"Der Weihnachtsmarkt ist nach Einbruch der Dunkelheit noch schöner als am Tage!" Das hörte ich oft in den vorweihnachtlichen Tagen. Und am schönsten sei der Blick von der Höhe des Petersberges auf den im Weihnachtsglanz leuchtenden Domplatz - ohne Gedränge und Geschiebe der Besuchermassen und ohne die Gerüche der Glühweinschwaden und Bratwurstbuden!
Der Mensch ist für das Licht geschaffen. Das ist ein Urteil, dem wir gern zustimmen werden. Und Kunstlicht auf Dauer ist doch nur ein Ersatz des wahren Lichtes. So erfreulich die Lichter am Weihnachtsbaum in dieser Zeit auch leuchten mögen, wir warten doch sehnsüchtig darauf, dass nun die Nächte wieder kürzer und die Tage länger und heller werden.
"Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt", so hörten wir soeben im Prolog des Johannesevangeliums, der Jahr für Jahr in der Weihnachtsmesse (am Tage) als Evangelium gelesen wird. Die Heilige Schrift benützt gern das Gegensatzpaar Licht - Finsternis, um die Bedeutung der Frohbotschaft herauszustellen, gerade an den großen Festen des Kirchenjahres wie Weihnachten und Ostern.
I.
Wir müssen uns vor Augen halten, was unser Glaube bekennt: Wenn wir vor dem Kind in der Krippe unser Knie beugen, beugen wir es vor Gott, der uns in diesem Menschenkind begegnen will. "Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott ..." so heißt es im Credo der Kirche. Der Hebräerbrief, aus dem wir soeben eine Lesung hörten, sagt: Gott schenkt uns in Jesus "den Abglanz seiner Herrlichkeit, ein Abbild seines Wesens" (Hebr 1,3). Das ist das unfassbare Geheimnis dieses Festtages: In Bethlehem ist nicht nur ein bedeutender Mensch geboren, ein Vorbild an Nächstenliebe und aller möglichen Tugenden. Das wäre zu wenig.
Der alle Wirklichkeit im Dasein erhält, der Schöpfer und Erhalter aller Dinge, "der Herr des Himmels und der Erde", wie Jesus den Vater in seinen Gebeten anreden kann - dieser gewaltige Gott macht sich berührbar, anschaubar, er wird mit uns eins in unserer menschlichen Natur, damit wir ihn nicht mehr irgendwo verzweifelt suchen müssen, nicht in Vernunftgründen begraben oder in ethischen Prinzipien verstecken müssen, sondern ihn in einem menschlichen Angesicht entdecken können: im Leben dieses Jesus von Nazareth, der mit uns lebte, litt und starb - der aber eben vom Dunkel des Todes nicht verschlungen werden konnte, sondern der das äußerste Dunkel, den Tod, mit seinem göttlichen Licht ausleuchtete und dem Tode somit seinen Schrecken nahm. "In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen" (Joh 1, 4).
II.
Dieses "Licht des Lebens" gilt es zu erfassen und zum eigenen Lebenslicht werden zu lassen. In vielen Variationen bringt das die Heilige Schrift als Einladung und Mahnung zu Gehör, etwa im Epheserbrief: "Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr durch den Herrn Licht geworden. Lebt als Kinder des Lichtes!" Und um diese Aufforderung konkret werden zu lassen fügt der Apostel hinzu: "Das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor. Prüft, was dem Herrn gefällt, und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen ..." (Eph 5,8ff).
Der 1. Thessalonicherbrief sagt es mit Hinweis auf die damit verbundene notwendige Wachsamkeit so: "Ihr aber, Brüder und Schwestern, lebt nicht im Finstern, so dass euch der Tag wie ein Dieb überraschen kann ... Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis. Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein" (1 Thess 5,4ff).
Ich solchen Sätzen spricht sich das Ü;berlegenheitsgefühl der jungen Christenheit gegenüber der heidnischen Umwelt aus, ein Selbstbewusstsein, das uns heute - aus verschiedensten Gründen - häufig so fehlt. Im Finstern dahinstolpern - oder im Licht seinen Weg gehen! Vor diese Alternative stellt uns die Botschaft von Weihnachten. Das Leben zu verschlafen - oder es als Chance zu sehen, in Christus Anschluss an das bleibende Leben zu gewinnen, an die Schar der Lebensanwärter, die vom Tode nicht mehr verschlungen werden können. Wer Weihnachten feiert, wählt das Leben. Er will Licht werden in Christus.
III.
Wie zeigt sich heute, in unserer geschichtlichen Stunde, eine solche Entscheidung für das Licht? Sie zeigt sich, wenn einer z. B. sagt:
Es ist gut ein Mensch zu sein.
Viele wagen das heute nicht zu sagen. Ihnen versinkt trotz aller Ablenkungen und Vergnügungen ihr Leben in Langeweile, in Schwermut, in Angst vor der Zukunft, in Neidgefühlen, in Sinnlosigkeit. Das Leben bejahen ist heute ein Glaubensbekenntnis: das Leben bejahen im Mutterschoß, das alte, gebrechlicher werdende Leben, das behinderte Leben, das Leben, das Trauer und Schmerzen aushalten muss. Sagen wir das heute wieder tapfer, uns selbst, und denen, die es notwendig haben zu hören: Es ist gut ein Mensch zu sein - weil Gott Mensch geworden ist, um uns an seinem Leben Anteil zu geben.
Der bekennt sich heute zu Weihnachten, der sagt:
Nicht viele Dinge zu haben, macht uns reich, sondern einander zu haben.
Im Augenblick machen uns wieder allerlei Unheilspropheten zu schaffen. Die Zukunft wird in düsteren Farben gemalt. Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, Rentnerarmut!
Liebe Schwestern und Brüder! Was macht uns wirklich reich? Dass wir Weihnachten feiern können. Dass wir Familien haben, in denen wir zueinander stehen und in guten wie in schweren Tagen zueinander halten. Dass wir als katholische Gemeinden zusammenstehen, in denen auch Einzelne und vom Leben Gezeichnete Halt und Zuwendung finden. Manches andere könnte ich hier noch aufzählen, manche gute Beispiele für Nächstenliebe, Lebenstapferkeit und Alltagssolidarität, die ich auch bei Nichtchristen sehe.
Lassen wir uns nicht ängstigen: Die wahre Zukunft wird nicht durch einen Konjunkturaufschwung allein gewonnen. Zukunft gewinnen Menschen, die mit ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten helfen - wirtschaftlich, politisch, kulturell, auch kirchlich - dass unsere Gesellschaft human bleibt, und damit meine ich: barmherzig, gerecht, solidarisch, auch realistisch und jedem Extremismus abgeneigt, ob nach rechts außen oder nach links außen. Wie sagt es der Epheserbrief? Das sind die Werke des Lichtes: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.
Eine Gesellschaft lebt nicht allein von der Ökonomie. Sie lebt von der Gerechtigkeit und Wahrheit, von der Achtung vor der Menschenwürde eines jeden Einzelnen und davon, dass wir von unserem Verstand Gebrauch machen, noch mehr: von den Kräften und den Begabungen unseres Herzens. Bleibt - auch vor der Wahlurne - nüchtern und wachsam! Wer den Himmel auf Erden verspricht, verspricht zu viel. Das eigene Herz in Gott festmachen und tapfer hier und jetzt miteinander und füreinander das tun, was uns möglich ist - das ist der Weg, den uns das Evangelium weist.
Und ich möchte einen dritten Satz nennen, an dem man die Kinder des Lichtes heute erkennen kann. Es sind jene, die sagen:
Religiös sein heißt, Gott zu verehren, nicht Gott zu spielen.
Bischof Franz Kamphaus hat das einmal so formuliert und damit eine wichtige Wegweisung gegeben. So sehr heute Religiosität wieder modern wird, so sehr wächst auch die Angst vor einer echten religiösen Lebensbindung. Hinter jedem Muslim etwa, der seinen Glauben ernst nimmt, vermutet man sofort einen Fundamentalisten, ja einen verkappten Terroristen. Hier droht ein Missverständnis, dass auch uns Christen trifft. Ja, man kann Religion missverstehen. Man kann mit Religion spielen und sie als Droge für Bewusstseinserweiterung missverstehen. Man kann sie missbrauchen als Kampfideologie für fanatische Ideen zur Weltverbesserung. Der schlimmste Missbrauch einer Religion ist der, mit ihrer Hilfe selbst Gott spielen zu wollen.
Wer sein Knie vor der Krippe unseres Herrn beugt, ist vor dieser Gefahr bewahrt. Er tut etwas, was ihn selbst groß macht. Er verehrt demütig den, der selbst demütig sein wollte. Sich dem Gott anvertrauen, der sich in dem gewaltfreien Menschen Jesus offenbart hat, dem Abglanz der göttlichen Gewaltfreiheit, dem Abbild einer unfassbaren Liebe, die alle Menschen und alle Schöpfung umfängt - das zeigt an, dass Weihnachten verstanden wurde. Um dieses Verstehen Gottes geht es in unserem Christsein, jeden Tag neu. Und wir werden mit diesem Bemühen um Verstehen dessen, was er an uns getan hat, nicht so schnell ans Ende kommen.
Es ist gut, dass wir wieder Weihnachten feiern dürfen. Wir schauen auf das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchten will. Es ist in der Welt - und es ist auch in uns. Es fängt an, in alle Dunkelheit hinein zu leuchten, wenn Menschen sagen: Es ist gut ein Mensch zu sein.
Es wird hell in unserer Gesellschaft, wenn man an Menschen erkennen kann: Reich macht uns nicht, dass wir viele Dinge haben, sondern dass wir einander haben.
Und Licht kommt in die Welt, wenn die religiösen Menschen mehr und mehr lernen zu sagen und zu leben: Religiös sein heißt, demütig Gott zu verehren, nicht Gott zu spielen.
Ich vermute, dass dies eine Weihnachtsbotschaft ist, die auch Nichtchristen verstehen und vielleicht sogar bejahen können. Helfen wir mit, dieses Licht, das von Weihnachten ausgeht, in der Welt zu verbreiten. Amen.
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