"Das glaubt ihr doch selber nicht mehr, was ihr da singt"

Predigt von Propst Marcellus Klaus in der Feierstunde bei der Männerwallfahrt am 14. Mai 2026

Propst Marcellus Klaus; (c) Bistum Erfurt

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Wallfahrerinnen und Wallfahrer! 
„In der Hoffnung leben – auch wenn die Welt wankt!“ Dies ist das Motto unseres diesjährigen Männerwallfahrt. 
Im Anspiel haben uns gerade drei Personen versucht Antworten zu geben, wie es gehen kann, mit dem Leben in dieser Hoffnung.  Der Heilige Martin, der Patron des Eichsfelds, sagte: „Hoffnung beginnt im Kleinen. Hoffnung beginnt nicht mit der Lösung!“  Die Heilige Elisabeth, die Patronin von Thüringen, gibt mit dem Blick auf ihren eigenen Lebensweg diesen Ratschlag mit: „Wenn die Bretter unter Dir so richtig wackeln, dann gilt es! Dann hilft Hoffnung.“  Und der Heilige Bonifatius, der Patron unseres Vaterlandes, macht in Bezug auf die Hoffnung mit diesen Worten Mut: „Hoffnungsvoll aufbrechen. Trotzdem. Hoffnung muss man wollen!“

Die Vorbereitungsgruppe der diesjährigen Wallfahrt hatte am Beginn der Vorbereitung die Idee, unseren Altbischof Joachim Wanke einzuladen, damit er hier an dieser Stelle in der Feierstunde die Predigt halte.  Über Jahrzehnte hat er bei der Wallfahrt im Klüschen durch seine Worte den Wallfahrern Hoffnung, Mut und Zuversicht gegeben.  Sein Tod im März dieses Jahres lässt uns trauern und wir spüren, dass er und sein Wort uns fehlen. Eines seiner letzten Zeugnisse war im April 2024 ein Trostbrief an Gläubige, die sich mit den Veränderungen und dem starken Wandel innerhalb unserer Kirche schwertun.  In diesem Brief nennt Bischof Wanke Aspekte, die Hoffnung geben im Wandel der Zeit seinen Glauben auf frohmachende Weise zu leben. Dabei werden drei Blickrichtung sichtbar: Der Blick auf die Weltkirche, der Blick auf die persönliche Nachfolge Jesu und der Blick auf das heutige Wirken des Heiligen Geistes. 
Was können diese Aspekte uns heute sagen und wie geben sie uns allen heute Hoffnung für unseren christlichen Glauben?

Der Blick auf die Weltkirche 
Es ist gut zu wissen, dass wir als Christen hier im Eichsfeld und in der thüringischen Diaspora zur großen Weltkirche gehören. Wenn wir in jeder Heiligen Messe für unseren Papst Leo und für unseren Bischof Ulrich beten, dann kommt diese Verbindung in das Größere hinein zum Ausdruck.  Wir dümpeln nicht allein vor uns hin, wir sehen nicht nur Abbrüche im kirchlichen Alltag, sondern wir leben als Christen in der Gemeinschaft der Gläubigen, die auf der ganzen Welt zu Hause sind, Christus als den Auferstandenen bezeugen und auch Wachstumserfahrungen machen. 
In der Pfarrei, in der ich Dienst tun darf, haben wir einen Ugandaverein, der ein sehr intensive Partnerschaft mit einer Gemeinde in Uganda pflegt. Sicher, die Erfahrung der mühseligen Unterstützung für Menschen in einem anderen Land ist das Eine. Aber die Freude über den gemeinsamen Glauben und das Erleben einer ganz anderen kirchlichen Lebendigkeit zeigt uns die Weite von Weltkirche auf. 
Dieser Dienst für die Weltkirche geht aber nicht nur von uns aus. Mittlerweile kommen auch viele Christen aus anderen Ländern zu uns und können hier bei uns kirchliche Heimat finden und auch unsere caritative Arbeit unterstützen. Schwestern aus Indien arbeiten zum Beispiel in Ershausen im Johannesstift, in Erfurt im Katholischen Krankenhaus und in Heiligenstadt im Raphaelsheim und im Hospiz. Anfang Juni wird im Hospital zum Heiligen Geist in Heiligenstadt ein Konvent mit Schwestern aus Tansania gegründet, die hier Dienst tun. Die Weltkirche kommt also zu uns nach Thüringen. 
Dieses Wissen um die Weltkirche und das Leben mit der Weltkirche gibt uns Hoffnung unseren Glauben mit Mut und Zuversicht zu leben.

Der Blick auf die persönliche Nachfolge 
Ich muss innerlich immer sehr lächeln, wenn bei diversen Veranstaltungen das Eichsfeld Lied gesungen wird und viele in der vierten und fünften Strophe die Hand aufs Herz legen und kräftig mitschmettern: „Wo felsenfester Glaube, die Blicke hebt vom Staube!“ Dabei denke ich mir, das glaubt ihr doch selber nicht mehr, was ihr da singt. Was das Eichsfeld früher ausgemacht hat, das Leben mit und aus dem Glauben ist heute vielfach nicht mehr zu finden. Ich habe den Eindruck, dass einiges dazwischensteht, was den Blick nach oben hindert: Die Häuser und Autos werden immer größer. Viele fahren zwei bis dreimal in den Urlaub und jedes Wochenende wird ein anderes Event mitgenommen. Beim Kirmes feiern hebt sich nur kurz beim Hochamt der Blick nach oben, sonst ist er auf das Bierglas und das folkloristische Treiben gerichtet. Und es wird geklagt, dass es uns ja allen so schlecht geht. Der Blick bleibt mehr auf der Erde haften und kreist meistens um sich selbst. 
Das Eichsfeldlied ist entstanden, als die Welt noch anders aussah. Es wurde gesungen aus der Erfahrung von echter Sorge und Not. Der Blick hat sich deshalb gehoben, weil der Glaube echte Hoffnung gab, dass das Leben sich trotz aller Endlichkeit in der Begegnung mit Gott vollendet. 
In seinem Trostbrief schreibt Bischof Joachim: „Nichts, keine Mächte und Gewalten, vermag uns von Gott zu trennen!“  Haben wir also Mut, unsere persönliche Nachfolge Jesu zu leben. Die ist mehr als die Hand auf das Herz zu legen bei der vierten Strophe des Eichsfeldliedes. Nachfolge lebe ich dort, wo ich mich nicht vom Zeitgeist runterziehen lasse, sondern darauf vertraue, dass Gott auch heute mich mit seiner Liebe beschenkt. 
Der Blick aus dem Staube hebt sich dort: Wo ich für meinen Nächsten da bin, ihn annehme und liebe, ihm zu höre und helfe. Der Blick hebt sich dort, wo ich mal in der Heiligen Schrift lese oder einen der vielen Bildstöcke und Kapellen des Eichsfelds aufsuche und die Zeit zum Gebet nutze. Der Blick hebt sich dort, wo ich mir am Morgen fünf Minuten Ruhe und Stille gönne, um meinem Schöpfer für das Geschenk des Lebens und meines Daseins zu danken! Das Leben der persönlichen Nachfolge Jesu, das Wissen, dass Gott mich liebt und ich durch mein Leben Antwort darauf geben kann, das schenkt Hoffnung, unseren Lebensweg mit Mut und Zuversicht zu gehen.

Blick auf das Wirken des Heiligen Geist
Mit dem zuletzt Gesagten öffnet sich der Blick für das Wirken des Heiligen Geistes heute. Wer seine Nachfolge ernst nimmt und lebt, der wird in seinem Tun immer wieder das Wirken des Heiligen Geistes entdecken. 
In einem Vortrag an der Universität von Innsbruck hat Bischof Wanke einmal dies gesagt: „Seelsorge fängt dort an, wo der mir begegnende konkrete Mensch derzeit steht – und zwar so, wie er ist, vielleicht nur mangelhaft kirchlich oder überhaupt nicht kirchlich, vielleicht nur sporadisch beim Sonntagsgottesdienst auftauchend, mit einer bunten Biografie, mit größeren und kleineren Brüchen und mit kirchlich nicht ganz stubenreinen Ecken.“ Was Bischof Wanke hier sagt, gilt für jeden Christen, der sich in der Nachfolge bemüht. In diesem Sinne sind wir alle Seelsorger, wenn wir uns dem Menschen, dem wir begegnen, mit offenem Herzen zuwenden: Ein offenes Ohr für die Nöte des Patienten in der Arztpraxis, der Plausch mit dem Kunden im Frisörsalon, die Kaffeepause mit dem Arbeitskollegen, wo dieser die Not mit dem demenzkranken Schwiegervater erzählt, der Smalltalk mit dem Bekannten auf der Straße, wo dieser traurig von der Scheidung der Ehe seines Sohnes berichtet. Der Gruß gegenüber dem nervigen Nachbarn, der immer so neugierig ist. Das Gespräch beim Stammtisch, wo man sich mitfreut über die schönen Urlaubserlebnisse der anderen. Das Teilen der Freude über eine neue Arbeit, die der entlassene Arbeitskollege bekommen hat. 
Wir können nochmal Bischof Joachim zitieren, der zum Seelsorgerdasein dies sagte: „Und Du, Du hast doch auch Krebs (oder Deine Frau…) wie schaffst Du das? Du bist Christ und trotzdem so krank, aus welcher Hoffnung lebst Du? Wie hältst Du das aus? Und wenn man in dieser Situation bzw. Anfrage ein Glaubenszeugnis geben kann, dann wirkt das mehr als alle Bischofspredigten.“ Dort wo wir einander Seelsorger sind, dort spüren wir im Dienst am Nächsten meistens eine innere Freude, die ein Zeichen für das Wirken des Heiligen Geistes ist. Dieser Blick für dessen heutiges Wirken ist eine Hoffnung, die uns auch in den gefühlten unsicheren Zeiten Mut und Zuversicht für die Zukunft gibt.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Wallfahrerinnen und Wallfahrer!
„In der Hoffnung leben – auch wenn die Welt wankt!“ Neben den Gedanken des Heiligen Martin, der Heiligen Elisabeth und des Heiligen Bonifatius können uns die Impulse von Bischof Joachim Wanke zeigen, wie wir in der Hoffnung leben können.  (1) Hoffnung leben wir, wenn wir uns als ein wichtiger Teil der Weltkirche sehen und verstehen. (2) Hoffnung leben wir, wenn wir ja sagen zur persönlichen Nachfolge Jesu, die unseren Blick auf Gott hebt und lenkt. (3) Und Hoffnung leben wir, wenn wir Gottes Geist im Heute wahrnehmen, vor allem dort, wo wir einander Seelsorger sind. 
In diesem Sinne, uns allen mit der diesjährigen Männerwallfahrt frohmachende Stunden und immer neuen Mut und Zuversicht, die christliche Hoffnung in unserem Alltag zu leben.
Amen.