Das Herz stark machen

Silvesteransprache von Bischof Joachim Wanke im Erfurter Mariendom


Bischof Joachim Wanke
Silvesteransprache von Bischof Joachim Wanke im Erfurter Mariendom

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!


Die Neuzeit, auf deren Errungenschaften in Wissenschaft und Technik wir mit Recht stolz sind, hält beileibe nicht nur Positives für uns bereit. Sie hat dem Menschen auch tiefsitzende Kränkungen zugefügt:

  • Die Astronomie hat gezeigt, dass die Erde keineswegs der Mittelpunkt des Weltalls ist;
  • Die Tiefenpsychologie hat uns belehrt, dass wir zu großen Teilen von unbewussten, irrationalen Kräften in unserem Innern angetrieben und gesteuert werden;
  • Und neuerdings wollen uns die Neurowissenschaften beweisen, dass es so etwas wie Willensfreiheit überhaupt nicht gibt - alles sei letztlich durch unsere biologische Konstitution vorherbestimmt.

Und da kommt die Heilige Schrift, setzt noch eins drauf und sagt uns: "Ihr wisst doch nicht, was morgen mit eurem Leben sein wird. Rauch seid ihr, den man eine Weile sieht; dann verschwindet er" (Jak 4,14). Und das soll Evangelium, frohe, tröstliche Botschaft sein?


Es gehört zu den Herausforderungen unseres Lebens, sich den Weg zwischen falscher Selbstüberschätzung und depressiven Anwandlungen immer neu bahnen zu müssen. Bekannt ist ja der Ü;berschwang der Jugendzeit, in der man meint, die Welt in der Tasche zu haben. Und dann kommt nach einigen Lebenserfahrungen die Ernüchterung, dass die Bäume wohl doch nicht in den Himmel wachsen - und im Alter manchmal die bittere Erkenntnis, dass vieles eben doch nicht gelungen ist und anders lief, als man es wollte.


Die Stunde des Silvesterabend ist dazu angetan, sich solchen Erfahrungen zu stellen - und sie im Licht des Glaubens zu bewerten. Die Sätze aus dem 4. und 5. Kapitel des Jakobusbriefes können uns dabei helfen. Was sagt uns die Heilige Schrift?



1. Wir sind und bleiben endliche Wesen.


Es berührt schon eigenartig, manchmal Fernsehstars zu erleben, die noch im Alter jugendlich wirken wollen. Es ist sicher verständlich, sich über die Anzeichen des Alters noch ein wenig mit Hilfe der Mode, des Friseurs und mancherlei Kosmetika hinweg zu retten - aber glaubwürdiger und ehrlicher ist es, zur Wirklichkeit zu stehen: Ja, das war mein Leben - und was mir jetzt noch möglich ist, ist ein zusätzliches, ein nicht selbstverständliches Geschenk. Darum mahnt uns Jakobus, nicht allzu selbstsicher die Zukunft zu planen, sondern vielmehr zu sagen: "Wenn der Herr will, werden wir noch leben und dieses oder jenes tun" (Jak 4,15). Das ist die berühmte jakobäische Klausel, von der wir beim alltäglichen Reden durchaus öfters Gebrauch machen sollten.


Leben unter dem Vorbehalt, dass Gott auch so will: Das ist angesagt, wenn uns der Ü;bermut packt und das Prahlen anhebt, was wir alles noch machen und erleben wollen. Die Schrift ist realistisch: Du hast Dein Leben nicht in der Hand. Die Eisdecke ist dünn, auf der wir gehen. Aktienkurse steigen - und fallen auch wieder. Mal bist du Besucher im Krankenhaus und mal bist du Patient. Wie schnell kann dieser Wechsel gehen! Und dass alle deine Lebenspläne gelingen, die berufliche Karriere, deine Ehe, der Weg deiner Kinder, ein sorgenfreier Lebensabend - wer hat dafür eine Garantie? Und vor allem: Wer kann den Erfolg auf Dauer festhalten?


Wir sind und bleiben endliche Wesen. Im Alltagsgrau und im Auf und Ab der unterschiedlichen Lebenserfahrungen möchte man in der Tat mit dem Psalmisten meinen: "Herr, was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?" Ps 8,5). Das Bild vom Rauch, den man eine Zeit sieht und der dann verschwindet, ist schon zutreffend, mag einer sich noch so große Monumente für den Nachruhm bauen. Es dauert nicht lange, bis sie bröckeln.


Das ist das eine, was uns die Schrift sehr realistisch ins Bewusstsein ruft. Aber sie sagt uns noch etwas anderes:



2. "Der Herr ist voll Erbarmen und Mitleid" (Jak 5,11)


Die Schrift stellt unser Leben in das Licht Gottes, eines Gottes voll Erbarmen und Mitleid.


An unserem Kolumbarium in der Erfurter Allerheiligenkirche bewegt mich, - nicht so sehr die ästhetische Gestaltung der Säulen mit den Aschenurnen, auch nicht die Tatsache, dass so viele auch nichtkirchliche Menschen für sich einen solchen Ruheplatz in der Kirche ins Auge fassen. Nein. Mich bewegt beim Eintreten in das Seitenschiff der Kirche mit den Stelen, dass da auf die Toten von oben her der Gekreuzigte schaut. Das ausdrucksstarke mittelalterliche Kruzifix ist wie ein bergender Abschluss dieses Raumes, in dem die Toten bestattet werden. Die Realität des menschlichen Sterbens, der menschlichen Vergänglichkeit wird umfangen von einem anderen Sterben, von einer unvergänglichen Liebe, die uns gilt - im Leben und im Sterben.


Das meine ich mit der Beleuchtung der Realität unserer Endlichkeit, zu der uns der Bibeltext anleiten will. Erinnert euch an die ansprechenden Bilder, die das ZDF mit Hilfe starker Scheinwerfer von unserem Dom jüngst bei der Gottesdienstübertragung am 1. Weihnachtsfeiertag produziert und in alle Welt ausgestrahlt hat. Bei trüben Tagen, bei alltäglicher Beleuchtung ist man sich gar nicht bewusst, wie ansprechend und ausdrucksstark die Architektur dieses Domhalle ist. Die Beleuchtung bringt es zum Vorschein, nicht zuletzt auch die Schönheit der Kunstwerke, zumal, wenn diese so hilfreich wie bei der Meditation zum Kommuniongang erschlossen werden.


Ist es nicht auch mit uns Menschen so? Bleibt unser Leben trotz aller Vergänglichkeit nicht doch kostbar und schön? Es kommt darauf an, wie man auf das Leben schaut. Der Blick des Wissenschaftlers, des Arztes, des Biologen sieht durchaus Wirklichkeit. Aber sieht er auch die ganze Wirklichkeit? Sieht nicht das Auge eines Menschen, der uns liebt, mehr als jeder Arzt?


Wenn wir auf das vergangene Jahr schauen, sehen wir auch diese und jene Realität - durchaus auch ansprechende und erfreuliche. Ich denke dabei nur an die schönen Erfahrungen des Elisabethjahres mit seinen Höhepunkten. Doch hielt das Jahr 2007 auch andere, schlimme Erfahrungen bereit. Nicht zuletzt die Not einer Welt voll Katastrophen und Kriege, von Hunger und Elend - und die Bitterkeit, mitten unter uns Säuglinge und Kleinkinder nicht vor dem Verhungern und Verdursten retten zu können. Jeder von Ihnen wird zudem noch ganz persönliche Erinnerungen in diese Silvesterstunde mitbringen, offene Wunden, die bis heute noch bluten.


Der Blick des Glaubens will diesen Realitäten nicht ausweichen - aber er will sie in das Licht Gottes halten, eines Gottes, der - wie der Apostel Jakobus sagt - voll Erbarmen und Mitleid ist. Auch über das Jahr 2007 ist das Kreuz unseres Herrn aufgerichtet, das Zeichen seiner Liebe, die auch unsere Not, unsere Endlichkeit, unser unausweichliches Sterben-Müssen umfängt.


Und darum ruft uns der Apostel Jakobus in seinem Brief zu:



3. Macht euer Herz stark!


Wartet in Geduld auf das, was euch sicher erwartet: das Kommen des Herrn, dieses Herrn, der für uns sein Leben gegeben hat, damit wir nicht im Tode bleiben müssen.


Die Beispiele des Schrifttextes für dieses geistliche Warten und sich Ausrichten auf Christi Kommen sind aus der Natur genommen. "Auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig, bis im Herbst und im Frühjahr der Regen fällt" (Jak 5,7). Für den antiken Autor sind diese Beispiele ein Hinweis auf die Gewissheit, mit der die Erfüllung der Erwartung eintreten wird. Selbst für uns heutige Menschen, die wir unsere Nahrungsmittel im Rewe-Markt einkaufen, sprechen noch diese Bilder.


Unsere Hoffnung ist keine vage Hoffnung, sondern eine gewisse, eine das Herz stark machende Hoffnung. "Ja, die Kinder werden zu den Feiertagen kommen!" - diese Hoffnung hat manche schon in den Tagen der Vorweihnacht mit Freude erfüllt. "Ich werden zum Fest nicht allein sein. Es gibt Menschen, mit denen ich verbunden bin und die mir immer wieder neu ihre Zuneigung zeigen."


Wenn man das weiß, wartet man geduldig. Dann hat Warten nichts Quälerisches, nichts Angst-Machendes. Dann kann im Warten auch das Schwere und Bittere ertragen und ausgehalten werden. Und davon wird auch das kommende Jahr 2008 nicht frei sein. "Wer geduldig alles ertragen hat, den preisen wir glücklich" (Jak 5,11). Und dieses Wort gilt nicht nur dem biblischen Ijob, sondern so mancher Ijob-Gestalt auch unter uns.


Merkwürdig, dass der inspirierte Schriftsteller mit dem geduldigen Warten die Mahnung verbindet: "Klagt nicht übereinander, Brüder und Schwestern, damit ihr nicht gerichtet werdet" (Jak 5,9). Ob das Warten auf den, der unser Leben prüfen und wägen wird, uns auch miteinander demütiger und geduldiger umgehen lässt? Jakobus weiß, dass diese Mahnung zeitlos gültig bleibt - auch für die Kirche unserer Tage.


Wissen um die eigene Endlichkeit - Geborgenheit im Erbarmen Gottes, der aus dem Tod erretten wird - und Bereitschaft, das Herz stark zu machen in Geduld und im Vertrauen auf das Kommen Christi: Das ist die Botschaft dieser Silvesterstunde - und auch eine Botschaft für das anhebende neue Jahr. Amen.



Predigten und Texte von Bischof Wanke