anliegen, mit dem ich in letzter Zeit bei Besuchen in den Pfarrgemeinden in vielen Gesprächen konfrontiert werde: Es geht um die Tatsache, dass doch eine beachtliche Zahl von besonders jungen Menschen aus beruflichen Gründen in die westlichen Bundesländer abwandern muss.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit vor der politischen Wende. Damals verließen ganze Familien ihre gewohnte Umgebung. Das geschah sicherlich aus anderen Gründen als heute, aber die Flucht- und Ausbürgerungswelle lähmte seinerzeit den Mut derer, die bleiben wollten. Dennoch habe ich vor der Wende insbesondere die katholischen Christen ermutigt, nicht zu resignieren und ihre persönliche Lebensplanung nicht allein von politischen Verhältnissen abhängig zu machen.

Sicherlich ist die fehlende Freiheit von damals nicht einfach mit dem heutigen Mangel an beruflichen Perspektiven zu vergleichen. Aber angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage in den jungen Bundesländern verlassen vor allem Jugendliche und junge Familien den Osten, um in den alten Ländern einer Ausbildung nachzugehen oder einen Arbeitsplatz zu finden.

Diese Entwicklung ist besorgniserregend - ich sehe diese auch als Bischof mit Sorge im Blick auf die Zukunft unserer Pfarrgemeinden. Doch geht es mir nicht allein darum. Es geht mir um die gesamte gesellschaftspolitische Entwicklung zwischen Ost und West und letztlich um das Gelingen der deutschen Einheit.

Wir müssen die Realitäten zur Kenntnis nehmen. Die Wirtschaftsdaten in Ost und West zeigen keine gleichmäßige Entwicklung an. Die Schere zwischen Ost und West ist seit einigen Jahren sogar wieder auseinander gegangen.

Daher ist es wichtig, nach wie vor die Einheit Deutschlands nachhaltig mit Leben zu erfüllen, um Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen von Menschen und Regionen weiter abbauen zu können. Es fällt mir als Seelsorger sehr schwer, die Menschen zum Bleiben in unserem Freistaat aufzufordern, wenn diese Entwicklung nicht gestoppt werden kann.

Um langfristige Abhängigkeiten des Ostens vom Westen und zunehmende Abwanderung von Ost nach West zu vermeiden, sind weiterhin solidarische Formen der Unterstützung und außerordentliche Anstrengungen notwendig.

Aus diesem Grunde begrüße und unterstütze ich ausdrücklich alle politischen Bemühungen - beispielsweise den Vorschlag der Thüringer Landesregierung für ein Sonderprogramm Ost - die zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im vereinten Deutschland beitragen.

Gerade in schwierigen Situationen ist es auch eine Aufgabe der Kirche, Hilfe für den Dialog anzubieten und für Solidarität einzutreten. In diesem Sinne verstehe ich mein Schreiben.

Ich möchte deshalb bitten, in Ihrem Verantwortungsbereich weiterhin mitzuhelfen, dass die deutsche Vereinigung auch in ihrem zweiten Jahrzehnt für die Menschen in Ost und West in gleicher Weise als chancenreich und hoffnungsvoll erfahrbar bleibt.

Indem ich Ihnen für Ihren verantwortungsvollen Dienst in der Politik Gottes Segen wünsche, verbleibe ich mit freundlichem Gruß

13.3.2001

gez.
Bischof Dr. Joachim Wanke



link